Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914–1918

Rezension aus Sezession 58 / Februar 2014 von Martin Grundweg

Dieses Buch eines »Etablierten« über den Ersten Weltkrieg hält positive Überraschungen bereit: Für Herfried Münkler war das Deutsche Kaiserreich kein Hort des Bösen, vielmehr war die Selbststilisierung Frankreichs, Englands und der USA zu Verteidigern der Demokratie gegen die Barbarei reine Propaganda.

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Die deut­schen »Ideen von 1914« ent­hal­ten ein poli­tisch kon­struk­ti­ves Frei­heits­ver­ständ­nis; »Tan­nen­berg« und »Lan­ge­marck« sind zwar deut­sche »Mythen«, hal­ten aber im Kern einer »Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung« stand, weil weder an der mili­tä­ri­schen Leis­tung bei Tan­nen­berg noch an der mili­tä­risch zwar sinn­lo­sen, aber den­noch über­mü­tig-hel­den­haf­ten Opfer­be­reit­schaft der Frei­wil­li­gen bei Lan­ge­marck zu zwei­feln sei; das deut­sche »August­er­leb­nis« für »wider­legt« zu hal­ten, nur weil nicht sämt­li­che Deut­schen im August 1914 glei­cher­ma­ßen begeis­tert über den Kriegs­aus­bruch waren, ist gro­tesk; das Schei­tern der deut­schen und der US-ame­ri­ka­ni­schen Frie­dens­in­itia­ti­ven war nicht die Schuld des um Ver­stän­di­gung bemüh­ten Reichs­kanz­lers Beth­mann Hol­lweg, son­dern sei­ner unver­söhn­li­chen fran­zö­si­schen und eng­li­schen Kol­le­gen; die geo­po­li­ti­sche »Mit­tel­la­ge« Deutsch­lands ist ein tat­säch­lich bestehen­des Pro­blem; die The­se Niall Fer­gu­sons vom »fal­schen Krieg«, den Eng­land auf eige­ne Kos­ten und zum allei­ni­gen Nut­zen der USA geführt habe, ist durch­aus plausibel.

Gut und Böse sind bei Münk­ler rela­tiv gleich auf die betei­lig­ten Staa­ten ver­teilt; in Deutsch­land waren die Mili­tärs und Anne­xio­nis­ten die Bösen, wäh­rend die Poli­ti­ker und (libe­ra­len) Befür­wor­ter eines »Ver­stän­di­gungs­frie­dens« die Guten waren.

Das Buch hat aber doch zwei erheb­li­che Schwä­chen. Die ers­te ist die fast durch­gän­gig auf Deutsch­land beschränk­te natio­na­le Per­spek­ti­ve, die Münk­lers eige­nem Anspruch wider­spricht, eine Gesamt­dar­stel­lung des Ers­ten Welt­kriegs zu bie­ten. Da ist es dann zu wenig, hin und wie­der auf Ereig­nis­se in Paris, Lon­don, Wien und St. Peters­burg zu ver­wei­sen, die denen in Ber­lin mehr oder weni­ger ähn­lich waren. Vor allem aber wird durch die brei­te Schil­de­rung der deut­schen Poli­tik und Krieg­füh­rung per­ma­nent der Ein­druck eines akti­ven und angrei­fen­den Deutsch­lands und einer pas­si­ven und ver­tei­di­gen­den Entente erzeugt. Zwar nennt Münk­ler Ruß­land als die für den Kriegs­aus­bruch ent­schei­den­de Macht, hält aber ins­ge­samt doch an einer zen­tra­len Ver­ant­wor­tung Deutsch­lands für die Kriegs­ur­sa­chen sowie die Eska­la­ti­on der Julikri­se fest.

Die zwei­te Schwä­che des ‑Buches hängt damit zusam­men, daß Münk­ler kein His­to­ri­ker, son­dern Poli­to­lo­ge ist, und daß man dies auch merkt. Münk­ler bleibt ganz und gar abhän­gig von dem, was die For­schungs­li­te­ra­tur der letz­ten Jahr­zehn­te zu bie­ten hat, und kann die­se dann mit mehr oder weni­ger ori­gi­nel­len Ideen ergän­zen, aber nicht immer ein­leuch­tend in den his­to­ri­schen Zusam­men­hang einordnen.

So folgt er im gro­ßen und gan­zen der Behaup­tung, die mas­si­ve anti­deut­sche Kriegs­pro­pa­gan­da habe im »bru­ta­len Vor­ge­hen« der Deut­schen in Bel­gi­en eine ratio­na­le Ursa­che gehabt und ver­zich­tet dabei weit­ge­hend dar­auf, das Ver­hal­ten der deut­schen Besat­zungs­macht in Bel­gi­en mit dem Ver­hal­ten der Kriegs­geg­ner in ähn­li­chen Situa­tio­nen zu ver­glei­chen. Immer­hin aber ver­weist Münk­ler auf die Mög­lich­keit eines sol­chen Ver­gleichs, wenn er erwähnt, daß auch Aus­län­der wie Sven Hedin die Deut­schen mit dem Hin­weis auf das viel bru­ta­le­re Vor­ge­hen Ruß­lands in Ost­preu­ßen in Schutz nah­men. Aus uner­find­li­chen Grün­den hält Münk­ler die­se Argu­men­ta­ti­on aber für »schwach« und wenig überzeugend.

Der Unter­schied zu Arbei­ten von His­to­ri­kern fällt beson­ders ins Auge, wenn man die Dar­stel­lung der Kriegs­ur­sa­chen bei Münk­ler mit der­je­ni­gen Chris­to­pher Clarks (Die Schlaf­wand­ler) ver­gleicht: Münk­ler betont zwar, daß Deutsch­lands »Blan­ko­scheck« für Öster­reich-Ungarn in der Julikri­se 1914 alles ande­re als ver­ant­wor­tungs­los gewe­sen sei. Man müs­se auch die ganz ähn­li­chen Zusa­gen Ruß­lands an Ser­bi­en und Frank­reichs an Ruß­land berück­sich­ti­gen. Auch kön­ne von einer »Stö­ren­fried­rol­le« des Deut­schen Rei­ches nur bedingt gespro­chen wer­den. Er bleibt aber doch der alten Sicht­wei­se ver­haf­tet, nach der Deutsch­lands blo­ßes Vor­han­den­sein eine Art Sicher­heits­ri­si­ko für die Entente-Mäch­te gewe­sen sei, ange­sichts des­sen die deut­sche Poli­tik ein beson­ne­ne­res Auf­tre­ten an den Tag hät­te legen müs­sen. Clark zeigt dage­gen, daß die Ein­krei­sung Deutsch­lands kaum mit einer angeb­li­chen deut­schen »Gefahr« zusam­men­hing, son­dern mit davon unab­hän­gi­gen Ver­schie­bun­gen des euro­päi­schen Staatensystems.

Trotz die­ser Schwä­chen ist Münk­lers Buch zu begrü­ßen. Als stel­len­wei­se ori­gi­nel­ler Über­blick über den Ers­ten Welt­krieg aus deut­scher Per­spek­ti­ve und als zusam­men­fas­sen­de Kom­men­tie­rung des gegen­wär­ti­gen For­schungs­stan­des ist es sinn­voll benutz­bar. Es ist zudem trotz gewis­ser Ein­schrän­kun­gen eine wei­te­re Refe­renz­grö­ße für die wis­sen­schaft­li­che Erle­di­gung deut­scher Haupt­schuld­vor­wür­fe. Das ist schon viel wert in Anbe­tracht der in die­sem Jahr bevor­ste­hen­den geschichts­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Deu­tung des Ers­ten Welt­kriegs. Münk­ler wird dabei ver­mut­lich eher auf der rich­ti­gen Sei­te stehen.

Her­fried Münk­ler: Der Gro­ße Krieg. Die Welt 1914–1918, Ber­lin: Rowohlt 2013. 928 S., 29.95 €

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Kommentare (17)

Sirius

12. Februar 2014 11:41

Ich habe das Buch von Münkler noch nicht gelesen. aber eines steht für mich fest: Es gibt für den Ausbruch des 1. Weltkriegs keinen Hauptschuldigen. Jeder der Beteiligten hat hierzu seinen Beitrag geleistet. Den Vorwurf , den man allerdings dem deutschen Kaiserreich machen kann, ist, dass es sich in dummer Nibelungentreue an die Habsburger gebunden hat.

Und wegen eines Attentats in einem kleinen Balkanstaat einen großen, unkalkulierbaren Krieg zu riskieren, das war mit Sicherheit Selbstüberschätzung und falsch verstandene Ehre sowie ein bodenloser Leichtsinn. Ähnlich unbedacht und überhaupt nicht risikokalkuliert hat ja auch Hitler mit seinem geistig unterbelichteten, hackenknallenden Generalstab die riesige, bis an die Zähne bewaffnete Sowjetunion angegriffen. - Ein weiterer, unbedachter deutscher Wahnsinn.

Wenn man man die Österreicher kennt, weiß man, dass diese an Kampfkraft und Ausdauer niemals an die Reichsdeutschen heranreichten.
Die hatten doch eine Operettenarmee, zusammengwürfelt aus verschiedenen Nationen und immer stärkeren Zentrifugalkräften ausgesetzt. Das bestätigte sich dann auch während des Krieges, als Truppen des Deutschen Reiches zunehmend den Österreichern an vielen Frontabschnitten unter die Arme greifen mußten und deshalb wichtige deutsche Kräfte im Westen fehlten.

Also: Kritisch bewertete Strategie , Risikoanalyse, Bescheidenheit
Lebensklugheit, geschickte Diplomatie und deutlich mehr Vorfeldspionage bei Freunden und Feinden wären im Vorfeld des 1. Weltkriegs überlebensnotwendig gewesen zur Vermeidung des Krieges . Es hat leider bei den Deutschen und Österreichern sehr daran gemangelt. - Vielleicht
weil beide Völkerschaften irgendwo doch viele Gene gemeinsam haben ?

Julius

12. Februar 2014 14:47

Lieber Sirius,
ich gratulieren Ihnen. So viele Spitzen und Beleidigungen gegen Österreich und die Österreicher in so wenigen Sätzen unterzubringen ist beachtlich.
Gruß aus Wien

Rainer Gebhardt

12. Februar 2014 16:58

Münkler war für mich immer schwer einzuordnen. Manchmal scheint er die Geschichte unter dem Motto zu betrachten: Alles läuft nach Plan (Hegel läßt grüßen!). Dann wieder, angesichts des Zufalls in der Geschichte, der vielen kleinen „Nebenereignisse“, die gewöhnlich unter den Tisch fallen, der unterschiedlichen Mentalitäten, die Konflikte und Entwicklungen befeuerten - mehr als zurückhaltende Skepsis, fast schon Revision. An einigen Stellen seines Buches spielt Münkler die Rolle des Zufalls durch, um frische Luft und bisher nicht in Rechnung gestellte oder unterschlagene Fakten in das „überderminierte“ Ereignis zu blasen. (Überdeterminiert durch vorgefasste Urteile und nachträgliche Rechtfertigungen.) Und was lehrt uns das? Der Geschichtsprozess ist kein Intercity, nichts rechtfertigt uns anzunehmen, er käme an dem Ort an, zu dem wir die Fahrkarte gelöst haben. Da kann viel passieren unterwegs.

Münkler lehnt die These vom Preußentum als genuinem Katastrophenkeim ab. Da hat nicht erst Clark das Blickfeld frei gemacht. Wenn es um Preußen ging und dessen angeblich einmaligen und unvergleichbaren Militarismus, haben Kenner der Materie immer auf Marx’ Analyse des Bonapartismus verwiesen. Das Säbelrasseln kam aus Frankreich, und es war lauter als das „Heil Dir im Siegerkranz“.

Münklers Sichtweise, heißt es in der Hannoverschen, habe schon vereinzelt zu Missbilligung geführt. Der Schuldapoleget H.-U. Wehler hat sofort Einspruch angemeldet: „Bei Clark weht jetzt wieder ein Hauch der Entlastung für die deutsche Position.“ Das geht auch an Münklers Adresse. Entlastung, um Gottes Willen, da müßten wir ja das Feld neu beackern, und das in unserem Alter...

Auf eine Debatte in der Historikerzunft werden wir also vergebens warten, zu viele Begriffs- und Besitzstände sind zu verlieren. Und die jungen Leser in den Historikerseminaren? Die werden über den „Großen Krieg“ genauso stöhnen wie sie über Münklers „Politische Theorie und Ideengeschichte“. O-Ton einer Testatsklavin aus dem Bolognatrichter: „Als allgemeine Literatur ist das Buch ok, aber für das politikwissenschaftliche Studium ist es zu unstrukturiert und nicht an den Bachelorlehrplan angepasst.“ Da lacht die Koralle...

Stil-Blüte

12. Februar 2014 17:14

@Sirius

'in dummer Nibvelungentreue'

Genau! Das ist diese seit Tacitus bestätigte, mehr belächelte als gefürchtete Eigenschaft der Germanen/ Deutschen: 'dumm', nicht im Sinne von 'blöd', stupid, sondern von 'dumm-gut-mütig', von - b l a u ä u g i g , ein bezeichnender Begriff. Das ist kein Phänomen des 1. oder 2. Weltkrieges, das ist ein Phänomen einer Mentalität, die seit ehernen Zeiten Recht-Schaffenheit, Vertrags-, Gesetzes-, Nibelungen-Treue einer selbstgewählten und -bestimmten Gemeinschaft w i e Blutsverwandtschaf ansetzt. Schlichtweg: Eine verschworene Gemeinschaft, nicht aufkündbar, einer indianischen Blutsbrüderschaft nicht unverwandt.

Mir bekannt: Auch Chinesen wundern sich immer wieder darüber, daß deutsche Vertragspartner auch dann noch den Vertrag einhalten, wenn er ihnen keine Vorteile bringt. Ich glaube, viele Nationen sehen uns so: 'Warum sind so so blöd! Selber schuld!'

Carsten

12. Februar 2014 17:58

Mir ist unbegreiflich, dass dieses deutsche Kriegsschuldmärchen überhaupt zirkuliert. Wer sich mit der Geschichte nur ansatzweise und oberflächlich befasst hat, muss doch wissen, dass es keine deutsche Alleinschuld gibt.

Gerade in Langemarck hat sich die bodenlose Inkompetenz der militärischen Führung gezeigt. Mit was für einer völlig unzureichenden Ausrüstung und Ausbildung die jungen Leute in den Krieg geschickt wurden! Aufrecht gehend, dicht gedrängt, mit auffälligen Uniformen, als optimales Ziel ins MG-Feuer - Wahnsinn! Bei Franzosen und Engländern dasselbe.

Unfassbar, was die Niederlage Deutschland gekostet hat! Ohne Niederlage kein Versailles, kein NS-Staat, keine Teilung, keine US-Hegemonie, keine DDR, keine 68er... Zum Verrücktwerden! Die Niederlage im WK I ist die wahre große Katastrophe in der deutschen Geschichte.

Karl eduard

12. Februar 2014 20:02

@Sirius

Daß Vertragstreue zur Nibelungentreue mutiert, hätte sich Hagen von Tronje wohl nicht vorstellen können. Verträge zwischen Staaten sind nun einmal einzuhalten, ansonsten würde kein Staat mehr mit dem Eidbrecher Verträge irgendwelcher Art abschließen. In der heutigen Zeit, wo Ehrlosigkeit die Regel ist, ist das schwer vorstellbar und wo ein Handschlag nichts mehr gilt. Manchen ist es aber doch wichtig, nicht als Lump in der Welt dazustehen, der gegebene Worte bricht, kaum, daß er sie ausgesprochen hat.

Und mit wem haben Sie es persönlich lieber zu tun, mit jemandem, der zu seinen Verpflichtungen steht oder mit jemandem, der, geht es daran, seinen Part zu leisten, lauter Ausreden vorbringt?

Sirius

12. Februar 2014 20:04

# Carsten

Ins Schwarze getroffen . - Sehe ich genauso !

Raskolnikow

12. Februar 2014 20:58

"Ein Narr kann mehr fragen,
als hundert weise Leute antworten."

(Peter Squentz)

Ach weh, Sirius und Carsten,

welche Tragik! Gäbe es doch mehr von Eurer Sorte und wärt Ihr doch früher geboren worden. Wir würden alle Kriege gewonnen haben.

Leider musste sich unser Volk jahrhundertelang mit Vollpfosten in militärischen und politischen Führungspositionen abgeben. Trottel die vor Bäume gelaufen sind, so "bodenlos inkompetent" und "wahnsinnig" wie die waren. Und die ganzen Hausdeppen, die diesen Narren in den Operettenstäben noch gehorcht haben, ein Volk von Kretins in Tarlatankostümen ...

Ich lasse mich gerade in Kameen-Manier konterfeien und habe daher wenig Gelegenheit, noch weitere Huldigungen Eures militärischen Genies folgen zu lassen, möchte aber Euch und Euren Saufkumpanen den Besuch eines Soldatenfriedhofs anempfehlen. Das soll gut sein für etwas das bei den "geistig unterbelichteten" Deutschen einstmals hoch im Kurs stand: Demut!

Mal im Ernst: Diese post-battle-Weisheiten taugen nicht einmal als kostenlose Beigabe zu den Butterschnittchen, die die Mädchenpensionate am Sonntag an Ausflügler verkaufen. Schon Clausewitz sprach vom Krieg als System von Aushilfen, als eine permanente Anpassung an neue Lagen und Ihr als Größte Feldherren aller Zeiten in Latenz wisst sicher, wie groß der taktisch-operative Sprung von Sedan nach Langemarck war (Liddel Hart spricht irgendwo von new stage of modern warfare).

Mir jedenfalls kommt keine Kriegsliteratur mehr ins Haus, außer Bildbände. Ich betrachte gern die Gesichter der Soldaten. Die interessieren mich auf eine seltsame Art und Weise. Vielleicht weil ich einer bin, der sich beim wöchentlichen Einkauf vor der schlecht gelaunten Bäckersfrau fürchtet. (Sie ist aber sehr kräftig!)

Hurra!

R.

Kiki

12. Februar 2014 22:03

Lange vor diesem Jubliäumsjahr habe ich beschlossen, kein einziges Buch wacher oder schlafwandelnder Nachgeborener zu lesen noch will mich an Bildbänden, Feldpostbriefen, Tagebüchern usw von Zeitgenossen zu delektieren.

Am 28. Juni lasse ich eine hl.Messe für alle Toten seit dem 28.07.1914 lesen.

Bis vor kurzem kamen mir die Toten von 1914 - 1918 bedauernswert vor, nun finde ich, daß die Hinterbliebenen samt Nachfahren (also wir) viel eher zu beklagen sind.

Manchmal ist Überleben bzw. Nachgeborenwerden schlimmer als der physische Tod.

Andrenio

13. Februar 2014 03:28

Gelobt seien die Völker, die ihren Verlierern Denkmäler setzt! Als wir im Süden von Ko Chang Thailand in dem Museum eines buddhistische Tempels in einer Vitrine eine Schale aus Porzellan mit dem Motiv eines brennenden Kriegsschiffes sahen, erweckte der Hinweis "Sea Battle von Koh Chang" unsere Neugier. Nachforschungen im lokalen Fischerdorf brachten zu Tage, dass es hier ein Seegefecht zwischen der französischen Marine und der erst kurz bestehenden Thaimarine gab, bei der das einzige moderne Schiff der Thais nach zwei Stunden unterging. Der Großvater des Dorfs kam dabei um. Ihnen zu Ehren steht am Strand ein Monument. Dem verlierenden Admiral sind auf mehreren Inseln Denkmäler geweiht, weil er als Gründer der thailändischen Marine gilt. Zu großen buddhistischen Feiertagen wie morgen, dem 14. Februar, ziehen Ehrenwachen auf, die von weit her antransportiert werden. Rama V, dem damaligen König von Thailand, wird allenthalben gedankt, dass er sich dem französischen Expansionismus entgegen gestellt habe.
Ähnliche Betrachtungen könnte man zur Schlacht auf dem Amselfeld anstellen.
Entgegen Raskolnikow reizen mich noch Kriegsbücher, allerdings nur die über namenloses Heldentum auf verlorenem Posten. Ernst Jünger lässt in Heliopolis für die Kriegsschule ein Fach "Verhalten auf verlorenen Posten" fordern.
Noch eine Reminiszenz zu WKII: 1944 fanden sich in Königsberg noch genug Freiwillige, um die Strasse nach Pillau freizukämpfen. Damit konnten Zehntausende noch auf die Schiffe kommen. Gibt es größeres Heldentum?
Die Hoffnung wächst, dass man zu Lebzeiten noch eine Ursachengeschichte des WKI zu lesen bekommt, die die Situation in allen Ländern berücksichtigt. Zugegeben: Ein Monumentalwerk, aber vielleicht finden sich jungen Historiker aus verschiedenen Ländern, auch aus Asien, die darin ihr Lebenswerk sehen könnten?

Stevanovic

13. Februar 2014 07:16

Ohne die selbstzufriedene Freude allzu trüben zu wollen, das mit der blöden Treue ist so eine Sache:

Obwohl hier multikulturelle Kompetenz nicht hoch im Kurs steht, ist sie manchmal recht nützlich, wenn man Deutsch und Andere vergleichen will. Mir ist aufgefallen, dass Deutsche genauso lügen, klauen und betrügen wie alle anderen, ihnen aber die Freude daran fehlt. Ein Deutscher klaut nicht, er ist im Recht. Deswegen übt er bei Unterschlagung ausgleichende Gerechtigkeit und bei Diebstahl stellt er die Ordnung des Kosmos wieder her. Während viele der Anderen wissen, dass sie Stuss erzählen, ist für mich deutsch-sein, sich stets im Recht zu fühlen, unabhängig davon, ob man im Recht ist. Nibelungentreue – immerhin hielten die einmal (!) einen Schwur ein, ansonsten wird bei den Nibelungen betrogen und beschißen was das Zeug hält. Lest die Geschichte noch mal, ihr habt da einiges übersehen. Die Burgunder waren Schlitzohren.

Wo wir schon bei Nibelungentreue und erstem Weltkrieg sind: Ob das die jüdischgläubigen Frontsoldaten auch so unterschreiben würden? Der Verrat an ihnen wird auch gerne mit der oben beschriebenen Umdeutung von Recht erklärt.

Als letztes noch eine Anmerkung zur Alleinschuldthese: Außer britischen Lokalpolitikern, einem (!) Geschichtsprofessor an einer englischen Provinzuni (ich suche den Namen noch raus) und der Einen-Welt-Gruppe der Grünen Freiburg Süd, vertritt diese These niemand mehr.

Mir ist unbegreiflich, dass dieses deutsche Kriegsschuldmärchen überhaupt zirkuliert.

Bevor Don Quijote losreitet, lieber noch mal genau hinschauen.

Karl Eduard

13. Februar 2014 09:15

@Stevanovic

Natürlich darf der Verweis auf die jüdischen Frontsoldaten nicht fehlen und der Verrat an ihnen. Dummerweise wurden sie aber nicht vom Kaiser verraten, ein Zusammenhang existiert also nicht.

Es erschüttert mich immer mehr, wie heute Geborene Kraft ihrer Wassersuppe über damalige Zeitläufe und Entscheidungsträger urteilen, als wäre 1914 2014 gewesen. Aber selbst in der Neuzeit bombt die NATO in fremden Staaten herum und der Ausspruch Bundeskanzler Schröders, daß wir nun alle Amerikaner wären, ist doch wohl noch jedem im Gedächtnis?

Nach der längsten Friedensperiode in Europa darf nun endlich wieder Krieg geführt werden und man muß sich nur einmal die Begeisterung antun, mit der in deutschen Presseorganen zum Kriege gehetzt wird, da geht es aber auch um edle Ziele, Demokratie, den Schutz der Menschenrechte, die Beendigung von Bürgerkriegen oder daß Amerika seine Feldzüge nicht mehr selbst bestreiten möchte.

Wir hingegen verstehen heutzutage nicht, daß die Ermordung des Thronfolgers eines verbündeten Staates keine Erdnüsse waren, wo es diese doch wie Sand am Meer gab, diese Thronfolger.

Warum wir aber Afghanistan nicht verhindert haben, diese inzwischen 10 fruchtlosen Jahre, in denen Militär Hochzeitsgesellschaften niedermetzelt, wo wir doch in einer Demokratie die Möglichkeit haben, die Kriegstreiber abzuwählen, das werden sich künftige Generationen sicherlich fragen. Und die Antworten darauf dürften amüsant werden.

Rumpelstilzchen

13. Februar 2014 09:18

"Kämpfend für Kaiser und Reich,
nahm Gott uns die irdische Sonne,
jetzt vom Irdischen frei,
strahlt uns sein ewigws Licht."

Joseph von Lauff

Hatte mal ganz kurz die Idee, mit ein paar Leuten das Soldaten-Denkmal in Sedan zu kaufen und zu renovieren. Soll gar nicht so teuer sein.
Aber warum ? Fehlt uns Nachgeborenen doch schon die irdische Sonne.

Althochdeutsch tumb: Bedeutung:
verdunkelt, mit stumpfen Sinnen
Also auch schon vor den Kriegen waren die Deutschen so !
Dazu noch gedankenschwer und tatenarm ( Hölderlin)

Mit trüben Sinnen saß ich tumbe Michelle gestern vor der Glotze und muss ertragen ( tolerieren), dass fünf Totschläger vom Alexanderplatz frei herumlaufen, Party machen und die Opfer verhöhnen.
Stumpf klatschte das Publikum.
In Frankreich scheint es etwas lichter zu werden. Der Frühling kommt.
https://www.printempsfrancais.fr/

gedankenschwer und tatenarm
michelle

Rainer Gebhardt

13. Februar 2014 10:12

@ Raskolnikow

Desto schlimmer,
daß Narren nicht mehr weislich sagen dürfen,
was weise Leute närrisch tun.

(Probstein zu Celia; Wie es Euch gefällt)

Stevanovic

13. Februar 2014 12:09

@Karl Eduard

Bezog sich auf die deutsche tumbe Ehrlichkeit als eine Konstante der Weltgeschichte.

Arminius hat Varus beschißen, Burgund eine Schlangengrube; die Judenzählung 1916 war kein Pogrom, Loyalität zu seinen Soldaten sah aber auch schon damals anders aus – das führe ich nur an, weil ich weder das blutdürstende Hunnenbild noch den pausbäckigen Musterschüler ertrage. Deutsche sind/waren keine Karikaturen - das sollte die ganze Pointe sein.

Konservativer

14. Februar 2014 15:12

Der Politologe Herfried Münkler und die Historiker Gerd Krumeich und Sönke Neitzel diskutierten die gegenwärtigen Forschungspositionen, ihre historische Bewertung -- und die Folgerungen, die sich nach 100 Jahren daraus für die Erinnerungskultur in Europa ergeben:

https://www.youtube.com/watch?v=figM1v-J5Do

Interessant ist auch das folgende Gespräch (Peter Voß fragt...Herfried Münkler "1. Weltkrieg - wer war schuld?"):

https://www.youtube.com/watch?v=IxvQ4VWhTes

Kint

19. Februar 2014 19:29

Kommentar fällt schwer - wo anfangen? Drum ein kleines Rätsel. Schauen wir mal auf 2 Zitate.

1. "Man muss staunen. Ein direkter Aufteilungsvertrag gegen Spanien, Deutschland usw. wird von Galliern und Angelsachsen im tiefsten Frieden bis in die Details geregelt, abgeschlossen, ohne jede Gewissensbisse, zum Zwecke Deutschland-Österreich zu zertrümmern und ihre Konkurrenz vom Weltmarkt auszuschließen! 17 Jahre vor Beginn des Weltkrieges ist dieser Vertrag von den Gallo-Angelsachsen geschlossen und sein Ziel systematisch durch diese Zeitperiode hindurch vorbereitet worden! Nun begreift man auch die Leichtigkeit, mit der König Eduard VII seine Einkreisungspolitik betreiben konnte; die Hauptakteure waren schon lange einig und bereit. Als er den Pakt „Entente cordiale“ taufte, war diese Erscheinung für die Welt, zumal die deutsche, ein unangenehmes Novum, für drüben war es nur die offizielle Anerkennung der dort längst bekannten Tatsachen. Angesichts dieses Agreements versteht man nun auch den Widerstand Englands im Jahre 1897 gegen ein Abkommen mit Deutschland über Kohlenstationen [für die Überseehandelsflotte] und den Ärger darüber, daß es Deutschland mit russischem Einverständnis gelungen war, festen Fuß in China zu fassen, über dessen Ausnutzung ohne Deutschlands Mitwirkung man sich eben zu dritt geeinigt hatte."

Wer hat´s geschrieben - und wann? Und welche Geheimverträge, so sensationellerweise in einem brandneuen Buche enthüllt, gaben noch Ende 2013 die versammelten Fernsehkoryphäen vor "ganz erstaunlich" zu finden?

2. "Der Wendepunkt der Weltgeschichte kam 1897. In jenem Jahr erklärte Deutschland der Welt den Krieg."

- Und von wer sprach das? - ("Im Juni 1897 hatte mit der Berufung des Admirals von Tirpitz zum Staatssekretär des Reichsmarineamtes jene verhängnisvolle Flottenbaupolitik Deutschlands begonnen, die das Reich in einen immer schärferen Gegensatz zu England trieb." - Der Spiegel)

- Nein, Geschichtswissenschaftler scheint Münkler nicht zu sein. Die Fernsehkoryphäen auch nicht. Die deutsche Schuld an dem, was die Engländer den zweiten 30-jährigen Krieg nennen (Herr Major besaß die Frechheit sogar in Deutschland), wird bloß in der BRD vorgegau(c)kelt, und daran wird sich auch nichts ändern. Deutsche Vertragstreue, deutsche Dummheit, die sich bis kurz vor Kriegsausbruch das Ziel des perfiden Ganzen gar nicht vorstellen kann - na, wenn man sonst nichts findet - dann ist die eben schuld. -

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