Sezession
26. Februar 2014

Leidenschaft?

Gastbeitrag / 22 Kommentare

von Heino Bosselmann

Mit Blick auf die Jugend bedrückt mich zuweilen deren Leidenschaftslosigkeit – dem Politischen gegenüber sowieso, aber ebenso als vermutlich "kulturgeschichtliches" Phänomen. Jene vergleichsweise wenigen, die mehr Puls haben, fallen glücklicherweise um so eindrucksvoller auf.
Wo überhaupt mögen noch Leidenschaften liegen? – Nein, es geht mir nicht um die übliche Jugendschelte, nur weil ich selbst fünfzig werde. Meine Schüler und jungen Freunde sind in Ordnung. Sie können so allerlei, sie beherrschen die Programme des Informationszeitalters, sie greifen auf alles mögliche, meistens aber auf Virtuelles zu, sie kennen eine Menge praktischer Apps und tippen Sätze schneller als ich in die Welt.

Ihre Emotionen oszillieren zwischen Allmachtsphantasie und Unsicherheit, oft scheinen sie mir Angst zu haben, vor der Zukunft, vorm Versagen, vor dem Gespenst Hartz IV; aber hinsichtlich ihrer Begeisterungsfähigkeit registriere ich oft nur flache Amplituden. Schwierig, die Gleichgerichtetheit zu zackigen Ausschlägen zu bewegen. Leben ist mehr als Stoffwechseln. Wie im optischen Gegensatz dazu wirken immer mehr Jugendliche körperlich allerdings so akzeleriert, daß man sich öfter mal deren geringes Alter vergegenwärtigen muß. Zuweilen sehen Jungen und Mädchen bereits in der siebenten Klasse äußerlich so entwickelt aus wie früher in der Oberstufe. Kinder, in großen Körpern gefangen. Sie wirken in der Schule wie interniert, und man fragt sich unwillkürlich, wie diese rein physisch Erwachsenen es noch jahrelang in Klassenräumen aushalten können.

Bei allgemeiner Reizüberflutung scheint sie aber kaum etwas tief zu erregen oder aufzuregen. Sie sind freundlich, loyal, bisweilen sogar solidarisch, aber schwer zu entzünden. Als Lehrer konkurriert man daher mit dem allgegenwärtigen Medien-Entertainment. Außerdem beargwöhne ich ihren Hang zum allzu Lauen: Statt herb gehopftes Pils bevorzugen die, die es dürfen, aromatisierte Mischgetränke mit bunten Etiketten, also verpanschtes Bier. Sie meinen widerlich süße Energy-Drinks zu benötigen, um in Gang zu kommen; den Zuschnitt ihrer Jeans halte ich für unpraktisch, er behindert kräftiges Ausschreiten; und sich überhaupt mal mit Verve zu bewegen oder abzurackern, das finden sie uncool, weil ihnen die Erfahrung fehlt, daß das Eigentliche erst jenseits dessen beginnt, was man eben noch für seine Leistungs- oder Schmerzgrenze hielt. Lieber Spiel als Sport. Und diese Rollkoffer, die sie hinter sich herziehen, gab es früher nur für Rentner. Selbstüberwindung? Was ist das denn, Herr Bosselmann? Und ja: Wir sind leidenschaftslos, da haben Sie wohl recht. Ist nun mal so. Keep cool! – Ich nehme an, ließe man sie an richtige Maschinen heran und nicht nur mit Ersatzteilen spielen, dann täte sich was. Trennschleifer, Traktoren, Motorräder und, ja, Waffensysteme, das mögen u.a. veritable pädagogische Vehikel sein – konfrontativer, kraftvoller und intensiver Erlebnis und Bewährung ermöglichend als Standbilder, Wandzeitungen und all diese langweiligen Bastelstraßen des sog. Projektunterrichts.


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Kommentare (22)

Arthur Spät
26. Februar 2014 14:32

Die Motivation, Power, Leidenschaft, die Ideologien oft mit sich bringen, sind, wie jeder weiß, ambivalent. Anschaulichstes Negativ-Beispiel unserer Zeit ist der Islamismus. Dass es so ist, ist ein praktisches Problem, für jeden, der sich ein "bisschen mehr" Ideologie wünscht. Mit der richtigen Ideologie, in der richtigen Dosierung, könnte man sagen, ließe sich diese Schwierigkeit vielleicht auflösen. Aber es gibt noch ein grundlegenderes, moralisches Problem. Ideologien sind immer, egal welche und egal in welcher Dosierung, unterdrückerisch für diejenigen, die ihnen nicht anhängen. Sie müssen Dinge tun oder Unterlassen, die sie sie nicht tun oder unterlassen wollen, was sich nicht begründen lässt. Dieses Problem lässt sich nicht auflösen.

Carl Sand
26. Februar 2014 15:22

Lieber Herr Bosselmann,

herzlichen Dank für diesen Beitrag. Sie sprechen ein m.E. höchst unterschätztes Kernproblem an, welches in der Konservativen Szene meist zwischen den Polen des spießbürgerlichen "Man hat es ja schließlich auch geschafft" und dem wölfischen "Das Leben ist hart, zwo, drei, vier, bummsfallera" verschwindet.

Ja, diese Generation hat es noch geschafft, aber zu welchen Bedingungen? Welchen paradisischen Bedingungen.

Zur Verdeutlichung ein Beispiel aus meinem eigenen Leben: Ich habe am Ende vorigen Jahrtausends mein Abitur mit exzellenter Note bestanden - und dies mit einem minimalen Aufwand, der mir heute die Schamesröte ins Gesicht treiben sollte. Dies sei nicht aus Arroganz gesagt, sondern war Fluch (heutiges System) und Segen (damals) zugleich.

Ich bin mir sicher, dass ich dies heute nicht mehr schaffen würde.

Um es ganz klar zu sagen, ich möchte heute NICHT mehr Abitur machen müssen.

Ich möchte heute NICHT mehr studieren müssen.

Dies sei allen ins Stammbuch geschrieben, die den Qualitätsverfall der Bildungssysteme mit arrivierter Spießbürgerlichkeit kommentieren. Was an Qualität verloren gegangen ist, ist durch Quantität mehr als wettgemacht worden. Wenn ich mir die heutigen geklonten Bulmielernmonster in den Bibliotheken ansehe, überkommt mich Mitleid statt (und?) Verachtung.

Die Heutigen hecheln um Teilhabe, das alte Spiel, das die Arrivierten ihnen vorspielten. Im Hamsterrad des fragmentierten Kapitalismus. Aber BRAUCHT man sie? Keiner braucht sie, austauschbar und leistungsorientiert. Kein Leben, kein Halt, kein Sinn.

Ja, vielleicht hatte es meine Generation zu leicht. Vielleicht haben wir ein wenig zu sehr goldne Akademia gespielt. Vielleicht hätte aus uns mit nur ein wenig mehr Aufwand noch mehr werden können - Prof, statt Anwält, höhö...

Warum die jetzige Generation so gleichförmig ist, kann ich gut nachvollziehen - wenn es mir auch den Zorn ins Gesicht treibt - aber die Generation vor mir möge doch bitte nicht mit den Heutigen tauschen wollen - IHR WURDET SCHLIESSLICH NOCH GEBRAUCHT!

Couperinist
26. Februar 2014 16:10

Die Omnipräsenz des Virtuellen im Smartphone-Zeitalter macht das Chillen aber auch allzu leicht. Noch vor 8-10 Jahren gab es zumindest außerhalb der eigenen vier Wände eine Offline-Zone und die sozialen Netzwerke steckten noch in den Kinderschuhen.

Heute muß, wer dazu gehören will, ständig irgendwas "zwitschern", gleich einem Versailler Höfling, nur ohne Esprit. Ich weiß das aus eigener Erfahrung von einem Job an einer Kieler Schule. Entziehen kann sich keiner, der nicht zum Außenseiter werden will. Gut, die gabs immer, aber ich bin froh, nicht als 14jähriger dieser Paranoia ausgesetzt sein zu müssen.

Albert
26. Februar 2014 17:32

An den Satz "Ihr werdet gebraucht!" - meist in donnerndem Ton - kann ich mich (Jahrgang 74) auch noch gut erinnern. Und ich fand diesen Satz in der Tat motivierend, aber auch etwas einschüchternd. Wozu war man schon nutze, mit 13 oder 14 Jahren?

Aber dieser Satz bedeutete mir schon etwas - egal, ob Sozialismus oder sonstwas: Irgendwo hinter der Schulbank, so hieß es, wartete ein Land/Staat/Volk auf einen, die wollte, daß man was leistete für die Allgemeinheit. In dieser Welt, so wurde uns damals (fälschlicherweise, wie sich später herausstellte) suggeriert, sollte und konnte man wirklich einen Unterschied machen, so hieß es. Auf mich kam es an!

In Wirklichkeit stimmte das natürlich alles nicht, aber motivierend war es in der Tat.

Interessanterweise ist die Phrase "You can make a difference!" heute eine der am meisten gebrauchten in der Facebook-Gutmensch-Smartie-Welt. Nur haben die meisten die schon so oft gehört, daß die meisten sie als unsinnig abtun, wohl zu Recht.

Ihnen, Herr Bosselmann, gelingt es immer wieder, aus den verstaubten Kämmerchen meiner Ossi-Vergangenheit interessante Fetzen herauszuholen... Das gibt mir immer Stoff zum Nachdenken für ein paar Tage. Besten Dank dafür!

Revolte
26. Februar 2014 17:52

Ich habe oft das Gefühl, dass der Jugend Bünde und Verbände vom Format einer FDJ fehlen, metapolitische Begegnungsstätten, die Weisung und Identität stiften.
Ja, es gibt die Pfadfinder, die sich seit einigen Jahren offenbar auch wieder reger Beliebtheit zu erfreuen scheinen, indes sind diese einfach viel zu lau, zu leblos, zu beliebig, als dass von ihnen eine wirkliche Strahlkraft ausgehen könnte. Denn auch dort weht längst der miefige Zeitgeist, eine mediokre Tünche aus Humanismus und "Kumbaya, my Lord". Mit der Pubertät werden die Pfadfinder den "Kids" dann sowieso zu "uncool". Eben weil tiefere Verbundenheit fehlt. Zelten und Abenteuertrips in die Natur reichen nicht dauerhaft aus.
Man müsste die Pfadfindergruppen historisch, mythologisch aufladen, Traditionen pflegen, die Kinder und Jugendlichen lehren, was sie eint, mehr Deutschtümelei wagen, eine Wald- und Wiesenromantik mit Sinnstiftung, damit auch deutscher Nachwuchs wieder lernt, was Zusammenhalt, Freundschaft, Zuverlässigkeit oder Loyalität wirklich bedeuten.

Trouver
26. Februar 2014 19:53

Da ich ein notorischer Fan des wilhelminschen Kaiserreichs bin, unterstelle ich: das goldene Jahr der Germanenjugend fiel auf 1913.

Warum? Weil Jedermann seinen Platz hatte. Romantiker, Hartbursche, Nationalist, Sozi und Softie - alle.

Und kein Hitler.

Und kein KZ.

Ich vermisse Deutsches Suedmeerreich.

Und das heilige Vaterland auch.

ene
26. Februar 2014 22:22

@ Trouver

Viel, viel interessanter das Kaiserreich als sein Ruf, das stimmt.

1913 - nicht so gut, wenn man in dem Jahr geboren wurde. Wie mein Vater.
Frühe Kindheit im ErstenWeltkrieg, als sehr junger Mann im Zweiten Weltkrieg. Als Heimkehrer aus Rußland vor dem blanken Nichts stehend, da aller Besitz in (unterdessen) Polen geblieben war.

Michael Schlenger
27. Februar 2014 00:49

Lieber Herr Bosselmann, wie so oft machen mich Ihre Beobachtungen und Gedanken nachdenklich.

Nun denn, Sie sagen zurecht: "Wir wurden gebraucht" und Sie wissen aber auch, dass dieses spezielle Gebrauchtwerden den Mängeln eines Systems geschuldet war, das die in seinem Machtbereich Geborenen mit Gewalt davon abhalten musste, Ihr Glück in einem anderen, selbstbestimmten Gebrauchtwerden zu suchen.

Ihre These ist die, dass die Jugendlichen, die ihre Zeit mit anstrengungslosem Konsum digitaler Plastikkultur verplempern, nicht gebraucht würden. Ist dem aber wirklich so?

Die Frage ist doch: Warum können es sich diese Jugendlichen leisten, nicht gebraucht zu werden? Weil sie auf unwürdige Weise mit dem Geld anderer sediert werden, die vom Staat auf übermäßige Weise "gebraucht", eigentlich missbraucht werden. Nämlich denen, die deutschlandweit unfreiwillig auch von kargstem und im Regelfall wohlverdientem Lohn Abzüge erleiden, deren Höhe und Zustandekommen sie nur als raubritterhafte Willkür empfinden müssen.

Gäbe es diese abgepressten Kontributionen nicht, dann wären deren körperlich und geistig zweifellos hochbelastbare jugendliche Empfänger - so brutal es klingt - gezwungen, irgendwo hinzugehen, wo sie gebraucht werden. Ganz gleich wie es einst unsere Vorfahren aus Hunsrück, Vogelsberg und Märkischer Heide getan haben, die nicht das fragwürdige Glück hatten, im Elend einer Existenz auf Kosten unbekannter Dritter gehalten zu werden. Von mir aus auch wie die Überschussbevölkerung Griechenlands, die im 8. und 7 Jh. v.u.Z. ins Ungewisse aufbrach, mit bekanntem Ergebnis.

Sie bedauern mit Recht das antriebslose Dasein dieser zeitgenössischen Jugendlichen Kreaturen, aber bedauern das auch jene? Verkürzt gesagt, ist deren Leidensdruck noch nicht groß genug. Natürlich ist das Ganze Verrat an den Opfern eines allzuwohlmeinenden Umverteilungsapparats, der die wirklich Hilflosen längst aus den Augen verloren hat und sich eine lebenslange Klientel an Betreuungs"fällen" heranzieht.

Aber sind Sie sicher, dass das einem auf freiem Austausch beruhenden Wirtschaftssystem anzulasten ist, das nach meiner Wahrnehmung hierzulande nur noch in Nischen besteht, und nicht vielmehr einem Regime der "Wohlgesinnten", die nicht ruhen, bis nicht der letzte "Fall" erfasst und rundumversorgt ist?

Wenn die Wahl besteht zwischen Umzug, Auswanderung, Weiterbildung oder spontaner Schöpfung lokaler Wirtschafts- und Sozialgemeinschaften einerseits - und einem von Technokraten oder Ideologen auf Kosten Dritter gestellten lokalen Beschäftigungs- und Bespaßungsapparat andererseits, der immer neue "Opfer" kreiert, die es zu "versorgen" und zu "beteiligen" gilt, was ziehen Sie vor? Den einschläfernden Status quo, den sauber umzäunten DDR-Zoo oder den Schubs zum Aufbruch ins Ungewisse, den seit Urzeiten Menschen gebraucht und gewagt haben, um ihrem Dasein Sinn abzuringen für sich und die Ihren?

Meine These ist zugespitzt die, dass es das Beste wäre, diesen nach Ihren Worten guten und gesunden jungen Leuten den (finanziellen) Strom abzuschalten. Sie müssen sich dann beweisen und bewähren, aber im herrschenden "Sozial"staat gibt man ihnen nicht die Gelegenheit dazu.

Interessanterweise ist seit einigen Jahren hier im Hessischen ein steter Zustrom an jungen Osteuropäerinnen zu beobachten, die offenbar mühelos Arbeit finden, rasch Deutsch lernen und sich solide einheimische Männer suchen. Die haben den richtigen Instinkt, wie mir scheint... Wo ist der Biss der jungen Männer Ostdeutschlands?

Beste Grüße
Michael Schlenger

Heino Bosselmann
27. Februar 2014 09:12

@Michael Schlenger: Lieber Herr Schlenger, ich stimme Ihrer gedankenvollen Argumentation grundsätzlich zu und stelle sie - eben kopiert und anonymisiert - in einem interessierten Auditorium heute mal zur Diskussion. Vielleicht sollten wir dann mal korrespondieren. Ich bedanke mich ausdrücklich bei Ihnen!

gerdb
27. Februar 2014 10:59

Zwanzig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung werden ausreichen um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. "Mehr Arbeitskraft wird nicht gebraucht", meint der asiatische Tycoon Washington SyCip.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

E-Ward
27. Februar 2014 11:00

Als ich Mitte der Achtziger endlich aus der Armee ausschied, schienen mir draußen plötzlich ganz andere Jugendliche unterwegs zu sein: Die hatten neuerdings Friseurtermine, gingen Klamotten kaufen, anstatt karierte Arbeitshemden zu tragen, und hörten keine gerade klassische Rockmusik mehr, sondern die Synthie-Pop-Gruppe "Depeche Mode".

Geh, Herr Bosselmann, jetzt san S' aber a bisserl geschmäcklerisch. Muß man in Erinnerung rufen, wie die Urteile der noch Älteren über die Jugend der 60er und 70er Jahre lauteten, über Elvistolle, Entenarschfrisur und langes Männerhaar (als das letzte zur "Fashion" wurde, pflegten die Älteren bei den jungen Herren gerade zu tadeln, daß diese keine Termine beim Friseur hatten), über "die Monotonie des Je-Je-Je" und die nur als Lärmbelästigung zu beschreibenden Mißtöne des von Ihnen zur "klassischen Musik" geadelten Rocks? ;-) Bei Depeche-Mode-Nächten begegne ich jedenfalls mehr Leuten mit "gerader" Haltung und "geraden" Ansichten als sonst irgendwo heute.

Volle Breitseite auf den Hipf-Hüpf zu feuern, bin ich dagegen jederzeit bereit. Daran ist auch nichts geschmäcklerisch, denn der Hipf-Hüpf ist erwiesenermaßen und zweifelsfrei Unflat.

Martin
27. Februar 2014 11:44

Zwanzig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung werden ausreichen um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. „Mehr Arbeitskraft wird nicht gebraucht“, meint der asiatische Tycoon Washington SyCip.

Wenn man arbeitsteilige, industrielle Produktion konsequent zu Ende denkt, liegt er damit sogar recht optimistisch hoch.

Kein Wunder, dass bei solchen Aussichten die Sklaven unruhig werden. Überhaupt wird für meinem Geschmack dem Faktor Arbeit zu viel moralische und auch moralschaffende Qualität zugesprochen, was objektiv betrachtet, meiner Meinung nach nicht der Fall ist.

Die jungen Leute wittern eben instinktiv, auch wenn es ihnen noch nicht vollständig ins Bewusstsein gekommen ist, die allgemeine Verarsche der "Erwachsenenwelt", die als letzten Wert nur noch Abwandlungen des alten Spruchs "Arbeit macht frei" zu bieten hat.

Statt eines Aufstandes leben sie offenbar lieber das scheinbar sorglose Leben der Eloi. - Die Morlocks aber warten schon und werden sie sich im übertragenen Sinne einverleiben bzw. zu ihresgleichen machen.

Peter Niemann
27. Februar 2014 15:30

Junge Menschen sind stark von den soziologischphilosophischen Stroemungen ihrer Zeit gepraegt - postmodern und konsumorientiert ist entsprechend ihr Verhalten.
Die ideologische Konsequenz der Postmoderne mit ihrem Wertrelativismus ist doch letztendlich ein Nihilismus, bei dem alles moeglich und denkbar ist, nicht wirklich inspirierend, weil doch alles auf gleicher Wertstufe. Die Jungen fragen sich solche oder aehnliche Fragen: Wieso sich fuer Deutschland einsetzen, wenn man doch zufaellig hier geboren wurde und genauso gut Nigerianer haette sein koennen? Wieso den christlichen Gott ehren, wenn ein buddhistisches Nirwana genauso moeglich scheint? Et cetera.
Aus dieser "Alles geht"-Mentalitaet erwaechst intellektuelle Lethargie mangels fester Konturen. Somit steht die Koerper- und damit einhergehend Instinktbefriedigung im Vordergrund: Sexualitaet, Drogenkonsum oder eben flimmernde IPhones, Internetchatforen oder Whatsapp-Gedoense, weil das den Herdeninstinkt des Menschen nach Kommunikation befriedigt.
Klar, dasz damit kein Staat zu machen ist, dasz damit eine Gesellschaft mehr recht denn schlecht stabil fortbestehen kann, aber dafuer kann umso besser ein unbeschraenkter Konsummarkt vorhanden sein, weil Ideologien nur wenig den grenzenlosen Transaktionsprozesz stoeren. Weiterhin ist die Kurzfristigkeit dem Konsumkapitalismuskonzept inhaerent: Boersenkurse werden nicht umsonst im Tages- oder Wochentakt, manchmals gar im Minutenbereich analysiert, die Quartalszahlen werden dreimonatlich ermittelt, und nur maximalfalls wird ein Unternehmen im Jahrestakt analysiert, nie aber auf Jahrzehnte hinaus.

Couperinist
27. Februar 2014 17:45

@Peter Niemann

Ja, "ich fühl mich gar nicht als Deutscher, ich bin nur zufällig hier geboren", das hat vor Jahren ein alter Bekannter aus der Schulzeit zu mir gesagt. Typ Rucksack-Reisender. Eigentlich ein intelligenter Bursche gewesen.

Hatte ihn gefragt, wieso er das so sieht, die Bolivianer, Peruaner (er kam gerade aus Lateinamerika) sich aber selbstverständlich mit ihrer Heimat identifizieren ? Wer ist ihnen dort näher, der deutsche Patriot oder der, ja, angebliche "Weltbürger" ?

Wer das Eigene nicht wertschätzt und achtet, bzw. die Welt nicht aus der Perspektive einer irgendwie gearteten Heimatverbundenheit, von den eigenen Wurzeln aus betrachtet, der kann, jenseits weltfremder Schwärmerei, m.E. diese fremden Kulturen gar nicht voll verstehen. Er sah das anders. Ich glaube, daß solche Menschen es sind, die irgendwann in ihrem Leben hart auf die Realität prallen.

Rumpelstilzchen
28. Februar 2014 09:09

Lieber Herr Bosselmann,
eigentlich wollte ich zum Thema "Die Jugend" nichts mehr schreiben.
Und tue es nun doch, weil es mich nicht losläßt.

1. ich mag keine Verallgemeinerungen: die Jugend, die Menschen, die Menschheit. Wenn schon, müßte es heißen: viele oder einige Jugendliche.

2. einige Jugendliche haben mehr Puls und fallen um so eindrucksvoller auf?
Es gibt auch einige junge deutsche Salafisten, die eindrucksvoll auffallen und alles andere als Sven Lau sind. Diese leidenschaftlichen Typen meinen Sie aber doch nicht ?

3. ja, die lauen Jugendlichen, die ganz in Ordnung sind, aber Angst vor der Zukunft haben, vor dem Versagen. Die sind nun sicher auch ein Problem. Aber was tun ?

4. Wir wurden gebraucht ? Damit kann ich nicht viel anfangen. Zwischen gebraucht werden und missbraucht werden liegt oft nur ein schmaler Grat.

Wer gebraucht werden will, ist möglicherweise auch leichter zu missbrauchen. Etwas ambivalent. Und wo etwas FDJ-Ostalgie durchscheint, wird mir beklommen. Diesen jungen Mann hätten wir wirklich gut gebrauchen können, er war mutig, leidenschaftlich, begeisterungsfähig:
https://de.wikipedia.org/wiki/Chris_Gueffroy

Belsøe
28. Februar 2014 09:34

Wenn man diese jungen Männer (wieso eigentlich nur die?) als Gruppe, vielleicht auch als Klasse begreift, tun sie vielleicht instinktsicher genau das richtige: abwarten.

Die sind nicht dumm. Die begreifen ganz genau, um welche Plätze in der Gesellschaft man sie konkurrieren lassen möchte und wie die eigenen, individuellen Aussichten aussehen, in welchem Verhältnis Aufwand und erwartetes Ergebnis stehen. Ganz kühne These: Manche, gerade unterhalb der satten oberen Mittelschicht, ahnen vielleicht sogar, was man eigentlich für Sauereien mitmachen muss, wenn die Weichen auf Karriere stehen? Das ist ja (wenig diskutiertes Thema) alles überhaupt nicht mehr neutral, welchen Beruf und welche Position ich anstrebe, denn wir leben auch heute in einem System, wo bestimmten Bereichen bestimmte (neudeutsch:) Agendas zum Abarbeiten verpasst werden. Ist der (Mit)Macher mit seiner ganz wörtlich FRAGlosen Tüchtigkeit immer besser als der auf der Parkbank?

Man darf zudem nicht außer acht lassen, dass das Gebrauchtwerden in DDR wie BRD ja keine leere Versprechung war. Dem folgten beweiskräftige Taten: Lehrstellen waren vorhanden, Übernahme wahrscheinlich, Lohnzuwachs üblich. Die Bildungsoffensive zeigte sich ganz konkret in Stipendien, die monatlich eingingen, beispielsweise von der Gewerkschaft des Vaters oder Hilfswerken für Kinder einfacher Beamter, in der DDR stellte der Staat das Nötige. Und: Man wurde IM System gebraucht. Das Existierende war einem wohlgesonnen.

Wer heute von "brauchen" spricht, will einen allzu oft in die Akademikerarbeitslosigkeit oder Jahresverträge locken, will nur das Angebot erhöhen. Oder will einen gegen ein System mobilisieren, für einen Kampf, der kaum greifbar und vermutlich derzeit auch nicht zu gewinnen ist.

Der Themenkomplex "Sedierung durch Medien und Grundeinkommen" spielt dem natürlich noch tüchtig in die Hände, ist aber im Grunde flankierend. Das große Thema ist, dass die wissen: Ich werde überall angelogen, ich soll hier die Scheißarbeit aller Ebenen erledigen, und es gibt für nichts einen greifbaren Verantwortlichen.

Also: abwarten.

Heino Bosselmann
28. Februar 2014 09:44

Danke. Volle Zustimmung. M. E. sehr kluge und treffende Deutung des Phänomens.

Langer
28. Februar 2014 14:06

Ein paar weitere Ausfuehrungen bezueglich der "Allmachtsphantasien" wuerden mich interessieren! :) Was will man denn machen?

Heino Bosselmann
28. Februar 2014 15:59

@Langer: Ihre Nachfrage ist interessant. Tatsächlich meine ich eine Ambivalenz zu beobachten: Zum einen trauen sich die Jugendlichen eine Menge zu, verbal ohnehin, ohne daß ich etwa gleich von Maulheldentum reden wollte. Aber sie sind schon auffallend selbstbewußt darin, etwa den Unterricht im Sinne einer Dienstleistung zu verstehen, sehr viel generell in Frage zu stellen und recht offensive Forderungen zu erheben. Die Geste erscheint imposanter als die Kraft. – Das Schulsystem lädt zum Abwählen von Fächern ein, ebenso zur abrechnenden, berechnenden Notenoptimierung; es regt überhaupt nicht dazu an, Herausforderungen anzunehmen. Die Prüfungen, die allzu anstrengend sind, werden gemieden, anstatt daß gesagt würde: Ich wähle sie gerade deswegen! – Ferner halten sie es für Leistungssport, wenn sie einmal in der Woche trainieren; sie meinen vorab, ein Studium lässig bewältigen zu können, finden sich oft sehr clever in der pauschalen Gewißheit, nach der Schule schon schnell Kariere zu machen usw. usf. Das alles bekrittele ich nicht; es war dies jungen Menschen immer eigen. Auch mit Blick auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern sind sie sehr, sehr cool, andererseits aber (sympathisch bis neurotisch) prüde. Aber überhaupt kennzeichnet sie m. E. eine grundsätzliche Unsicherheit, als fühlten sie sich mindestens unbewußt von der sog. Erwachsenenwelt im Stich gelassen und ahnten, daß man ihnen mit all dem pädagogischen Spielkram (Methodenkompetenz, "das Lernen lernen", exemplarisches Prinzip in der Vermittlung) ungedeckte Schecks ausstellt, die ihnen zu wenig Sicherheit geben. Sind sie praktisch und leibhaftig mit echten Herausforderungen konfrontiert, wirken sie oft verzagt. Außerdem habe ich den unmaßgeblichen Eindruck, als würden sie in der Sekundarstufe I und II allzu sehr infantilisert, als daß der junge Erwachsene in ihnen behutsam gestärkt würde, indem sie zu Erlebnis und Bewährung geführt würden. (Am sog. Gymnasium fehlt durchweg die praktische Tätigkeit; Praktika sind oft Alibi-Veranstaltungen.) Das Leben ist nun mal nicht virtuell. Apropos: Gerade manche Computerspiele verleiten zu "Allmachtsphantasien": Sie vergessen zuweilen, daß sie über ihren Joystick auf dem Bildschirm einen programmierten Helden kämpfen lassen und es tatsächlich nicht selbst tun. Lara Croft klettert sportlich auf Bäume und bewährt sich in Gefahren, sie, die Jungen, weniger. Meine Generation (bin ostdeutsches Dorfkind) verbrachte die Nachmittage völlig unbeaufsichtigt mit teilweise gefährlichen Streifzügen und Spielen. Wir hatten keine Helikopter-Eltern, wurden nicht auf dem Rücksitz der Autos groß, sondern probierten uns permanent aus. Das Schild "Vorsicht, Lebensgefahr!" an der Abbruchkante einer Kiesgrube zog uns eher an, als daß es uns abhielt. Ich will sagen: Wir testeten unsere Fähigkeiten und waren häufig auch mal verletzt. Das ließ uns unsere Grenzen erspüren und irgendwie das rechte Maß Risiko finden. – Vielen Dank für Ihr Interesse!

Belsøe
28. Februar 2014 17:15

Vielleicht mag da auch noch hineinspielen, dass die Alten nicht mehr alt werden und auch nicht so recht Platz machen. Das gemeinhin kolportierte Bild "der 68er" ist mir zwar oft zu schlicht, auch zu unkritisch positiv oder negativ, ich meine aber schon die Tendenz zu erkennen, dass da ein Graben ist, der nur deshalb keine Opfer fordert, weil die Babyboomer es (anders als ihre Eltern) besser verstehen, die Jugend zu bestechen. Was man aber nicht mit Teilhabe verwechseln sollte. Den Spass hat man lieber selber.

Gerade das, was seit dieser berüchtigen Zeit als erstrebenswert gepriesen wird, nämlich das individuelle Leben, die Entfaltung, die perfekte Mischung aus Sicherheit, Genuss und Abenteuer, wird jungen Leuten ja nur noch als Konsumerlebnis geboten, als Lebensentwurf aber im Grunde verweigert.

Die gleiche Generation, die wirklich noch studieren konnte, für die es sogar im querulantischsten Milieu noch voran ging, die als drogenfressende Studienabbrecher enorme Karrieren in der Werbung hinlegten - hat nunmehr die Jugend unter die Bolognaknute genommen, lässt Bewerber vorab auf Facebook beschnüffeln und erwartet in der mittlerweile eigenen Agentur abgeschlossene Masterstudiengänge, damit man erstmal zwei Jahre un- oder unterbezahlt die heiligen Hallen überhaupt betreten darf. Es ist auch diese Generation, die für einen Grossteil der Renditeerwartungen steht, die junge Menschen beim Erwerb oder der Anmietung von Immobilien oder ehemals staatlich garantierten Dienstleistungen kräftig bezahlen dürfen. Früher gab es die Lofts praktisch geschenkt und man musste nur für den Ausbau sorgen, heute nehmen die Käufer von damals bereits für das Potential der alten Mauern Mondpreise.

Ja, ich weiss, dies sind Beispiele aus einem bestimmten Milieu, aber es ist vielleicht dasjenige welches die Kluft besonders deutlich werden lässt. Dass es nicht viel mehr Stunk gibt, liegt wohl daran dass grosse Teile der Jugend über die eigene Familie Nutzniesser dieses Systems sind, z.B. über puffernde Eigentumswohnungen der Eltern oder andere vertuschende Transfers. Und der Rest wird einfach mit Notwendigkeiten schwer auf Trab gehalten und somit niemals die Freiheit schmecken, die sie ´48 oder ´68 oder ´89 meinten. Ich halte es generationenmässig nicht für Zufall, dass ein Schröder 2010 machen konnte und wollte, ein Kohl vor ihm nicht!

Aber wer weiss wer sich noch alles zeigt, wenn der grosse members only Spielplatz nicht mehr von der Realität ablenken kann. Dazu eine kleine Anekdote: ein Zweig meiner Familie wohnt in einem kleinen Urlaubsort an der Ostsee, der vor wenigen Jahren relativ überraschend wochenlang unter Wasser stand. Die Leute mussten teilweise ihre Häuser verlassen und fürchteten Langfinger. Die dortige Jugend ist weder schneidiger noch sonstwie sympathischer als andere Baggyjeans-Gestalten auch. Dennoch: als explizit nach kräftigen und nicht allzu hitzköpfigen jungen Männern gefragt wurde, die in dem ungemütlichen Gelände die Augen offen halten und ggf. die Polizei rufen sollten, fühlten sich doch ausreichend junge Leute angesprochen um die gewünschte Leistung zu erbringen - man hatte ihnen wohl erfolgreich bedeuten können, dass dies ein ureigener Einsatzzweck für ihre Kräfte und Beweglichkeit sein könnte, dass sie wirklich die beste Wahl für so eine Lage seien.

Also nochmal: abwarten.

Gustav Grambauer
28. Februar 2014 18:12

Mein lieber Herr Bosselmann,

hier die allerfeinste Vivisektion am sogenannten "Bildungssystem", die ich kenne:

https://bildung-wissen.eu/wp-content/uploads/2011/05/Krautz-Bildung-als-Anpassung.pdf

Es ist ein Todessystem. Die Jugendlichen spüren die Kastration, die Erniedrigung, die Sinnleere instinktiv, aber 99 % der aufgezeigten oder aufgesuchten Auswege führen nur in andere Sackgassen. Nicht jeder entwickelt die innere Radikalität, die notwendig ist, um ohne Knacks da herauszukommen. Aber man täusche sich nicht: nicht jeder läßt sich dabei in die Karten schauen.

Begriffe wie "Schulsozialarbeit" oder "Jugendamt" hätten in unserer Kindheit wie "Marsmensch" geklungen. Das tiefste einer Analyse noch zugängliche Phänomen ist wohl das Gruppen-Ich, welches die DDR in sich barg, und das die zentrifugalen Kräfte der Jugend mit seinen zentripetalen, nicht unwesentlich habituell militärischen Kräften ausglich. Wer darin aufging, brauchte keinen "Schulpsychologen", wer sich daran rieb ebenfalls i. d. R. nicht. Ideale Bedingungen!!!

Meine Selbsterziehung fand instinktsicher kaum in der (bereits damals verweiblichten) Schule statt, vielmehr über Vorbilder, deren zentrales, wie ein Fels in der Brandung, mein Vater für mich war, aber auch viele andere der "alten Knochen" der Front- bzw. Aufbaugeneration. Die hatten genau die richtige Mischung von Abgeklärtheit und Leidenschaft.

- G. G.

Heino Bosselmann
1. März 2014 20:08

Vielen Dank! - Ich denke, wir sind durch.

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