Alle mal anstellen: Schulspeisung

von Heino Bosselmann

Montags gab es Eintopf, also Kohl-, Bohnen-, Linsen-, Gemüseeintopf, oder einfach Brühreis, dafür aber Schokopudding mit Vanille-Soße oder umgekehrt, dienstags Nudeln mit Tomatensoße und Jägerschnitzel, einer panierten und gebratenen Scheibe Jagdwurst, als Nachtisch Gurkensalat.

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Mitt­wochs Fisch mit Kar­tof­feln und einer hel­len Soße mit Dill, danach Rote Bee­te in gerif­fel­ten Schei­ben oder Rei­be­möh­ren, Don­ners­tag Bou­let­ten mit Misch­ge­mü­se, dazu den in der DDR all­ge­gen­wär­ti­gen fri­schen Kraut­sa­lat, wahl­wei­se geho­belt aus Rot- oder Weiß­kohl, am Frei­tag Lun­gen­ha­schee, ein mitt­ler­wei­le ver­ges­se­nes Gericht, dazu etwas zer­fled­dert aus­se­hen­des Misch­obst oder har­te ein­ge­weck­te Bir­nen als Kom­pott, und am Sonn­abend ein­fach Grieß­brei mit Frucht­sup­pe, weil es jeder eilig hat­te, das Essen her­un­ter­zu­schlin­gen und mit dem Bus ins kur­ze Wochen­en­de abzubrausen.

Nach­schlag war immer drin, aber nicht immer mit Fleisch oder mit Kom­pott. Und wie immer muß­te man zu den Küchen­frau­en freund­lich sein und auch “Bit­te …” sagen. Manch­mal wur­de getauscht: Ein Jäger­schnit­zel für einen Pud­ding. Die Kur­se schwankten.Weitere Klas­si­ker: Spi­nat mit Spie­gelei, Schmor­gur­ken mit Speck und hart­ge­koch­tem Ei, Schnit­zel mit Erb­sen und Möh­ren, des­glei­chen gebra­te­ne Leber mit Zwie­bel­rin­gen und Kar­tof­fel­pü­ree, Grütz­wurst oder Brat­wurst mit Sauer­kraut, oft Fisch, weil das Land eine der größ­ten Hoch­see­fi­sche­rei-Flot­ten unterhielt.

Am Milch­reis schie­den sich die Geis­ter. Ähn­lich wie bei Grütz­wurst und Spi­nat gab es nur Total-Beken­ner oder Total-Ver­wei­ge­rer, aber die Leh­rer paß­ten auf: Du mußt was essen, Jun­ge, und wenn du eben nur Kar­tof­feln und Soße nimmst. Und der Nach­tisch schmeckt dir doch sowieso.

Die Schul­spei­sung war so kon­zi­piert, daß sie gleich noch die Rent­ner des Ortes mit­ver­sorg­te. Sie saßen in einem eige­nen Abteil, sorg­ten aber gleich für Ruhe, wenn wir mal abdreh­ten. – Alle Spei­se­res­te wur­den in Kübeln gesam­melt und direkt zum Schwei­ne­stall der LPG gebracht. Wie­der­ver­wer­tung auf eine Wei­se, die heu­te ver­bo­ten ist. War­um eigent­lich? Jeder in der DDR kann­te die „Spe­cki-Ton­ne“. Dar­auf war ein Schwein­chen mit Latz und Besteck abge­bil­det. In sei­ne Sprech­bla­se hin­ein sag­te es: Sam­melt Küchen­ab­fäl­le für uns.

Aus­nahms­wei­se geht es mal nicht um Nost­al­gie, son­dern um Ernäh­rung. Ich wuchs mit „Him­mel und Erde“ auf, einem ein­fa­chen Gericht aus gestampf­ten Kar­tof­feln und ein­ge­rühr­ten Bos­kop-Äpfeln, das sei­ne def­ti­ge Wür­ze gebra­te­nem Speck und ange­schwitz­ten Zwie­beln ver­dank­te. Außer­dem gab es „Schwarz­sau­er“, düs­ter und sup­pig aus Schwein­blut ange­rührt und pikant säu­er­lich abgeschmeckt.

In der ers­ten vor­mit­täg­li­chen Schul-Pau­se, der Milch-Pau­se, schlepp­te ein dafür ein­ge­teil­ter Schü­ler einen Kas­ten mit Vier­tel­li­ter-Fla­schen Milch, Frucht­milch oder Kakao hin­ein. Jeder griff sich das von ihm Bestell­te, drück­te zwei Löcher in den Stan­ni­ol-Deckel und trank. Kal­zi­um rein, für die Kno­chen. Man­che bestell­ten gleich zwei Fla­schen. Eine auf ex, eine in Ruhe. Dazu aß man sein Frühstücksbrot.

Die DDR-Schul­spei­sung war nicht diä­tisch, son­dern kräf­tig. Mit ihren bes­se­ren Gerich­ten auch das, was heu­te mit „gut-bür­ger­lich“ gemeint sein mag. Oder mit „deut­scher Küche“. Aber bei­des soll­ten wir so gera­de nicht wer­den, „bür­ger­lich“ und „deutsch“. Wir soll­ten rein­hau­en, weil wir ja ler­nen muß­ten und außer­dem andau­ernd Sport hat­ten oder Arbeits­ein­sät­ze oder was Poli­ti­sches. Vege­ta­ri­er oder Vega­ner sind mir damals nicht begeg­net. ich hör­te, sol­che gab es im Wes­ten. Sie hät­ten es schwer gehabt bei einem Spei­se­plan, der von Frau­en auf­ge­stellt wur­de, die aus der Land­wirt­schaft kamen und für die ein kräf­ti­ges Essen die Grund­la­ge für har­te kör­per­li­che Arbeit darstellte.

Wer rich­tig rein­hau­te, der konn­te rich­tig ran­klot­zen; und wer rich­tig ran­klotz­te, der muß­te eben rein­hau­en. Es hieß: So wie einer ißt, arbei­tet er auch. Tat­säch­lich: Kaum einer war fett. Die Dicken wur­den – lei­der – oft ver­spot­tet, aber dies auch, weil sie etwas Beson­de­res waren und auf­fie­len. Ab und an kamen sie zur Kur: Schön abneh­men! Zur Kur muß­ten aber noch mehr die Dün­nen: Sich mal schön raus­fres­sen! Die aller­meis­ten kamen nie zur Kur, son­dern stan­den wei­ter in der Schul­spei­sungs­schlan­ge an.

Der staat­li­che Groß­han­del „Obst, Gemü­se, Spei­se­kar­tof­feln“ hieß im Volks­mund nur „Obst & Gam­mel“. Und den­noch: Was es da so gab, sieht aus wie heu­te im Bio­la­den – unge­normt, unge­lackt, unge­beizt, erdig, schrun­dig, alles regio­nal, alles sai­so­nal, alles frisch. Für Kon­ser­vie­rung fehl­ten die Mit­tel, selbst bei der Milch und beim Bier. Nichts Exo­ti­sches dabei, nichts, was um den Erd­ball trans­por­tiert wer­den muß­te. Ja, Bana­nen fehl­ten meist. Ja, nach Süd­früch­ten stand man an. Sogar der Kaf­fee war zuwei­len knapp. Sauer­kraut aber gab es immer, über­haupt Kohl in allen Vari­an­ten, Kar­tof­feln sowie­so. Wir Schü­ler muß­ten zu jeder Ern­te hin­ter der Kom­bi­ne her und nachstoppeln.

Mit­un­ter den­ke ich dar­über nach, ob gewis­se Defi­zi­te in der Bil­dung nicht allein kul­tu­rel­le Ursa­chen haben mögen. Ich bin kein Medi­zi­ner, fra­ge mich aber, ob das, was die „Kids“ so essen, über­haupt geeig­net ist, einen belast­ba­ren Kör­per und eine kom­ple­xe Hirn­struk­tur auf­zu­bau­en: vie­les aus Wei­zen-Aus­zugs­mehl, alles sehr süß, nicht nur die Süßig­kei­ten selbst, das meis­te fett.

Sicher, der flot­te Spruch „Du bist, was du ißt“ dürf­te mate­ria­lis­tisch und natu­ra­lis­tisch ver­kürzt sein. Aber den­noch hat die Ernäh­rung ja wohl mate­ri­ell tat­säch­lich mit dem zu tun, was Her­an­wach­sen­de phy­sisch – also auch bspw. neu­ro­lo­gisch – auf­baut. Ver­tra­gen sich also Nutel­la-Bröt­chen und „Junk-Food“ mit Text­ana­ly­se und Dif­fe­ren­ti­al­rech­nung? Erklärt die pro­ble­ma­ti­sche Ernäh­rung das geis­ti­ge Retar­die­ren und Dege­ne­rie­ren gar mit? Vom Sport mal ganz zu schwei­gen, aber der ist heut­zu­ta­ge ja – glück­li­cher­wei­se? – eine Spaß­ver­an­stal­tung, anstatt, wie zu mei­ner schlim­men Zeit, auf Wehr­ertüch­ti­gung aus­ge­rich­tet zu sein.

Apro­pos: Was wir aus der Schul­spei­sung kann­ten, fan­den wir als Rekru­ten in den ble­cher­nen Armee-Eßge­schir­ren wie­der. Nur daß die Rote Bee­te dann gleich über die Königs­ber­ger – oder zuwei­len “Kali­nin­gra­der” – Klop­se und deren wei­ße Kapern­so­ße geschwappt wur­de, was ich immer sehr unge­schickt fand und kopf­schüt­telnd mit Stahl­helm aß.

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Kommentare (22)

Maik

13. Januar 2014 09:23

Also, meine Erfahrungen mit dem DDR-Schulessen, die ich ein paar Jahre machen durfte, lassen sich mit einem Joseph-Conrad-Zitat zusammenfassen: "The horror, the horror!" Wie in vielen anderen Bereichen war hier die organisierte Verantwortungslosigkeit der DDR erkennbar: schlechtgekochtes Essen aus schlechten Zutaten, das der "Zukunft" des Landes zum Fraß dargeboten wurde. (Allerdings machte ich meine Erfahrungen nicht auf dem Land, sondern in einem Ostberliner Vorort.)
Dazu recht interessant: eine Statistik, von der ich mal vor Jahren las, wonach im Osten die Menschen im Durchschnitt 1–2 cm kleiner als im Westen waren/sind. Der angeführte Grund: vor allem die schlechte Versorgungslage. (Nun ja, nur eine Statisktik, aber immerhin.) Das deckt sich auch in etwa mit meinen Erfahrungen, als ich kurz nach der Wende mit meinem Sportverein gegen Westberliner antrat – die gegnerischen Spieler waren fast alle größer, kräftiger, kurz: körperlich fitterer junge Menschen.
Dass man den ganzen Südfrüchte-Süßigkeiten-Krempel nicht braucht, ist klar. Dass man sich aber nun umfangreich, gesund und ausgewogen und nach seiner Fasson ernähren kann (!) – das ist ein Segen (vor allem auch für die heutigen Kinder, die zum Glück dem DDR-Versorgungssystem entronnen sind).

Thomas Funk

13. Januar 2014 09:36

Lieber Herr Bosselmann,

herzlichen Dank für diese Memorabilia. Als Kind jener Zeit inklusive der geschilderten Zustände bekam ich nach obiger Lektüre das "Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht".
Unsere Schulküche befand sich im Hortkeller, und die Schlange, in welcher man mehr oder weniger lange auszuharren hatte, ging direkt am Eingang zu den Schulklos vorbei.
Für die Reduktion dieser Wartezeit lohnte es sich allemal, daß man beim Sprint über den Appelplatz alles gab.
Die Menüfolge kann ich genau so nachvollziehen. Bei uns hieß die Grützwurst despektierlich "Tote Oma", und ich habe mich erst bei der NVA ihrer erwärmen können.
Natürlich dürfen die obligaten hartgekochten Eier in Senfsoße nicht fehlen, welche nach verschiedentlichen unschönen Vorfällen durch Fremdnutzung als Wurfgeschoß nur noch in geschnittener Form verabreicht werden durften.

Ihr Thomas Funk.

Rainer Gebhardt

13. Januar 2014 10:28

Die alten Geschichten...Jägerschnitzel…Senfsoße mit Ei…Bockwurst mit Kartoffelsalat (leider mit Zwiebeln durchsetzt) …ich rieche es förmlich … Proustsche "memoires involontaires" fluten mein Gedächtnis…

Als Kind hatte ich das Pech, daß eine meiner Tanten in der Schulküche arbeitete (und die war damals direkt in der Schule). Da ich so rappeldürre war, daß ich kaum einen Schatten warf, paßte sie im Auftrag meiner Mutter darauf auf, daß ich "ordentlich aufaß"! Oft saß ich da und kämpfte mit irgendeiner obskuren Gurkensuppe, mit Speckgrieben oder mit angebrannten Kartoffeln, während die anderen längst auf dem Bolzplatz waren. Manchmal kam ich erst in Freie, wenn die Schulküche dicht machte...

"Apropos: Was wir aus der Schulspeisung kannten, fanden wir als Rekruten in den blechernen Armee-Eßgeschirren wieder."

Der Speiseplan bei der "Asche" enthielt seltsame Kreationen. Da gab es ein Gericht, das bei uns unter dem Namen "Verkehrsunfall" kursierte: Eine zu Brei gemörserte Mischung aus Lunge und diversen Bestandteilen des tierischen Gefäßsystems, abgeschmeckt mit viel Majoran und Salz. An solchen Tagen war die Speckitonne (die gabs' da auch) immer voll.

Belsøe

13. Januar 2014 11:50

Dass kurze, heftige Zucker-Highs in nicht ausgetobten, aber durch brutale Nervenreize zappeligen Körpern voller ungewohnter Hormone einer zähen Konzentrationsleistung entgegenstehen, erschliesst sich doch auch nicht – Medizinern wie Ihnen und mir. Auch, dass wir nur sommers von der (sicherlich hervorragenden, aber insbesondere durch junge Frauen etwas kopflos verallgemeinerten) Mittelmeerdiät profitieren können, weil Salate und leichte Kost im norddeutschen Winter nicht ausreichen. Meine Oma hätte das mit wortlosem Instinkt erfasst, heute schreibt man extra Bücher über die Kohlsuppendiät.

Ich habe das bei mir ganz klar beobachten können. Am angenehmsten satt, also nicht schwer, nicht ermüdend und nicht stopfend, bin ich von den leichteren unter den althergebrachten Gerichten. Eintöpfe und gehaltvolle Suppen mit klarer Gemüse-Übermacht aus einheimischen Sorten. Muß wohl bekennen, dass mich viel Fleisch mit fetten Bratkartoffeln zur rechten Zeit glücklich macht, aber auch matt.

Das Bekenntnis zum Vegetarismus ist für mich zu respektieren - sowohl als erste selbstgewählte Stringenz im Leben vieler 12-14jähriger als auch als erwachsene Entscheidung. Dass dann leider gleich so viel ungeeignetes Ersatzfutter eingeschoben wird, steht auf einem anderen Blatt. Wenn man sich anschaut wo unser Fleisch so herkommt und wieviel pro Kopf davon (bewusst gewähltes Wort:) gefressen wird, verstehe ich es jedenfalls gut. Das hat mit traditioneller Küche rein gar nichts zu tun, die Gemüseanteile sind heute eher kleiner und die Reste- und Mehlspeisen (immerhin 2-3 von 7 Wochentagen) sind durch minderwertige Fleischberge mit Billigstärke ersetzt worden, die der herzverfettende echte Kerl von heute mit dümmlichen "ick bin doch keen Kaninchen"-Sprüchen rechtfertigt. Und ja, ich achte auch die ethische Frage dabei. Zu Zeiten von Haus- und Landschlachter stellte sie sich in geringerem Masse, heute vergehen wir uns ganz klar an der Schöpfung. Ich weiß nicht wie man so etwas ständig gedankenlos in sich reinstopfen kann, und glaube dass es auch seelisch irgendetwas mit einem anstellt.

Ebenfalls den physischen Bereich verlassend, meine ich beobachtet zu haben, dass mir eine überwiegend regionale Küche sehr gut bekommt. Hier muss ich meinerseits einwerfen, nicht aus der Medizin zu kommen, ich es aber für denkbar halte dass man sich am besten von dem nährt was einem in den Genen steckt. Ich bin genetisch recht eindeutig meiner norddeutschen Heimat zuzuordnen, und fühle mich mit dem, was hier originär wächst und lebt, am besten und wohlsten genährt. Leider wütet die perverse Entwicklung, dass ich zwar in ihrer eigenen Scheisse gezüchtete Pangasiusfilets aus Fernost für wenige Taler bei Albrecht kaufen kann (ja, so tüchtig wie die Albrechts möchten alle Deutschen sein). Ein frischer grosser Dorsch, vor drei Stunden bei der Landzunge hinter der Stadt gefangen, wechselt aber selten für unter 40€ die Thekenseite des örtlichen Fischhändlers. Man muss sich diese Ungleichzeitigkeit mal vorstellen, ein einziger Fisch kostet mindestens 80 Mark. (Ja, natürlich gehe ich selber angeln, warum wohl!)

Ich glaube mittlerweile daran, dass auch dieser Bereich eine Kampfzone geworden ist. Durchseucht von dem schnellen Belohnungskick (Zucker), der Dämpfung (schlechte Fette), dem systemrelevanten Geldstrom unterworfen - Fisch aus Asien, aber 1 Mio. Schulden für einen neuen deutschen Fischkutter. Deutsche Erde als Energielieferant für an Erb-Landwirte verschenkte Botulismusschleudern. Und die ganz Verinnerlichten werden durch ihre mehr oder weniger ausgeprägte Orthorexie auf Trab gehalten.

Der Markt kommt zuerst - und wir sollen seinen Schrott nicht nur kaufen, wir sollen ihn in uns verdauen und selber Schrott werden.

Heino Bosselmann

13. Januar 2014 11:55

@Maik: Vielen Dank. Daß ich augenfällig viele Kinder gegenwärtig eben nicht gut ernährt und fit sehe, ist allerdings mein Problem. Mir geht es prioritär darum, ob qualitativ die Ernährung, so wie sie gegenwärtig im Schulalter erfolgt, hier und da mit geistiger Retardation korreliert. Klar, mir hat in der DDR-Schulspeisung manches nicht geschmeckt, und die Erfahrungen mögen unterschiedliche sein; ich halte sie aber für gehaltvoll, und sie erfolgte regelmäßig. Im Westen kochte die Mütter sehr anständig. – Heutzutage wird eine Schulspeisung nicht durchweg angeboten. Sicherlich ein Ausdruck der Freiheit, allerdings in bezug auf gesunde Ernährung wohl fragwürdig.

Maik

13. Januar 2014 13:14

Lieber Herr Bosselmann,
da haben Sie natürlich recht – viele Lehrer und Erzieher in Kindergärten bestätigen ja, dass es Probleme bei den Kindern vor allem in Sachen Bewegung/Koordination gibt (übrigens auch bei Kindern aus Akademiker-Haushalten). Übergewicht/ungesunde Ernährung scheint hingegen (außer bei einigen wenigen genetischen Dispostionen) vor allem ein Problem der "Unterschicht" zu sein; siehe Berichte über ernährungsbedingte Gesundheitsprobleme bei türkischstämmigen Kindern. (Besonders gruselig scheint es derzeit ja in Schwellenländern wie Mexiko und Brasilien zu sein. Da hatte die DDR wohl Glück, dass sie vom Ostblock-Statt gleich direkt in die Erste Welt aufstieg …)
Was fehlendes Körperbewusstsein und "Fitness" betrifft: Neben der anscheinenden Vernachlässigung durchs Elternhaus befeuert der Staat das leider fleißig: Musik- und Sportstunden fallen oft am schnellsten an den Schulen aus, und das bei geringer Gesamtstundenanzahl. Gut: Durch Sport und Musik schafft man keine neuen Arbeitsmarkthelden im MINT-Bereich. Doch für die gesamte Bildungsentwicklung haben diese beiden Fächern wohl doch einen recht hohen Stellenwert.
Zum heutigen Schulessen (kenne es ungefähr von den eigenen Kindern): Besser als zu Ostzeiten, aber immer noch nicht gut (wenigstens kann man was Vegetarisches wählen). Dafür ist das Abmelden schnell gemacht. Von zu Hause gibt's dafür mehr vernünftige Sachen in die Brotbüchse mit (die man ja zum Glück kaufen kann), und abends wird dann gekocht. Viele Grüße!

Torsten Werner

13. Januar 2014 13:33

Ich fand den DDR-Schulfraß schrecklich, wobei das sicherlich auch orts- und schulabhängig war. Bis ich einmal für 3 Wochen in Russland war und lernen musste, dass das alles noch schlimmer geht.

Rautenklausner

13. Januar 2014 13:35

Mickel, wieder: "Zu einem ordentlichen Arbeiter-und-Bauern-Staat / Gehört auch ein ordentlicher Kartoffelsalat"

Rumpelstilzchen

13. Januar 2014 13:58

Lieber Herr Bosselmann,
Bevor es zu ostalgisch wird, möchte ich als Wessi mit DDR-Erfahrung mal in die Runde fragen: wie empfandet Ihr damals eigentlich die Westspeisung ?
Meine Erinnerung sagt mir, dass die Einladenden ganz schön ins Schleudern kamen. Da wurde schon lange vorher der Kasten Radeberger organisiert. Beim "Gastmahl des Meeres" gab es einen vorbestellten Tisch und einmal gelang sogar ein Besuch im Barockschloß Rammenau. Das ganze Mühen der Ostgastgeber um den Wessi konnte allerdings nicht die gravierenden Versorgungsmängel kaschieren. Die waren überall sichtbar.
Aber mit Westmark kam man überall rein. Beschämend.
Es gibt nichts schönzureden.
Im Jahrgang 1988 der Zeitschrift "DDR-Heute" fand ich unter dem Titel
PIZZA MIT SAUERKRAUT die belustigende Meldung durch das Ostberliner Backwaren-Kombinat, dass zu Ehren des Berlin Jubiläums eine Jubiläumsspizza entwickelt worden sei.
Dort ist zu lesen:

"Unter Verarbeitung spezieller, nach dem Berliner Genre ausgewählter Rohstoffe, stelle sie geschmacklich eine Pizza mit arteigenem Aroma dar, das der Altberliner Küche entspreche. .. Die Belagmasse bestehe aus Eisbein und Kassler und werde durch Sauerkraut, Senf und Erbspüree ergänzt."

Bei aller Liebe zu kulinarischen Genres, da ist die französische Küche mit ihrem regionalen Bezug ( auch viele Innereien usw. ) um Klassen besser.

Die Not der Ernährung "schönreden" kenne ich auch von alten Menschen, die noch den Krieg erlebt haben. Die ganz Alten führen ihr Alter oft auf die Kargheit der Ernährung zurück.
Ach ja, und der Sanddornanbau in der DDR wird auch oft erwähnt. Die Zitrone des Ostens ist total angesagt.

Martin

13. Januar 2014 14:48

Dem möchte ich nur kurz die Variante, wie sie im Westen bis ca. Ende der 80er weitestgehend und vor allem auf dem Land üblich war, zum Vergleich gegenüberstellen:

Zwischen 12.15 Uhr und 13.00 Uhr war Schulschluss. Dann ging es zu Fuß oder mit dem Fahrrad oder mit dem Schulbus nach Hause, wo die Mutter mit dem (selbst gekochten!) Essen schon auf einen und die Geschwister (ja, Einzelkinder waren die Ausnahme) wartete.

Anschließend gab es die Wahl: Gleich raus, zu den anderen, um zu spielen, oder erst Hausaufgaben machen. Landwirtskinder und andere Kinder von Selbständigen mussten helfen. Zur Belohnung Fernsehen ab frühestens 18.20 Uhr (Vorabendserie) und ab spätestens 21.45 bis 22.00 Uhr war Schluss und Bettruhe.

Ich meine, auch das hatte seine klaren Vorzüge. Insbesondere der unglaubliche Luxus, dass Frauen nicht für die totale Mobilmachung des Faktors Arbeit herangezogen wurden, wäre heutzutage undenkbar, und alleine darin auch Vorzüge zu erkennen, macht einen heutzutage schon mehr als nur Verdächtig.

Ich glaube, der Grund für die zunehmende Degeneration unserer Jugend liegt hauptsächlich darin, dass man die Kinder mit zu vielen Sachen zumüllt (auch in der Schule), dass man vieles, aber nichts mehr richtig können muss und dass es überall an Ruhe und Gelassenheit fehlt. Dazu dann noch kein Elternteil, welcher regelmäßig auch mehr als nur ein paar wenige Stunden am Tag für die Kinder da ist, wodurch es an jeglichem familiären Ruhepol fehlt. Das Stresshormon ist übrigens auch ein großer Faktor beim Thema Übergewicht, insbesondere wenn der Stress mit Bewegungsmangel einhergeht.

Wie auch immer: Die heutigen Kinder haben einen materiellen Überfluss und einen immateriellen Mangel.

Karl Eduard

13. Januar 2014 15:49

"... was ich immer sehr ungeschickt fand und kopfschüttelnd mit Stahlhelm aß."

Na, da hätte uns der Spieß aber was erzählt, wenn wir versucht hätten, den Stahlhelm zu essen. Selbst den Einsatz hätte ich nicht mal mit noch so viel Kapernsoße herunterbekommen.

Zur Schulspeisung kann man sagen, was man will, aber sie war nahrhaft.

Stil-Blüte

13. Januar 2014 16:48

Das Schulessen in meiner Schulzeit in der DDR war unter aller Sau, angeliefert in armeegrünen Kübeln. Einfach nur grauenhaft! Alllerdings geschuldet der armseligen Zeit in der Sovjetzone. Leute! Es gab einfach nichts! Kohl, Kartoffeln waren dermaßen überdüngt, daß der Nitratgehalt für die 'Krauts' geschmacksverwirrend (beißend) und gesundheitsschädigend war.

Im Gegensatz dazu: Ein Wochenspeiseplan wie von ihnen, Herr Bosselmann sehr schön aufgeführt, bietet, geschmack- und liebevoll von Muttern umgesetzt, abwechslungsreiches und gesundes Essen seit alter Zeit. Noch heute pflege ich diese Küche wider jeden Zeitgeist mit drei wichtigen Kriterien: Tradition, Jahreszeit, Einheimisches. Sahnehäubchen sonntags: Brötchen morgens, Sonntagsbraten mittags, nachmittags Kaffee & Kuchen, abends Abendbrot mit Aufschnitt (statt wöchentlicher Streichwurst). Ausnahmen: Feste, Feiern: 'Hau rein!' Damit wir uns auf was freuen können (Goethe:' Tages Arbeit, abends Gäste/ saure Wochen, frohe Fest) auch in Zukunft ein 'künftig Zauberwort')?

'Ausgerechnet Bananen, Bananen, verlangt sie von mir': Dieses Verlangen, nein, der Schrei eines ganzen Volkes vor und während der Wende nahm deshalb einen phänomenalen Symbolcharakter an, weil man mit Bananen die eigene Rasselbande bei eigenen Aktionen so komlplikationslos beruhigen und gut ernähren konnte.

Nichts desto trotz lob ich mir heutzutage die schwedische Variante mit Buffetcharakter: Lunch: angeboten gegen Mittag in allen Kantinen und Schulen: Filmjölk (eine Art Buttermilch/Yoghurt), Cornflakes/Müsli, Knäckebrot, Hagebutten-/Blaubeersuppe (je nach Jahreszeit warm oder kalt) mit einem Schuß Sahne, 'köttbullar', 'korv' (was nur im Notfall an Wiener Würstchen erinnert), gekochte Eier, Obst, gelagerter Käse, eingelegt: Hering ('sil')/Gurken. Wasser. Kaffee. Die Auswahl ist überschaubar, immer gleich, was keinen stört, sondern Vertrautheit, Rgelmäßigkeit, Verläässlichkeit verspricht.

Da in Schweden die Frauen seit langem berufstätig sind, wird am frühen Abend gemeinsam zu Hause warm gegessen. Warme Küche ist einfacher zuzubereiten als in Dl., weil sie auf Fisch basiert.

In Berlin sehe ich, daß, dem Lunch nicht unähnlich, Brunch großen Zulauf hat. Wäre das für das Schulessen nicht eine Variante?

@ Maik
Die geringeren Maße sind nicht allein der Ernährung geschuldet, sondern vor allem der Methode, Kinder vom ersten Tag an in (Wochen-)Kindergrippen und -gärten weggegeben zu haben. Außerdem waren das Trinken und Rauchen, auch in der Schwangerschaft, wenigen Verboten ausgesetzt.

Die Frage ist, ob Größerwerden (Quantität) im Westen ein Qualitätsmerkmal ist.

Stefan G.

13. Januar 2014 23:13

Nichts gegen ein bißchen Nostalgie, Herr Bosselmann, aber ganz ehrlich: Sie müssen in einem gut verborgenen kulinarischen Olymp der Schulspeisung abgespeist worden sein. Nicht, dass ich - der ich heute ein paar Kinder habe und Konsequenz auch in cena inzwischen zu schätzen weiß - mich über das kategorische (und stets durchgesetzte) Gebot unserer Hortnerinnen beschweren würde, den Teller abzuessen, und sei es mit (häufigen) Tränen oder einem (seltenen) leichten Würgereflex verbunden. (Den Specki-Kübel füllten bei uns vor allem die Lehrer). Nein, das nicht.
Aber was es da zu essen galt, für 0,55 M, das habe ich seitdem (wie man sieht, nicht ganz erfolgreich) zu vergessen versucht. Nicht weil all diese Dinge schlecht sind, oh nein. Sondern, weil sie räudig gekocht waren: Brühreis, Gräupchen, Linsen, Brühreis, Kohlrübeneintopf, Bohneneintopf, Brühreis durchsetzt mit einem durch Sehnen, klumpige Fetteinlagerungen und Knorpel zusammengehaltenen Substrat ("Fleisch"); serviert nach längerer Lagerung aus Essenskübeln, aus denen auch die entweder vollkommen zermatschten, oder aber selbst mithilfe des Messers nur schwer zerlegbaren Kartoffeln zu Tage gefördert wurden. Einziger Lichtblick hier: Wenn (wie fast jeden Freitag) Quark zu diesen Kartoffeln angeordnet war, durfte man sich, sächsischem Landesbrauch folgend, statt dessen ein Stückchen Leberwurst oder etwas Öl von zu Hause mitbringen. Anschließend Äpfel. Vielleicht Quark. Äpfel. Birnenkompott machte meine Oma, in Kindergarten oder Schule habe ich dergleichen nie gesehen. Noch habe ich den unbeschreiblichen Geruch von Speiseraum und Küche in der Nase. Noch erinnere ich mich genau des bitteren Konflikts an der Essensausgabe, als selbst unserer Pionierleiterin Frau St. angesichts einer stinkenden Weißkrautsuppe der Kragen platzte. Sicher, "deutsch" war diese Küche, insofern sie in den Wintermonaten vor allem auf Kohl beruhte. Aber: Schlicht schlechtes, minderwertiges Essen einfachhin "deutsch" zu nennen - das geht dann wohl doch deutlich zu weit.

Realist

14. Januar 2014 10:10

@Martin

Dies ist auch meine Erinnerung. Morgens und mittags Essen von und mit der Mutter, abends die gesamte Familie am Eßtisch (unter der Woche "Stullen", am Wochenende warm). In der Schule gab es die mitgebrachten Pausenbrote, Schulspeisung war uns fremd.

Hortkinder gab es auch ein paar in der Klasse. Kamen aus der Hochhaussiedlung. Die waren zwangsläufig irgendwie Außenseiter, konnten sie doch an den wirklich wichtigen Dingen des Lebens (Bolzplatz, Wald, Schwimmen, im Winter Eishockey auf dem Dorfteich) nicht teilnehmen. Man hat ja doch eine sehr selektive Wahrnehmung als Kind. Die Hortkinder waren halt in der Schule mit in der Klasse, nachmittags waren sie weg. Fiel nicht auf, gehörten sowieso nicht zum Freundeskreis. Daß sie fremdbetreut werden mußten, weil beide Eltern arbeiten waren, realisierte ich erst viel später. Bei uns war es üblich, daß Mutter zu Hause war - immer!

Das Essen zuhause, oh welch Luxus war dies rückblickend. Gutbürgerliche deutsche Küche, durchsetzt mit den kindgerechten Klassikern der internationalen Küche (Spaghetti Bolognese, Cheeseburger mit Coleslaw, Pfannengyros etc.). Immer aus hochwertigen Zutaten, nie bestimmte ein Mangel den Speiseplan. Ein Tag "Resteessen" führte zu kleineren oder größeren Revolten. Gab es ein unbekanntes Gericht, wurde dies von uns Kindern kritisch bewertet. Fiel es durch, sahen wir es nie wieder. Es waren goldene Zeiten.

Im nachhinein betrachtet war diese Freiheit beim Essen sicherlich ein wenig zu dekadent, um uns charakterlich gut getan zu haben. Vielleicht war unsere Mutter da gegen Söhne auch etwas chancenlos. Aber wir waren im besten Sinne wohlbehütet und umsorgt. Die Ruhe und Stabilität, die eine Mutter und Hausfrau als Ankerpunkt der Familie bietet, scheint eine häufig vergessene Errungenschaft.

Rainer Gebhardt

14. Januar 2014 10:14

@ Stefan G.

"Nicht weil all diese Dinge schlecht sind, oh nein. Sondern, weil sie räudig gekocht waren."

So isses! Die Kochkunst, die war zum Erbarmen. Ich weiß heute noch nicht, was in den verborgenen Winkeln der Küche, in den Töpfen und Köpfen genau passiert ist, daß da manchmal so ein Fraß durch die Luke geschoben wurde. Seltsam. Und noch seltsamer der Gedanke, daß diese Köchinnen nach Lenins Lehre das Zeug haben sollten, Staaten zu lenken…

Graupen, Linsen, Bohneneintopf, Möhrensuppe - das kannte ich ja alles, nur eben aus einer anderen Küche. Denn exakt das zauberte auch meine Großmutter aus dem Eichsfeld auf den Tisch, wenn ich die Ferien dort vorbrachte. Aber es schmeckte anders, Welten entfernt von dem, was in der Schulküche zusammengebraut wurde. Allein wie sie Linsensuppe kochte, war eine Messe. So durften Linsen nur in einem emaillierten Topf gekocht werden (damit sie nicht schwarz werden), zweimal wurde das Wasser nach viertelstündigem Kochen abgegossen, dann mit Fleischbrühe aufgefüllt und mit in Butter gebratenen Kartoffelwürfeln gar gekocht, dann Schmand dazu usw...Das Kochbuch meiner Großmutter steht in meiner Küchenbibliothek: Henriette Davids-Holle "Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche. Unter besonderer Berücksichtigung der Anfängerinnen und angehenden Hausfrauen. Leipzig 1900" Sehr konservativ, sehr deutsch, sehr zu empfehlen. (Und Kalorien bis zum Abwinken! Also: Vorsicht!)

Schönes Thema übrigens, so alltäglich, very basic.

Urwinkel

14. Januar 2014 15:00

Wir Zehnjährigen waren damals eingeschworene Klugscheißer. Wir waren wirklich klüger als der Heimatkundelehrer. Beispiel: Wie nennt man den weiblichen Fuchs? Wir wussten es, er nicht - und mussten es ihm durchgehen lassen. Gegessen wurde nur, wenn wir wirklich Hunger hatten. Wir waren auch nicht freundlich gegenüber den Küchentanten. Die waren es ja auch nicht, sondern eiskalte, pflichtbewußte Planerfüllerinnen. Das bescherte uns kurze symbolische Hausverbote (Für Zehnjährige!) in der Kantine. Wir waren eh lieber draußen und hatten unsere Geländespiele. Kurz: Das war uns egal. Kulinarisch waren wir verwöhnte kleine Dandys. Das nach Ferien-Erinnerungen schmeckende Leberwurstbrot (hausgeschlachtete Wurst) war uns heilig und genügte. Wer versuchte, uns das aus der Hand zu schlagen, bekam Dresche. Betragen: 5 -- Na und? Milch musste nicht sein; aus dem Alter waren wir raus. Im metabolischen Bewußtsein ließen wir die Finger weg davon. Völlig verrückt und ekelhaft wurde es, als die Schulmilch nur noch angewärmt getrunken werden sollte. Die Geschmacksnerven waren schon damals kaputt. Bei Lehrern und Kindern. Anders lässt sich auch nicht erklären, weshalb man den Ossi nach ´89 auf Bananen reduzierte. Für Magersüchtige und Vorbestrafte sicherlich kein hilfreicher Kommentar, aber eine Erinnerung an die Schulspeisung. Wie gesagt: Der Hunger triebs rein, besser als nichts. Ach, und als die Eltern wegen des Hausverbots intervenierten (immerhin war das Essen schon bezahlt), gab es Zustimmung seitens schüchterner Mitesser: Endlich haut mal jemand auf den Tisch! Wir Zwerge waren gefürchtete Tyrannen, die den Kantinenbetrieb empfindlich stören konnten. Gehungert hat trotzdem keiner, und geschmeckt hats zu 50%. Mehr bekam man eh nicht hinter, wenn man Besseres gewohnt war. Heute glaube ich, daß unseren Eltern unser damaliger Übermut peinlich war. Aber die "Wende" lag schon in der Luft. Selbst dabei blieben wir abgebrühte Besserwisser und Konsumverweigerer. Immerhin kann ich auch ohne Rezeptbuch kochen. Nach dem Dreiklang-Prinzip: Weniger ist mehr, und Improvisationen halten am längsten. Und immer daran denken: Die meisten Leute können NICHT kochen oder sogar backen, schon gar nicht improvisieren; egal ob mit achtzehn oder siebzigjährig. Die bekommen einen Panikanfall und einen Heulkrampf, wenn das Rezept fehlt. Hausfrauen berichten freimütig darüber, daß sie echte Säue in der Küche seien, um daraufhin halbverächtlich auf ihren Mann zu verweisen, der dieses wichtige Handwerk besser beherrscht - selbst wenn noch keine "Not am Mann" ist. Guten Hunger!

herbstlicht

14. Januar 2014 15:17

Rainer Gebhardt schrieb:
Das Kochbuch meiner Großmutter steht in meiner Küchenbibliothek:
Henriette Davids-Holle "Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und
feinere Küche. Unter besonderer Berücksichtigung der Anfängerinnen und
angehenden Hausfrauen. Leipzig 1900."

Steht auch hier
Henriette Davidis Praktisches kochbuch für die gewöhnliche und feinere küche (1911).

(Und die Amis haben gleich noch zwei andere Ausgaben davon auf archive.org.)

DJV-Viewer gibt's übrigens
hier.

Es lebe die Digitalisierung!

Sollten wir ein Projekt starten, das Buch aufs Amazon Kindle zu bringen?
Vielleicht sogar neu setzen (mit
TeX
), auf den Laserprinter schicken, Format A5, in Heften, samt
Anleitung, das Buch auf Kordel zu heften und zu binden?

Rainer Gebhardt

14. Januar 2014 20:11

@ herbstlicht

"Sollten wir ein Projekt starten, das Buch aufs Amazon Kindle zu bringen?"

Und wie geht das? Und: wer macht es?!

Gustav Grambauer

15. Januar 2014 09:35

@Belsøe und alle anderen, die über Vegetarismus nachdenken

"Muß wohl bekennen, dass mich viel Fleisch mit fetten Bratkartoffeln zur rechten Zeit glücklich macht, aber auch matt."

Crashkurs in Ernährung:

Die Vorstellung, man würde des Essen in die Zellen "einbauen" entspricht genauso dem mechanistischen Menschenbild des 19. Jahrhunderts wie die Kalorien- bzw. Joule-Zählerei und die Vitamin-Mineralstoff-Tabellen-Manie.

Die Speise ist ein Fremdkörper, so wie ein Sandkorn in einer Wunde, so daß der Grundsatz gilt: "man ißt sich krank und verdaut sich gesund". Je tiefer die Speise in der Hierarchie der Naturreiche steht, desto größere Kräfte braucht man, um sie zu überwinden (von den Mineralen in reiner Form ist Salz heute das einzige, das der Mensch verdauen kann).

Und nun der Clou: die Verdauungsarbeit setzt ihrerseits nach dem Prinzip potentieller und kinetischer Energie Kräfte frei: den Kräftezuwachs, den der Durchschnittsmensch nach dem Essen spürt (und irrtümlich der "nahrhaften Nahrung" sui generis zuschreibt), hat er in Wahrheit selbst erzeugt!!!

Das Tier verdaut die Pflanze, nimmt also dem Menschen die halbe Verdauungsarbeit ab. Insofern ist es für all jene, die nicht körperlich hart arbeiten etwas "feige", sich der Verdauungsarbeit an der Pflanze oder am Salz zu entziehen und das Tier die halbe Arbeit machen zu lassen (was mit harter körperlicher Arbeit insbesondere durch die Freisetzung von Hitze nicht nur kompensiert, sondern auch wunderbar ergänzt wird). Klar dagegen, daß man am Schreibtisch davon matt wird.

Dölfgen hat schon gewußt, warum er Vegetarier war.

- G. G.

sumo

15. Januar 2014 10:07

eine Ausgabe des "Davidis-Kochbuches" befindet sich auf meinem Kindle.

https://www.amazon.de/Praktisches-Kochbuch-gew%C3%B6hnliche-feinere-K%C3%BCche-ebook/dp/B0070Y41I6/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1389776668&sr=1-1&keywords=davidis

Allerdings begibt man sich damit ins große Amazon-Universum, dem manche reserviert gegenüberstehen.
Zusätzlich gab es vor Jahren dieses Buch auch bei Manufactum, da habe ich es gekauft und seitdem für viele Mahlzeiten verwendet, wenn auch oft nur als Anregung, nicht für rezeptgenaues Kochen.

Heino Bosselmann

15. Januar 2014 11:55

Vielen Dank. Wir sind durch. Auf bald!

Sascha

20. Januar 2014 00:35

Ich mochte das Schulessen gar nicht - und hab das Geld einfach nicht bezahlt, sondern mich dafür von Kuchen ernährt. Wenn eine Streuselschnecke 11 Pf. kostet, geht das durchaus.

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