Sezession
8. Mai 2009

Niederlagenfühlen: Fragmente einer Seelengeschichte (Fundstücke 2)

Martin Lichtmesz

deutschland_bleiche_mutterDie Psychologie und Psychopathologie der Niederlage und ihre weitreichenden Folgen beschrieben eindrücklich Wolfgang Schivelbusch ("Die Kultur der Niederlage") und vor ihm bereits 1966 der geniale  Hans von Hentig ("Die Besiegten"). Deutschland hat im letzten Jahrhundert gleich zwei schwere Niederlagen erlitten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Mir erscheint unzweifelhaft, daß im Trauma, oder besser: in den verschiedenen, sich überlagernden Traumata von 1945 der psychologische Schlüssel zu den kollektiven Schichten der Seele der Deutschen liegt. Er liegt dort gänzlich abgesehen von (geschichts-)politischen und "Bewältigungs"-Aspekten, und wir finden ihn noch tief in der Generation der heute 20jährigen und darunter. Vielleicht sind wir allmählich in der Lage, einen gangbaren Weg durch das Labyrinth unserer eigenen Seelengeschichte zu finden.

Zum 8. Mai nun also eine kleine, innerlich zusammengehörige Sammlung von Zitaten, die mir aus diesem oder jenem Grund als bedeutsam erscheinen, als Bruchstücke dieser Seelengeschichte.

"Anonyma" (d.i. Marta Hillers, 1911-2001), "Eine Frau in Berlin" (1959), 13. Juni 1945:

Während der Heimfahrt sah ich die Menschen aus einem Kino kommen. Sofort stieg ich aus, begab mich zu der nächsten Vorstellung in dem ziemlich leeren Saal. Ein Russenfilm, Titel Sechs Uhr abends nach Kriegsende.  Seltsames Gefühl, nach all der selbsterlebten Kolportage wieder in einem Kino zu sitzen, sich etwas vorspielen zu lassen.
Unter dem Publikum noch Soldaten neben etlichen Dutzend Deutschen. Kindern zumeist. Kaum eine Frau; noch trauen sie sich nicht ins Dunkle unter all die Uniformen. Übrigens kümmerte sich keiner der Männer um uns Zivilisten, alle schauten zur Leinwand, lachten fleißig. Ich fraß den Film. Er strotzte vor lebensstarken Typen: breiten Mädchen, gesunden Männern. Ein Tonfilm, er lief in russischer Sprache, ich verstand, da er unter einfachen Menschen spielte, ziemlich viel. Zum Schluß zeigte er als Happy End ein Siegesfeuerwerk über den Türmen von Moskau. Dabei soll er bereits 1944 gedreht worden sein. Das haben unsere Herren nicht riskiert, trotz aller vorweg genommenen Siegesfanfaren.
Wieder bedrückt mich unser deutsches Unglück. Bin tieftraurig aus dem Kino gekommen und helfe mir, indem ich alles herbeirufe, was meinem Lebenstrieb das Feuer nimmt. Das Stückchen Shakespeare damals, aus meinem Pariser Notizbuch, als ich Oswald Spengler entdeckte und über seinen Untergang des Abendlandes betrübt war: "A tale told by an idiot, full of sound and fury, and signifying nothing." Zwei verlorene Weltkriege sitzen uns verdammt tief im Gebein.

Helma Sanders-Brahms (*1940), "Sieger, Opfer, Schuldige" (1990, in: Das Dunkle zwischen den Bildern):

Wir sehen Filme aus dem Jahr 1945.  Siegerfilme, Filme der verschiedenen Siegermächte, wir sehen sie jubeln in Warschau und Moskau, in Paris und London, in New York und in Washington, und der Jubel macht uns sterbenselend. Wir waren der Welt eine unerträgliche Last, die sie jetzt, 1945, abgeschüttelt hat. Wir waren die Mörder, die endlich das Gericht ereilt. Und unsere Opfer werden befreit. Wir sehen, immer wieder, die Hände des zum Skelett abgemagerten Juden, die er auf der Bahre zum Himmel reckt. Und das Blut ihrer Missetat soll über sie kommen und über ihre Kinder und Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied. (...)
Wir sehen Feuerwerke aufsteigen in die Himmel von Moskau und Paris, von Warschau und Prag, von London und New York. Frei ist die Welt, frei von den Deutschen, die abgemagert und zerlumpt aus dem Krieg zurückkehren, in dem sie die Welt erobern wollten. Wollten? Sollten? Diese Frage haben wir uns zeitlebens gestellt. Was war mit unseren Eltern? Waren sie dafür oder dagegen, waren sie Mitläufer, Kämpfer, waren sie Nazis, ein bißchen, viel, gar nicht? Wir haben ihnen zugehört, wenn sie erzählten, nach Worten des Abscheus gesucht, um uns selbst mögen zu können, und wenn dafür Worte der Rechtfertigung kamen, konnten wir uns nicht mehr im Spiegel ansehen. Wir, ihre Kinder. (...)
Die Tore der KZs gingen auf. Wir sehen sie aufgehen im Kino, wir sehen die Verhungerten,  die Gefolterten, die Überlebenden herausquellen, die Militärwagen der Sieger umringen. Wenn einmal ein Krieg gerechtfertigt war, hören wir sie im Kommentar sagen, dann war es dieser, der uns ermöglicht hat, diese Menschen zu befreien. In den Militärwagen: Amerikaner, Engländer, Franzosen, Russen. Die menschlicheren Menschen. Und die Geschichten, die ihre Liebesgeschichten erzählen, sind menschlichere Geschichten. Die aus den Nazi-Werkstätten wirken, als wären sie unter Anästhesie gedreht. Deutsche sind Teufel. Deutsche sind Schweine. Deutsche gehören ausgerottet. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Ich bin eine Deutsche.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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