Martin Mosebach: Das Blutbuchenfest

Martin Mosebachs Roman Das Blutbuchenfest ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Daß Mose­bach sein Publi­kum radi­kal spal­tet, wie oft behaup­tet wird, ist nicht ganz wahr. Mit weni­gen Aus­nah­men ist man sich über den hohen Rang die­ses Schrift­stel­lers einig. Neben vie­ler­lei Lor­beer­krän­zen, die Leit­me­di­en wie die SZ, der Deutsch­land­funk und gar Frank­fur­ter Rund­schau und taz dem Buch gewun­den haben, hat man Mose­bach nun aber auch Dor­nen­kro­nen aufgesetzt: 

Aus­ge­rech­net die FAZ, die man bis­lang für stark mose­bach­af­fin hal­ten konn­te, hat den Dau­men über dem Roman gesenkt, von „gro­tes­ker erzäh­le­ri­scher Will­kür“ ist die Rede. Was ist dran am “Rea­lis­mus­streit” um die­sen gro­ßen Roman?

Der Lyri­ker Paul Valé­ry hat­te die Roman­schrei­be­rei ein­mal damit lächer­lich gemacht, es sei für ihn unvor­stell­bar, einen tri­via­len Satz zu schrei­ben wie »Die Mar­qui­se ging um fünf Uhr aus«. Es war die Zeit, als die Rede von der »Kri­se des Romans« popu­lär war. Die Wirk­lich­keit sei zu kom­plex gewor­den, hieß es. Neue Medi­en sei­en bes­ser geeig­net, die Rea­li­tät ein­zu­fan­gen. Auch kön­ne die Spra­che, derer ein Roman bedür­fe, kaum mit­hal­ten in einer Welt tran­szen­den­ta­ler Obdachlosigkeit.

Vor fünf­zig Jah­ren hat Clau­de Mau­riac dem Valé­ry­schen Dik­tum zum Trot­ze einen Roman ver­faßt, der Die Mar­qui­se ging um fünf Uhr aus titel­te, eine Art Sekun­den­stil-Ver­such, das Detail zu mikro­sko­pie­ren, im Klei­nen das Gro­ße sicht­bar zu machen.

Mar­tin Mose­bachs Roman Das Blut­bu­chen­fest hebt mit die­sen Wor­ten an: »Die Mar­kies ver­ließ um fünf Uhr das Haus«, und schnell wird deut­lich, daß sie kei­nes­wegs zufäl­lig bereits um fünf – »mor­gens wohl­ge­merkt« – das Haus ver­läßt, obwohl ihr Flug viel spä­ter geht. Die Mar­kies, kei­ne Mark­grä­fin, son­dern Geschäfts­füh­re­rin einer Mar­ke­ting­agen­tur, »war eine über­le­ge­ne Pla­ne­rin ihres Lebens und bezog auch eige­ne Schwä­chen in ihre Pla­nung ein«. Die Büro­mäd­chen wis­sen, daß sie zurück­keh­ren wür­de, um noch Wich­ti­ges zu erle­di­gen. Auch sie wis­sen zu pla­nen und den Zeit­punkt abzu­schät­zen, ab dem die Agen­tur­ge­mein­de ihr Tem­po her­un­ter­fah­ren kann. »Der Galee­ren­takt der gemein­sa­men Ruder­schlä­ge wur­de nicht mehr vor­ge­ge­ben«, füh­rungs­los drif­tet man, Ein­zel­in­ter­es­sen ver­fol­gend, auseinander.

Eine der Ange­stell­ten ist Win­nie, ein zar­tes Mäd­chen, das sei­ne Herz­schwä­che durch das Tra­gen von Kampf­stie­feln und Armee­kluft kon­ter­ka­riert. Eine wei­te­re Lohn­kraft der Inge Mar­kies ist Iva­na. Die Bos­nie­rin hält die Mar­kies­schen Pri­vat­räu­me sau­ber, und bald auch die wüs­ten, bücher­ge­flu­te­ten Zim­mer des Ich-Erzäh­lers. Die­ser Bericht­erstat­ter ist ein Kunst­his­to­ri­ker ohne Anstel­lung jenes Alters, das Mose­bachs Angel­fi­gu­ren meist haben, Mit­te drei­ßig, habi­tu­ell beein­druck­bar, unge­bun­den, doch nicht bin­dungs­un­wil­lig. Mose­bachs Erzäh­ler nimmt, auch dies erneut, eine in denk­bar höchs­tem Maße aukt­o­ria­le Per­spek­ti­ve ein. Er hat nicht nur die Außen­sicht auf das Roman­per­so­nal, er macht sie kern­haft kennt­lich, kennt ihre Gedan­ken, blickt in abge­schlos­se­ne Räu­me. Daß das funk­tio­niert, ohne Irri­ta­tio­nen zu hin­ter­las­sen, darf man der Zau­ber­kraft des Autors zurechnen.

Frank­furt, weit­hin Ort der Hand­lung, ähnelt als Hand­lungs­raum dem St. Peters­burg Dos­to­jew­skis. Hier wie dort kreu­zen sich die Wege des Roman­per­so­nals, als wäre die Stadt ein Dorf. Iva­na putzt auch bei den Bree­gens. Der feis­te Bree­gen ist ein Immo­bi­li­en­hai, ges­tern noch berüch­tig­ter Plei­tier, heu­te wie­der oben­auf. Iva­na wischt und wie­nert in der Woh­nung der betö­ren­den Maru­scha, die zugleich Bree­gen und dem melan­cho­li­schen Mul­ti­pli­ka­tor Were­schni­kow (mit »Kon­tak­ten zu Hen­ry Kis­sin­ger und Bou­tros Gha­li«, dies sei­ne bedeut­sa­men Refe­ren­zen) als Gespie­lin dient. Sie hält den Haus­halt des lebens­un­tüch­ti­gen Dok­tor Glück mit sei­ner mehr zufäl­lig akku­mu­lier­ten Napo­leo­ni­ca-Samm­lung rein und den der Bea­te Col­li­sée, jener betag­ten Cou­turis­tin, deren Nich­te und Mit­be­woh­ne­rin aus­ge­rech­net die zwirns­fa­den­dün­ne Win­nie ist. Wäh­rend der Ich-Erzäh­ler den Auf­trag Were­schni­kows annimmt, eine Aus­stel­lung des wenig bekann­ten Bild­hau­ers Mestro­vic zu kura­tie­ren (die Schau soll eine von huma­nis­ti­schem Geist getra­ge­ne Bal­kan­kon­fe­renz flan­kie­ren) und zugleich eine Affä­re mit Win­nie auf­nimmt; wäh­rend Bree­gen im Klei­der­schrank der heim­li­chen Gelieb­ten fest­sitzt; wäh­rend ein zwie­lich­ti­ger Rotz­off eine Pro­mi­par­ty in Glücks Groß­stadt­gar­ten plant (das Blut­bu­chen­fest, das revo­lu­tio­när enden wird), braut sich in Iva­nas Hei­mat ein ungleich grö­ße­res Unglück zusam­men: Wir schrei­ben 1992, Jugo­sla­wi­en bricht auf. Krieg und Fest tref­fen in eins. So viel gestor­ben wur­de nie in Mose­bachs Romanen.

Dane­ben gilt wie immer bei die­sem Schrift­stel­ler: Unter dem glän­zen­den, in mus­ter­gül­ti­ger Kunst­fer­tig­keit auf­ge­tra­ge­nen Fir­nis wuchert das Holz. Es folgt sei­ner Wuchs­rich­tung, als wäre es nie abge­sägt, ver­ar­bei­tet und glatt­po­liert wor­den. Mose­bach ist ein begna­de­ter, scharf­sich­ti­ger Men­schen­ken­ner, das beweist erneut die­ser Roman. Ein Nase­weis mag fra­gen, wes­halb in einer Geschich­te, die vor über zwan­zig Jah­ren spielt, bereits Klin­gel­tö­ne, SMS und schma­le Klapprech­ner für die Nach­rich­ten­über­tra­gung sor­gen. Mose­bach wagt es, das Rea­lis­mus­kon­zept des bür­ger­li­chen Romans augen­zwin­kernd zu über­tre­ten. Was, wenn nicht das unüber­hör­ba­re Stamp­fen der dräu­en­den Kriegs­ma­schi­ne­rie, bezeugt die »Anti­quiert­heit des Men­schen« (Gün­ther Anders) gegen­über der Macht der Groß­tech­nik? Nach Anders obsiegt der tech­ni­sche Appa­rat mit sei­ner Fähig­keit, »auf Knopf­druck« den »welt­lo­sen« Men­schen zu bezwingen.

Die han­deln­den Sub­jek­te bei Mose­bach den­ken »mit den Fin­ger­spit­zen, fixe Gedan­ken, die sich den Fak­ten anschmie­gen wie ein Hand­schuh«. Der Krieg, das Fest: sie wir­ken am Ende nicht als zuver­läs­si­ge Läu­te­rungs­in­stanz. Die Rei­ni­gungs­kraft? »Sie streif­te den Jog­ging­an­zug über. Dann begann sie auf­zu­räu­men.« Tri­vi­al: nicht die­ser Roman.

Mar­tin Mose­bach: Das Blut­bu­chen­fest. Roman, Mün­chen: Han­ser 2014. 448 S., 24.90 €

Ellen Kositza

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Kommentare (1)

Jens

21. Februar 2014 00:20

Ich kann hierzu leider nichts sagen, da ich den Roman (noch) nicht gelesen habe, weise aber darauf hin, dass am 27.02. im Literaturhaus FFM eine Lesung aus demselben stattfindet.

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