Sezession
19. Februar 2014

Frank Böckelmann: Jargon der Weltoffenheit. Was sind unsere Werte noch wert?

Ellen Kositza / 5 Kommentare

boeckelmannRezension aus Sezession 58 / Februar 2014 - Selbst jemand, der die in Spanien erschienene Festschrift zu des Großdenkers und Carl-Schmitt-Exegeten Günter Maschke 65. Geburtstag gründlich las, könnte einen der Aufsätze aus deutscher Feder darin übersehen haben. Ein Glücksfall, daß der Essay des einst »revolutionären Linken« Frank Böckelmann fünf Jahre später, versehen mit zwei aktuellen Kapiteln, nun eine eigene Auflage erfahren hat.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Falls es etwas zu bemängeln gäbe an Böckelmanns luzider Analyse, dann wäre es der Untertitel. »Was sind unsere Werte noch wert?« Das suggeriert nämlich einen gestrigen, rechte-Flanke-der-CDU-affinen Klageton, der nicht im mindesten passen mag auf dieses illusionslos ernüchternde, weltkluge Büchlein, das man nachgerade zur Pflichtlektüre erklären möchte.

Wenn man nun (durchaus wahrheitsgemäß) schriebe, Böckelmann – der selbst Frontmann der Subversiven Aktion um Dieter Kunzelmann, Bernd Rabehl und Rudi Dutschke war – setze sich damit auseinander, daß die Achtundsechziger (als strikte Individualisten) nie genuin Linke waren; daß der Habitus und Jargon der Studentenrevolte bereits in den frühen Fünfzigern seinen Ursprung gehabt habe und kraft seiner »unwiderstehlichen Ideen« bis heute fortwirke; daß es zudem einige stillschweigende Einverständnisse zwischen Linken und Rechten gebe – nämlich den Glauben an die moralische Entscheidung des Einzelnen und die Kraft politischer Aufklärung: man ginge an der superben Qualität dieser Essays vorbei.

Böckelmann ist ein gedankenstarker, wortgewaltiger Originärdenker, ein Empiriker, der seine Befunde als funkelnde Merksätze zu bündeln versteht. Dieses Bändchen formuliert in nuce Böckelmanns großes Werk Die Welt als Ort (2007). Empfand man jenes Buch bereits als Verdichtung dessen, was ist, so finden sich die skeptischen, auch scharfen, nie aber in einen Polterton fallenden Einlassungen des Autors zur »Entgrenzungsproblematik« hier abermals komprimiert. Man kann dies in Kürze nur in Beispielen verdeutlichen: Böckelmann sieht ein »Emanzipationsprotokoll« walten und gebieten, das »Selbstbestimmung«, »Vielfalt« und »Gleichberechtigung« zu Universalmaximen aufsteigen ließ.

Der ortlose Slogan von der »Weltoffenheit« tut ein Übriges: Die Anderen (etwa im arabischen Frühling, in Indien), »interessieren uns nicht als Andere, sondern als mögliche Ähnliche, die dem Dickicht unverhandelbarer Werte (Ehrwürdigkeit, Respekt gegenüber den Ahnen, Schicklichkeit, Gefolgschaftstreue) entlaufen, um auf den Straßen und auf Facebook unsere Parolen zu rufen«.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (5)

Nordlaender
19. Februar 2014 09:51

Mit Superlativen sollte man sparsam umgehen, doch Böckelmann hat mehrfach fürwahr Grandioses geleistet. Neben "Die Welt als Ort" empföhle ich noch sein brilliantes Werk: "Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen" (Eichborn, 1998), für mich der Klassiker, der mit der Weltoffenheit des einschlägigen Xenophilen, des modisch-angepaßten Vielfaltspinsels, gründlichst aufräumt.

Inhaltlich m.E. überaus wichtig "Bertelsmann: Hinter der Fassade des Medienimperiums" (Eichborn, 2004)
Bin immer wieder verwundert, wie wenig Rechte/Konservative sich für reale Machtverhältnisse (mit Random House, RTL usw. usw. handelt es sich um eines DER führenden Medienunternehmen dieser Welt) interessieren, immerhin ist BERTELSMANN einer der Haupttäter bei der Schleifung unserer Bildungslandschaft und nach der geistig-moralischen Wende, ausgelöst von der Christlich-Demokratischen Union, bestimmt BERTELSMANN außerdem erheblich mit, welche Bewußtseinsinhalte unsere Medienjugend prägen.

Bestaunen kann ich nur, wie Böckelmann so einen weiten Weg gehen konnte. Alte Schriften von ihm sind durch und durch von orthodoxen Denkmustern der Frankfurter Schule geprägt. "Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit" (Böckelmann, 1971) - für mich schlichtemang unlesbar.

Rumpelstilchen
19. Februar 2014 12:37

"Als Kind glaubte ich an Gott,
Doch der ist mir mit den Jahren
verloren gegangen.
Für mich sind wir Menschen
Das Resultat eines natürlichen Prozesses,
Mit unserem Tod hört unsere
geistige Existenz auf"

Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlamentes

1. Das Buch von Böckelmann ist kurz, grundlegend, befreiend, eine Überschreitung. Ein Paradigmenwechsel ?
2. der Säkularismus westlichen Typs ist weltweit auf dem Rückzug. Eine transzendentale Heilslehre ist in Europa gesamtgesellschaftlich nicht wirksam. Ebenso hat die Idee der Nation, der Ethnien, der Kultur oder Religion ihre Verbindlichkeit und Integrationskraft verloren.
3. An deren Stelle tritt eine pseudoreligiöse Zivilreligion der Weltoffenheit.
Ihre Schlagworte: Toleranz, Akzeptanz, Teilhabe, Konsum, Vielfalt.
4. Diese pseudoreligiöse Zivilreligion setzt auf Universalismen wie Weltgemeinschaft, Menschenrechte, Weltethos. Ihr entspricht eine globale Konsumgesellschaft. Und hier unterscheidet sich das Ideal einer weltoffenen Gesellschaft von linken Theorien. Dort nämlich stehen sich Kapitalisten ("wurzellose Kosmopoliten", Stalin) und entwurzeltes Proletariat unversöhnlich gegenüber.
Die globale Wirtschaft dagegen liebt den entwurzelten Konsumproletarier.
5. Die Verwalter und Kommissäre globaler Wirtschaftsinteressen agieren als Versorger und Umverteiler. Die EU als Transferunion erhebt den Anspruch auf Moral, eine billige Moral:
" Bürgerinnen und Bürger haben den Eindruck, dass sich die EU nicht genügend um ihre Alltagssorgen kümmert, sondern Kindereien reguliert."
Martin Schulz)
Martin Schulz, ein Kümmerer, wie Mutti Merkel und viele andere Kümmerer.

der Untertitel des Buches "Was sind unsere Werte noch wert ?" hat auch mich stutzig gemacht.
Allerdings erinnert er mich nicht an den
"rechte-Flanke-der-CDU-affine Klageton"
Diese Flanke vertritt vor allem eine sog. Gebotsethik, bzw. normative Ethik bzw. Sollensethik ( 10 Gebote, Kategorischer Imperativ , Verfassungsethik).
Ihre "biederen" Vertreter wirken in Diskussionen immer ein bißchen als Verlierer.
Wichtiger wäre die Frage, was Werte eigentlich sind, wie sie zustande kommen und begründet werden können.
Das leisten Tugendethiken ( Josef Pieper) oder narrative Ethiken besser.
Die offene Weltgemeinschaft scheint an die Stelle zu treten, welche im Mittelalter von der Christenheit, bzw. dem Reich als rechtlichen und ideellen Anknüpfungspunkten eingenommen worden ist.
Hier könnte ein neuer Reichsgedanke attraktiv werden.
Das Imperium wird niemals enden ML) .

Andernfalls werden wir von Kümmerern regiert, für die wir das Resultat eines natürlichen Prozesses sind. Und die über unsere geistige Existenz bestimmen wollen.

Nordlaender
19. Februar 2014 13:38

"Mit unserem Tod hört unsere
geistige Existenz auf“
(Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlamentes)

Dann soll aber vor dem Tode tatsächlich ... also bei unserer Obrigkeit ...
Ein geistiges Sein ....

Verwenden wir der Höflichkeit zuliebe doch für Schulz einen EUphemismus: Der legt aber wirklich eine recht ordentliche Portion gesundes Selbstbewußtsein an den Tag!

Ein Fremder aus Elea
20. Februar 2014 10:18

Ist es so originell?

"Zur Sonne, zur Freiheit!" - Johannes von Patmos

Belsøe
20. Februar 2014 18:03

Ich kann mir nicht helfen. Wer zu gegebener Zeit all dies kritisierte Zeugs gern mit initiierte und in Anspruch nahm, also das jungpotente Aufbegehren im Namen ahnungsloser Dritter, die gelupften Röcke der heute Emanze gescholtenen Genossin, den satten Geldregen der nivellierenden Bildungsoffensive - nun, das Liebste daran, das selbstaffirmative Gegenandenken, das hat er behalten. Immerhin.

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