Frank Böckelmann: Jargon der Weltoffenheit. Was sind unsere Werte noch wert?

boeckelmannRezension aus Sezession 58 / Februar 2014 - Selbst jemand, der die in Spanien erschienene Festschrift zu des Großdenkers und Carl-Schmitt-Exegeten Günter Maschke 65. Geburtstag gründlich las, könnte einen der Aufsätze aus deutscher Feder darin übersehen haben. Ein Glücksfall, daß der Essay des einst »revolutionären Linken« Frank Böckelmann fünf Jahre später, versehen mit zwei aktuellen Kapiteln, nun eine eigene Auflage erfahren hat.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Falls es etwas zu bemän­geln gäbe an Böckel­manns luzi­der Ana­ly­se, dann wäre es der Unter­ti­tel. »Was sind unse­re Wer­te noch wert?« Das sug­ge­riert näm­lich einen gest­ri­gen, rech­te-Flan­ke-der-CDU-affi­nen Kla­ge­ton, der nicht im min­des­ten pas­sen mag auf die­ses illu­si­ons­los ernüch­tern­de, welt­klu­ge Büch­lein, das man nach­ge­ra­de zur Pflicht­lek­tü­re erklä­ren möchte.

Wenn man nun (durch­aus wahr­heits­ge­mäß) schrie­be, Böckel­mann – der selbst Front­mann der Sub­ver­si­ven Akti­on um Die­ter Kun­zel­mann, Bernd Rabehl und Rudi Dutsch­ke war – set­ze sich damit aus­ein­an­der, daß die Acht­und­sech­zi­ger (als strik­te Indi­vi­dua­lis­ten) nie genu­in Lin­ke waren; daß der Habi­tus und Jar­gon der Stu­den­ten­re­vol­te bereits in den frü­hen Fünf­zi­gern sei­nen Ursprung gehabt habe und kraft sei­ner »unwi­der­steh­li­chen Ideen« bis heu­te fort­wir­ke; daß es zudem eini­ge still­schwei­gen­de Ein­ver­ständ­nis­se zwi­schen Lin­ken und Rech­ten gebe – näm­lich den Glau­ben an die mora­li­sche Ent­schei­dung des Ein­zel­nen und die Kraft poli­ti­scher Auf­klä­rung: man gin­ge an der super­ben Qua­li­tät die­ser Essays vorbei.

Böckel­mann ist ein gedan­ken­star­ker, wort­ge­wal­ti­ger Ori­gi­när­den­ker, ein Empi­ri­ker, der sei­ne Befun­de als fun­keln­de Merk­sät­ze zu bün­deln ver­steht. Die­ses Bänd­chen for­mu­liert in nuce Böckel­manns gro­ßes Werk Die Welt als Ort (2007). Emp­fand man jenes Buch bereits als Ver­dich­tung des­sen, was ist, so fin­den sich die skep­ti­schen, auch schar­fen, nie aber in einen Pol­ter­ton fal­len­den Ein­las­sun­gen des Autors zur »Ent­gren­zungs­pro­ble­ma­tik« hier aber­mals kom­pri­miert. Man kann dies in Kür­ze nur in Bei­spie­len ver­deut­li­chen: Böckel­mann sieht ein »Eman­zi­pa­ti­ons­pro­to­koll« wal­ten und gebie­ten, das »Selbst­be­stim­mung«, »Viel­falt« und »Gleich­be­rech­ti­gung« zu Uni­ver­sal­ma­xi­men auf­stei­gen ließ.

Der ort­lo­se Slo­gan von der »Welt­of­fen­heit« tut ein Übri­ges: Die Ande­ren (etwa im ara­bi­schen Früh­ling, in Indi­en), »inter­es­sie­ren uns nicht als Ande­re, son­dern als mög­li­che Ähn­li­che, die dem Dickicht unver­han­del­ba­rer Wer­te (Ehr­wür­dig­keit, Respekt gegen­über den Ahnen, Schick­lich­keit, Gefolg­schafts­treue) ent­lau­fen, um auf den Stra­ßen und auf Face­book unse­re Paro­len zu rufen«.

Das ursprüng­lich Lin­ke als Kampf­an­sa­ge wer­de längst »als gefäl­li­ges, huma­ni­tä­res Güte­sie­gel« ver­ramscht: »Wer sich als ›links‹ tauft, kün­digt an, noch hart­nä­cki­ger for­dern zu wol­len, was alle ande­ren eben­falls for­dern.« Böckel­mann kon­sta­tiert eine welt­ge­schicht­lich ein­zig­ar­ti­ge gefühl­te Unge­zwun­gen­heit, jedoch: »Beim Hor­chen auf den Ton des Tages geht es zu wie bei Hofe.« Wer wagt es schon, sich außer­halb der Dis­kurs­ge­bo­te namens »Selbst­be­stimmt­heit«, »Viel­falt«, »Tole­ranz« und »Eman­zi­pa­ti­on« zu stel­len? Jene Leit­ideen mit ihrer »ent­waff­nen­den Wucht« hät­ten zwar eine lan­ge euro­päi­sche Trad­ti­on, neu sei ihre Potenz, Gehal­te zu erübrigen.

Die Rich­tungs­an­ga­be rechts hin­ge­gen wer­de aus die­sen Grün­den nicht ver­ein­nahmt, son­dern denun­ziert. Des­halb gin­ge der fehl, der den »kul­tu­rel­len Vaku­um­pum­pe« mit  mit einem gegen­läu­fi­gen, also rech­ten Akti­vis­mus abhel­fen wol­le. »Ihm wäre zu raten, zunächst den kon­ser­va­ti­ven Grund­satz ›Erken­ne die Lage‹« zu beher­zi­gen und sich gegen­über einem Grö­ße­ren, unse­rem epo­cha­len Geschick, in Geduld zu üben. Erst eine Erschüt­te­rung der Lebens­grund­la­gen, gefolgt von einem »gro­ßen Enthu­si­as­mus« (Carl Schmitt), wür­de die »Mas­se der Ver­streu­ten zu ihrem gemein­sa­men Ort und in ihre Geschich­te zurück­ru­fen«. Außer­or­dent­lich auch Böckel­manns Pas­sa­gen zum Feminismus.

Anhand die­ser Ideo­lo­gie wer­de der Kom­pe­tenz­ge­winn der Medi­en deut­lich, eigen­mäch­tig per Kon­tras­tie­rung eines vor­geb­li­chen »Vor­her« und eines »Nach­her« das »Gesche­hen mit der Bericht­erstat­tung gleich­zu­set­zen. Daß die sexu­el­le Libe­ra­li­sie­rung eine ›wirk­li­che Revo­lu­ti­on‹ war, ist ein Dekret der Medi­en, dem zu wider­spre­chen Unver­ständ­nis aus­löst. So ist es gesen­det und geschrie­ben wor­den, und die Frau­en haben ihre Wahr­neh­mung dar­an abzu­glei­chen. Vor­her war ›ver­düs­ter­tes Geschlechts­le­ben‹, nach­her war die Frei­heit. Bas­ta«. Die neue »star­ke Frau« ist das Weib mit Markt­wert, das sein »Han­deln strikt nach den Regeln des Wett­be­werbs um Gage und Beach­tung« ausrichtet.

Der Stoff für die Ein­übung des »the­ra­pier­ten Men­schen­ver­stan­des« ist uner­meß­lich. Scha­de nur, daß wirk­lich ori­gi­nel­le Den­ker wie Böckel­mann rar sind.

Frank Böckel­mann: Jar­gon der Welt­of­fen­heit. Was sind unse­re Wer­te noch wert? Waltrop und Leip­zig: Manu­scrip­tum (= Edi­ti­on Son­der­we­ge) 2013. 131 S., 9.80 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (5)

Nordlaender

19. Februar 2014 09:51

Mit Superlativen sollte man sparsam umgehen, doch Böckelmann hat mehrfach fürwahr Grandioses geleistet. Neben "Die Welt als Ort" empföhle ich noch sein brilliantes Werk: "Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen" (Eichborn, 1998), für mich der Klassiker, der mit der Weltoffenheit des einschlägigen Xenophilen, des modisch-angepaßten Vielfaltspinsels, gründlichst aufräumt.

Inhaltlich m.E. überaus wichtig "Bertelsmann: Hinter der Fassade des Medienimperiums" (Eichborn, 2004)
Bin immer wieder verwundert, wie wenig Rechte/Konservative sich für reale Machtverhältnisse (mit Random House, RTL usw. usw. handelt es sich um eines DER führenden Medienunternehmen dieser Welt) interessieren, immerhin ist BERTELSMANN einer der Haupttäter bei der Schleifung unserer Bildungslandschaft und nach der geistig-moralischen Wende, ausgelöst von der Christlich-Demokratischen Union, bestimmt BERTELSMANN außerdem erheblich mit, welche Bewußtseinsinhalte unsere Medienjugend prägen.

Bestaunen kann ich nur, wie Böckelmann so einen weiten Weg gehen konnte. Alte Schriften von ihm sind durch und durch von orthodoxen Denkmustern der Frankfurter Schule geprägt. "Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit" (Böckelmann, 1971) - für mich schlichtemang unlesbar.

Rumpelstilchen

19. Februar 2014 12:37

"Als Kind glaubte ich an Gott,
Doch der ist mir mit den Jahren
verloren gegangen.
Für mich sind wir Menschen
Das Resultat eines natürlichen Prozesses,
Mit unserem Tod hört unsere
geistige Existenz auf"

Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlamentes

1. Das Buch von Böckelmann ist kurz, grundlegend, befreiend, eine Überschreitung. Ein Paradigmenwechsel ?
2. der Säkularismus westlichen Typs ist weltweit auf dem Rückzug. Eine transzendentale Heilslehre ist in Europa gesamtgesellschaftlich nicht wirksam. Ebenso hat die Idee der Nation, der Ethnien, der Kultur oder Religion ihre Verbindlichkeit und Integrationskraft verloren.
3. An deren Stelle tritt eine pseudoreligiöse Zivilreligion der Weltoffenheit.
Ihre Schlagworte: Toleranz, Akzeptanz, Teilhabe, Konsum, Vielfalt.
4. Diese pseudoreligiöse Zivilreligion setzt auf Universalismen wie Weltgemeinschaft, Menschenrechte, Weltethos. Ihr entspricht eine globale Konsumgesellschaft. Und hier unterscheidet sich das Ideal einer weltoffenen Gesellschaft von linken Theorien. Dort nämlich stehen sich Kapitalisten ("wurzellose Kosmopoliten", Stalin) und entwurzeltes Proletariat unversöhnlich gegenüber.
Die globale Wirtschaft dagegen liebt den entwurzelten Konsumproletarier.
5. Die Verwalter und Kommissäre globaler Wirtschaftsinteressen agieren als Versorger und Umverteiler. Die EU als Transferunion erhebt den Anspruch auf Moral, eine billige Moral:
" Bürgerinnen und Bürger haben den Eindruck, dass sich die EU nicht genügend um ihre Alltagssorgen kümmert, sondern Kindereien reguliert."
Martin Schulz)
Martin Schulz, ein Kümmerer, wie Mutti Merkel und viele andere Kümmerer.

der Untertitel des Buches "Was sind unsere Werte noch wert ?" hat auch mich stutzig gemacht.
Allerdings erinnert er mich nicht an den
"rechte-Flanke-der-CDU-affine Klageton"
Diese Flanke vertritt vor allem eine sog. Gebotsethik, bzw. normative Ethik bzw. Sollensethik ( 10 Gebote, Kategorischer Imperativ , Verfassungsethik).
Ihre "biederen" Vertreter wirken in Diskussionen immer ein bißchen als Verlierer.
Wichtiger wäre die Frage, was Werte eigentlich sind, wie sie zustande kommen und begründet werden können.
Das leisten Tugendethiken ( Josef Pieper) oder narrative Ethiken besser.
Die offene Weltgemeinschaft scheint an die Stelle zu treten, welche im Mittelalter von der Christenheit, bzw. dem Reich als rechtlichen und ideellen Anknüpfungspunkten eingenommen worden ist.
Hier könnte ein neuer Reichsgedanke attraktiv werden.
Das Imperium wird niemals enden ML) .

Andernfalls werden wir von Kümmerern regiert, für die wir das Resultat eines natürlichen Prozesses sind. Und die über unsere geistige Existenz bestimmen wollen.

Nordlaender

19. Februar 2014 13:38

"Mit unserem Tod hört unsere
geistige Existenz auf“
(Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlamentes)

Dann soll aber vor dem Tode tatsächlich ... also bei unserer Obrigkeit ...
Ein geistiges Sein ....

Verwenden wir der Höflichkeit zuliebe doch für Schulz einen EUphemismus: Der legt aber wirklich eine recht ordentliche Portion gesundes Selbstbewußtsein an den Tag!

Ein Fremder aus Elea

20. Februar 2014 10:18

Ist es so originell?

"Zur Sonne, zur Freiheit!" - Johannes von Patmos

Belsøe

20. Februar 2014 18:03

Ich kann mir nicht helfen. Wer zu gegebener Zeit all dies kritisierte Zeugs gern mit initiierte und in Anspruch nahm, also das jungpotente Aufbegehren im Namen ahnungsloser Dritter, die gelupften Röcke der heute Emanze gescholtenen Genossin, den satten Geldregen der nivellierenden Bildungsoffensive - nun, das Liebste daran, das selbstaffirmative Gegenandenken, das hat er behalten. Immerhin.

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