Sezession
1. Januar 2014

Halber Tank. Von Veduten und viel zu teuren Büchern.

Gastbeitrag / 19 Kommentare

von Heino Bosselmann

Der Moränenland-Verlag, der nur aus meiner Person besteht, brachte eben einen bibliophil aufgemachten Band zu moderner Vedutenmalerei heraus – gewissermaßen eine contradictio in adiecto, denn Veduten gibt es eigentlich nicht mehr; sie gehören in das Barock – als detailgenau gezeichnete oder gemalte Ansichten von Architektur, Stadt und Landschaft, als auf allerkleinste Kleinigkeiten versessene Bilder, die die weite Welt, das Anderswo zeigten, aparte Mitbringsel des neuzeitlich reisefreudigen Bürgertums von seiner aus Bildungsgründen absolvierten Grand Tour.In Deutschland ist Canaletto bekannt, dem Dresden, Pirna und die Sächsische Schweiz großartige Ansichten des augusteischen Zeitalters verdanken. Aber nach der Zeit seines Wirkens setzte erst schleichend, dann beschleunigt der Niedergang dieser, nun ja, sehr qualifizierten und aufwendigen Gebrauchskunst ein. Denn schon im 19. Jahrhundert beginnt die Photographie ihren Siegeszug, und je mehr sie sich technisch perfektioniert, je schneller sie Bilder aufzunehmen und zu entwickeln vermag, um so mehr tritt das langsame und konzentrierte Zeichnen hinter sie zurück und wird wieder zu dem, was es war, zur Kunst. Während die Welt sich Ansichtskarten schreibt, die wiederum in unserer Gegenwart vom digital-virtuellen Bild verdrängt werden, das nicht nur abbildet, sondern mit seinen Photoshop-Möglichkeiten Darstellungen generiert und damit mehr denn je zu manipulieren versteht. Walter Benjamin sprach in anderem Zusammenhang vom "Auraverlust".

Ich lernte einen sympathischen Autodidakten kennen, der seine Bilder zu mecklenburgischen Motiven noch immer mit dem spitzen Bleistift zeichnet, so minutiös und fein gestrichelt, daß er Tage, ja Wochen für eine Vedute braucht – mit dem etwas zwanghaft anmutenden Anspruch, daß etwa bei einem backsteingotischen Rathaus selbstverständlich die Zahl der Ziegelreihen genau stimmt. Was der Mann mit Akribie anfertigt, das wirkt photographisch genau. Verkauft er seine Veduten auf Märkten oder an den Handel, wird er oft gefragt: Ist das wirklich alles gezeichnet? Mit Bleistift? Und er antwortet: Ja, alles gezeichnet. Mit dem Bleistift hier. – Viel, viel Aura.

Aus über zweihundert Veduten wählte ich an die dreißig aus, um so einen bildsamen Streifzug durch das nordöstliche Bundesland von der Ostseeküste bis zur brandenburgischen Grenze zu entwerfen, versah diesen Reigen klassischer Impressionen mit einem kunstgeschichtlichen Vorwort und regionalhistorischen sowie landeskundlichen Begleittexten von hoffentlich gefällig feuilletonistischer Diktion. Das alles ließ ich in einer renommierten Greifswalder Druckerei aufwendig verarbeitet und fadengeheftet produzieren – ein Buch, das man gern hinlegt, gern aufschlägt und mit dem man auf genußvolle Weise einen tiefen Einblick in die Landesgeschichten Mecklenburgs und Vorpommerns nimmt.

Dieses Buch wird den Autor und mich lange überleben. Es ist so hergestellt, daß man es noch in zweihundert Jahren aufschlagen kann, ohne daß die Seiten fein gestrichenen Papiers abgegriffen oder gar aus der Bindung gelöst sein werden. Der Band kostet beinahe dreißig Euro; und der Künstler bekommt ein Honorar.

Noch was? Nur die Anmerkung, daß das alles offenbar unüblich ist. Lege ich den Band den Buchhändlern in den mecklenburgischen Städten vor, sind sie bisher alle beeindruckt. Sie erkennen ihre Heimat sogleich. Dann raunen sie: Ziemlich teuer. Sehr teuer! Zu teuer! – Ich antworte mit einem Vergleich und sage nur: Halber Tank! Nicht mehr und nicht weniger: Halbe Tankfüllung. – Die Händler, rechnende Geschäftsleute, wiegen das Haupt und fragen, was denn der Künstler dafür hinlegen mußte, also finanziell so einbrachte. Ich antworte: Der Künstler bringt die Kunst ein und erhält eine Gewinnbeteiligung sowie Freiexemplare. – Ach, hat der nichts bezahlt? Ich: Weshalb muß, weshalb soll der Künstler sein Buch bezahlen, wenn der Verlag, so klein der auch sei, es aus freien Stücken herausbringen will? – Große Verwunderung. Und: Weshalb in Deutschland produziert? Polen, Litauen, Tschechien! Dort ist es billig, saubillig! Und weshalb die Fadenheftung? – Damit es ewig hält! – Ja, aber das ist doch heute gar nicht mehr üblich, daß man das so macht! Ohne Zuschüsse! Ein Buch als Handwerkskunst! Fadengeheftet!

Nein, ist offenbar nicht üblich. Ist gar nicht mehr drin, heißt es, heutzutage. Muß doch viel preiswerter sein! Und in hoher Auflage wird es im Einzelstück richtig billig! – Kann ich alles so nicht, beherrsche ich nicht, habe ich keine Lust dazu, ebensowenig wie ich des Polnischen, Litauischen, Tschechischen mächtig bin, obwohl – ich weiß, ich weiß – dort die Kundenberater längst Deutsch sprechen. Bin ein schlechter Geschäftsmann und drücke die Kosten, indem ich meine Lebensansprüche reduziere und mir keinen Autor leiste, sondern selbst der Schreiber bin. Kurios!, heißt es dann. Und so gern hätte ich Kollegen, die ein ähnliches Abenteuer abziehen, mit denen ich symbiotisieren könnte. Wie mit Baal Müller oder Antaios! Und Kunden, die mit einem halben Tank losfahren, damit sie sich noch ein Buch einpacken können.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (19)

Realist
2. Januar 2014 02:28

Ein sehr schönes Projekt. Ich persönlich würde das Bild auf dem Deckblatt zwar nicht als Gemälde, denn vielmehr als Zeichnung klassifizieren, und auch der gedankliche Brückenschlag zur Vedutenmalerei etwa eines Bellotto will mir nicht ganz gelingen. Für mich ist dies eine Landschaftszeichnung.

Der Horizont ist meines Erachtens nach handwerklich hervorragend. Die Texturen und Schattierungen der Felsenformationen lassen die Unbekümmertheit des Autodidakten erahnen. Meine Hirnwindungen fanden in den Steinmustern sowohl Augen, Nasen als auch diverses Getier, wie Vögel und Hasen (übrigens vielen Dank für die hohe Auflösung). Eine derart hohe Dichte an Assoziationen sind mir ein sicheres Zeichen für eine gewisse Ungenauigkeit, welche, ohne Frage, den eigentlichen Charme der Zeichnung ausmacht, für die Verdute jedoch untypisch ist.

Insgesamt hätte ein höherer Kantenkontrast der Szene mehr Authentizität verliehen. Auch bei diffuser Lichtstimmung zeichnet Gegenlicht hohe Tonwertunterschiede zwischen Kante und Fläche.

Wenn es denn die moderne Verdutenmalerei gibt, so ist sie meiner Ansicht nach bei Vertretern der so geschmähten digitalen Malerei zu finden. Bert Monroy's Damen Station scheint mir da ein bekanntes Beispiel.

Die Feinen Striche sind auf meinen Wunschzettel gewandert. Ich freue mich auf die Motive und ein intensiveres Studium der zeichnerischen Umsetzung.

Ein frohes neues Jahr wünsche ich.

Heino Bosselmann
2. Januar 2014 09:10

Tatsächlich wählten wir für den vorderen Einband ein Landschaftsmotiv der Weite, die großen eiszeitlich abgelagerten Steine am Ostseestrand vor Lohme auf der nördlichen Halbinsel Jasmund (Rügen). Ansonsten enthält der Band viel Architektur und Städtepanoramen, also klassische Veduten. Vielen Dank für den Hinweis auf Bert Monroy.

KW
2. Januar 2014 10:24

Ich habe nach Kjeld Heinze gegoogelt und werde für meine Freundin einen Kunstdruck von Stralsund zum Geburtstag bestellen, der ist aber erst im August. Danke für den Hinweis. Ewig halten darf heutzutage nichts, Herr Bosselmann, daher bin ich dazu übergegangen, lieber alte Sachen auf dem Flohmarkt zu erstehen als Billigzeug im Laden. Selbst Markensachen sind Schund. Die Schuhe meines Mannes von Tom Tailer hielten ganze 3 Wochen, dann war die Sohle durch. Die Zeit der Wegschmeißgesellschaft wird vergehen, da bin ich mir ganz sicher un d damit der ganze Globalisierungsscheiß mit all seinen nachteiligen Folgen.

drieu
2. Januar 2014 10:28

Nun Herr Bosselmann, es gibt wirklich keinen Grund in Deutschland zu produzieren. "Der deutschen Wirtschaft" geht es gut - beinahe alles (Bildung, Einwanderung, ...) wird an deren Interessen ausgerichtet und anderswo sollen die Menschen doch auch Geld verdienen - um dort bleiben zu können.
"Saubillig" ist es nirgendwo mehr in Europa, aber im Baltikum, Ungarn, Polen oder der Tschechei bekommt man heuer in der Tat die gleiche Qualität günstiger und dies bedeutet für ein Ein-Mann-Unternehmen mitunter so einiges - "unser deutscher Staat" erpresst ja immer noch genug.
Ich bspw. habe einem Hersteller in Mecklenburg einst knallhart den Rücken gekehrt, weil eine Medien-Auflage nach meinen Vorstellungen beinahe dreimal soviel gekostet hätte, wie im böhmischen Werk. Das Ende meiner verlegerischen Laufbahn verzögerte sich somit nochmal um vier Jahre.
Man mag die "Geiz ist Geil"-Zustände in Deutschland beklagen und ärgerlich finden, aber letztlich muß man als Unternehmer dem Rechnung tragen. Natürlich wünsche ich Ihnen, Recht zu behalten und zumindest keine Verluste einzufahren, aber bitte übertreiben Sie die Selbstausbeutung nicht - damit ist niemandem geholfen.

Heino Bosselmann
2. Januar 2014 10:57

@drieu: Ohne groß auszuholen: Ich bin einfach auch bekennender Provinzialist. Und so lange die Mittel reichen, fahre ich gern nach Greifswald, erfreut darüber, daß eine traditionsreiche Druckerei dort ihr Handwerk versteht. Kleinere Vorhaben dann anderswo und billiger. Wo Mecklenburg-Vorpommern noch Kulturregion ist, etwa in den Universitätsstädten, da gibt es starker Partner, wie man sie so mitunter gar nicht im hohen Nordosten erwartet.

Martin
2. Januar 2014 12:05

Ich verstehe nicht, was an 29,80.- teuer sein soll. In meiner Region findet "Regionales" auch regelmäßig genug Abnehmer. Nur, da wird so ein Projekt vorher von entsprechenden "Kunstvereinen", Presse etc. hochgepuscht, gejammert, dass eine Auflage nur bei Erreichung einer bestimmten verbindlichen Anzahl von Subskriptionen überhaupt möglich sein soll; und dann landet man ganz gerne beim symbolischen "Fuffi" 49,80.-. Gut, es wird tatsächlich oftmals auch noch bei regionalen Druckern gemacht, aber ich frage mich dann doch, wenn ich das hier so lese, wer sich bei solchen Projekten die Tasche voll macht - denn von Autorenhonoraren habe ich noch nie etwas gehört: Ein Freund von mir ist bzw. war, bis er endlich eine Stelle als Archivar bekommen hat, in dieser Szene als Setzer/ Layouter/ Redakteur aktiv; Geld hat er damit nicht bzw. kaum verdient, sich aber einen Namen machen können, um an die Stelle zu kommen.

karlmartell
2. Januar 2014 13:38

Wenn Anspruchslosigkeit die Norm wird, das Lesen zu mühevollem Buchstabieren ohne Sinnwahrnehmung verkommt, Schönheit sich in abstrakten, grellfarbigen Bildern äußert, von denen man sich mit Grauen abwendet, um nicht geisteskrank zu werden, dann ist die höchste Kulturstufe eines Volkes am Abgrund erreicht.
"Schoßgebete" und "Feuchtgebiete" begeistern heute die nicht nur von digitaler Demenz Gezeichneten. Frau Roches hat erkannt, mit welchem Genre "Butter und Brot" zu verdienen sind. Pornographisches, mit eingeklebtem Schamhaar einer Vierzehnjährigen, von den sogenannten Qualitätsmedien und einem scheinbar immer pädophiler werdenden Klientel lüstern vermarktet, wären sicher, sogar ohne die zwangsläufig folgende Filmrechte, ein gewinnbringendes Geschäft.
Man muss es allerdings wollen. Will man nicht, widersetzt sich dem Kommerz, sind die Folgen Verzicht.

Christian
2. Januar 2014 14:18

Herr Bosselmann,

als Urstrom-Besitzer verspreche ich mir auch von diesem neuen Band einiges. Zwar bin ich an Lesestoff momentan mit vollem Tank unterwegs, doch werde ich mir den kleinen Edelband vormerken. Als relativ junger, aber langjähriger Sezessionist bin ich überwiegend Teil der stillen Leserschaft, doch hier will ich ein paar fragmentarische Dinge loswerden, da es wohl das streift, was ich so tue:

- Dass langlebige Druckerzeugnisse nicht mehr auf den Markt kommen, ist so nicht ganz richtig, auch wenn die Tendenz hinsichtlich Druckmaterial und Bindung sowie lektorischer Sparmaßnahmen offensichtlich ist. Doch wie überall helfen Pauschalisierung und romantisierte Vergangenheit nicht weiter. Überraschenderweise ist gerade bei den fortschrittsaffinen Designern teils reaktionäre Qualität zu finden. Bücher wie Detailtypografie vom Verlag Hermann Schmidt Mainz sind editorische und drucktechnische Liebesbekundungen und kosten dann schnell 100 Euro, wo der metaphorische oder gar reale Tank dann wirklich einmal leer bleiben muss. Die Designgruppe Koop schafft es auch mit Design in der Provinz zu bleiben und dennoch deutschlandweit Preise abzuräumen. (Außerdem: Neben den obligatorischen, kleinen Distanzierungsbekundungen forschen sie recht vernünftig im Bereich Grafik Design und "Corporate Identity" der NS-Zeit. Ich finde das Buch NSCI auf jeden Fall recht lehrreich und ansprechend aufbereitet.)

- Selbst habe ich im letzten Jahr meine eigene, kleine Grand Tour absolviert, habe sie als solche auch gesehen und für mich betitelt und war erfreut, dieses Wort hier zu lesen. Danzig, Wilna, Riga, Reval, Helsinki, Leipzig, Bamberg, München, Heidelberg, um nur einige zu nennen. Leider begleitete mich kein gelehrter Tutor vom alten Schlage, aber die Zeiten sind wohl wirklich vorbei. Somit heißt es alleine Bresche schlagen, Reisetagebuch schreiben (teils stümperhaft vernachlässigt), nachdenken, Skizzen anfertigen, Gedichte lesen, auch die Odyssee. Alles in allem viel gesehen und getan, habe aber weder die Odyssee zu Ende gelesen, noch meines Erachtens genug gezeichnet. Schwerer als gedacht, alles unter einen Hut zu kriegen. Ein Bett im Gasthof ist zu teuer, Hostels sind meistens erschwinglich, dann aber die kleinen, die großen sind fürchterlich. Stil ist dabei schwer zu halten.

Ich zeichne und male selbst, meine von Gestaltung ein wenig Ahnung zu haben und lese und schreibe auch gerne Gedichte, das heißt, ich versuche es zumindest. Mit ihrer Einwilligung würde ich Sie gerne einmal kontaktieren, ganz unverfänglich. Denn wo finde ich heute noch jemanden, der etwas von Lyrik versteht? Dessen Denken meinem nicht gleich ist, aber in die gleiche Schussrichtung zielt. Spiele schon lange mit dem Gedanken, das einmal auszusprechen. Habe es nun getan.

Mit bestem Gruß,
#c

PS.: Vor ein paar Tagen das erste Mal Brot aus Sauerteig gebacken. Danke für den Anreiz.

Michael Schlenger
3. Januar 2014 01:15

Sehr geehrter Herr Bosselmann,

schon eine ganze Weile verfolge ich Ihre Beiträge mit einer kritischen Sympathie – kritisch, weil mir Ihre einseitige Sicht auf die Früchte des freien, von selbsternannten Wissenden unbehelligten Wirtschaftens des Einzelnen nicht behagt - mit Sympathie, weil Sie sich mit einer militanten Konsequenz auf eben dieses Abenteuer des freien Wirtschaftens eingelassen haben.

Ich bin selbst Freiberufler, jedoch in weitaus komfortablerer wirtschaftlicher Situation, und gerade deshalb möchte ich Ihnen meine Hochachtung für den gewählten, im positiven Sinne radikalen, Weg aussprechen. Sie könnten es bei Ihren Fähigkeiten weit einfacher haben, das wissen Sie, und Sie verdienen schon dadurch unser besonderes Augenmerk, weil Sie in der Verneinung der billigen Opportunität Vorbild sind.

Nun aber zu Ihrem jüngstem Werk, das mich bereits durch den Anspruch auf Wiederbelebung der „Vedute“ begeistert. Dass Sie den Druck derselben ohne Wenn und Aber zu Ihren Bedingungen durchzusetzen vermögen, das zeigt, dass Sie einer der raren, doch lebendigen Anhänger der Bibliophilie und der schönen Künste sind, von denen ich hier allzu selten etwas vernehme.

Stattdessen musste ich hier wiederholt zur Kenntnis nehmen, dass beispielsweise inhaltlich armselige und handwerklich beschränkte Sangesdarbietungen der Gegenwart als deutsche Kultur wahrgenommen und empfohlen werden – als ob es einen neuen Bach, Schubert oder Strauß gäbe – für mich irritierend dieser mangelnde Anspruch an intellektueller Tiefe und formaler Qualität.

Nun kommen Sie und versuchen ausdrücklich die grafische Tradition der Vedute in Deutschland wiederzubeleben. Bevor ich auch nur ein Beispiel gesehen habe, meine Gratulation dazu! Denn selbst wenn das Resultat gescheitert wäre, ist doch der Ansatz der richtige. Das Können der Altvorderen erst zu beherrschen, dann zu beleben und zu erneuern, um es irgendwann – hoffentlich - zu übertreffen, das ist seit der Antike der Anspruch jedes Handwerkers und Künstlers.

Mir ist unbegreiflich, wie Konservative "in aestheticis" von der Idee einer selbstbewussten, nicht bloß epigonischen Renaissance des Klassischen abkommen können und eine geistige Revolution herbeizurufen suchen, die von un(aus)gebildeten Möchtegernbarden, von Plastikpop-Protagonisten oder von undiszipliniert daherkommendem pseudogermanischem Gegröle begleitet wird.

Ich wünsche mir, dass sich Ihr Qualitätsverständnis auch auf andere Bereiche der Sezession segensreich auswirkt.

Mit noch so lässig verpackten Verweisen auf einschlägige Hitparadengruppen werdet Ihr jedenfalls den Makel der tumben Rechten niemals los, und das zurecht.

Vermutlich versteht jeder gebildete Japaner und neuerdings Chinese mehr von deutscher Dichtung und Musik als der gemeine Durchschnittsdeutsche...

Gruß
Michael Schlenger

Heino Bosselmann
3. Januar 2014 07:57

@Michael Schlenger: Für Ihre Worte möchte ich sehr herzlich bedanken. Sie sehen mich gerührt! – 1.) Zur Freiberuflichkeit: Bei aller Mühe und geringen Einkünften mindestens vorm Hintergrund des Politischen die allerbeste Form des Daseins! Sie spart zudem Beschwernisse: Wie habe ich mich auf öden Sitzungen gelangweilt. Lebenszeit vergeudet beim Besprechen totgeborener "Initiativen". Was leidet man nicht unter all den Zwangsvereinnahmungen, am Small-Talk, an den Phrasen, am Mittelmaß der Chefetage. Bisher denke ich: Wer morgens gut hochkommt, hat um 18.00 Uhr etwas zustande gebracht. Und: Man muß nicht alles verkaufen, sondern kann sich an manchem einfach so freuen. 2.) Qualität: Wo nicht mehr qualifiziert werden kann und soll, wird quantifiziert. Versucht man es hingegen mit Qualität, steht man, ob arm ob reich, sofort in exklusiver Position. Wer von qualitativen Aspekten ausgeht, der ist heutzutage ein rechter Reaktionär, ganz von selbst. 3.) Kulturverlust: Aus meiner Sicht verheerend, deswegen gerade in der Bildung wortreich kaschiert. Was allein die Sprache (oder gar "Philologie") anbetrifft, so sollten sich jene, die noch Interesse daran haben und denen es um einen intellektuellen Stoffwechsel geht, miteinander in Sicherheit bringen, um dort subversiv an gedanklicher Neubesinnung zu wirken – nicht elitär, sondern mit Blick auf die Nation und verständnisvoll jenen gegenüber, die es gern billiger haben. – Stets zur Korrespondenz bereit!

Ellen Kositza
3. Januar 2014 15:35

Sorry, Herr Schlenger, aber vermutlich verwechseln Sie uns - mit wem? Soweit ich sehe, sind Sie der einzige auf weiter Flur, der uns immer mal wieder ausgerechnet den Makel des "Tumben" unterstellt! Das ist mindestens uncool, wahrscheinlicher aber ein bewußtes Sich-Verlesen.

Stil-Blüte
3. Januar 2014 15:56

@ Bosselmann
Eine feine Sache! Ich hab' sie schon vorher auf Ihrer Web-Seite entdeckt. Auch wenn mein Budget für dieses Buch zu klein ist (niemals Schulden!), werde ich es gern weiterempfehlen.

@ Schlenger
'Wenn die Neugier nicht wär', müßte ich nicht mehr wandern...' Neugierig bleiben! Aus langjähriger Erfahrung als Freischaffende: So viel wie möglich aufnehmen, aber dann nur auf e i n e , zu mir passende Sache projizieren, die ich dann auch beherrsche. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, haben Sie die Richtung schon angepeilt: Nordost. Gut so! Auch wenn Sie sich ver-irren - 'nur wer Umwege geht, wird ortskundig'. Ich habe zu zeitig die Kehrtwende gemacht, und habe das, was 'damals' in der Ferne leuchtete, wegen heftiger Gewitter, Regengüsse und Schlammschlachten aufgegeben. Was wiederum zur Folge hatte, dass ich mich nicht mehr nach 'draußen' wagte. Heute ist diese Ferne längst gewöhnliche Straße. Bleiben Sie bei der Stange!

Heino Bosselmann
3. Januar 2014 17:49

@Schopi: Sehr aufmerksam. Ihre Beobachtung ist nachvollziehbar. Selbst Canaletto benutzte übrigens die Camera obscura. Ich führte dazu etwas im Vorwort aus. Rein künstlerisch ist es mindestens eigenwillig, sich heutzutage der Vedutentechnik zu befleißigen. Andererseits liegt in diesem Anachronismus und in seiner Detailtreue, die auch etwas Statisches, ja Starres, bisweilen in bezug auf Genauigkeit geradezu Zwanghaftes hat, der eigenwillige Charme der Darstellung. Mich faszinierte, daß ein Autodidakt 200 mecklenburgische und vorpommersche Motive auf diese Weise mit dem Bleistift zeichnet. Über ganze Tage, Wochen, Monate. – Vielen Dank!

Rautenklausner
3. Januar 2014 18:22

Zwanghafte Genauigkeit. Ein besseres Verkaufs- bzw. Kaufargument gibt es m.E. nicht. Aber ich sympathisiere eh mit allen Stadt- und Landneurotikern.

Michael Schlenger
4. Januar 2014 01:17

Liebe Frau Kositza, Sie wissen ja, dass man alles Rechte oder als solches Wahrgenommene hierzulande gern in einen Topf wirft und mit Vorliebe eine braune Brühe daraus kocht. Ich erkenne in den mir geläufigen Medien jedenfalls keinen Willen zur Differenzierung des rechten Spektrums - für Gegenbeispiele in der Presse mit Würdigung der Sezession wäre ich dankbar. Daher riskiert man nach meiner Einschätzung als Außenstehender bei Vorliegen gewisser Schnittmengen mit Themen und Geschmacksurteilen intellektuell beschränkter und ungebildeter (pseudo)rechter Gruppierungen, lustvoll mit diesen identifiziert oder in deren Nähe gerückt, um eine nähere Auseinandersetzung unmöglich zu machen.
Ich wollte mit meiner Aussage also ausdrücken, dass man sich mit gewissen historischen Reizthemen und Sympathiebekundungen für spezielle Erscheinungsformen zeitgenössischer Unterhaltungsmusik keinen Gefallen tut, nicht nur, weil man es nach meiner Ansicht dem Konsensjournalismus leicht macht, sondern auch, da es ernsthaft interessierte Konservative mit einer klassischen Bildung und einem traditionellen Kunstgeschmack abschrecken kann.
Ich bin sicher, Sie werden es verkraften, wenn man die Sezession als einzigartiges konservatives Gesamtphänomen schätzt, aber zugleich mit einzelnen, sich wiederholenden Elementen hadert, da man der Auffassung ist, dass diese unnötige Angriffspunkte liefern und den einseitigen Eindruck des geschmacklich Provinziellen hinterlassen können. Wenn es nur mein Eindruck ist, dass man in der Sezession einerseits oft obsoletem historischen Detailgeschehen und längst verlorenen Konflikten nachhängt und andererseits in ästhetischer Hinsicht teilweise den Faden der Tradition verloren hat, umso besser. Ich studiere die Sezession ja weiterhin gerne!

Gruß
Michael Schlenger

Rumpelstilzchen
4. Januar 2014 09:59

@Kositza @Schlenger

Von Veduten und tumben Rechten

Ich bin kein tumber Rechter, habe mit manch zeitgenössischer Musik genauso Probleme wie mit Bildungsbürgertum.
Als prolllige katholische Intellektuelle mit Rechtsattitüde liebe ich Reizthemen und treffe die Unterscheidungen gerne im eigenen Topf. Es ist fatal, sich seine Themen von der linken Außenwahrnehmung aufdrücken oder verbieten zu lassen.
Die Linke braucht diese Unterscheidung im eigenen Topf nicht vornehmen, da ihr alles verziehen wird. Das wird auch irgendwann ihr Ende sein.

" Diese Vollpfosten von Gewalttätern sind weder links noch autonom, die sind nur gefährlich und dumm",sagte ein SPD-Abgeordneter zu den kriminellen Gewalttätern im Hamburger Schanzenviertel.
Na, autonom sind sie vielleicht nicht gerade, da fremdgesteuert. Aber links sind sie.
Und bisher wurde ihnen alles, Dummheit und Gewalt, verziehen. Und wenn die Gewalttätigkeit zu offensichtlich ist, sind das plötzlich keine Linken mehr.
So einfach ist das. Und so kompliziert.
Das Gespenst des Kommunismus geht immer noch um. Wann hat der Spuk ein Ende ?

https://www.welt.de/regionales/hamburg/article123528329/Hamburg-erklaert-Teile-der-Stadt-zum-Gefahrengebiet.html

Roland
4. Januar 2014 14:42

Sehr geehrter Herr Schlenger,

entschuldigen Sie meine aufmüpfige Art, aber Sie repräsentieren ein unerträgliches Duckmäusertum! Verstehen Sie mich nicht falsch, Musikgruppen wie Frei.Wild sind für mich ebenfalls nur Krach. Aber diese Musikgruppe wird eben nicht wegen des Lärms unterdrückt, sondern weil sie in ihrer Lyrik ihre südtiroler Heimat, Identität und Kultur besingt. Deshalb ist die Anklage dieser Zensur völlig legitim. Werbung für die Gruppe war das sicher nicht, sondern das bloße Aufdecken von Diskriminierung durch Frau Kositza.

Mit Ihnen spricht eben der Konservative scheinheiliger 'Haltung' und 'Tugend', der dem aktiven Konservatismus vorwirft, dass er zu politisch sei, dass er nur "obsoletem historischen Detailgeschehen und längst verlorenen Konflikten nachhängt." Man soll eben aufhören "gewissen historischen Reizthemen" anzusprechen. Das zeigt Rückgrat!

Kein Reizthema ansprechen und bloß nicht politisch werden! Aber nur durch Ilias lesen und Bach hören bringt man den herrschenden Liberalismus nicht zum Einsturz. Es sind eben spießbürgerliche Haltungen wie Ihre, die alles Jugendliche abschreckt und in die Arme des Kulturmarxismus treibt.

Bedaure ich etwa nicht das Ende unserer abendländischen Kultur? Und wie! Diese Zeilen rühren mich zu Tränen:

"Alles Gewordene ist vergänglich. Vergänglich sind nicht nur Völker, Sprachen, Rassen, Kulturen. Es wird in wenigen Jahrhunderten keine westeuropäische Kultur, keinen Deutschen, Engländer, Franzosen mehr geben, wie es zur Zeit Justinians keinen Römer mehr gab. [...] Alle Kunst ist sterblich, nicht nur die einzelnen Werke, sondern die Künste selbst. Es wird eines Tages das letzte Bildnis Rembrandts und der letzte Takt Mozartscher Musik aufgehört haben zu sein, obwohl eine bemalte Leinwand und ein Notenblatt vielleicht übrig sind, weil das letzte Auge und Ohr verschwand, das ihrer Formensprache zugänglich war. Vergänglich ist jeder Gedanke, jedes Dogma, jede Wissenschaft, sobald die Seelen und Geister erloschen sind, in deren Welten ihre „ewigen Wahrheiten" mit Notwendigkeit als wahr erlebt wurden."
– Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes

Grüße

Heino Bosselmann
4. Januar 2014 20:08

Ich bedanke mich ausdrücklich für Zuspruch und Kritik – meinend, wir wären thematisch durch. Auf bald.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.