Sezession
26. Januar 2014

Das war’s. Diesmal mit: pädagogischen V-Männern, Agrarpornos und der Sehnsucht nach Normalität

Ellen Kositza

21.1. 2014

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die christliche Gemeinschaft der „Zwölf Stämme“ und der Kindesentzug läßt mir keine Ruhe. Der Süddeutschen Zeitung auch nicht. Abermals wird nachgelegt, auf einer vollen Seite, nun durch Heribert Prantl himself. Prantl zitiert:

„Art und Maß der Züchtigung muß sich nach der körperlichen Beschaffenheit des Kindes, seinem Alter, nach der Größe seiner Verfehlung und nach seiner allgemeinen sittlichen Verdorbenheit richten. Rechtfertigen diese Umstände die Anwendung solcher Züchtigungsmittel, die eine nachhaltige und schmerzhafte Wirkung hervorrufen, so wird regelmäßig anzunehmen sein, daß damit die Grenzen einer vernünftigen Züchtigung nicht überschritten sind.“

Das ist nicht der Grundsatz der „Zwölf Stämme“, die ungehorsame Kinder mit einem Stöckchen auf den rechten Weg bringen wollen. Nein, das verlautbarte der Bundesgerichtshof noch 1952. Noch in einem Urteil des Jahres 1986 sei eine Tracht Prügel „nach Prüfung der objektiven und subjektiven Umstände“ für zulässig gehalten worden. Prantls argumentiert in dialektischen Volten. Er legt dar, daß das Verbot jeglicher Züchtigung eine höchstmoderne Errungenschaft ist, er stimmt zu, daß der Staat sich nicht als „Obererzieher“ und „pädagogischer V-Mann“ in die Belange der Familie einmischen darf, er gibt zu bedenken, daß auch der heutige Leistungsdruck auf Kinder als demütigend und „gewalttätig“ gewertet werden könne. Sein Schluß lautet aber, daß der Staat sehr wohl einschreiten muß, erst mit Hilfe von Kinderkrippen, dann durch Trennung von der Familie, da Kinder Rechtssubjekte seien, „Grundrechtsträger mit Menschenwürde“.

In der ersten Reportage der SZ über die „Zwölf Stämme“ war deutlich geworden, daß die grundsätzlich und überzeugungsgemäß friedfertigen Eltern dort es strikt ablehnen, im Zorn ihre Kinder zu züchtigen. Deshalb setzt es keine impulsiven Watschen, deshalb wird die Strafe auch durch ein eher symbolisches Medium, das Stöckchen, ausgetragen. Die SZ schweigt darüber, wie häufig das geschehen ist, und ob die „Schläge“ je sichtbare Blessuren (wie Striemen) hinterlassen haben. Der selbstgerechte Ton der Aufregung legt nahe, daß es sich keinesfalls um „Prügeleien“ handeln kann, sonst hätten sie die Strafmale erwähnt.

Prantl beruft sich in seiner Argumentation auf's Grundgesetz, wonach „wenn Erziehungsberichtigte versagen oder die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen“, die Kleinen von der Familie getrennt werden müssen.

Mein Eindruck aus drei eher unfreundlichen SZ- Artikeln zu den „Zwölf Stämmen“ ist, daß diese Gemeinschaft auf der bundesdeutschen Verwahrlosungsskala zwischen 1 (unverwahrlost) und 10 (extrem verwahrlost) zwischen eins und zwei einzuordnen wäre.

Und, dies bitte nicht aus dem Gedächtnis verlieren: Vorgeburtliche tödliche Gewalt an Kindern wird im Lande Prantls nicht geahndet, sie wird aus der Staatskasse unterstützt.

Um der Frage gleich zu begegnen: Nein, wir verhauen unsere Kinder nie, weder rituell noch spontan. Es gibt keinen Anlaß.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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