Sezession
12. Dezember 2013

Sezessionistische Weihnachtsempfehlungen (IV) – Dachboden

Ellen Kositza / 9 Kommentare

tz Kubitschek -  Vor Jahren fragte ich bei Klett Cotta an, ob ich nicht diese lange vergriffene, fast unbekannte Novelle Ernst Jüngers neu auflegen dürfe in meinem Verlag. Ich durfte nicht, und so ist Sturm (72 Seiten, broschiert, 10.95 €) - vielleicht durch meine Frage angeregt - nun bei Klett erschienen: eine expressive Kriegsschilderung, ein Schlüssel zum Verständnis Jüngers.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ellen Kositza - Horst Lange: Schwarze Weide (433 S., 18.90 €). Mein Lieblingsbuch. Düster, magisch, apokalyptisch, schillernd. (Nähester) Osten! Wiedergelesen, als der Film Poll 2011 ins Kino kam und abermals, als Oda Schaefers (Horst Langes Frau) zweibändige Lebenserinnerungen jüngst bei Arnshaugk erschienen. Wer weiß/ ob nicht Leben Sterben ist/Atem Erwürgung/Sonne die Nacht? (Albert Ehrenstein).

Nils Wegner - Jonas Lie: Rutland. Ein Seeroman (240 Seiten, 34.90 €). Trotz zahlreicher Umzüge und längst vergangener Kindheit wird man es als Nordlicht irgendwie nicht leid, Seefahrergeschichten zu lesen. Dieser rauhbeinige Roman, erstmals 1880 auf norwegisch erschienen und mir von einer lieben Freundin in einer Auflage von 1970 zum Geschenk gemacht, vereint Abenteuer, Romanze und Familienerzählung auf eine kaum vergleichliche Weise. Nicht nur Zerstreuung, sondern auch ein Stück Identität.

Erik Lehnert - Georges Bernanos: Das Tagebuch eines Landpfarrers (1936) ist die Geschichte eines reinen Herzens in gewöhnlicher Umgebung, das an seinen Mitmenschen verzweifelt. Der Glauben es Pfarrers trifft in aller Reinheit auf das graue Leben, das zugleich klug und getrieben ist. (334 Seiten, 18 €)

Martin Lichtmesz - Homer: Ilias, Neu übertragen von Raoul Schrott. Gewiß werden einige Puristen die Nase rümpfen über diese stellenweise allzu saloppe und freie Neuübersetzung des über zweieinhalb Jahrtausende alten Klassikers. Schrott hat es allerdings geschafft, Homer nicht nur aus dem Korsett des deutschen Hexameters zu befreien, sondern auch gewisse eingeschliffene Wahrnehmungen aufzubrechen. Dadurch steht die homerische Dichtung wieder glänzend, farbig, konkret, blutig und visuell vor uns, lebendig wie am ersten Tag. Macht man sich dazu noch die Mühe einer parallelen Lektüre etwa der Übersetzungen von Voß und Schadewaldt, dann bereitet einem Schrotts Ilias neue, zum Teil verblüffende Verständnisblitze und Zugänge zu einem Werk, das zu Recht als eine der ewigen geistigen Säulen des Abendlandes gilt. Auch als exzellent produziertes Hörbuch erhältlich! (672 S., 12, 95 €)

Benedikt Kaiser - Milovan Djilas: Njegoš oder Dichter zwischen Kirche und Staat (496 S., antiquarisch). Mehr als nur eine Biographie des montenegrinischen Fürstbischofs und Nationaldichters Petar II. Petrovic-Njegoš! Tatsächlich ist das im Gefängnis niedergeschriebene Werk des sicherlich bedeutendsten südosteuropäischen kommunistischen Renegaten auch eine weitverzweigte Analyse der serbisch-montenegrinischen Geschichte im Kontext des oftmals blutgetränkten Balkan-Bodens. Und man lernt viel über Djilas, dessen Leben im Mythos freilich selbst mit der an politischen Stimmungswechseln reichen Landeshistorie im extremen 20. Jahrhundert verwoben ist. Geschichte wie ein Roman.

Raskolnikow - August Strindberg: Tschandala. Ein psychologisches Meisterwerk, das für einen ungetrübten und unerbittlichen Blick auf "uns" hilfreicher ist, als die oberflächlichen und selbstgefälligen Bezichtigungen "warum Konservative immer verlieren". 172 S., 6.99 €


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (9)

Revolte
12. Dezember 2013 13:40

Hat hier jemand "Der Wanderer zwischen beiden Welten" von Walter Flex gelesen und könnte mir dazu einen kurzen Überblick geben? Klingt eigentlich sehr interessant, die Amazon-Rezensionen sind allerdings nicht sehr vielsagend, außer den bekannten Anschuldigungen der Kriegsverherrlichung; aber das kennt man ja von den Stahlgewittern.

Gruß und Dank.

S. Pella
12. Dezember 2013 15:10

Lieber Baron Sternberg,

angesichts Ihrer Empathie für genannte Autoren sei Ihnen auch Vonderachs "Sozialbiologie" empfohlen: https://antaios.de/buecher-anderer-verlage/institut-fuer-staatspolitik-/berliner-schriften-zur-ideologienkunde/1088/sozialbiologie.-geschichte-und-ergebnisse

Gruß!
S. Pella

Richard
12. Dezember 2013 17:45

Zum Flex:
Ich hab ihn mit großem Gewinn gelesen.
Die Sprache ist sehr emotional, vlt nicht ganz so geschliffen wie in den "Stahlgewittern", auch geht es nicht so sehr um den "Krieg als inneres Erlebnis".
Viel mehr ist es ein Hohelied auf die Kameradschaft.

Eigentlich ein Buch, das man gelesen haben muss, vlt. sogar mehr als Jünger.

Heinrich Brück
12. Dezember 2013 18:23

@Revolte

https://www.dhm.de/lemo/html/wk1/kunst/flex/index.html

Rezensionen sind für die Katz. Es geht um den Sprachduktus,
der Inhalt ist austauschbar. Wenn Ihnen die Sprache gefällt:

https://www.matriarchat-patriarchat.de/Texte/Zitate/Der%20Wanderer%20zwischen%20beiden%20Welten.pdf

The Sleepwalkers
12. Dezember 2013 20:30

Gibt es bereits Meinungen / hauseigene Rezensionen zu H. Münkler, Der große Krieg. Die Welt 1914-1918, Berlin 2013? Ist das Buch gabentischgeeignet?

Ein Fremder aus Elea
12. Dezember 2013 22:23

Sie könnten mir dann eventuell einen Gefallen tun, Herr Kubitschek, und bei Klett Cotta mal anfragen, ob sie Besuch auf Godenholm verlegen dürften.

Ich hab's auf Französisch. Aber das ist die reinste Quälerei. Und auch wenn die Gesamtausgabe vielleicht gar nicht so schlecht wäre, einstweilen steht sie nicht auf dem Programm.

Hesperiolus
13. Dezember 2013 10:59

Wirkliche Desiderata wären eine Neuausgabe von Däublers Nordlicht zum Drittel der gängigen Antiquariatspreises, wären aus dem George-Kreis eher als das massenhaft in die Antiquariate geschwemmte Goethe-Buch von Gundolf die Jahrbücher für die geistige Bewegung nebst einigen Opuscula und Miszellen nationaler Georgianer, wäre eine vernünftige Übertragung des hierzulande kaum gelesenen René Guénon, besonders La crise du monde moderne, wäre etwas wie die Bornholmer Hymne von Wilhelm Niemeyer.

Rainer
13. Dezember 2013 18:24

Mein Dachbodenfund: Jack Londons "In den Wäldern des Nordens". Mir ist es unverständlich, warum solche Bücher heute verramscht werden. Dieses Buch gibt es auch als kostenloses E-Book hier:

https://sternchenland.com/erzaehlungen-sagen/jack-london/in-den-waeldern-des-nordens

Alle zehn Erzählungen und Kurzgeschichten handeln vom Zusammentreffen des weißen Mannes mit den letzten Indianern der Arktis, fast alle sind aus der Sicht der Indianer beschrieben, in die sich Jack London in genialer Weise hineinversetzt. Sie handeln von der Eroberung ihrer Stammesgebiete und dem Zusammenbruch ihrer alten Kulturwelt und ihrer Lebensweisen. Parallen vom damaligen Goldrausch und der Einwanderung weißer Männer und dem heutigen "Goldrausch", der weite Teile Afrikas und des nahen Osten heute scheinbar ebenso erfasst hat und zu Einwandererströmen nach Europa führt, sind augenscheinlich.

Meine Lieblingsgeschichten daraus sind: "Der Bund der Alten", eine Geschichte über alte Indianer eines Stammes, die ihr Territorium verteidigen, "Das Gesetz des Lebens" und "Der Herr der Geheimnisse".

Jens
14. Dezember 2013 19:01

Kennt hier eigentlich noch jemand Friedrich Franz von Unruh? Scheint mir auch sehr in Vergessenheit geraten zu sein, bin selbst vor ca. einem Jahr durch Zufal auf ihn gestoßen, als ein Freund einen Buchbestand auflöste und mir zwei Werke schenkte ('Klage um Deutschland' und 'Ehe die Stunde schlug'). Flex steht bei mir auch noch auf dem Wunschzettel, zieht sich aber wohl noch etwas hin. Ansonsten würden mich in antiquarischer Hinsicht ja Franzosen wie Drieu La Rochelle und Montherlant reizen. Schade, dass vieles nicht mehr als Neuware auf deutsch erhältlich ist.

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