Sezession
5. Februar 2014

Die 40 Prozent – Eine Frage der Haltung

Nils Wegner

Erste Veranstaltungswoche eines neuen Semesters, gegen Ende einer einführenden Seminarsitzung. Nach kurzer allgemeiner Selbstvorstellung des Dozenten und der versammelten Studenten verschiedener Studiengänge und -richtungen sowie der Aushändigung des Semesterplans die Frage, was es noch zu klären gäbe. Eine Kommilitonin mit einigem Metall im Gesicht äußert zurückgelehnt, ohne Aufzeigen: „Ihnen dürfte ja wohl hoffentlich klar sein, daß es für uns keine Anwesenheitspflicht mehr gibt.“

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Diese und vergleichbare Szenen habe ich einige Male miterlebt. Auf die für einige Studenten offenbar lebenswichtige Klarstellung der beliebigen Teilnahme reagierten die Dozenten zumeist mit der lapidaren Antwort, daß nichtsdestoweniger eine Liste geführt werde und man sich, wenn das Gesamtkonzept der jeweiligen Veranstaltung nicht genug Anreiz für eine regelmäßige Anwesenheit biete, noch anderweitig eintragen könne. Gewiß, ein höflicher und unverbindlicher Hinweis – das wirkliche und sich im Verlauf des Semesters stets Bahn brechende Problem der grundlegenden Geringschätzung für das Studium und die damit verbundene Arbeit aber vermag derlei Ratschlag nicht zu berühren.

Nun hat zum Wochenbeginn das Statistische Bundesamt in bemerkenswerter Offenheit Zahlen veröffentlicht, die Bände über die Mentalitäten an deutschen Hochschulen sprechen. Demnach lag der Anteil der Absolventen, die 2012 ihren jeweiligen Studiengang im Rahmen der Regelstudienzeit abschlossen, bei knapp unter 40 Prozent. Das legt einerseits die (seit langem bekannten) Aporien im Zuge der übereilten Bologna-Reform offen – andererseits beleuchtet es auch die Verwerfungen in Zeiten eines „menschenfeindliche[n] Massenstudium[s]“, wie es ausgerechnet der UniSPIEGEL unbedacht beschrieben hat.

Da ist vor allem der schöne Schein der „gold'nen Academia“, obwohl diese Formulierung aus den Glanzzeiten des Bildungsbürger- und Korporationsstudententums selbstverständlich nicht mehr verwendet wird. Das betreiben heute alle großen bundesrepublikanischen Pressehäuser mit ihren jeweils eigenen Studentenformaten, sei es UniSPIEGEL oder ZEIT Campus. Hier werden zwischen den üblichen Versatzstücken heutiger Zeitschriften für Heranwachsende (Sex, Parties, Sex auf Parties, Drogen auf Parties, Sex auf Drogen...) Maßstäbe gesetzt, denn natürlich hätte manch ein Student nach dem Abschluß – wann er auch kommen mag; das hat hier meist etwas schicksalhaftes und wenig mit eigener Anstrengung zu tun – gern einen Job, was ihm böswillige Personalchefs schwermachen. Tipps zur Bewerbung sind also gefragt, Tipps zu abseitigen und daher offenen Berufsfeldern, zu Praktika, Auslandssemestern und so fort. Andererseits stehen auch immer Foren für die Benachteiligten dieser Bildungswelt offen, wie unlängst wieder einmal die ZEIT mit ihrer Sammlung skurriler Prüfungssituationen vorexerziert hat. Wie immer bei Online-Zeitungsseiten jedweder Couleur, so sind auch hier wieder die Kommentare wahre Leckerbissen (bitte bedenken, daß das wohl vor "#Aufschrei" war...):

Testat am Ende des Anatomiekurses. Wir Studenten versammeln uns um die von uns präparierte Leiche. Der Professor fragt eine sehr hübsche Studentin:
"Na, Frau Doktor, sagen Sie mal: Sind die Schamlippen sensibel oder motorisch innerviert?"
Die Studentin läuft puterrot an, fängt an zu stottern und sagt schließlich: motorisch!
Daraufhin der Professor: "Na, dann klatschen Sie mal damit."

Das unangefochtene Flaggschiff der „Jung, schön und hoffnungslos“-Nische ist aber die unsägliche NEON, Tintenschaumgeborene aus der stern-Retorte. In dieser Zeitschrift sind alle, aber auch wirklich alle Menschen unsagbar hip, verspritzen jugendliche Frische aus allen Poren und lassen in ihrer von Herzen kommenden Alternativität bisweilen Zweifel daran aufkommen, ob überhaupt irgendjemand aus der Alterskohorte 20–35 derzeit einer geregelten Arbeit nachgeht. Auf ihren investigativen Streifzügen durch die Bildungsrepublik gabeln die eifrigen Schreiberlein in jeder Ausgabe die Crème der Wendegeborenen auf, und ja, Studieren gehört meistens irgendwie einfach dazu. Jeder kann, jeder soll dürfen – und dann, nachdem man auf dem Campus ein paar neue Bekanntschaften gemacht hat, folgt das oben skizzierte „gute Leben“. Auch, wenn man berechtigte Zweifel daran haben kann, wie sehr sich Leser von solchen Überzeichnungen beeinflussen lassen: Die NEON findet sich landauf, landab in Studentenhänden, selbst wenn die ZEIT Campus in der Mensa für nur einen Euro über die Theke geht und es noch einen knusprigen Neapolitaner gratis dazugibt.

In meiner bisherigen Studienzeit habe ich Kommilitonen erlebt, die lebhaft und leidenschaftlich dafür einstanden, daß der SPIEGEL und wikipedia wissenschaftlich absolut reputable Quellen seien. Eine junge Dame erklärte mir, ein Referat frontal im Stehen zu halten und sich dabei gelegentlich mit den Händen auf das Pult zu stützen, zeuge von einem autoritären Charakter und sage alles über mich als Menschen aus. Ein immer sehr stiller und nicht sonderlich interessiert wirkender Typ kam in seinem Referat über die Aufrüstung der Wehrmacht in der ersten Hälfte der 1930er nicht umhin, wo immer möglich die Formulierung „deutsche Täter“ einzustreuen – inklusive Selbstkorrekturen mitten im Satz, wenn er einmal nicht recht auf seine heilige Mission achtgegeben hatte. Nun ist das eine Halbbildung, für die vermutlich seltsame Maßstäbe im Schulunterricht verantwortlich sind, und das andere spätpubertäres Sendungsbewußtsein, indem man durch möglichst lautes Klagen in kleinem Kreise sein Scherflein zur Weltverbesserung leisten möchte. Nicht schön, aber mit einem Achselzucken quittierbar. Viel schlimmer ist die real existierende Naivität, mit der so viele ins Studium gehen, um mit Pauken und Trompeten unterzugehen.

Nun ist gerade „Geschichte“ leider ein Studiengang, der gerade jene magisch anzieht, die nach dem Abitur (das abzulegen mittlerweile wahrlich keine Kunst mehr ist) nicht so recht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Die Bundeswehr ist ja mittlerweile kein Thema mehr, purer Zivildienst muß auch nicht unbedingt sein; dann lieber ein „Freiwilliges soziales Jahr“, gerne im Ausland, oder gleich erstmal für längere Zeit auf Reisen gehen, um sich von der Schulzeit zu erholen. Schließlich aber wird man doch von der Frage eingeholt, was nun kommen soll – und im Zweifelsfall wird's dann eben die Uni, denn das machen ja irgendwie alle und in der Zeitschrift steht, daß das voll geil spaßig wird. Schnell noch einmal in die Zeugnisse geschaut: „Och ja, in Geschichte [wahlweise auch Deutsch oder Politik; N.W.] war ich mündlich immer ganz gut, studier' ich das jetzt mal.“ Entsprechend die Bewerbungen geschrieben, und irgendwo wird man dann schon genommen werden – auch das hat mittlerweile ja nichts mehr mit Glück oder herausragenden Leistungen zu tun. Was das wiederum für Auswirkungen auf die Nachwuchssituation der Wirtschaft hat, davon mag der Präsident der Industrie- und Handelskammer berichten.

Geschichte“ also, oder „Deutsch“, oder „Politik“. Das allerdings gibt meist schon in den Einführungsveranstaltungen ein böses Erwachen, wenn die tatsächlichen Geisteswissenschaften ihre methodologischen Flügel spreizen und die illusorischen Vorstellungen von verlängerten Schulfächern zerfetzen – wenn der so schön erträumte akademische Weg nicht bereits an den unvermeidlichen Regularien endet. Zwar wurden Zulassungsbeschränkungen und andere Hürden energisch aus dem Weg geräumt, doch wurde das bürokratische Dickicht um die Universitäten dadurch eher noch dichter. Darauf muß man vorbereitet sein; ansonsten bleiben nur Mühe oder Resignation.

Eine schöne Szene gab es in der allerersten Vorlesung meines geisteswissenschaftlichen Studiums, nachdem ich nach dem dritten Semester Humanmedizin herübergewechselt war. Ein mit grundlegenden Erklärungen betrauter Dozent (der Dekan? ein Jahrgangsleiter?) wies die große Runde von um die 300 Studienanfängern gegen Ende seiner Ausführungen in einem Nebensatz darauf hin, daß an dieser Universität jeder Hauptfach-Student der Geschichtswissenschaft bis zur „Halbzeit“ – also innerhalb von drei Semestern – ein Latinum vorlegen müsse, „wie ja allen bekannt sein dürfte“. Offenbar ein Trugschluß: Man konnte beinahe hören, wie ringsum die Kinnladen herunterfielen. Die Studienordnung hatte natürlich kaum jemand gelesen, nicht einmal nach Erhalt des Zulassungsbescheids. Das universitäre Angebot, die lateinische Schriftsprache innerhalb jener eineinhalb Jahre in Expreßkursen zu erlernen, schien für manchen wenig verlockend; ob es, wie mir kolportiert wurde, tatsächlich knapp 50 Kommilitonen waren, die innerhalb der folgenden Wochen ihr Hauptfach wechselten, vermag ich nicht zu sagen.

Nun sind die bestürzenden Zahlen der Uni-Absolventen und ihrer jeweiligen Zeiten weißgott nicht nur auf Träumereien und Idealismus auf Seiten des akademischen Nachwuchses zurückzuführen, auch wenn die berichtenden Medien ihren Teil dazu beitragen, es dahingehend umzubiegen und als Ausfluß von Individualismus darzustellen – man muß sich bei SpOn nur einmal die Selbstbeschreibung der Autorin oder die seitlich vorgeschlagenen Artikel ansehen, um die Windrichtung zu erspüren. Daß es noch Alternativen zum Studium gibt, ja etwa das Handwerk doch ein ehrbarer Berufsstand ist, kommt dort tatsächlich vor – wohlgemerkt für Studienabbrecher (offenbar zielgruppenorientiert, oder ist jemandem ein SPIEGEL-lesender Schreiner bekannt?). Allerspätestens seit der Bologna-Reform ist das gesamte System von Grund auf verdreht und falsch; die ursprünglichen, von fachfernen Bildungsfunktionären ersonnenen Bestimmungen erwiesen sich schnell als derart bar jeder Machbarkeit, daß sich in manchen Fachbereichen noch immer mehrmals pro Jahr die Prüfungsordnungen ändern, um der Realität irgendwie Herr zu werden.

Im Rahmen des großen Bildungsstreiks 2009, in dessen Verlauf auch an meiner Universität der Lehrbetrieb für einige Tage stillstand, war eine Demo in Frankfurt angesetzt. Die dem Aufruf gefolgten Kommilitonen, die an jenem Tag eigentlich gemeinsam mit mir (und vielleicht noch dreißig weiteren „Verweigerern“) in einer Germanistik-Vorlesung hätten sitzen sollen, wurden ex post noch von der Teilnahme freigestellt – und der Dozent setzte sich in die vorderste Reihe des Hörsaals, um uns seine Sicht der Dinge darzulegen. Ein durchaus feiner Zug, durch den auch meine Meinung zur Situation (nach dem anfänglichen „Oh bitte, muß das jetzt sein?“ der Uni-Besetzung, zu der die „engagierten“ und „kritischen“ Studenten angeblich auch irgendwelche Bahnhofspenner herangekarrt hatten, um ihre dürftige Mannstärke aufzustocken) ein gutes Stück hintergründiger wurde und letztlich auch von den Ruhmesberichten der heimgekehrten Demonstranten („Also ich finde, da wurden nicht genug Steine geschmissen!“) nicht mehr zu trüben war. Letztlich hörten wir in jener eher ungewöhnlichen Vorlesung nur nochmals in geraffter Form, was man sich in Statistiken und Haushaltsbilanzen ohne weiteres auch anlesen kann.

Einerseits werden Bildungsetats zurechtgestutzt, wo es nur geht, sodaß viele Materialkosten nur noch durch Abstriche anderswo zu deckeln sind – die fast überall vollzogene Abschaffung der Studiengebühren, so angenehm sie für uns Studenten auch gewesen sein mag, war und ist also nur durch Einbußen bei der Lehre zu erkaufen. Andererseits ist die von Herrn Schweitzer aufgeworfene „Akademisierung“ eben nicht von der Hand zu weisen, was die meist anläßlich des Studentenbooms in den 70er Jahren zuletzt räumlich erweiterten Hochschulen heillos überfordert. In einem Seminar mit 39 anderen Studenten zu sitzen, macht sowohl Lernertrag als auch individuell gewichtete Prüfungsleistungen (von Klausuren einmal abgesehen, die aber jenseits von Anfangssemestern nur noch geringen Stellenwert haben) schlicht unmöglich. Auch in einem winzigen Hörsaal zu sitzen, während das gleiche Gebäude am anderen Ende zugunsten eines größeren Neubaus abgerissen wird, ununterbrochen Preßlufthämmer lärmen und alle naselang der Strom ausfällt (mir so ergangen im Kurs „Medizinische Terminologie“), ist weder sonderlich motivierend noch didaktisch wertvoll.

Dennoch: Seien es nun die verkorkste Studienrealität, uni-bürokratische Malaise oder die je nach Fach mäßigen Berufsaussichten (vom tatsächlichen Wert eines „Bätschelers“ auf dem Arbeitsmarkt will ich hier nicht anfangen) – irgendwie kommt man durch. Es ist durchaus möglich, in Regelstudienzeit fertigzuwerden sowie je nach persönlichen Vorlieben und (finanziellen) Bedürfnissen daneben noch zu arbeiten, aktiv zu sein und ein Sozialleben zu haben. Dabei hilft ein gerüttelt Maß an Kaltblütigkeit, Organisationsvermögen und vor allem die Kunst, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Das andere Extrem neben den laissez-faire-Hobbystudenten, nämlich jene, die für eine spätere Karriere schuften wie die Ackergäule, führt bisweilen gar unter die Erde. Auch unter meinen Kommilitonen habe ich solche erlebt, die mit 22 Jahren völlig ausgebrannt waren und ihren Alltag nur noch mit Unmengen an Red Bull und Zynismus durchhielten. Jenseits aller Gesinnungsschnüffelei, Denunziation und sonstiger Schikanen ist ein Studium auch „einfach so“ kein Spaziergang, und die oben genannten Meinungsbildner täten gut daran, ihre Jünger darüber aufzuklären. So ist denn auch die Überschrift dieser Gedankenskizze semantisch bewußt zweideutig: Es geht durchaus nicht nur um die Haltung jener 40 Prozent „ordentlicher“ Studenten, sondern auch um die Haltung zu eben diesen.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


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