Sezession
20. Dezember 2013

Das war’s. Diesmal mit: Coolen Eltern, Herrn Holle und der Frage, ob man Kindern lieber Puschkin oder Homosexualität nahebringen sollte

Ellen Kositza / 12 Kommentare

15.12. 2013

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Merkwürdiges Zwischenreich entdeckt beim Besuch eines Hallenbades in der Provinz. War mit den Kleinen planschen in einem vorortmäßigen Großdorf namens Maintal. Zwischen Schwimmerbecken und Kleinkindbereich stehen zwei Regale. Darin nicht etwa die üblichen Lesezirkelausgaben mit Gala und Bunte, sondern eine knappe Hundertschaft echter Bücher. Im winzigen Hallenbad:

zweimal Konsalik, einmal Utta Danella, also das maximal erwartbare, aber daneben: Ina Seidel, dreimal E.T.A. Hoffmann, eine Prachtausgabe Der Vater von Jochen Klepper, zweimal Joachim Fernau, Brentano, Novalis, Gustav Meyrink, dann, schluck, zwei Landser-Ausgaben, ferner Coetzees Schande und zweimal Chesterton. Alles ohne Wasserränder. Ein Welträtsel.

16.12. 2013

Damals im Westen, als meine Großen klein waren, gab es so was: Spiel- und Singegruppen für Mütter mit kleinen Kindern. Nun, Osten, Provinz, ist es so, daß die Kleinen ab dem Alter von sechs Monaten von staatlichen Institutionen bespielt werden. Bin also den Kontakt mit Mutter- und- Kind seit Jahren völlig entwöhnt.

Nun die geballte Ladung im ICE-Kinderabteil, gleich drei schicke Großstadtmütter (alle Berlin) mit hübsch retrobenamsten Kindern. Biokekse, Biogummibären und Biotee auf dem Tisch: Upperclassmoms. Erstelle heimlich während der dreistündigen Fahrt eine Rangliste der zur Sprache gekommenen, an die Kinder gerichteten Interjektionen: Cool! (27 mal), Ssuper / boah, ssuper/ssupa! (insgesamt 23 mal), geil! (11 mal) oh nö, bitte! (9 mal).

17.12. 2013

Im Musikunterricht wird die Heilige Zeit eingeläutet, berichtet die Elfjährige. Geschöpft wird aus dem Vollen: Wie alle Jahre wieder Last Christmas mit allen Strophen, außerdem, ebenso unvermeidlich, der X-mas-Emanzipationssong Herr Holle:

Herr Holle, Herr Holle, der schüttelt jetzt die Betten aus, die Betten aus,
denn er hilft seiner Frau im Haus, denn er hilft seiner Frau im Haus:
Herr Holle, Herr Holle, das wird ja Zeit, das wird ja endlich Zeit.
Viele hundert Jahre lang hat er sich gedrückt,
darum streut er heut den Schnee auch noch ungeschickt.
Hier schneit es zu wenig, dort schneit alles ein.
Doch ihr wisst ja, nur wer übt,
Der wird ein Meister sein.

„Und, haben alle artig den Mund aufgemacht?“ - „Hm… nja... die Jungs singen ja eh nicht so gern…“


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (12)

Sascha
21. Dezember 2013 01:32

"Gergiev versichert darin, sich an die Anti-Diskriminierungsrichtlinien der Stadt zu halten. Außerdem kündigt er an, sich mit Vertretern schwullesbischer Organisationen treffen zu wollen: Er halte es für sinnvoll, „bei einem meiner nächsten Aufenthalte in München ein Gespräch mit der Community zu führen“"

Unter Stalin hieß sowas "Kritik und Selbstkritik".

Joseph von Sternberg
21. Dezember 2013 08:57

Wenn Gergiev beim Händeschütteln einen Geschirrhandschuh anzieht wäre die Sache für mich vom Tisch. Wenn der Gasteig nicht so hässlich wäre, würde ich sogar über einen kartenkauf nachdenken...

Das mit dem Schwimmbad und der seltsamen Lektüre... Hat Familie Kositza einen Ausflug gemacht?

Was Herrn Holle betrifft... Ist Frau Holle nicht die Frau Venus aus dem Tannhäuser? Als deutscher Exportschlager hat er in der angelsächsischen Welt gewisse Modifikationen erlitten. Aus Frau Holle wurde dann Herr Holle - oder wie Oliver Stone ihn benannte Thulsa Doom! Der schüttelt aber keine Betten, sondern hat eine maoartige Freude am massakrieren - in seinem Berg... in dem weder Frau Venus noch Tannhuser mehr wohnen:

https://www.youtube.com/watch?v=V41fLweroZc

p.s. eigentlich alles nicht zum lachen, aber ich krieg das nicht so hin wie Collin Liddel

Schon länger besorgt
21. Dezember 2013 11:59

Nun, der russische Dirigent denkt wohl, im Irrenhaus müsse man sich den Irren anpassen, wenn die das Geld verwalten.
Sascha hat wohl leider recht. Einfach schade. Über die erste Äußerung des Dirigenten hatte ich mich richtig gefreut.
Ist das alles eigentlich wahr?

Carsten
21. Dezember 2013 13:04

Meine Frau schaltet jeden morgen in der Küche DLF ein - und ich schalte es wieder aus, weil ich nässenden Ausschlag kriege, wenn ich diese "Volksaufklärung und Propaganda" höre. Der einzige Sender, der noch hörbar ist, ist WDR III.

Die Geschichte mit dem Schwimmbad ist wirklich sehr merkwürdig. Hm.

Der K&K-Familie, allen Autoren und Kommentatoren ein friedliches Weihnachtsfest.

willanders
21. Dezember 2013 13:21

Diese Chose mit dem Dirigenten erinnert tragisch an die Kulturrevolution in China... Mannmannmann, so weit sind wir schon wieder, oder - zur Jahreszeit passend: Wie schnell die Zeit doch vergeht!

Jens
21. Dezember 2013 14:04

"Herr Holle" - das ist pathologisch. Frau Holle geht meines Wissens doch auf die nordische Hel zurück und ist zugleich auch die Entsprechung für "Hölle" in der nordischen Mythologie. Vielleicht hört man demnächst auch etwas von einer "Göttermutter" oder "Fenriswölfin" etc. Wundern würde mich nichts mehr.

Kwasir
21. Dezember 2013 19:21

Das mit "Herrn Holle" lese ich zum ersten Mal. Dieses Lied wird wirklich gesungen? Ich hab ja schon Ausschlag bekommen als man mir versuchte klar zu machen das man nicht mehr "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann" spielt.
Zum Thema Literatur: In unserer Stadtbibliothek (von mir nur wegen der hervorragenden Leistungen auf dem Sektor Fernleihe besucht) habe ich letztens einen Tisch mit Büchern zum kostenlosen mitnehmen entdeckt.
Beute, drei fast neuwertige Bücher von Knut Hamsun. Mir stellte sich die Frage, durch was diese Bücher ersetzt wurden.

ene
21. Dezember 2013 22:04

Das Bücherregal im Schwimmbad wird so etwas sein wie eine "Villa Libris" genannte umfunktionierte Telefonzelle in Berlin am Rüdesheimer Platz.
Jeder kann hineinstellen, was er nicht mehr haben möchte und mitnehmen, was ihm gefällt. Und auch das wieder zurückbringen.
Ich kenne einen Kirchengemeinde, die ein gutbestücktes Antiquariat führt, das auf Spenden beruht. Ein gebundenes Buch kostet dort 1 Euro, Taschenbücher 50 cent. Selbst in meiner Uni-Bibliothek gab es das von Zeit zu Zeit, ein Regal, wo man Bücher abstellen und mitnehmen konnte.

Leo
21. Dezember 2013 22:27

Entspannung! "Herr Holle" ist eigentlich ein recht schelmisches Lied - für Zweit- oder Drittklässler -, das auf kindgerechte Weise zu erklären versucht, was denn eigentlich der Mann von Frau Holle mache, den es ja wohl auch geben müsse... (Achtung: Man geht davon aus, daß Kinder davon ausgehen, daß es MANN und FRAU gibt, womöglich verheiratet...!) Der neckische Walzertakt des Herr-Holle-Refrains nimmt den Text der Strophe im braven 4/4-Takt nicht ganz ernst, oder?!
Für Sechstklässler natürlich eher ungeeignet, abgesehen davon, daß dieses Lied eher in die Saure-Gurken-Singezeit Januar/Februar gehört, nicht in die kostbare Adventszeit! (Aber von der netten Musikkollegin war ja ohnehin schon des Öfteren Disparates zu lesen ...)
"Last Christmas" - ein trauriger Fall. Bei Schülern wirklich beliebt. Was singt man in dieser Altersstufe (5.-8. Klasse), wenn die Grundschulsingelust perdu ist und christlicher Glauben in dieser unserer Region eher am Verlöschen?! Richtig: Typisch deutsche Weihnachtslieder wie "Jingle Bells" und den Hit von Wham! --- Wie wär's mit "Feliz Navidad"?!?

KW
22. Dezember 2013 08:41

Der russische Dirigent, Herr Holle, sind für mich nichts gegen den Jungen mit den Ohrlöchern und den 3 Berliner Omas. Der zeitgeist ist nur noch widerlich, unästhetisch und medial aggressiv.

Gutmensch
22. Dezember 2013 19:18

Liebe Frau K.,

haben sie denn auch ordentlich geschwäbelt, die "Berliner" upperclass-moms? Denn die hier dauerhaft Beheimateten gehören eher nicht zum Geldadel. Das bedeutet: Sie schicksen sich nicht Prenzlauer-Berg- mäßig auf und beten auch nicht zum Bio-Gott. Dafür haben normale Menschen weder Zeit noch Nerven. Opfer natürlich ausgenommen, aber die wohnen im Friedrichshain und eifern mit den letzten drei Groschen, die ihnen der gierige Vermieter noch in der Tasche gelassen hat, dem Prenzlauer Berg nach. Vielleicht hatten Sie Gelegenheit, diese Spezies zu begutachten; dann war es möglicherweise historisch wertvoll, dass Sie das aufgeschrieben haben, denn auch im Friedrichshain wird es in naher Zukunft keinerlei vor der Jahrtausendwende Eingeborene mehr geben; das nennt sich "Gentrifikation" oder so, jedenfalls kenne ich kein deutsches Wort dafür.

Schöne Weihnachten,

der Gutmensch, der´s wohl irgendwie aushalten muss, weil er woanders nunmal nicht zu Hause ist.

Der Arno
23. Dezember 2013 15:48

Passend hierzu eine kleine Anekdote aus der Provinz.
Ich war mit meinen beiden Kindern (3 und 6 Jahre) und meiner Mutter im Landestheater Coburg in dem Kinderstück Heidi. Selbst unsere Kleinsten werden indoktriniert auf Teufel komm raus. Zuerst wurde die gesamte christliche Dorfbevölkerung inclusive des Pfarrers nach dem Absingen eines Marienlieds als pharisäerhaft und hinterfotzig entlarvt. Bei Fräulein Rottenmeier in Frankfurt wurden dann deutsche Werte gelehrt; diese reduzierten sich letzlich alle auf "blinden Gehorsam" und Gouvernante incl. Dienerschaft marschierten im Stechschritt über die Bühne.
Naja, wird 2014 wohl eher alles noch schlimmer werden.
Allen Sezessionisten ein gesegnetes Weihnachtsfest und danke für die immer interessante Lektüre im Netz.

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