17. Februar 2014

Frankfurter Aufruf 1914–2014

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58 zu 19 sagt eine der unfehlbaren Forsa-Umfragen, die nach der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges fragt. Aber der Bundespräsident weiß es besser.

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58% der Befragten gaben nämlich zur Antwort „Alle beteiligten Staaten“, während es 19% waren, welche die Schuld beim Deutschen Reich sahen. Gerade in diesem Kreis werden eher die 19% Kopfschütteln hervorrufen und nicht die 58%. Auch wenn die 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts – passend zu den meisten Filmaufnahmen aus dieser Zeit – in Schwarz-weiß getaucht sind und differenzierte Betrachtungen der Umstände dieser Zeit heutzutage gelinde geschrieben entbehrlich scheinen, ist den allermeisten Gebildeten klar, dass die multipolare Welt vor hundert Jahren gerade nicht als Leinwand für die heutige, manichäische Gut-Böse-Rhetorik taugt.

Jedem halbwegs historisch Interessierten sind die Zusammenhänge zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg klar. „Plötzlich kam Hitler und die Deutschen wurden böse“ funktioniert nicht.

Daraus ergeben sich zwei denkbare Entwicklungen. Es entstünden plötzlich Grautöne in der Betrachtung der Vorgeschichte und Entwicklung des Dritten Reichs, die heutzutage undenkbar sind, oder die „Logik“ der deutschen Kollektivschuld wird bis zum Ersten Weltkrieg verlängert.

Das klingt absurd und das ist es auch. Dennoch greift genau dieses Denken immer stärker im politisch-medialen Paralleluniversum um sich und hat auch den deutschen Bundespräsidenten befallen. Im Spiegel wird Gauck mit den Worten zitiert, er könne sich „eine deutsche Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg nur als Respekt vor dem Leid derer vorstellen, die damals durch uns bekämpft wurden“.

Im gleichen Spiegelbeitrag erfahren wir: „In einer Meinungsumfrage erklärten kürzlich 88 Prozent der befragten Spanier, 82 Prozent der Italiener und 56 Prozent der Franzosen, der Einfluss Deutschlands in der Europäischen Union sei zu groß. Und nicht wenige vergleichen die heutige Bundesrepublik mit dem Reich des bramarbasierenden Kaisers Wilhelm II.“

Ja, nee, is' klar... Erst wird aus dem letzten Kaiser der erste Nazi gemacht und dann die Bundeskanzlerin in seine Fußstapfen gestellt. Dass dies ohne hochgradiges Zwiedenken im Endstadium schlechthin unmöglich ist, stört die hauptamtlichen Eklektiker offenbar nicht.

Im Gegenteil müsste doch genau diese Dichotomie ein Weckruf sein, dass gerade nicht irgendwelche objektive Realitäten solchen Stimmungen zugrundeliegen, sondern in der Regel zielgerichtete Propaganda. Etliche südeuropäische Parteien, sowohl vom linken als auch rechten Spektrum, haben sich einen explizit anti-deutschen Europa-Wahlkampf auf die Fahnen geschrieben und befördern die oben zitierten Stimmungen nach Kräften um des politischen Profits willen.

Die angekündigte Anbiederung von Präsident und Kanzlerin werden daran ebensowenig ändern wie die Euro-Rettungswut und ihre absehbaren immensen wirtschaftlichen Lasten für Deutschland.

Dieser geschichtspolitische Kotau ist jedoch nicht zu bekämpfen, weil er nutzlos ist, sondern weil er falsch ist. Glücklicherweise gibt es noch genug und – zumindest gefühlt – immer mehr, die nicht mehr bereit sind, jeden politisch-korrekten Unsinn zu schlucken. Ein Ausdruck des Widerstandes ist der Frankfurter Aufruf 1914–2014, zu dessen Erstunterzeichnern der Autor gehört, und der sich im Internet bereits einer gewissen Verbreitung erfreut. Geneigte Leser können auch über die entsprechende Facebook-Seite ein „Like“ er- und den Aufruf verteilen.

Bei der Lektüre werden Sie feststellen, dass er eigentlich nicht anderes als eine Selbstverständlichkeit ist. Aber in Zeiten wie heute, wenn Kritik am Euro rechtsextremistisch ist, oder das Eintreten für Familien Homophobie bedeutet, müssen auch diese Selbstverständlichkeiten verbissen verteidigt werden..

Die Sache und das Gedenken an unsere Vorfahren sind den Einsatz wert. Sezession hat übrigens das aktuelle Heft dem thematisch dem Jahr "1914" gewidmet. Hier einsehen.


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