Gesucht: Eine sittliche Kritik des Egalitarismus – Teil 1

Alex Kurtagic, traditionaler Kulturkämpfer und luzider Redner, hielt den folgenden Vortrag beim Kongreß der Traditional Britain Group am 19. Oktober 2013. Bei diesem in London ansässigen Zusammenschluß handelt es sich um eine Interessengruppe, die nach eigenem Credo eine Frontstellung „against the current political and cultural consensus“ einnehmen will.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Vor die­sem Hin­ter­grund und ange­sichts Kur­ta­gics eige­ner bri­ti­scher Her­kunft liegt der Fokus sei­ner Aus­füh­run­gen natur­ge­mäß auf den Ent­wick­lun­gen in Eng­land; die dar­aus ent­wi­ckel­ten Schluß­fol­ge­run­gen sind jedoch lan­des­un­ab­hän­gig bedenkenswert.

Der Sprach­ge­brauch des Ora­tors Kur­ta­gic ist von einem sehr ela­bo­rier­ten, bis­wei­len klas­si­zis­ti­schen Zugriff auf die eng­li­sche Spra­che geprägt. Auch sind gewis­se sprach­li­che Figu­ren, etwa die Unter­schei­dung zwi­schen „racism“ im Sin­ne bio­lo­gis­ti­scher Ableh­nung des Frem­den und „racia­lism“ im Sin­ne eines am Volk ori­en­tier­ten Bewußt­seins der eige­nen Abstam­mungs­ge­mein­schaft, für den deut­schen Leser schwer nach­voll­zieh­bar – nicht zuletzt auf­grund der Un-Denk­bar­keit eines ver­gleich­ba­ren Dis­kur­ses hier­zu­lan­de. Aus die­sen Grün­den wur­de an ver­ein­zel­ten, beson­ders kniff­li­gen Stel­len zuguns­ten einer bes­se­ren Ver­ständ­lich­keit nicht wort­ge­treu, son­dern sinn­ge­mäß über­setzt. Der Text wur­de mir nach dem Kon­greß vom Ver­fas­ser freund­li­cher­wei­se zur Über­set­zung über­las­sen; für den Inter­es­sier­ten ste­hen fer­ner ein eng­li­sches Tran­skript sowie ein Mit­schnitt des Vor­trags zur Verfügung.

Ich muß zuge­ben, daß von allen Her­an­ge­hens­wei­sen an die Fra­gen unse­rer Zeit die von den Orga­ni­sa­to­ren die­ser Kon­fe­renz aus­ge­wähl­te wohl die tro­ckens­te und stau­bigs­te ist, die mir jemals ein­ge­fal­len wäre. Ich dach­te mir: Ent­we­der haben die Orga­ni­sa­to­ren wirk­lich eine Vor­lie­be für kata­kom­ben­haf­te Ver­kopft­heit und hal­ten sich tat­säch­lich an mei­ne per­sön­li­che Regel, daß Män­ner jen­seits der Vier­zig neun Zehn­tel ihrer Zeit ernst – und hof­fent­lich wütend – sein soll­ten; oder aber die Orga­ni­sa­to­ren nöti­gen uns auf eine ele­gan­te, wenig medi­en­freund­li­che Wei­se, über etwas ande­res zu reden.

Denn mei­ner Mei­nung nach bedeu­tet das Reden über den Natio­nal­staat und sei­ne mög­li­che Zukunft im Hier und Heu­te, über das Schick­sal zu spre­chen – über die Fähig­keit, die­ses Schick­sal zu bestim­men, und jene, sein Herr zu blei­ben. Nicht nur als Erben einer bestimm­ten Über­lie­fe­rung; nicht nur als Insel­be­woh­ner oder als beson­de­re Aus­drucks­for­men des Euro­pä­er­tums; son­dern auch als Euro­pä­er ins­ge­samt, eben­so wie als ein­zel­ne Fami­li­en und selbst als Indi­vi­du­en, denn sein Schick­sal zu meis­tern beginnt damit, sein eige­nes Sein und Wer­den zu beherr­schen. Die Herr­schaft dar­über, was wir sind und was wir zu wer­den wünschen.

Der Sinn des Natio­nal­staats war, als eiser­ner Schild der Sou­ve­rä­ni­tät eines spe­zi­el­len, in einem geo­gra­phi­schen Raum leben­den Volks zu die­nen. Ele­men­tar für die Zie­le des Natio­nal­staats waren (1) die Aus­bil­dung einer natio­na­len Iden­ti­tät im Gegen­satz zu einer stam­mes- oder regio­nen­be­zo­ge­nen; (2) die Aus­bil­dung einer Natio­nal­spra­che im Gegen­satz zu einem Baby­lon von Mund­ar­ten und Dia­lek­ten (Wuß­ten Sie, daß zur Zeit der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on von acht Fran­zo­sen nur ein ein­zi­ger flüs­sig Fran­zö­sisch sprach?); (3) die Aus­bil­dung einer Anlei­tung für die Mas­sen, die ihnen die Natio­nal­ge­schich­te ver­mit­tel­te – oft mit einer halb­my­tho­lo­gi­schen Grund­stim­mung; und (4) Mas­sen­me­di­en, um ein Natio­nal­be­wußt­sein auf­recht­zu­er­hal­ten. All dies neig­te dazu, die inne­re Homo­ge­ni­tät zu maxi­mie­ren und die Unter­schied­lich­keit zum Außen­lie­gen­den zu beto­nen – was die Essenz des Natio­na­lis­mus ist.

Der Natio­nal­staat ist eng ver­bun­den mit den euro­päi­schen Natio­na­lis­men des 19. Jahr­hun­derts, auch wenn er Vor­läu­fer in der frü­hen Neu­zeit hat­te, etwa in Por­tu­gal und der Repu­blik der Ver­ei­nig­ten Nie­der­lan­de. Somit ist er ein moder­nes Wesen, und – wie so vie­les, das modern ist – mög­li­cher­wei­se auch ein vor­über­ge­hen­des Wesen. Die Tat­sa­che, daß man­che den Natio­nal­staat in einer Kri­se sehen; die Tat­sa­che, daß nun­mehr sei­ne Zukunft zwei­fel­haft ist; und die Tat­sa­che, daß man­che ihn bereits als tot abtun – wie etwa der der­zei­ti­ge EU-Prä­si­dent –; die­se Tat­sa­chen rüh­ren von sei­nen Wesens­merk­ma­len her, denn die Nut­zung des Staats als Instru­ment der natio­na­len Ein­heit und somit als Instru­ment der Zen­tra­li­sa­ti­on und Ver­ein­heit­li­chung und wei­ter als Instru­ment der Ein­glie­de­rung und Gleich­ma­che­rei hat sich, zusam­men mit eini­gen par­al­le­len Ent­wick­lun­gen zum Natio­nal­staat – wie der Erfin­dung der Dru­cker­pres­se oder dem Auf­tau­chen des Kapi­ta­lis­mus der frei­en Märk­te – und den radi­ka­len Bewe­gun­gen, die sich als Reak­ti­on auf den Kapi­ta­lis­mus bil­de­ten, in der spä­ten Moder­ne und der Post­mo­der­ne als Mit­tel der natio­na­len Auf­lö­sung erwiesen.

Natio­na­le Fir­men sind zu glo­ba­len Unter­neh­men gewor­den; natio­na­le Ban­ken zur glo­ba­len Finanz; natio­na­le Medi­en zu glo­ba­len Netz­wer­ken; natio­na­le Flug­li­ni­en zu glo­ba­len Gewer­ben; aus dem ARPANET wur­de das Inter­net. Und in Erwi­de­rung die­ser Uni­ver­sa­li­sie­rungs­pro­zes­se gab es ent­ge­gen­ge­setz­te Pro­zes­se der Par­ti­ku­la­ri­sie­rung: Regio­na­lis­men, Stam­mes­sys­te­me, ras­si­sche Abgren­zun­gen, Identitätspolitik.

Und in die­ser sich rapi­de desta­bi­li­sie­ren­den Umge­bung von brö­ckeln­den Gren­zen, aus­ge­han­del­ten Iden­ti­tä­ten, Form­lo­sig­keit, Durch­mi­schung, Ent­wur­ze­lung, auf­ge­zwun­ge­nen eth­ni­schen Kon­tex­ten, zer­streu­ten Beschrän­kun­gen, wech­seln­den Loya­li­tä­ten – in einer sol­chen Umge­bung sieht der Kon­ser­va­tis­mus, der für man­che die Kon­ser­vie­rung von lan­des­ty­pi­schem und natio­na­lem bedeu­tet, sich selbst in einer vita­len Rol­le, vita­ler als jemals zuvor. Sie besteht dar­in, als Boll­werk zu die­nen, als eine Schutz­mau­er gegen unwill­kom­me­ne Ver­än­de­run­gen; zer­set­zen­de For­men der Ver­än­de­rung, die die natio­na­le Iden­ti­tät und damit die natio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät bedrohen.

Doch die Wahr­heit ist, daß der Kon­ser­va­tis­mus ver­sagt hat. Die west­li­che Poli­tik ist wei­ter und wei­ter nach links gedrif­tet. Für Jahr­zehn­te, viel­leicht Jahr­hun­der­te kann­te der Kon­ser­va­tis­mus nur den Rück­wärts­gang. Der Main­stream-Kon­ser­va­tis­mus hat sich kom­pro­mit­tiert, sich angepaßt und sich ver­kauft. Schlim­mer noch: Er hat sich selbst von sei­nen intel­lek­tu­el­len Vor­rei­tern getrennt und so die Wahr­neh­mung vie­ler bestä­tigt, daß der Kon­ser­va­tis­mus aller Ideen beraubt sei, daß Kon­ser­va­tis­mus ledig­lich die Poli­tik der Angst sei.

Und tat­säch­lich, Main­stream-Kon­ser­va­ti­ve fürch­ten sich; sie sind von Angst moti­viert. Des­we­gen sind sie immer in der Defen­si­ve; agie­ren nie­mals, son­dern reagie­ren nur auf die Aggres­si­on der Lin­ken; las­sen sich davon for­men, anstatt sich selbst nach eige­nen Maß­stä­ben zu defi­nie­ren. Die Lin­ke ist zwar auch eine Fehl­kon­struk­ti­on, aber eine akti­ve, und sie hat die Initia­ti­ve. Zum Teil des­we­gen ist sie gro­ßen­teils erfolg­reich gewe­sen, obwohl sie wie­der und wie­der und wie­der wider­legt wurde.

Nun, es gibt Grün­de für das Schei­tern des Kon­ser­va­tis­mus. Wie wir wis­sen, war in die­sem Land [d.i. Groß­bri­tan­ni­en; N.W.] einer davon das Ver­trau­en auf die Con­ser­va­ti­ve Par­ty. Und zwar nicht, weil die­se auf­ge­hört hät­te, kon­ser­va­tiv zu sein, son­dern weil sie immer so geblie­ben ist. Die Labour Par­ty unter Tony Blair hat­te daher kei­ner­lei Pro­ble­me damit, poli­ti­sche Ele­men­te von der Con­ser­va­ti­ve Par­ty zu übernehmen.

Der Feh­ler liegt dar­in, Kon­ser­vie­rung mit Tra­di­ti­ons­wah­rung zu ver­wech­seln, denn man kann etwas kon­ser­vie­ren, das anti­tra­di­tio­nal ist. Das ist etwas, was weni­ge erken­nen, selbst heu­te – was erklärt, war­um vie­le Tra­di­ti­ons­be­wuß­te wei­ter­hin die Kon­ser­va­ti­ven unter­stüt­zen, denn an der Ober­flä­che haben die Kon­ser­va­ti­ven küm­mer­li­che Res­te tra­di­tio­na­len Schmucks bewahrt. Natür­lich wer­den die mit der Zeit klei­ner und klei­ner, blas­ser und blas­ser, doch sie sind immer noch näher an der Tra­di­ti­on als Labour oder die Libe­ral Demo­crats. Aber jede Nei­gung zur Tra­di­ti­on, die die Kon­ser­va­ti­ven haben mögen, ist rei­ne Gefühls­du­se­lei und hat kei­ner­lei theo­re­ti­sche Grund­la­ge. Ideo­lo­gisch war die Con­ser­va­ti­ve Party tat­säch­lich immer anti­tra­di­tio­nal. Sie mögen sich fra­gen: Wie kann es sein, daß die Kon­ser­va­ti­ven eine Koali­ti­on mit den Libe­ral Demo­crats ein­ge­hen? Nun, die Ant­wort ist ein­fach: Bei­de waren ursprüng­lich Frak­tio­nen der­sel­ben Par­tei, näm­lich der Whig Par­ty. Die­se ent­stand aus libe­ra­len Ideen her­aus und wur­de des­halb Mit­te des 18. Jahr­hun­derts zur Libe­ral Par­ty. Die­se ver­schmolz 1989 mit den Sozi­al­de­mo­kra­ten; jene wie­der­um ent­stan­den als Abspal­tung der Labour Par­ty zu einer Zeit, als die­se so gründ­lich von Trotz­kis­ten infil­triert wor­den war, daß der alt­mo­di­sche Sozia­lis­mus in die­ser Par­tei nun­mehr als kon­ser­va­tiv, reak­tio­när und rechts ange­se­hen wur­de. Das Resul­tat die­ser Ver­schmel­zung waren die Libe­ral Demo­crats.

Die Con­ser­va­ti­ve Par­ty dage­gen hat ihre Wur­zeln in der von Wil­liam Pitt jr. gelei­te­ten Frak­ti­on der Whig Par­ty. Pitt ist seit sei­nem Tod als Tory bezeich­net wor­den, hat aber – wie jeder Poli­ti­ker sei­ner Zeit – zeit­le­bens die­se Eti­ket­tie­rung schroff zurück­ge­wie­sen und sich selbst statt­des­sen als „unab­hän­gi­gen Whig“ bezeich­net. Und als spä­ter Sir Robert Peel mit dem Tam­worth-Mani­fest von 1834 den Grund­stein für die moder­ne Con­ser­va­ti­ve Par­ty leg­te, war die­ses größ­ten­teils eine Ver­pflich­tung zur Reform, die vor­ge­ge­be­ne Hal­tung war eine posi­ti­ve gegen­über Ver­än­de­run­gen, und die Aus­nah­me war die Zurück­wei­sung unnö­tig erschei­nen­der Ver­än­de­run­gen. Peels Unter­stüt­zer soll­ten sich spä­ter mit den Whigs und den Radi­cals, die damals die Links-Lin­ken waren, zusam­men­tun und die Libe­ral Par­ty bil­den. Der umgangs­sprach­li­che Gebrauch des Eti­ketts „Tory“ hat zur Ver­wir­rung bei­getra­gen, weil die ursprüng­li­che Tory Par­ty schon 1714 effek­tiv hand­lungs­un­fä­hig war – lan­ge, bevor die Pit­ti­ten auf den Plan tra­ten. Und des­halb stell­te David Came­rons For­mu­lie­rung, die Lösung des geschei­ter­ten Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus sei „mus­cu­lar libe­ra­lism“, kei­ne his­to­ri­sche Ano­ma­lie dar (so lächer­lich er sich auch damit mach­te, als Lösung eines Pro­blems mehr von dem, was das Pro­blem über­haupt erst ver­ur­sacht hat­te, vor­zu­schla­gen). Indem er dies sag­te, befand er sich in per­fek­tem Ein­klang mit dem kon­ser­va­ti­ven Ver­mächt­nis. Die Kon­ser­va­ti­ven sind ganz zufrie­den damit, wie sich die Din­ge ent­wi­ckelt haben; sie wol­len alles nur ein wenig ver­lang­sa­men und ein paar der übels­ten lin­ken Unter­tö­ne ver­min­dern, die unter der Labour-Regie­rung auf­ge­kom­men sind – obwohl sie mitt­ler­wei­le auch damit zufrie­den sind, eini­ge davon anzu­neh­men: David Came­ron steht der UAF [d.i. die bri­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on Unite Against Fascism; N.W.] nahe, die aus trotz­kis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Grup­pen ent­stan­den ist.

Und hier befin­den wir uns an der Wur­zel des kon­ser­va­ti­ven Schei­terns. Denn die Bin­dung an libe­ra­le Ideen führ­te dazu, daß es sich bei der auf lan­ge Sicht ein­zi­gen kon­ser­vier­ten Tra­di­ti­on um die libe­ra­le Tra­di­ti­on der poli­ti­schen Phi­lo­so­phie handelt.

Nun ist Libe­ra­lis­mus – beson­ders in sei­ner klas­si­schen Form – nicht aus­schließ­lich schlecht. Er steht für per­sön­li­che Frei­heit, Per­sön­lich­keits­rech­te, Pri­vat­be­sitz, Auto­no­mie, kör­per­li­che Inte­gri­tät [ein Rekurs auf die habe­as cor­pus-Akte; N.W.] sowie Über­ein­stim­mung. Aber unglück­li­cher­wei­se ent­hält er auch zwei sehr schäd­li­che Eigen­schaf­ten: Ers­tens steht er gegen Tra­di­ti­on, und zwei­tens steht er für Gleich­heit. Dar­auf möch­te ich mich heu­te kon­zen­trie­ren. Denn Gleich­heit steht der Tra­di­ti­on radi­kal ent­ge­gen: Tra­di­ti­on dreht sich um Bedeu­tung, und Bedeu­tung basiert dar­auf, Unter­schei­dun­gen zu tref­fen und die­se Unter­schei­dun­gen zu wer­ten; das bedeu­tet, daß Tra­di­ti­on sich auch um Hier­ar­chie dreht. Nicht in einem erzwun­ge­nen, mate­ri­el­len Sin­ne, son­dern in einem spi­ri­tu­el­len; in dem Sin­ne, daß es Din­ge gibt, die uns erhö­hen, und sol­che, die uns ernied­ri­gen; und in dem Sin­ne, daß wir die­se Din­ge zur Ori­en­tie­rung nut­zen, um unse­re Leben mit einer Rich­tung und einem Zweck zu ver­se­hen. All dies ist grund­le­gend dafür, ein Mensch zu sein. Aus die­sem Grund hal­ten wir den Ega­li­ta­ris­mus für unsittlich.

Im klas­si­schen Libe­ra­lis­mus hat­te die Gleich­heit nicht die Vor­macht­stel­lung, die ihr der moder­ne Libe­ra­lis­mus ein­ge­räumt hat. Ursprüng­lich war die per­sön­li­che Frei­heit der höchs­te Wert. Das libe­ra­le Pro­jekt dreh­te sich um die Befrei­ung des Indi­vi­du­ums von Tra­di­ti­on, von Reli­gi­on, vom Über­na­tür­li­chen, von der hier­ar­chi­schen Gesell­schaft, in der Ein­zel­ne einen halb­gött­li­chen Sta­tus genos­sen – ins­ge­samt von jed­we­der tran­szen­den­ten oder über­in­di­vi­du­el­len Bin­dung. Gleich­heit hat­te anfangs nicht die star­ke mora­li­sche Dimen­si­on, die sie spä­ter erhielt. Als Tho­mas Hob­bes über Gleich­heit sprach, sah er sie als not­wen­di­ge Bedin­gung, um den Gesell­schafts­ver­trag ein­ge­hen zu kön­nen – denn er ging davon aus, daß nie­mand frei­wil­lig in einen sol­chen Ver­trag ein­wil­li­gen wür­de, solan­ge die­ser nicht für jeder­mann in glei­chem Maße gel­te. Für Hob­bes war Gleich­heit vor dem Gesetz daher eine prak­ti­sche Fra­ge. Aber um die Zeit der Ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on, und ins­be­son­de­re der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, war der Ega­li­ta­ris­mus zu einer Moral­phi­lo­so­phie gewor­den. Er war die säku­la­ri­sier­te Form eines Prin­zips, das im Chris­ten­tum bereits prä­sent gewe­sen war, eben­so wie zuvor in der vom Chris­ten­tum absor­bier­ten Stoa und davor bei den Kynikern.

Nach­dem am Ende des 18. Jahr­hun­derts die Libe­ra­len zur poli­ti­schen Macht gelangt waren, wur­den sie im 19. Jahr­hun­dert vom Mar­xis­mus her­aus­ge­for­dert. Nun wen­det man auf der Rech­ten die Begrif­fe „libe­ral“ und „links“ fast syn­onym an, und dies mag irgend­wann ein­mal auch kor­rekt gewe­sen sein; heu­te aber ist es unzu­tref­fend. Ers­tens, weil heut­zu­ta­ge Kon­ser­va­ti­ve die Libe­ra­len sind, und zwei­tens, weil Mar­xis­mus anti­li­be­ral ist. Der Mar­xis­mus ent­stand als eine Kri­tik des Libe­ra­lis­mus, und der grund­le­gen­de mar­xis­ti­sche Kri­tik­punkt (auch, wenn sie es anders aus­drück­ten) war, daß die Libe­ra­len es nicht geschafft hat­ten, ihr Ver­spre­chen der Gleich­heit ein­zu­lö­sen. Denn durch Pri­vat­ei­gen­tum und den Kapi­ta­lis­mus der frei­en Märk­te beför­der­ten die Libe­ra­len die Ent­wick­lung von Hier­ar­chien, wel­che die Unter­wer­fung der einen Klas­se von Indi­vi­du­en durch die ande­re fort­führ­ten. Spä­ter trat der Faschis­mus an, eine Form der antie­ga­li­tä­ren Kri­tik bei­der vor­an­ge­gan­ge­ner Ideo­lo­gien, Libe­ra­lis­mus und Mar­xis­mus glei­cher­ma­ßen her­aus­zu­for­dern. Doch der Faschis­mus wur­de 1945 besiegt, und der Mar­xis­mus soll­te 1989 zusam­men­bre­chen. Wie ande­re bereits auf­ge­zeigt haben, spiel­te der Kol­laps im Osten aller­dings kei­ne Rol­le, weil der Mar­xis­mus zu die­sem Zeit­punkt bereits im Wes­ten erfolg­reich gewe­sen war. Natür­lich nicht, indem er den Wes­ten zum Kom­mu­nis­mus bekehr­te, son­dern indem er den west­li­chen Libe­ra­lis­mus in eine Marx­sche Rich­tung hin beein­fluß­te. Wis­sen Sie, Libe­ra­le und Mar­xis­ten tei­len sich den Glau­ben an die Tugend der Gleich­heit; des­halb muß­ten die Libe­ra­len auf die Marx­sche Her­aus­for­de­rung in die­ser Sache reagie­ren, und obwohl es Wider­stand dage­gen gab, die per­sön­li­che Frei­heit zuguns­ten all­ge­mei­ner Gleich­heit hint­an­zu­stel­len (was wir in der Bewe­gung Ayn Rands und bei den Liber­tä­ren sehen) – am Ende unter­la­gen die Libe­ra­len, weil sie an Gleich­heit glaub­ten, der Logik des Ega­li­ta­ris­mus, was eine lan­ge Pha­se der Kom­pro­mis­se, Nie­der­la­gen und Neu­aus­rich­tun­gen nach sich zog. Am Ende stand eine Form des Libe­ra­lis­mus, in der Gleich­heit das höchs­te Gut ist. Man kann das als Hege­lia­ni­sche Syn­the­se bezeich­nen. So mach­te der klas­si­sche Libe­ra­lis­mus dem moder­nen Libe­ra­lis­mus Platz.

Die Frank­fur­ter Schu­le spiel­te in der Nach­kriegs­zeit eine Schlüs­sel­rol­le in der Ver­mitt­lung die­ses Pro­zes­ses, und mehr noch tat das die Neue Lin­ke in den 60er und 70er Jah­ren. Doch die Schlacht tobt noch immer – geführt vom aka­de­mi­schen Estab­lish­ment, das einer freu­do-mar­xis­ti­schen Tra­di­ti­on der Scho­las­tik ver­pflich­tet ist und fort­fährt, die Welt­an­schau­ung zukünf­ti­ger Füh­rer des Estab­lish­ment zu for­men. Für vie­le ist heu­te die ein­zi­ge mora­lisch ver­tret­ba­re – und ein­zi­ge gerech­te – Alter­na­ti­ve der Liber­ta­ris­mus, aber die Liber­tä­ren befin­den sich poli­tisch in der Min­der­heit. Moder­ner Libe­ra­lis­mus ist in der gan­zen west­li­chen Welt die ein­zi­ge Opti­on, egal zu wel­chem Zweck. Und das bedeu­tet, daß der Ega­li­ta­ris­mus die eine, mäch­ti­ge Idee ist, die Denk­rich­tung und Agen­da in allen Berei­chen fest­legt. In der Poli­tik, die von den Libe­ra­len domi­niert ist; an den Uni­ver­si­tä­ten, die von den Lin­ken domi­niert sind; im öffent­li­chen Dis­kurs, der von den links­li­be­ra­len Medi­en domi­niert ist und von der Sehn­sucht der Men­schen nach Zunei­gung und Akzep­tanz von ihren Freun­den, Fami­li­en, Arbeit­ge­bern, zukünf­ti­gen Arbeit­ge­bern und Mitbürgern.

Ich habe es schon frü­her gesagt, aber es muß immer wie­der fest­ge­stellt wer­den: Wir erken­nen die Kor­rupt­heit des Estab­lish­ments, und wir begrei­fen unser Zeit­al­ter als den Win­ter der Zivi­li­sa­ti­on, das Kali-Yuga, ein Däm­me­rungs­zeit­al­ter von Apa­thie, Selbst­sucht, Mate­ria­lis­mus, Cha­os und mora­li­scher Auf­lö­sung – aber in Wirk­lich­keit leben wir in einem puri­ta­ni­schen Zeit­al­ter. Denn wenn es um den Glau­ben an die mora­li­sche Tugend der Gleich­heit geht, ver­langt das Sys­tem abso­lu­te gedank­li­che Rein­heit von uns. Jene, die abwei­chen – die Skep­ti­ker, die Ungläu­bi­gen, die stol­zen Ket­zer, die ihren Unglau­ben laut äußern –, wer­den fürch­ter­lich bestraft, wer­den gna­den­los gepeitscht mit beruf­li­chen und steu­er­li­chen Sank­tio­nen, wer­den aus­ge­sto­ßen und bis­wei­len vor Gericht gezerrt, und schlim­mer noch: Ihre Mensch­lich­keit wird infra­ge gestellt. Hier im Wes­ten also, aus der Sicht der gegen­wär­ti­gen Moral­phi­lo­so­phie, leben wir in oder nähern uns einem gol­de­nen Zeit­al­ter des puri­ta­ni­schen Ega­li­ta­ris­mus. Und das Stre­ben nach mora­li­scher Rein­heit trägt offen­sicht­li­che reli­giö­se Züge. Uns begeg­nen end­lo­se See­len­er­for­schun­gen, end­lo­se Hexen­jag­den, end­lo­se Akte des Bekennt­nis­ses und der Buße. Selbst die Kon­troll­me­cha­nis­men gegen­über Straf­tä­tern und das Straf­rechts­sys­tem sind nicht immun gegen­über dem Ver­lan­gen nach mora­li­scher Reinheit.

Nach­dem wäh­rend der Hexen­pro­zes­se von Salem im Mas­sa­chu­setts der Kolo­ni­al­zeit Brid­get Bishop hin­ge­rich­tet wor­den war, ver­tag­te sich das Anhö­rungs­ge­richt für zwan­zig Tage, um von den ein­fluß­reichs­ten Pfar­rern Neu­eng­lands Rat ein­zu­ho­len. Als die Ant­wort ein­traf, lau­te­te Punkt Drei: „Wir befin­den, daß bei der Ver­fol­gung die­ser und sons­ti­ger Hexen­wer­ke sehr kri­ti­sche und aus­ge­wähl­te Vor­sicht von­nö­ten ist, damit nicht durch Leicht­gläu­big­keit gegen­über Din­gen des Teu­fels das Tor zu einer lan­gen Fol­ge furcht­ba­rer Kon­se­quen­zen auf­ge­sto­ßen wird und Satan die Ober­hand über uns gewinnt; denn wir dür­fen sei­ne Mit­tel nicht ver­ach­ten.“ Dies wur­de 1692 geschrie­ben, und es erscheint unheim­lich aktu­ell, nicht wahr? Es liest sich bei­na­he wie der Macph­er­son-Report [eine Stu­die von 1999 über „insti­tu­tio­na­li­sier­ten Ras­sis­mus“ bei der Lon­do­ner Poli­zei; N.W.]! Und die Herr­schaft der Angst dehnt sich über Per­sön­lich­kei­ten und Insti­tu­tio­nen des öffent­li­chen Lebens hin­aus aus. Sogar Pri­vat­per­so­nen, die abwei­chen­de Mei­nun­gen ver­tre­ten, leben mit der Furcht vor Ent­de­ckung. Und es sieht nicht zwangs­läu­fig so aus, daß sie die poli­tisch inkor­rek­te Ansicht X äußern, als nächs­tes in tiefs­ter Nacht ein Klop­fen an der Tür hören und sie dar­auf­hin von den Gleich­heits­kom­mis­sa­ren davon­ge­zerrt wer­den, um in den Gulags der libe­ra­len Demo­kra­tie zu verschwinden.

Weil selbst Non­kon­for­mis­ten vor­sich­tig sind bei dem, was sie sagen, wo sie es sagen und in wel­cher Gesell­schaft sie es sagen, sind Kon­se­quen­zen unwahr­schein­lich. Sie klei­den ihre Äuße­run­gen in Euphe­mis­men, reden um den hei­ßen Brei her­um, sie ersti­cken ihre Aus­sa­gen in para­no­iden Vor­weg­nah­men und Ein­schrän­kun­gen. Selbst, wenn sie allein sind, liegt der ein­zi­ge Ort, an dem sie sich sicher füh­len, inner­halb ihrer eige­nen Köp­fe – selbst dann leben sie in Angst vor ihren eige­nen Gedanken.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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