Leidenschaft?

von Heino Bosselmann

Mit Blick auf die Jugend bedrückt mich zuweilen deren Leidenschaftslosigkeit – dem Politischen gegenüber sowieso,...

 Gastbeitrag

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aber eben­so als ver­mut­lich “kul­tur­ge­schicht­li­ches” Phä­no­men. Jene ver­gleichs­wei­se weni­gen, die mehr Puls haben, fal­len glück­li­cher­wei­se um so ein­drucks­vol­ler auf. Wo über­haupt mögen noch Lei­den­schaf­ten lie­gen? – Nein, es geht mir nicht um die übli­che Jugend­schel­te, nur weil ich selbst fünf­zig wer­de. Mei­ne Schü­ler und jun­gen Freun­de sind in Ord­nung. Sie kön­nen so aller­lei, sie beherr­schen die Pro­gram­me des Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ters, sie grei­fen auf alles mög­li­che, meis­tens aber auf Vir­tu­el­les zu, sie ken­nen eine Men­ge prak­ti­scher Apps und tip­pen Sät­ze schnel­ler als ich in die Welt.

Ihre Emo­tio­nen oszil­lie­ren zwi­schen All­machts­phan­ta­sie und Unsi­cher­heit, oft schei­nen sie mir Angst zu haben, vor der Zukunft, vorm Ver­sa­gen, vor dem Gespenst Hartz IV; aber hin­sicht­lich ihrer Begeis­te­rungs­fä­hig­keit regis­trie­re ich oft nur fla­che Ampli­tu­den. Schwie­rig, die Gleich­ge­richt­etheit zu zacki­gen Aus­schlä­gen zu bewe­gen. Leben ist mehr als Stoff­wech­seln. Wie im opti­schen Gegen­satz dazu wir­ken immer mehr Jugend­li­che kör­per­lich aller­dings so akze­le­riert, daß man sich öfter mal deren gerin­ges Alter ver­ge­gen­wär­ti­gen muß. Zuwei­len sehen Jun­gen und Mäd­chen bereits in der sie­ben­ten Klas­se äußer­lich so ent­wi­ckelt aus wie frü­her in der Ober­stu­fe. Kin­der, in gro­ßen Kör­pern gefan­gen. Sie wir­ken in der Schu­le wie inter­niert, und man fragt sich unwill­kür­lich, wie die­se rein phy­sisch Erwach­se­nen es noch jah­re­lang in Klas­sen­räu­men aus­hal­ten können.

Bei all­ge­mei­ner Reiz­über­flu­tung scheint sie aber kaum etwas tief zu erre­gen oder auf­zu­re­gen. Sie sind freund­lich, loy­al, bis­wei­len sogar soli­da­risch, aber schwer zu ent­zün­den. Als Leh­rer kon­kur­riert man daher mit dem all­ge­gen­wär­ti­gen Medi­en-Enter­tain­ment. Außer­dem bearg­wöh­ne ich ihren Hang zum all­zu Lau­en: Statt herb gehopf­tes Pils bevor­zu­gen die, die es dür­fen, aro­ma­ti­sier­te Misch­ge­trän­ke mit bun­ten Eti­ket­ten, also ver­pansch­tes Bier. Sie mei­nen wider­lich süße Ener­gy-Drinks zu benö­ti­gen, um in Gang zu kom­men; den Zuschnitt ihrer Jeans hal­te ich für unprak­tisch, er behin­dert kräf­ti­ges Aus­schrei­ten; und sich über­haupt mal mit Ver­ve zu bewe­gen oder abzu­ra­ckern, das fin­den sie uncool, weil ihnen die Erfah­rung fehlt, daß das Eigent­li­che erst jen­seits des­sen beginnt, was man eben noch für sei­ne Leis­tungs- oder Schmerz­gren­ze hielt. Lie­ber Spiel als Sport. Und die­se Roll­kof­fer, die sie hin­ter sich her­zie­hen, gab es frü­her nur für Rent­ner. Selbst­über­win­dung? Was ist das denn, Herr Bos­sel­mann? Und ja: Wir sind lei­den­schafts­los, da haben Sie wohl recht. Ist nun mal so. Keep cool! – Ich neh­me an, lie­ße man sie an rich­ti­ge Maschi­nen her­an und nicht nur mit Ersatz­tei­len spie­len, dann täte sich was. Trenn­schlei­fer, Trak­to­ren, Motor­rä­der und, ja, Waf­fen­sys­te­me, das mögen u.a. veri­ta­ble päd­ago­gi­sche Vehi­kel sein – kon­fron­ta­ti­ver, kraft­vol­ler und inten­si­ver Erleb­nis und Bewäh­rung ermög­li­chend als Stand­bil­der, Wand­zei­tun­gen und all die­se lang­wei­li­gen Bas­tel­stra­ßen des sog. Projektunterrichts.

Als ich neu­lich auf dem Neu­bran­den­bur­ger Stadt­wall an zwei ein­an­der gegen­über­ge­stell­ten Park­bän­ken vor­bei­ging, einer Art impro­vi­sier­ter Sitz­grup­pe, in der ein hal­bes Dut­zend die­ser mit übli­chen „Mar­ken­kla­mot­ten“ gut ange­zo­ge­nen, dazu auf­wen­dig fri­sier­ten und durch­aus gepfleg­ten Jungs abhing und „chill­te“, Hip-Hop hör­te und sich über Smart-Pho­nes mit der Welt ver­band, glaub­te ich plötz­lich zu wis­sen, wor­an das liegt, was ich da wahr­zu­neh­men mei­ne. Wor­an es liegt, daß sie einer­seits wirk­lich rich­tig gute und gesun­de Jungs sind, ande­rer­seits aber so durch­hän­gen. Den ein­fa­chen Satz, der mir dazu ein­fiel, mag eine pro­ble­ma­ti­sche bis gefähr­li­che Last beschwe­ren, ver­mut­lich wie­der mal eine böse ideo­lo­gi­sche, aber die­ser Satz mar­kiert den Unter­schied zwi­schen mei­ner Genera­ti­on der in den Sech­zi­gern und Sieb­zi­gern im Osten Gebo­re­nen und jenen, die ich zuwei­len bedaue­re. Er lautet:

WIR WURDEN GEBRAUCHT!

Prä­ter­itum natür­lich. – Wer braucht die Jungs auf der Bank? Die Deutsch­land AG? „Euro­pa“? Schon lan­ge scheint mir die „Volks­wirt­schaft“ mehr Kon­su­men­ten als Pro­du­zen­ten zu benötigen.

Ja, ja, mein ehe­ma­li­ges Hei­mat­land ging unter, zer­fiel zur geschicht­li­chen und öko­no­mi­schen Kon­kurs­mas­se, ein Ramsch­la­den zur viel­fäl­ti­gen Bedie­nung, ver­mit­telt über eine „Treu­hand­an­stalt“, die von einer sehr har­ten Anstalts­lei­te­rin im Inter­es­se der neu­en Ver­wer­ter geführt wur­de. Aber daß es so kom­men wür­de, wuß­ten wir in den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern noch nicht, denn da hat­ten wir den Ein­druck, wir wür­den tat­säch­lich gebraucht. Daß es so sein soll­te, säu­sel­te man uns nicht anti­au­to­ri­tär vor, nein, man ver­sah die­se Pro­gno­se, die­sen Anspruch mit einem bar­schen Aus­ru­fe­zei­chen: Ihr wer­det gebraucht, Leu­te! Strengt euch an! Gebt euch nicht mit Mit­tel­maß zufrie­den, sonst ver­lie­ren wir die Aus­ein­an­der­set­zung der Sys­te­me! Kin­der­gar­ten ist vor­bei, das hier ist kein Spiel mehr aus Lust und Lau­ne, son­dern Kampf! Zwar nicht unmit­tel­bar mili­tä­risch, noch nicht, aber ehr­lich gesagt kann euch selbst das noch blü­hen. – Wir soll­ten ein Gedicht des rus­sisch-sowje­ti­schen Avant­gar­de-Lyri­kers Wla­di­mir Maja­kow­ski inter­pre­tie­ren, das uns schon damals etwas streng erschien: „Geheim­nis der Jugend“.

Ob Lehr­ling oder Schü­ler: Ran­zu­klot­zen galt als lobens­wert, beson­ders dann, wenn nicht gleich nach­ge­fragt wur­de, was man denn jetzt per­sön­lich davon hät­te. Man mag miß­güns­tig unter­stel­len, daß unse­re Eltern­ge­nera­ti­on vom Drit­ten Reich dis­zi­pli­niert und mobi­li­siert wor­den war und ihre Hal­tun­gen vom Natio­nal­so­zia­lis­mus auf den DDR-Sozia­lis­mus und so auf uns über­trug. Heut­zu­ta­ge hin­ge­gen wird selbst Fuß­ball eher für Geld gespielt als für eine Idee von Sieg. Und wenn es um Wer­te geht, den­ken vie­le, es gin­ge um die Prei­se, also wie­der mal um Strichcodes.

Die meis­ten von uns wur­den gern gebraucht, nicht weni­ge mögen gar miß­braucht wor­den sein, indem sich ihr Ehr­geiz pro­ble­ma­tisch ein­ge­spannt fand: sys­tem­nah. – Aber ein Kerl war, wer was zuwe­ge brach­te. Cool­ness gab’s in Ame­ri­ka, und wir moch­ten das, was wir zuwei­len im Kino oder West­fern­se­hen sahen, im Sin­ne eines ande­ren „Life­style“ wohl nach­zu­ah­men ver­su­chen, aber dann hieß es gleich wie­der: Mehr Fleiß! Enga­ge­ment! Initia­ti­ve! Mensch, ihr wer­det gebraucht! Hängt hier nicht rum! – Als ich Mit­te der Acht­zi­ger end­lich aus der Armee aus­schied, schie­nen mir drau­ßen plötz­lich ganz ande­re Jugend­li­che unter­wegs zu sein: Die hat­ten neu­er­dings Fri­seur­ter­mi­ne, gin­gen Kla­mot­ten kau­fen, anstatt karier­te Arbeits­hem­den zu tra­gen, und hör­ten kei­ne gera­de klas­si­sche Rock­mu­sik mehr, son­dern die Syn­thie-Pop-Grup­pe „Depe­che Mode“. War das nicht schon der Beginn der Wen­de, noch vor Gor­bat­schows Frei­schal­tung unse­res Lan­des für Frei­heit und Markt?

Ich den­ke dar­über nach, ob nur Ideo­lo­gie sol­che Moti­va­ti­on her­vor­brin­gen kann. Was gleich noch die ket­ze­ri­sche Fra­ge pro­vo­ziert, ob es gar bes­ser ist, mit der fal­schen auf­zu­wach­sen als mit gar kei­ner? – Sicher inspi­riert auch die Kunst. Aber wer ist schon ein Künst­ler? Poe­try Slam etwa ver­ge­sell­schaf­tet ja gera­de Lyrik, und Petra Engel­manns gefei­er­ter Auf­tritt bringt den Ein­druck zur Spra­che, den ich oben beschrieb.  – Ande­rer­seits weiß ich: Die Jungs, die ich ken­ne, wären am Mai­dan in Kiew auch auf den Bar­ri­ka­den, wenn es um den Mut gin­ge, sich für und somit auch gegen etwas ein­zu­set­zen. Nur wofür und woge­gen soll­ten sie das gera­de tun? Apple-iPho­ne oder Sam­sung-Han­dy? Selbst wer den Regen­wald ret­ten möch­te, was sehr aner­ken­nens­wert sein dürf­te, ist von ihm weit entfernt.

 Gastbeitrag

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Kommentare (22)

Arthur Spät

26. Februar 2014 14:32

Die Motivation, Power, Leidenschaft, die Ideologien oft mit sich bringen, sind, wie jeder weiß, ambivalent. Anschaulichstes Negativ-Beispiel unserer Zeit ist der Islamismus. Dass es so ist, ist ein praktisches Problem, für jeden, der sich ein "bisschen mehr" Ideologie wünscht. Mit der richtigen Ideologie, in der richtigen Dosierung, könnte man sagen, ließe sich diese Schwierigkeit vielleicht auflösen. Aber es gibt noch ein grundlegenderes, moralisches Problem. Ideologien sind immer, egal welche und egal in welcher Dosierung, unterdrückerisch für diejenigen, die ihnen nicht anhängen. Sie müssen Dinge tun oder Unterlassen, die sie sie nicht tun oder unterlassen wollen, was sich nicht begründen lässt. Dieses Problem lässt sich nicht auflösen.

Carl Sand

26. Februar 2014 15:22

Lieber Herr Bosselmann,

herzlichen Dank für diesen Beitrag. Sie sprechen ein m.E. höchst unterschätztes Kernproblem an, welches in der Konservativen Szene meist zwischen den Polen des spießbürgerlichen "Man hat es ja schließlich auch geschafft" und dem wölfischen "Das Leben ist hart, zwo, drei, vier, bummsfallera" verschwindet.

Ja, diese Generation hat es noch geschafft, aber zu welchen Bedingungen? Welchen paradisischen Bedingungen.

Zur Verdeutlichung ein Beispiel aus meinem eigenen Leben: Ich habe am Ende vorigen Jahrtausends mein Abitur mit exzellenter Note bestanden - und dies mit einem minimalen Aufwand, der mir heute die Schamesröte ins Gesicht treiben sollte. Dies sei nicht aus Arroganz gesagt, sondern war Fluch (heutiges System) und Segen (damals) zugleich.

Ich bin mir sicher, dass ich dies heute nicht mehr schaffen würde.

Um es ganz klar zu sagen, ich möchte heute NICHT mehr Abitur machen müssen.

Ich möchte heute NICHT mehr studieren müssen.

Dies sei allen ins Stammbuch geschrieben, die den Qualitätsverfall der Bildungssysteme mit arrivierter Spießbürgerlichkeit kommentieren. Was an Qualität verloren gegangen ist, ist durch Quantität mehr als wettgemacht worden. Wenn ich mir die heutigen geklonten Bulmielernmonster in den Bibliotheken ansehe, überkommt mich Mitleid statt (und?) Verachtung.

Die Heutigen hecheln um Teilhabe, das alte Spiel, das die Arrivierten ihnen vorspielten. Im Hamsterrad des fragmentierten Kapitalismus. Aber BRAUCHT man sie? Keiner braucht sie, austauschbar und leistungsorientiert. Kein Leben, kein Halt, kein Sinn.

Ja, vielleicht hatte es meine Generation zu leicht. Vielleicht haben wir ein wenig zu sehr goldne Akademia gespielt. Vielleicht hätte aus uns mit nur ein wenig mehr Aufwand noch mehr werden können - Prof, statt Anwält, höhö...

Warum die jetzige Generation so gleichförmig ist, kann ich gut nachvollziehen - wenn es mir auch den Zorn ins Gesicht treibt - aber die Generation vor mir möge doch bitte nicht mit den Heutigen tauschen wollen - IHR WURDET SCHLIESSLICH NOCH GEBRAUCHT!

Couperinist

26. Februar 2014 16:10

Die Omnipräsenz des Virtuellen im Smartphone-Zeitalter macht das Chillen aber auch allzu leicht. Noch vor 8-10 Jahren gab es zumindest außerhalb der eigenen vier Wände eine Offline-Zone und die sozialen Netzwerke steckten noch in den Kinderschuhen.

Heute muß, wer dazu gehören will, ständig irgendwas "zwitschern", gleich einem Versailler Höfling, nur ohne Esprit. Ich weiß das aus eigener Erfahrung von einem Job an einer Kieler Schule. Entziehen kann sich keiner, der nicht zum Außenseiter werden will. Gut, die gabs immer, aber ich bin froh, nicht als 14jähriger dieser Paranoia ausgesetzt sein zu müssen.

Albert

26. Februar 2014 17:32

An den Satz "Ihr werdet gebraucht!" - meist in donnerndem Ton - kann ich mich (Jahrgang 74) auch noch gut erinnern. Und ich fand diesen Satz in der Tat motivierend, aber auch etwas einschüchternd. Wozu war man schon nutze, mit 13 oder 14 Jahren?

Aber dieser Satz bedeutete mir schon etwas - egal, ob Sozialismus oder sonstwas: Irgendwo hinter der Schulbank, so hieß es, wartete ein Land/Staat/Volk auf einen, die wollte, daß man was leistete für die Allgemeinheit. In dieser Welt, so wurde uns damals (fälschlicherweise, wie sich später herausstellte) suggeriert, sollte und konnte man wirklich einen Unterschied machen, so hieß es. Auf mich kam es an!

In Wirklichkeit stimmte das natürlich alles nicht, aber motivierend war es in der Tat.

Interessanterweise ist die Phrase "You can make a difference!" heute eine der am meisten gebrauchten in der Facebook-Gutmensch-Smartie-Welt. Nur haben die meisten die schon so oft gehört, daß die meisten sie als unsinnig abtun, wohl zu Recht.

Ihnen, Herr Bosselmann, gelingt es immer wieder, aus den verstaubten Kämmerchen meiner Ossi-Vergangenheit interessante Fetzen herauszuholen... Das gibt mir immer Stoff zum Nachdenken für ein paar Tage. Besten Dank dafür!

Revolte

26. Februar 2014 17:52

Ich habe oft das Gefühl, dass der Jugend Bünde und Verbände vom Format einer FDJ fehlen, metapolitische Begegnungsstätten, die Weisung und Identität stiften.
Ja, es gibt die Pfadfinder, die sich seit einigen Jahren offenbar auch wieder reger Beliebtheit zu erfreuen scheinen, indes sind diese einfach viel zu lau, zu leblos, zu beliebig, als dass von ihnen eine wirkliche Strahlkraft ausgehen könnte. Denn auch dort weht längst der miefige Zeitgeist, eine mediokre Tünche aus Humanismus und "Kumbaya, my Lord". Mit der Pubertät werden die Pfadfinder den "Kids" dann sowieso zu "uncool". Eben weil tiefere Verbundenheit fehlt. Zelten und Abenteuertrips in die Natur reichen nicht dauerhaft aus.
Man müsste die Pfadfindergruppen historisch, mythologisch aufladen, Traditionen pflegen, die Kinder und Jugendlichen lehren, was sie eint, mehr Deutschtümelei wagen, eine Wald- und Wiesenromantik mit Sinnstiftung, damit auch deutscher Nachwuchs wieder lernt, was Zusammenhalt, Freundschaft, Zuverlässigkeit oder Loyalität wirklich bedeuten.

Trouver

26. Februar 2014 19:53

Da ich ein notorischer Fan des wilhelminschen Kaiserreichs bin, unterstelle ich: das goldene Jahr der Germanenjugend fiel auf 1913.

Warum? Weil Jedermann seinen Platz hatte. Romantiker, Hartbursche, Nationalist, Sozi und Softie - alle.

Und kein Hitler.

Und kein KZ.

Ich vermisse Deutsches Suedmeerreich.

Und das heilige Vaterland auch.

ene

26. Februar 2014 22:22

@ Trouver

Viel, viel interessanter das Kaiserreich als sein Ruf, das stimmt.

1913 - nicht so gut, wenn man in dem Jahr geboren wurde. Wie mein Vater.
Frühe Kindheit im ErstenWeltkrieg, als sehr junger Mann im Zweiten Weltkrieg. Als Heimkehrer aus Rußland vor dem blanken Nichts stehend, da aller Besitz in (unterdessen) Polen geblieben war.

Michael Schlenger

27. Februar 2014 00:49

Lieber Herr Bosselmann, wie so oft machen mich Ihre Beobachtungen und Gedanken nachdenklich.

Nun denn, Sie sagen zurecht: "Wir wurden gebraucht" und Sie wissen aber auch, dass dieses spezielle Gebrauchtwerden den Mängeln eines Systems geschuldet war, das die in seinem Machtbereich Geborenen mit Gewalt davon abhalten musste, Ihr Glück in einem anderen, selbstbestimmten Gebrauchtwerden zu suchen.

Ihre These ist die, dass die Jugendlichen, die ihre Zeit mit anstrengungslosem Konsum digitaler Plastikkultur verplempern, nicht gebraucht würden. Ist dem aber wirklich so?

Die Frage ist doch: Warum können es sich diese Jugendlichen leisten, nicht gebraucht zu werden? Weil sie auf unwürdige Weise mit dem Geld anderer sediert werden, die vom Staat auf übermäßige Weise "gebraucht", eigentlich missbraucht werden. Nämlich denen, die deutschlandweit unfreiwillig auch von kargstem und im Regelfall wohlverdientem Lohn Abzüge erleiden, deren Höhe und Zustandekommen sie nur als raubritterhafte Willkür empfinden müssen.

Gäbe es diese abgepressten Kontributionen nicht, dann wären deren körperlich und geistig zweifellos hochbelastbare jugendliche Empfänger - so brutal es klingt - gezwungen, irgendwo hinzugehen, wo sie gebraucht werden. Ganz gleich wie es einst unsere Vorfahren aus Hunsrück, Vogelsberg und Märkischer Heide getan haben, die nicht das fragwürdige Glück hatten, im Elend einer Existenz auf Kosten unbekannter Dritter gehalten zu werden. Von mir aus auch wie die Überschussbevölkerung Griechenlands, die im 8. und 7 Jh. v.u.Z. ins Ungewisse aufbrach, mit bekanntem Ergebnis.

Sie bedauern mit Recht das antriebslose Dasein dieser zeitgenössischen Jugendlichen Kreaturen, aber bedauern das auch jene? Verkürzt gesagt, ist deren Leidensdruck noch nicht groß genug. Natürlich ist das Ganze Verrat an den Opfern eines allzuwohlmeinenden Umverteilungsapparats, der die wirklich Hilflosen längst aus den Augen verloren hat und sich eine lebenslange Klientel an Betreuungs"fällen" heranzieht.

Aber sind Sie sicher, dass das einem auf freiem Austausch beruhenden Wirtschaftssystem anzulasten ist, das nach meiner Wahrnehmung hierzulande nur noch in Nischen besteht, und nicht vielmehr einem Regime der "Wohlgesinnten", die nicht ruhen, bis nicht der letzte "Fall" erfasst und rundumversorgt ist?

Wenn die Wahl besteht zwischen Umzug, Auswanderung, Weiterbildung oder spontaner Schöpfung lokaler Wirtschafts- und Sozialgemeinschaften einerseits - und einem von Technokraten oder Ideologen auf Kosten Dritter gestellten lokalen Beschäftigungs- und Bespaßungsapparat andererseits, der immer neue "Opfer" kreiert, die es zu "versorgen" und zu "beteiligen" gilt, was ziehen Sie vor? Den einschläfernden Status quo, den sauber umzäunten DDR-Zoo oder den Schubs zum Aufbruch ins Ungewisse, den seit Urzeiten Menschen gebraucht und gewagt haben, um ihrem Dasein Sinn abzuringen für sich und die Ihren?

Meine These ist zugespitzt die, dass es das Beste wäre, diesen nach Ihren Worten guten und gesunden jungen Leuten den (finanziellen) Strom abzuschalten. Sie müssen sich dann beweisen und bewähren, aber im herrschenden "Sozial"staat gibt man ihnen nicht die Gelegenheit dazu.

Interessanterweise ist seit einigen Jahren hier im Hessischen ein steter Zustrom an jungen Osteuropäerinnen zu beobachten, die offenbar mühelos Arbeit finden, rasch Deutsch lernen und sich solide einheimische Männer suchen. Die haben den richtigen Instinkt, wie mir scheint... Wo ist der Biss der jungen Männer Ostdeutschlands?

Beste Grüße
Michael Schlenger

Heino Bosselmann

27. Februar 2014 09:12

@Michael Schlenger: Lieber Herr Schlenger, ich stimme Ihrer gedankenvollen Argumentation grundsätzlich zu und stelle sie - eben kopiert und anonymisiert - in einem interessierten Auditorium heute mal zur Diskussion. Vielleicht sollten wir dann mal korrespondieren. Ich bedanke mich ausdrücklich bei Ihnen!

gerdb

27. Februar 2014 10:59

Zwanzig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung werden ausreichen um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. "Mehr Arbeitskraft wird nicht gebraucht", meint der asiatische Tycoon Washington SyCip.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

E-Ward

27. Februar 2014 11:00

Als ich Mitte der Achtziger endlich aus der Armee ausschied, schienen mir draußen plötzlich ganz andere Jugendliche unterwegs zu sein: Die hatten neuerdings Friseurtermine, gingen Klamotten kaufen, anstatt karierte Arbeitshemden zu tragen, und hörten keine gerade klassische Rockmusik mehr, sondern die Synthie-Pop-Gruppe "Depeche Mode".

Geh, Herr Bosselmann, jetzt san S' aber a bisserl geschmäcklerisch. Muß man in Erinnerung rufen, wie die Urteile der noch Älteren über die Jugend der 60er und 70er Jahre lauteten, über Elvistolle, Entenarschfrisur und langes Männerhaar (als das letzte zur "Fashion" wurde, pflegten die Älteren bei den jungen Herren gerade zu tadeln, daß diese keine Termine beim Friseur hatten), über "die Monotonie des Je-Je-Je" und die nur als Lärmbelästigung zu beschreibenden Mißtöne des von Ihnen zur "klassischen Musik" geadelten Rocks? ;-) Bei Depeche-Mode-Nächten begegne ich jedenfalls mehr Leuten mit "gerader" Haltung und "geraden" Ansichten als sonst irgendwo heute.

Volle Breitseite auf den Hipf-Hüpf zu feuern, bin ich dagegen jederzeit bereit. Daran ist auch nichts geschmäcklerisch, denn der Hipf-Hüpf ist erwiesenermaßen und zweifelsfrei Unflat.

Martin

27. Februar 2014 11:44

Zwanzig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung werden ausreichen um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. „Mehr Arbeitskraft wird nicht gebraucht“, meint der asiatische Tycoon Washington SyCip.

Wenn man arbeitsteilige, industrielle Produktion konsequent zu Ende denkt, liegt er damit sogar recht optimistisch hoch.

Kein Wunder, dass bei solchen Aussichten die Sklaven unruhig werden. Überhaupt wird für meinem Geschmack dem Faktor Arbeit zu viel moralische und auch moralschaffende Qualität zugesprochen, was objektiv betrachtet, meiner Meinung nach nicht der Fall ist.

Die jungen Leute wittern eben instinktiv, auch wenn es ihnen noch nicht vollständig ins Bewusstsein gekommen ist, die allgemeine Verarsche der "Erwachsenenwelt", die als letzten Wert nur noch Abwandlungen des alten Spruchs "Arbeit macht frei" zu bieten hat.

Statt eines Aufstandes leben sie offenbar lieber das scheinbar sorglose Leben der Eloi. - Die Morlocks aber warten schon und werden sie sich im übertragenen Sinne einverleiben bzw. zu ihresgleichen machen.

Peter Niemann

27. Februar 2014 15:30

Junge Menschen sind stark von den soziologischphilosophischen Stroemungen ihrer Zeit gepraegt - postmodern und konsumorientiert ist entsprechend ihr Verhalten.
Die ideologische Konsequenz der Postmoderne mit ihrem Wertrelativismus ist doch letztendlich ein Nihilismus, bei dem alles moeglich und denkbar ist, nicht wirklich inspirierend, weil doch alles auf gleicher Wertstufe. Die Jungen fragen sich solche oder aehnliche Fragen: Wieso sich fuer Deutschland einsetzen, wenn man doch zufaellig hier geboren wurde und genauso gut Nigerianer haette sein koennen? Wieso den christlichen Gott ehren, wenn ein buddhistisches Nirwana genauso moeglich scheint? Et cetera.
Aus dieser "Alles geht"-Mentalitaet erwaechst intellektuelle Lethargie mangels fester Konturen. Somit steht die Koerper- und damit einhergehend Instinktbefriedigung im Vordergrund: Sexualitaet, Drogenkonsum oder eben flimmernde IPhones, Internetchatforen oder Whatsapp-Gedoense, weil das den Herdeninstinkt des Menschen nach Kommunikation befriedigt.
Klar, dasz damit kein Staat zu machen ist, dasz damit eine Gesellschaft mehr recht denn schlecht stabil fortbestehen kann, aber dafuer kann umso besser ein unbeschraenkter Konsummarkt vorhanden sein, weil Ideologien nur wenig den grenzenlosen Transaktionsprozesz stoeren. Weiterhin ist die Kurzfristigkeit dem Konsumkapitalismuskonzept inhaerent: Boersenkurse werden nicht umsonst im Tages- oder Wochentakt, manchmals gar im Minutenbereich analysiert, die Quartalszahlen werden dreimonatlich ermittelt, und nur maximalfalls wird ein Unternehmen im Jahrestakt analysiert, nie aber auf Jahrzehnte hinaus.

Couperinist

27. Februar 2014 17:45

@Peter Niemann

Ja, "ich fühl mich gar nicht als Deutscher, ich bin nur zufällig hier geboren", das hat vor Jahren ein alter Bekannter aus der Schulzeit zu mir gesagt. Typ Rucksack-Reisender. Eigentlich ein intelligenter Bursche gewesen.

Hatte ihn gefragt, wieso er das so sieht, die Bolivianer, Peruaner (er kam gerade aus Lateinamerika) sich aber selbstverständlich mit ihrer Heimat identifizieren ? Wer ist ihnen dort näher, der deutsche Patriot oder der, ja, angebliche "Weltbürger" ?

Wer das Eigene nicht wertschätzt und achtet, bzw. die Welt nicht aus der Perspektive einer irgendwie gearteten Heimatverbundenheit, von den eigenen Wurzeln aus betrachtet, der kann, jenseits weltfremder Schwärmerei, m.E. diese fremden Kulturen gar nicht voll verstehen. Er sah das anders. Ich glaube, daß solche Menschen es sind, die irgendwann in ihrem Leben hart auf die Realität prallen.

Rumpelstilzchen

28. Februar 2014 09:09

Lieber Herr Bosselmann,
eigentlich wollte ich zum Thema "Die Jugend" nichts mehr schreiben.
Und tue es nun doch, weil es mich nicht losläßt.

1. ich mag keine Verallgemeinerungen: die Jugend, die Menschen, die Menschheit. Wenn schon, müßte es heißen: viele oder einige Jugendliche.

2. einige Jugendliche haben mehr Puls und fallen um so eindrucksvoller auf?
Es gibt auch einige junge deutsche Salafisten, die eindrucksvoll auffallen und alles andere als Sven Lau sind. Diese leidenschaftlichen Typen meinen Sie aber doch nicht ?

3. ja, die lauen Jugendlichen, die ganz in Ordnung sind, aber Angst vor der Zukunft haben, vor dem Versagen. Die sind nun sicher auch ein Problem. Aber was tun ?

4. Wir wurden gebraucht ? Damit kann ich nicht viel anfangen. Zwischen gebraucht werden und missbraucht werden liegt oft nur ein schmaler Grat.

Wer gebraucht werden will, ist möglicherweise auch leichter zu missbrauchen. Etwas ambivalent. Und wo etwas FDJ-Ostalgie durchscheint, wird mir beklommen. Diesen jungen Mann hätten wir wirklich gut gebrauchen können, er war mutig, leidenschaftlich, begeisterungsfähig:
https://de.wikipedia.org/wiki/Chris_Gueffroy

Belsøe

28. Februar 2014 09:34

Wenn man diese jungen Männer (wieso eigentlich nur die?) als Gruppe, vielleicht auch als Klasse begreift, tun sie vielleicht instinktsicher genau das richtige: abwarten.

Die sind nicht dumm. Die begreifen ganz genau, um welche Plätze in der Gesellschaft man sie konkurrieren lassen möchte und wie die eigenen, individuellen Aussichten aussehen, in welchem Verhältnis Aufwand und erwartetes Ergebnis stehen. Ganz kühne These: Manche, gerade unterhalb der satten oberen Mittelschicht, ahnen vielleicht sogar, was man eigentlich für Sauereien mitmachen muss, wenn die Weichen auf Karriere stehen? Das ist ja (wenig diskutiertes Thema) alles überhaupt nicht mehr neutral, welchen Beruf und welche Position ich anstrebe, denn wir leben auch heute in einem System, wo bestimmten Bereichen bestimmte (neudeutsch:) Agendas zum Abarbeiten verpasst werden. Ist der (Mit)Macher mit seiner ganz wörtlich FRAGlosen Tüchtigkeit immer besser als der auf der Parkbank?

Man darf zudem nicht außer acht lassen, dass das Gebrauchtwerden in DDR wie BRD ja keine leere Versprechung war. Dem folgten beweiskräftige Taten: Lehrstellen waren vorhanden, Übernahme wahrscheinlich, Lohnzuwachs üblich. Die Bildungsoffensive zeigte sich ganz konkret in Stipendien, die monatlich eingingen, beispielsweise von der Gewerkschaft des Vaters oder Hilfswerken für Kinder einfacher Beamter, in der DDR stellte der Staat das Nötige. Und: Man wurde IM System gebraucht. Das Existierende war einem wohlgesonnen.

Wer heute von "brauchen" spricht, will einen allzu oft in die Akademikerarbeitslosigkeit oder Jahresverträge locken, will nur das Angebot erhöhen. Oder will einen gegen ein System mobilisieren, für einen Kampf, der kaum greifbar und vermutlich derzeit auch nicht zu gewinnen ist.

Der Themenkomplex "Sedierung durch Medien und Grundeinkommen" spielt dem natürlich noch tüchtig in die Hände, ist aber im Grunde flankierend. Das große Thema ist, dass die wissen: Ich werde überall angelogen, ich soll hier die Scheißarbeit aller Ebenen erledigen, und es gibt für nichts einen greifbaren Verantwortlichen.

Also: abwarten.

Heino Bosselmann

28. Februar 2014 09:44

Danke. Volle Zustimmung. M. E. sehr kluge und treffende Deutung des Phänomens.

Langer

28. Februar 2014 14:06

Ein paar weitere Ausfuehrungen bezueglich der "Allmachtsphantasien" wuerden mich interessieren! :) Was will man denn machen?

Heino Bosselmann

28. Februar 2014 15:59

@Langer: Ihre Nachfrage ist interessant. Tatsächlich meine ich eine Ambivalenz zu beobachten: Zum einen trauen sich die Jugendlichen eine Menge zu, verbal ohnehin, ohne daß ich etwa gleich von Maulheldentum reden wollte. Aber sie sind schon auffallend selbstbewußt darin, etwa den Unterricht im Sinne einer Dienstleistung zu verstehen, sehr viel generell in Frage zu stellen und recht offensive Forderungen zu erheben. Die Geste erscheint imposanter als die Kraft. – Das Schulsystem lädt zum Abwählen von Fächern ein, ebenso zur abrechnenden, berechnenden Notenoptimierung; es regt überhaupt nicht dazu an, Herausforderungen anzunehmen. Die Prüfungen, die allzu anstrengend sind, werden gemieden, anstatt daß gesagt würde: Ich wähle sie gerade deswegen! – Ferner halten sie es für Leistungssport, wenn sie einmal in der Woche trainieren; sie meinen vorab, ein Studium lässig bewältigen zu können, finden sich oft sehr clever in der pauschalen Gewißheit, nach der Schule schon schnell Kariere zu machen usw. usf. Das alles bekrittele ich nicht; es war dies jungen Menschen immer eigen. Auch mit Blick auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern sind sie sehr, sehr cool, andererseits aber (sympathisch bis neurotisch) prüde. Aber überhaupt kennzeichnet sie m. E. eine grundsätzliche Unsicherheit, als fühlten sie sich mindestens unbewußt von der sog. Erwachsenenwelt im Stich gelassen und ahnten, daß man ihnen mit all dem pädagogischen Spielkram (Methodenkompetenz, "das Lernen lernen", exemplarisches Prinzip in der Vermittlung) ungedeckte Schecks ausstellt, die ihnen zu wenig Sicherheit geben. Sind sie praktisch und leibhaftig mit echten Herausforderungen konfrontiert, wirken sie oft verzagt. Außerdem habe ich den unmaßgeblichen Eindruck, als würden sie in der Sekundarstufe I und II allzu sehr infantilisert, als daß der junge Erwachsene in ihnen behutsam gestärkt würde, indem sie zu Erlebnis und Bewährung geführt würden. (Am sog. Gymnasium fehlt durchweg die praktische Tätigkeit; Praktika sind oft Alibi-Veranstaltungen.) Das Leben ist nun mal nicht virtuell. Apropos: Gerade manche Computerspiele verleiten zu "Allmachtsphantasien": Sie vergessen zuweilen, daß sie über ihren Joystick auf dem Bildschirm einen programmierten Helden kämpfen lassen und es tatsächlich nicht selbst tun. Lara Croft klettert sportlich auf Bäume und bewährt sich in Gefahren, sie, die Jungen, weniger. Meine Generation (bin ostdeutsches Dorfkind) verbrachte die Nachmittage völlig unbeaufsichtigt mit teilweise gefährlichen Streifzügen und Spielen. Wir hatten keine Helikopter-Eltern, wurden nicht auf dem Rücksitz der Autos groß, sondern probierten uns permanent aus. Das Schild "Vorsicht, Lebensgefahr!" an der Abbruchkante einer Kiesgrube zog uns eher an, als daß es uns abhielt. Ich will sagen: Wir testeten unsere Fähigkeiten und waren häufig auch mal verletzt. Das ließ uns unsere Grenzen erspüren und irgendwie das rechte Maß Risiko finden. – Vielen Dank für Ihr Interesse!

Belsøe

28. Februar 2014 17:15

Vielleicht mag da auch noch hineinspielen, dass die Alten nicht mehr alt werden und auch nicht so recht Platz machen. Das gemeinhin kolportierte Bild "der 68er" ist mir zwar oft zu schlicht, auch zu unkritisch positiv oder negativ, ich meine aber schon die Tendenz zu erkennen, dass da ein Graben ist, der nur deshalb keine Opfer fordert, weil die Babyboomer es (anders als ihre Eltern) besser verstehen, die Jugend zu bestechen. Was man aber nicht mit Teilhabe verwechseln sollte. Den Spass hat man lieber selber.

Gerade das, was seit dieser berüchtigen Zeit als erstrebenswert gepriesen wird, nämlich das individuelle Leben, die Entfaltung, die perfekte Mischung aus Sicherheit, Genuss und Abenteuer, wird jungen Leuten ja nur noch als Konsumerlebnis geboten, als Lebensentwurf aber im Grunde verweigert.

Die gleiche Generation, die wirklich noch studieren konnte, für die es sogar im querulantischsten Milieu noch voran ging, die als drogenfressende Studienabbrecher enorme Karrieren in der Werbung hinlegten - hat nunmehr die Jugend unter die Bolognaknute genommen, lässt Bewerber vorab auf Facebook beschnüffeln und erwartet in der mittlerweile eigenen Agentur abgeschlossene Masterstudiengänge, damit man erstmal zwei Jahre un- oder unterbezahlt die heiligen Hallen überhaupt betreten darf. Es ist auch diese Generation, die für einen Grossteil der Renditeerwartungen steht, die junge Menschen beim Erwerb oder der Anmietung von Immobilien oder ehemals staatlich garantierten Dienstleistungen kräftig bezahlen dürfen. Früher gab es die Lofts praktisch geschenkt und man musste nur für den Ausbau sorgen, heute nehmen die Käufer von damals bereits für das Potential der alten Mauern Mondpreise.

Ja, ich weiss, dies sind Beispiele aus einem bestimmten Milieu, aber es ist vielleicht dasjenige welches die Kluft besonders deutlich werden lässt. Dass es nicht viel mehr Stunk gibt, liegt wohl daran dass grosse Teile der Jugend über die eigene Familie Nutzniesser dieses Systems sind, z.B. über puffernde Eigentumswohnungen der Eltern oder andere vertuschende Transfers. Und der Rest wird einfach mit Notwendigkeiten schwer auf Trab gehalten und somit niemals die Freiheit schmecken, die sie ´48 oder ´68 oder ´89 meinten. Ich halte es generationenmässig nicht für Zufall, dass ein Schröder 2010 machen konnte und wollte, ein Kohl vor ihm nicht!

Aber wer weiss wer sich noch alles zeigt, wenn der grosse members only Spielplatz nicht mehr von der Realität ablenken kann. Dazu eine kleine Anekdote: ein Zweig meiner Familie wohnt in einem kleinen Urlaubsort an der Ostsee, der vor wenigen Jahren relativ überraschend wochenlang unter Wasser stand. Die Leute mussten teilweise ihre Häuser verlassen und fürchteten Langfinger. Die dortige Jugend ist weder schneidiger noch sonstwie sympathischer als andere Baggyjeans-Gestalten auch. Dennoch: als explizit nach kräftigen und nicht allzu hitzköpfigen jungen Männern gefragt wurde, die in dem ungemütlichen Gelände die Augen offen halten und ggf. die Polizei rufen sollten, fühlten sich doch ausreichend junge Leute angesprochen um die gewünschte Leistung zu erbringen - man hatte ihnen wohl erfolgreich bedeuten können, dass dies ein ureigener Einsatzzweck für ihre Kräfte und Beweglichkeit sein könnte, dass sie wirklich die beste Wahl für so eine Lage seien.

Also nochmal: abwarten.

Gustav Grambauer

28. Februar 2014 18:12

Mein lieber Herr Bosselmann,

hier die allerfeinste Vivisektion am sogenannten "Bildungssystem", die ich kenne:

https://bildung-wissen.eu/wp-content/uploads/2011/05/Krautz-Bildung-als-Anpassung.pdf

Es ist ein Todessystem. Die Jugendlichen spüren die Kastration, die Erniedrigung, die Sinnleere instinktiv, aber 99 % der aufgezeigten oder aufgesuchten Auswege führen nur in andere Sackgassen. Nicht jeder entwickelt die innere Radikalität, die notwendig ist, um ohne Knacks da herauszukommen. Aber man täusche sich nicht: nicht jeder läßt sich dabei in die Karten schauen.

Begriffe wie "Schulsozialarbeit" oder "Jugendamt" hätten in unserer Kindheit wie "Marsmensch" geklungen. Das tiefste einer Analyse noch zugängliche Phänomen ist wohl das Gruppen-Ich, welches die DDR in sich barg, und das die zentrifugalen Kräfte der Jugend mit seinen zentripetalen, nicht unwesentlich habituell militärischen Kräften ausglich. Wer darin aufging, brauchte keinen "Schulpsychologen", wer sich daran rieb ebenfalls i. d. R. nicht. Ideale Bedingungen!!!

Meine Selbsterziehung fand instinktsicher kaum in der (bereits damals verweiblichten) Schule statt, vielmehr über Vorbilder, deren zentrales, wie ein Fels in der Brandung, mein Vater für mich war, aber auch viele andere der "alten Knochen" der Front- bzw. Aufbaugeneration. Die hatten genau die richtige Mischung von Abgeklärtheit und Leidenschaft.

- G. G.

Heino Bosselmann

1. März 2014 20:08

Vielen Dank! - Ich denke, wir sind durch.

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