Sergio Fritz-Roa: Jenseits des Abgrunds. Im Reich des Howard Phillips Lovecraft

(Rezension aus Sezession 58 / Februar 2014)

von Werner Olles

Michel Houellebecq vergleicht in seinem ersten Roman Gegen die Welt, gegen das Leben (1991) Howard Phillips Lovecraft mit »einer riesigen Traummaschine, die eine noch nie dagewesene Größe und Wirkungskraft hat«.

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Das klingt über­trie­ben, doch die­ser merk­wür­di­ge Gen­tle­man aus Pro­vi­dence, Rho­de Island, der als ewig krän­keln­des Ein­zel­kind, behü­tet von sei­ner Mut­ter und zwei Tan­ten im Haus der Groß­el­tern auf­wuchs – der Vater war als Syphi­li­ti­ker an fort­ge­schrit­te­ner Para­ly­se im Irren­haus gestor­ben, weni­ge Jah­re spä­ter ende­te auch sei­ne schwer neu­ro­ti­sche Mut­ter in einer Ner­ven­an­stalt –, war nicht nur ein mani­scher Bücher­narr, der sei­ne Tage hin­ter geschlos­se­nen Vor­hän­gen mit dem Stu­di­um okkul­ter Lite­ra­tur und Astro­no­mie ver­brach­te, son­dern der genia­le Begrün­der einer haus­ei­ge­nen Kos­mo­lo­gie, die ihres­glei­chen sucht. Love­crafts »Cthul­hu-Mythos« ist eine per­fek­te Pseu­do-Mytho­lo­gie und ‑Dämo­no­lo­gie, eine Mischung aus purem Schre­cken und raf­fi­nier­ter Irra­tio­na­li­tät, in der Fik­ti­on und Rea­li­tät stän­dig ver­schwim­men. Die fins­te­ren Mäch­te, die Mons­ter-Gott­hei­ten außer­ir­di­schen Ursprungs, die Gro­ßen Alten vom nacht­schwar­zen Pla­ne­ten Yog­go­th, Dagon und Aza­thot und über all die­sem Grau­en der Gro­ße Cthul­hu: Es ist dies nichts ande­res als eine ima­gi­nä­re Reli­gi­on, kom­plett mit allen Göt­tern und dem fik­ti­ven »Necro­no­mic­on« als Bibel.

Ins­ge­samt blieb Love­crafts Œuvre recht schmal, vier­zig kür­ze­re und zehn län­ge­re Erzäh­lun­gen: Doch die – für Euro­pa ent­deckt von Jean Coc­teau und Lou­is Pau­wels – fei­ern seit Jahr­zehn­ten wah­re Tri­um­phe, und das nicht nur bei Lieb­ha­bern geho­be­ner Phan­tas­tik. Weni­ger bekannt ist, daß der Mus­so­li­ni-Ver­eh­rer und erklär­te Feind aller mas­sen­de­mo­kra­ti­schen Bestre­bun­gen neben sei­nen Hor­ror­ge­schich­ten eine Zeit­schrift mit dem pro­gram­ma­ti­schen Titel The Con­ser­va­ti­ve her­aus­gab, doch bra­chen sein aus­ge­spro­che­ner Anti­mo­der­nis­mus und sei­ne Abnei­gung gegen frem­de, nicht­wei­ße Ras­sen auch in Erzäh­lun­gen wie Das Grau­en in Red Hook durch.

Der chi­le­ni­sche Schrift­stel­ler Ser­gio Fritz-Roa hat nun das Werk Love­crafts auf eine tie­fe­re Bedeu­tung unter­sucht und ist dabei zu erstaun­li­chen Resul­ta­ten gekom­men. Bei sei­ner For­schung nach der Quel­le für Love­crafts Inspi­ra­tio­nen stieß er auf die Inte­gra­le Tra­di­ti­on im Sin­ne Juli­us Evo­las und René Gué­nons, wäh­rend er im Kapi­tel »Love­craft und die Ant­ark­tis« Bezug auf Poe, Mel­vil­le und sei­nen Men­tor Miguel Ser­ra­no und des­sen »eso­te­ri­schen Hit­le­ris­mus« nimmt. In der Erzäh­lung »Ber­ge des Wahn­sinns« sieht Fritz-Roa den »Höhe­punkt von Love­crafts bild­mäch­ti­gem Schaf­fen«. Tat­säch­lich ver­zich­tet der Dich­ter hier fast völ­lig auf kon­ven­tio­nel­len Okkul­tis­mus, son­dern ent­wirft eine Jahr­mil­lio­nen über­span­nen­de Chro­nik vor­mensch­li­cher Kul­tu­ren, die von außer­ir­di­schen Ras­sen auf der Erde gegrün­det wur­den. Mit der Gründ­lich­keit eines wis­sen­schaft­li­chen Berichts schil­dert er die Süd­pol­ex­pe­di­ti­on einer For­scher­grup­pe der fik­ti­ven Mis­kato­nic-Uni­ver­si­tät, die hin­ter den rie­si­gen Berg­ket­ten der Ant­ark­tis die Rui­nen einer fremd­ar­ti­gen Archi­tek­tur und die Über­res­te einer außer­ir­di­schen Ras­se entdeckt.

Fritz-Roas Ver­dienst ist es, eine neue Sei­te in der Love­craft-Rezep­ti­on auf­ge­schla­gen zu haben und dem mit all sei­ner Sprach­ge­walt, über­quel­len­den Phan­ta­sie, sei­nen Wahn­vor­stel­lun­gen, Hal­lu­zi­na­tio­nen und rea­len Wahr­neh­mun­gen wohl größ­ten Chro­nis­ten des Grau­ens ein wei­te­res lite­ra­ri­sches Denk­mal gesetzt zu haben.

Ser­gio Fritz-Roa: Jen­seits des Abgrunds. Im Reich des Howard Phil­lips Love­craft, Kiel: Regin 2013. 174 S., 18.95 €

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