Das war’s. Diesmal mit: pädagogischen V‑Männern, Agrarpornos und der Sehnsucht nach Normalität

21.1. 2014

Die christliche Gemeinschaft der „Zwölf Stämme“ und der Kindesentzug läßt mir keine Ruhe. Der Süddeutschen Zeitung auch nicht. Abermals wird nachgelegt, auf einer vollen Seite, nun durch Heribert Prantl himself. Prantl zitiert:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

„Art und Maß der Züch­ti­gung muß sich nach der kör­per­li­chen Beschaf­fen­heit des Kin­des, sei­nem Alter, nach der Grö­ße sei­ner Ver­feh­lung und nach sei­ner all­ge­mei­nen sitt­li­chen Ver­dor­ben­heit rich­ten. Recht­fer­ti­gen die­se Umstän­de die Anwen­dung sol­cher Züch­ti­gungs­mit­tel, die eine nach­hal­ti­ge und schmerz­haf­te Wir­kung her­vor­ru­fen, so wird regel­mä­ßig anzu­neh­men sein, daß damit die Gren­zen einer ver­nünf­ti­gen Züch­ti­gung nicht über­schrit­ten sind.“

Das ist nicht der Grund­satz der „Zwölf Stäm­me“, die unge­hor­sa­me Kin­der mit einem Stöck­chen auf den rech­ten Weg brin­gen wol­len. Nein, das ver­laut­bar­te der Bun­des­ge­richts­hof noch 1952. Noch in einem Urteil des Jah­res 1986 sei eine Tracht Prü­gel „nach Prü­fung der objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Umstän­de“ für zuläs­sig gehal­ten wor­den. Prantls argu­men­tiert in dia­lek­ti­schen Vol­ten. Er legt dar, daß das Ver­bot jeg­li­cher Züch­ti­gung eine höchst­mo­der­ne Errun­gen­schaft ist, er stimmt zu, daß der Staat sich nicht als „Oberer­zie­her“ und „päd­ago­gi­scher V‑Mann“ in die Belan­ge der Fami­lie ein­mi­schen darf, er gibt zu beden­ken, daß auch der heu­ti­ge Leis­tungs­druck auf Kin­der als demü­ti­gend und „gewalt­tä­tig“ gewer­tet wer­den kön­ne. Sein Schluß lau­tet aber, daß der Staat sehr wohl ein­schrei­ten muß, erst mit Hil­fe von Kin­der­krip­pen, dann durch Tren­nung von der Fami­lie, da Kin­der Rechts­sub­jek­te sei­en, „Grund­rechts­trä­ger mit Menschenwürde“.

In der ers­ten Repor­ta­ge der SZ über die „Zwölf Stäm­me“ war deut­lich gewor­den, daß die grund­sätz­lich und über­zeu­gungs­ge­mäß fried­fer­ti­gen Eltern dort es strikt ableh­nen, im Zorn ihre Kin­der zu züch­ti­gen. Des­halb setzt es kei­ne impul­si­ven Wat­schen, des­halb wird die Stra­fe auch durch ein eher sym­bo­li­sches Medi­um, das Stöck­chen, aus­ge­tra­gen. Die SZ schweigt dar­über, wie häu­fig das gesche­hen ist, und ob die „Schlä­ge“ je sicht­ba­re Bles­su­ren (wie Strie­men) hin­ter­las­sen haben. Der selbst­ge­rech­te Ton der Auf­re­gung legt nahe, daß es sich kei­nes­falls um „Prü­ge­lei­en“ han­deln kann, sonst hät­ten sie die Straf­ma­le erwähnt.

Prantl beruft sich in sei­ner Argu­men­ta­ti­on auf’s Grund­ge­setz, wonach „wenn Erzie­hungs­be­rich­tig­te ver­sa­gen oder die Kin­der aus ande­ren Grün­den zu ver­wahr­lo­sen dro­hen“, die Klei­nen von der Fami­lie getrennt wer­den müssen.

Mein Ein­druck aus drei eher unfreund­li­chen SZ- Arti­keln zu den „Zwölf Stäm­men“ ist, daß die­se Gemein­schaft auf der bun­des­deut­schen Ver­wahr­lo­sungs­ska­la zwi­schen 1 (unver­wahr­lost) und 10 (extrem ver­wahr­lost) zwi­schen eins und zwei ein­zu­ord­nen wäre.

Und, dies bit­te nicht aus dem Gedächt­nis ver­lie­ren: Vor­ge­burt­li­che töd­li­che Gewalt an Kin­dern wird im Lan­de Prantls nicht geahn­det, sie wird aus der Staats­kas­se unterstützt.

Um der Fra­ge gleich zu begeg­nen: Nein, wir ver­hau­en unse­re Kin­der nie, weder ritu­ell noch spon­tan. Es gibt kei­nen Anlaß.

21.1. 2014

Wenn ich die­ser Tage Chris­ti­an Sei­del ent­ge­hen woll­te, müß­te ich mir ein Medi­en­ver­bot auf­er­le­gen. Er ist über­all. In Per­lon-Leg­gings, Stö­ckel­pumps und mit roten Fin­ger­nä­geln auf einer vol­len Sei­te in der SZ, im DLF-Inter­view, die­ser Tage auch in einer eige­nen Sen­dung auf Arte. Die BILD schreibt: Ganz Deutsch­land spricht über Sei­del. Nicht mal die Jun­ge Frei­heit bie­tet Erho­lung, denn wen haben sie im Fra­ge­bo­gen-Inte­view: Chris­ti­an Seidel!

Der groß­ge­wach­se­ne Mann hat fast zwei Jah­re als Frau gelebt. Nicht aus Grün­den sexu­el­ler Per­ver­si­on – gemei­ner Gedan­ke! – son­dern um mal „raus­zu­gu­cken aus dem Män­ner­k­nast.“ Er hat erst durch die Selbst­er­fah­rung mit den umge­häng­ten schwe­ren Brüs­ten gemerkt, was für ein „enges Dasein“ das Mann­sein ist. Schlimm sei ja, daß es heu­te zwar „tren­dy“ sei, wenn eine Frau mit auf­ge­kleb­tem Schnurr­bart zur Arbeit fah­re. (Eine Mode übri­gens, die Schnell­ro­da noch nicht erreicht hat, EK.) Aber, lei­der, als Mann in Frau­en­klei­dern „bist du sofort abge­stem­pelt.“ Es nerv­te Sei­del, den Medi­en­mann, daß alle frag­ten, war­um er in Frau­en­klei­dern rum­lau­fe. Dabei sieht er sich als Aben­teu­rer, und Aben­teu­rer sei­en bekannt­lich die männ­lichs­ten Männer.

Ach, Män­ner! Auf die ist er nicht gut so spre­chen. Die hät­ten ihm „immer und immer wie­der“ mit ihren Fin­gern in die Brust gebohrt. Sei­del fin­det, die Gren­ze zwi­schen Mann und Frau ent­beh­re jeder Logik und jeder Ratio­na­li­tät. Als Frau hat­te er „Shop­pin­g­at­ta­cken wie Fie­ber­schü­be“. Sei­ne Wahn­sinns­er­fah­rung hat ihn auch trau­rig gemacht. Schlim­mer als die Grabsch-Atta­cken sei die „küh­le Tole­ranz“ „voll aus der Mit­te“ gewe­sen“. Sei­ne Freun­de aus der Kunst­sze­ne hät­ten ihn mit ihrer Mega-Akzep­tanz „am meis­ten geschockt.“ Da sei er in Wol­ken aus Par­fum und schmuck­be­hängt daher­ge­kom­men, „und alle tun so, als seist du ein Mann. Hal­lo Chris­ti­an. Völ­lig absurd.“

Chris­ti­an Sei­del (übri­gens ver­hei­ra­tet mit einer Frau) hat sein Expe­ri­ment auf­ge­ge­ben, obwohl er gern wei­ter­ge­macht hät­te. „Aber die Gesell­schaft kann es nicht ertra­gen.“ Die SZ-Autorin, die die­sem „Wag­nis“ offen­kun­dig mit aller­größ­ter Bewun­de­rung gegen­über­steht, fin­det ein Trost­wort von Erich Fromm pas­send: „Die Nor­mals­ten sind die Krän­kes­ten. Und die Kränks­ten die Gesün­des­ten.“ War das nicht von Orwell? Und ging´s nicht ganz leicht anders: „Krieg ist Frie­den, Frei­heit ist Sklaverei?“

22.1. 2014

Zwei Jour­na­lis­ten wer­den für ihr feh­ler­haf­tes Inter­view­ver­hal­ten streng gerügt.

1. Mar­kus Lanz sei Sarah Wagen­knecht, Lin­ke-Poli­ti­ke­rin und bis vor ein paar Jah­ren Mit­glied der „Kom­mu­nis­ti­schen Platt­form“, gesprächs­tech­nisch unan­ge­mes­sen hart ange­gan­gen. Über 160 000 Inter­net­men­schen hat das der­art auf­ge­regt, daß sie das ZDF in einer Peti­ti­on auf­for­der­ten, Lanz umge­hend zu feu­ern. Der Sen­der hat Fehl­ver­hal­ten ein­ge­räumt, Lanz hat sich bei Frau Wagen­knecht per­sön­lich in einem fünf­zehn­mi­nü­ti­gen Tele­phon­ge­spräch entschuldigt.

2. Jür­gen Limin­ski hat einen lin­ken Ent­rüs­tungs­sturm über sich erge­hen las­sen müs­sen. Er hat­te als DLF-Mode­ra­tor einen „Fami­li­en­lob­by­is­ten“ inter­viewt. Der kon­ser­va­ti­ve Euro­pa­po­li­ti­ker Tobi­as Teu­scher sag­te dar­in, daß „eine Mehr­heit von Lin­ken, Grü­nen und Libe­ra­len dar­an arbei­te, Homo­se­xua­li­tät als »Leit­kul­tur« in der Euro­päi­schen Uni­on fest­zu­schrei­ben. Limin­ski ver­zich­te drauf, hier scharf ein­zu­ha­ken. Dem „Medi­en­be­ob­ach­ter“ Ste­fan Nig­ge­mei­er gefiel das nicht: „Er unter­brach ihn nicht und for­der­te ihn nicht her­aus.“ Nig­ge­mei­er hat sich mit schar­fen Wor­ten an den Deutsch­land­funk gewandt. Chef­re­dak­teue­rin Bir­git Went­zi­en erklär­te umge­hend, ja, Jür­gen Lin­mink­si sei sei­ner Auf­ga­be nicht gerecht gewor­den. Eine „deut­lich weni­ger affir­ma­ti­ve Gesprächs­füh­rung“ wäre ange­bracht gewesen.

Bleibt fest­zu­hal­ten: Affir­ma­ti­ve Gesprächs­füh­rung: ja, aber bit­te nur mit Leu­ten, die den Zeit­geist affir­mie­ren. (Wenn DLF-Leu­te mit Jür­gen Trit­tin reden, füh­le ich mich immer als belausch­te ich einen Flirt.) Bei allen ande­ren bit­te: Weg­bei­ßen, am bes­ten aber gar nicht reden, mit dem Pack. Muß ja nicht jeder zu Wort kommen.

23.1. 2014

Wenn Lin­ke demons­trie­ren, wer­den sie „jun­ge Leu­te“ genannt, „Unzu­frie­de­ne“, „Enga­gier­te“, wenn’s Nicht-Lin­ke sind, ist die Rede von „Boden­satz“, „Que­ru­lan­ten“, „Dumpf­ba­cken.“ Zum Koch­topf Ukrai­ne kann man als Medi­en­kon­su­ment kaum eine Posi­ti­on ein­neh­men. Es wirkt natür­lich, als hät­ten die Regie­rungs­geg­ner alles Recht auf ihrer Sei­te. Sie ste­hen ja für Men­schen­recht und Selbst­be­stim­mung, und hoch­enga­giert sind sie defi­ni­tiv. Auf­fäl­lig wird’s, wenn in der Son­der­sen­dung nach der Tages­schau nach­ge­fragt wird, was denn mit der offen­kun­di­gen Gewalt sei, die auch von den Demons­tran­ten aus­ge­he, und die Ant­wort lau­tet: Das sei­en rech­te Split­ter­grüpp­chen. Was sonst!

Zwei sech­zehn­jäh­ri­ge Gym­na­si­sa­tin­nen haben einen Leser­brief an die SZ ver­faßt. Deren Schul­klas­se hat sich im Poli­tik­un­ter­richt mit den Stel­lung­nah­men von Olaf Scholz zu den Rote-Flo­ra-Ran­da­len in Ham­burg aus­ein­an­der­ge­setzt. „Der Bür­ger­meis­ter hat rich­tig erfaßt, daß gewalt­tä­ti­gen Demons­tra­tio­nen nichts Poli­ti­sches zugrun­de liegt“, schrei­ben die Mäd­chen. Lek­ti­on brav gelernt: Lin­ke Kra­wal­le sind nicht lin­ke Kra­wal­le, son­dern unpo­li­tisch. Eine Aus­nah­me­erschei­nung ist übri­gens das “Inter­view” in der aktu­el­len Zeit mit zwei Ham­bur­ger Anarcho-Aktivisten.

24.1. 2014

Muß man dau­ernd meckern? Wo bleibt denn da das Positive?

Klar, das gibt’s in Hül­le und Fül­le. Zum Glück gibt’s noch Zei­tun­gen, die für sol­che Refu­gi­en ein Auge haben. Über Hele­ne Fischer, „cool und sexy, vol­ler Gefühl und sym­pa­thisch“ wur­de schon viel geschrie­ben, aber noch nicht von jedem. Unser Leib- und Magen­blatt bil­det die „bild­hüb­sche, jun­ge“ Schla­ger­kö­ni­gin in vol­ler Bein­län­ge ab. Das ist auch wirk­lich schön: „Hele­ne Fischer erfüllt die weit­ver­brei­te­te Sehn­sucht nach Nor­ma­li­tät“. Was will man mehr?  Bei­na­he noch schö­ner (eher: gei­ler) ist ein ande­rer Trend, im sel­ben Blatt auf­ge­tan: Agrar­por­nos. (Begriff stammt nicht von mir, steht so im Blatt, EK). Dabei geht es um Video­auf­nah­men von gigan­ti­schen Land­ma­schi­nen („ech­te Kolos­se“) im Ein­satz, die mit „Räums­child und Gewich­ten zum Ver­dich­ten auf Mais­si­la­ge für Bio­gas­an­la­gen her­um­fah­ren.“ In „spek­ta­ku­lä­ren Auf­nah­men“ vol­ler „Ästhe­tik“, unter­malt durch Tech­no­mu­sik („ger­ne auch har­te und rocki­ge Sequen­zen“) wer­den  Groß­ge­rä­te beim Pflü­gen der Schol­le prä­sen­tiert.   Es offen­ba­re sich in der Beliebt­heit nach die­sen Por­no­film­chen eine „Sehn­sucht nach Urwüch­sig­keit“, nach „Erde und Heu“, schreibt ahnungs­voll das Leib- und Magenblatt.

Ja: Es gibt noch Gutes, Wah­res, Schö­nes. Ein Däm­lack, der’s nicht sehen will.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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