Niederlagenfühlen: Fragmente einer Seelengeschichte (Fundstücke 2)

Die Psychologie und Psychopathologie der Niederlage und ihre weitreichenden Folgen beschrieben eindrücklich Wolfgang Schivelbusch ("Die Kultur der Niederlage") und vor ihm bereits 1966 der geniale  Hans von Hentig ("Die Besiegten").

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Deutsch­land hat im letz­ten Jahr­hun­dert gleich zwei schwe­re Nie­der­la­gen erlitten.

Mir erscheint unzwei­fel­haft, daß im Trau­ma, oder bes­ser: in den ver­schie­de­nen, sich über­la­gern­den Trau­ma­ta von 1945 der psy­cho­lo­gi­sche Schlüs­sel zu den kol­lek­ti­ven Schich­ten der See­le der Deut­schen liegt. Er liegt dort gänz­lich abge­se­hen von (geschichts-)politischen und “Bewältigungs”-Aspekten, und wir fin­den ihn noch tief in der Genera­ti­on der heu­te 20jährigen und dar­un­ter. Viel­leicht sind wir all­mäh­lich in der Lage, einen gang­ba­ren Weg durch das Laby­rinth unse­rer eige­nen See­len­ge­schich­te zu finden.

Zum 8. Mai nun also eine klei­ne, inner­lich zusam­men­ge­hö­ri­ge Samm­lung von Zita­ten, die mir aus die­sem oder jenem Grund als bedeut­sam erschei­nen, als Bruch­stü­cke die­ser Seelengeschichte.

“Anony­ma” (d.i. Mar­ta Hil­lers, 1911–2001), “Eine Frau in Ber­lin” (1959), 13. Juni 1945:

Wäh­rend der Heim­fahrt sah ich die Men­schen aus einem Kino kom­men. Sofort stieg ich aus, begab mich zu der nächs­ten Vor­stel­lung in dem ziem­lich lee­ren Saal. Ein Rus­sen­film, Titel Sechs Uhr abends nach Kriegs­en­de.  Selt­sa­mes Gefühl, nach all der selbst­er­leb­ten Kol­por­ta­ge wie­der in einem Kino zu sit­zen, sich etwas vor­spie­len zu las­sen. Unter dem Publi­kum noch Sol­da­ten neben etli­chen Dut­zend Deut­schen. Kin­dern zumeist. Kaum eine Frau; noch trau­en sie sich nicht ins Dunk­le unter all die Uni­for­men. Übri­gens küm­mer­te sich kei­ner der Män­ner um uns Zivi­lis­ten, alle schau­ten zur Lein­wand, lach­ten fleißig.

Ich fraß den Film. Er strotz­te vor lebens­star­ken Typen: brei­ten Mäd­chen, gesun­den Män­nern. Ein Ton­film, er lief in rus­si­scher Spra­che, ich ver­stand, da er unter ein­fa­chen Men­schen spiel­te, ziem­lich viel. Zum Schluß zeig­te er als Hap­py End ein Sie­ges­feu­er­werk über den Tür­men von Mos­kau. Dabei soll er bereits 1944 gedreht wor­den sein. Das haben unse­re Her­ren nicht ris­kiert, trotz aller vor­weg genom­me­nen Sie­ges­fan­fa­ren. Wie­der bedrückt mich unser deut­sches Unglück. Bin tief­trau­rig aus dem Kino gekom­men und hel­fe mir, indem ich alles her­bei­ru­fe, was mei­nem Lebens­trieb das Feu­er nimmt. Das Stück­chen Shake­speare damals, aus mei­nem Pari­ser Notiz­buch, als ich Oswald Speng­ler ent­deck­te und über sei­nen Unter­gang des Abend­lan­des betrübt war: “A tale told by an idi­ot, full of sound and fury, and signi­fy­ing not­hing.” Zwei ver­lo­re­ne Welt­krie­ge sit­zen uns ver­dammt tief im Gebein.

Hel­ma San­ders-Brahms (*1940), “Sie­ger, Opfer, Schul­di­ge” (1990, in: Das Dunk­le zwi­schen den Bildern):

Wir sehen Fil­me aus dem Jahr 1945.  Sie­ger­fil­me, Fil­me der ver­schie­de­nen Sie­ger­mäch­te, wir sehen sie jubeln in War­schau und Mos­kau, in Paris und Lon­don, in New York und in Washing­ton, und der Jubel macht uns ster­ben­sel­end. Wir waren der Welt eine uner­träg­li­che Last, die sie jetzt, 1945, abge­schüt­telt hat. Wir waren die Mör­der, die end­lich das Gericht ereilt. Und unse­re Opfer wer­den befreit. Wir sehen, immer wie­der, die Hän­de des zum Ske­lett abge­ma­ger­ten Juden, die er auf der Bah­re zum Him­mel reckt. Und das Blut ihrer Mis­se­tat soll über sie kom­men und über ihre Kin­der und Kin­des­kin­der bis ins drit­te und vier­te Glied. (…)

Wir sehen Feu­er­wer­ke auf­stei­gen in die Him­mel von Mos­kau und Paris, von War­schau und Prag, von Lon­don und New York. Frei ist die Welt, frei von den Deut­schen, die abge­ma­gert und zer­lumpt aus dem Krieg zurück­keh­ren, in dem sie die Welt erobern woll­ten. Woll­ten? Soll­ten? Die­se Fra­ge haben wir uns zeit­le­bens gestellt. Was war mit unse­ren Eltern? Waren sie dafür oder dage­gen, waren sie Mit­läu­fer, Kämp­fer, waren sie Nazis, ein biß­chen, viel, gar nicht? Wir haben ihnen zuge­hört, wenn sie erzähl­ten, nach Wor­ten des Abscheus gesucht, um uns selbst mögen zu kön­nen, und wenn dafür Wor­te der Recht­fer­ti­gung kamen, konn­ten wir uns nicht mehr im Spie­gel anse­hen. Wir, ihre Kinder. (…)

Die Tore der KZs gin­gen auf. Wir sehen sie auf­ge­hen im Kino, wir sehen die Ver­hun­ger­ten,  die Gefol­ter­ten, die Über­le­ben­den her­aus­quel­len, die Mili­tär­wa­gen der Sie­ger umrin­gen. Wenn ein­mal ein Krieg gerecht­fer­tigt war, hören wir sie im Kom­men­tar sagen, dann war es die­ser, der uns ermög­licht hat, die­se Men­schen zu befrei­en. In den Mili­tär­wa­gen: Ame­ri­ka­ner, Eng­län­der, Fran­zo­sen, Rus­sen. Die mensch­li­che­ren Men­schen. Und die Geschich­ten, die ihre Lie­bes­ge­schich­ten erzäh­len, sind mensch­li­che­re Geschich­ten. Die aus den Nazi-Werk­stät­ten wir­ken, als wären sie unter Anäs­the­sie gedreht. Deut­sche sind Teu­fel. Deut­sche sind Schwei­ne. Deut­sche gehö­ren aus­ge­rot­tet. Der Schoß ist frucht­bar noch, aus dem das kroch. Ich bin eine Deutsche.

Sophie Dan­nen­berg (* 1971), “Das blei­che Herz der Revo­lu­ti­on” (2004):

“Was ist mit ihren Kin­dern? Ken­nen die Ihre Geschichte?”
Emil ver­zog den fal­ti­gen Mund. “Mei­ne Kin­der, ja doch, die ken­nen mei­ne Geschich­te, aber es ist nicht die ihre. So wie ich Eltern und Groß­el­tern habe, so habe ich kei­ne Kin­der. Mei­ne Kin­der sind nicht mei­ne Erben. Sie füh­ren nicht fort. Sie sind fort­schritt­li­che Men­schen, stol­ze Besit­zer eines selek­ti­ven Gedächt­nis­ses, ohne Neu­gier, ohne Mit­leid, ganz und gar gna­den­los. Irgend­wann woll­ten sie wis­sen, was ich im Krieg gemacht habe. Ich habe begon­nen, zu erzäh­len. Das Rit­ter­kreuz war ein Schand­fleck für sie, dafür soll­te ich um Ver­zei­hung bit­ten. Ich glau­be, sie hät­ten dar­in ein Tau­f­ri­tu­al gese­hen, nur umge­kehrt. Danach bin ich ver­stummt. Und sie auch. Lan­ge Zeit glaub­te ich, daß sie unse­rer Genera­ti­on den Krieg ver­übelt haben. Aber das haben sie nicht, wie ich spä­ter begriff.”
“Ach?” Cap­tain Wes­ley beug­te sich vor. “Was haben sie Ihnen denn verübelt?”
“Daß wir den Krieg ver­lo­ren haben”, sag­te Emil Cas­pa­ri, “daß wir nicht die mäch­ti­gen Rächer waren, die wir gewe­sen sein soll­ten, son­dern Krüp­pel und Deut­sche, denen man das Rück­grat gebro­chen hat. Daß wir vol­ler Trau­er sind und vol­ler Heim­weh, daß wir uns erin­nern, das mögen sie nicht. Sie leben im Hier und Jetzt, in fröh­li­cher Verzweiflung.”

“Anony­ma” (d.i. Mar­ta Hil­lers, 1911–2001), “Eine Frau in Ber­lin” (1959), 26. April 1945:

Immer wie­der bemer­ke ich in die­sen Tagen, daß sich mein Gefühl, das Gefühl aller Frau­en den Män­nern gegen­über ändert. Sie tun uns leid, erschei­nen uns so küm­mer­lich und kraft­los. Das schwäch­li­che Geschlecht. Eine Art von Kol­lek­tiv-Ent­täu­schung berei­tet sich unter der Ober­flä­che bei den Frau­en vor. Die män­ner­be­herrsch­te, den star­ken Mann ver­herr­li­chen­de Nazi­welt wankt – und mit ihr der Mythos “Mann”. In frü­he­ren Krie­gen konn­ten die Män­ner dar­auf pochen, daß ihnen das Pri­vi­leg des Tötens und Getö­tet­wer­dens fürs Vater­land zustand. Heu­te haben wir Frau­en dar­an teil. Das formt uns um, macht uns krö­tig. Am Ende des Krie­ges steht neben vie­len ande­ren Nie­der­la­gen auch die Nie­der­la­ge der Män­ner als Geschlecht.

Armin Moh­ler (1920–2003), “Der Nasen­ring” (1990):

Für die wei­te­re Ent­wick­lung der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung hat­te es ver­häng­nis­vol­le Fol­gen, daß der Deut­sche von 1945, der doch so form­bar gewe­sen wäre, mit einer manichäi­schen Welt­sicht kon­fron­tiert wur­de, die ihm kei­ne mit sei­nen Erfah­run­gen und sei­ner geis­tig-see­li­schen Ver­fas­sung über­ein­stim­men­de Reak­ti­on erlaub­te. Für Besieg­te gibt es kei­ne Nuan­cen. Die Deut­schen hat­ten damals bloß die Wahl zwi­schen zwei Extre­men und einem Aus­wei­chen. Sie hat­ten die Wahl, ent­we­der alle Beschul­di­gun­gen en bloc und im vor­aus zu akzep­tie­ren oder alles als erfun­den abzu­leh­nen oder dann – ein­fach abzu­schal­ten. Kei­ner, der eine nüch­ter­ne Sicht der Natur hat, wird dar­über erstaunt sein, daß die Mehr­heit den drit­ten Weg wähl­te. (Wobei anzu­mer­ken ist, daß das Abschal­ten durch­aus mit dem Lip­pen­dienst ver­ein­bar war – in jener Nach­kriegs­zeit wur­den die Deut­schen, viel­leicht erst­mals in ihrer Geschich­te, zu Schlaumeiern.)

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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