Frankfurter Aufruf 1914–2014

58 zu 19 sagt eine der unfehlbaren Forsa-Umfragen, die nach der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges fragt. Aber der Bundespräsident weiß es besser.

 Gastbeitrag

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58% der Befrag­ten gaben näm­lich zur Ant­wort „Alle betei­lig­ten Staa­ten“, wäh­rend es 19% waren, wel­che die Schuld beim Deut­schen Reich sahen. Gera­de in die­sem Kreis wer­den eher die 19% Kopf­schüt­teln her­vor­ru­fen und nicht die 58%. Auch wenn die 30er und 40er Jah­re des 20. Jahr­hun­derts – pas­send zu den meis­ten Film­auf­nah­men aus die­ser Zeit – in Schwarz-weiß getaucht sind und dif­fe­ren­zier­te Betrach­tun­gen der Umstän­de die­ser Zeit heut­zu­ta­ge gelin­de geschrie­ben ent­behr­lich schei­nen, ist den aller­meis­ten Gebil­de­ten klar, dass die mul­ti­po­la­re Welt vor hun­dert Jah­ren gera­de nicht als Lein­wand für die heu­ti­ge, manichäi­sche Gut-Böse-Rhe­to­rik taugt.

Jedem halb­wegs his­to­risch Inter­es­sier­ten sind die Zusam­men­hän­ge zwi­schen dem Ers­ten und Zwei­ten Welt­krieg klar. „Plötz­lich kam Hit­ler und die Deut­schen wur­den böse“ funk­tio­niert nicht.

Dar­aus erge­ben sich zwei denk­ba­re Ent­wick­lun­gen. Es ent­stün­den plötz­lich Grau­tö­ne in der Betrach­tung der Vor­ge­schich­te und Ent­wick­lung des Drit­ten Reichs, die heut­zu­ta­ge undenk­bar sind, oder die „Logik“ der deut­schen Kol­lek­tiv­schuld wird bis zum Ers­ten Welt­krieg verlängert.

Das klingt absurd und das ist es auch. Den­noch greift genau die­ses Den­ken immer stär­ker im poli­tisch-media­len Par­al­lel­uni­ver­sum um sich und hat auch den deut­schen Bun­des­prä­si­den­ten befal­len. Im Spie­gel wird Gauck mit den Wor­ten zitiert, er kön­ne sich „eine deut­sche Beschäf­ti­gung mit dem Ers­ten Welt­krieg nur als Respekt vor dem Leid derer vor­stel­len, die damals durch uns bekämpft wurden“.

Im glei­chen Spie­gel­bei­trag erfah­ren wir: „In einer Mei­nungs­um­fra­ge erklär­ten kürz­lich 88 Pro­zent der befrag­ten Spa­ni­er, 82 Pro­zent der Ita­lie­ner und 56 Pro­zent der Fran­zo­sen, der Ein­fluss Deutsch­lands in der Euro­päi­schen Uni­on sei zu groß. Und nicht weni­ge ver­glei­chen die heu­ti­ge Bun­des­re­pu­blik mit dem Reich des bramar­ba­sie­ren­den Kai­sers Wil­helm II.“

Ja, nee, is’ klar… Erst wird aus dem letz­ten Kai­ser der ers­te Nazi gemacht und dann die Bun­des­kanz­le­rin in sei­ne Fuß­stap­fen gestellt. Dass dies ohne hoch­gra­di­ges Zwie­den­ken im End­sta­di­um schlecht­hin unmög­lich ist, stört die haupt­amt­li­chen Eklek­ti­ker offen­bar nicht.

Im Gegen­teil müss­te doch genau die­se Dicho­to­mie ein Weck­ruf sein, dass gera­de nicht irgend­wel­che objek­ti­ve Rea­li­tä­ten sol­chen Stim­mun­gen zugrun­de­lie­gen, son­dern in der Regel ziel­ge­rich­te­te Pro­pa­gan­da. Etli­che süd­eu­ro­päi­sche Par­tei­en, sowohl vom lin­ken als auch rech­ten Spek­trum, haben sich einen expli­zit anti-deut­schen Euro­pa-Wahl­kampf auf die Fah­nen geschrie­ben und beför­dern die oben zitier­ten Stim­mun­gen nach Kräf­ten um des poli­ti­schen Pro­fits willen.

Die ange­kün­dig­te Anbie­de­rung von Prä­si­dent und Kanz­le­rin wer­den dar­an eben­so­we­nig ändern wie die Euro-Ret­tungs­wut und ihre abseh­ba­ren immensen wirt­schaft­li­chen Las­ten für Deutschland.

Die­ser geschichts­po­li­ti­sche Kotau ist jedoch nicht zu bekämp­fen, weil er nutz­los ist, son­dern weil er falsch ist. Glück­li­cher­wei­se gibt es noch genug und – zumin­dest gefühlt – immer mehr, die nicht mehr bereit sind, jeden poli­tisch-kor­rek­ten Unsinn zu schlu­cken. Ein Aus­druck des Wider­stan­des ist der Frank­fur­ter Auf­ruf 1914–2014, zu des­sen Erst­un­ter­zeich­nern der Autor gehört, und der sich im Inter­net bereits einer gewis­sen Ver­brei­tung erfreut. Geneig­te Leser kön­nen auch über die ent­spre­chen­de Face­book-Sei­te ein „Like“ er- und den Auf­ruf verteilen.

Bei der Lek­tü­re wer­den Sie fest­stel­len, dass er eigent­lich nicht ande­res als eine Selbst­ver­ständ­lich­keit ist. Aber in Zei­ten wie heu­te, wenn Kri­tik am Euro rechts­ex­tre­mis­tisch ist, oder das Ein­tre­ten für Fami­li­en Homo­pho­bie bedeu­tet, müs­sen auch die­se Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten ver­bis­sen ver­tei­digt werden..

Die Sache und das Geden­ken an unse­re Vor­fah­ren sind den Ein­satz wert. Sezes­si­on hat übri­gens das aktu­el­le Heft dem the­ma­tisch dem Jahr “1914” gewid­met. Hier ein­se­hen.

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