Sezession
22. Februar 2014

Das war’s. Diesmal mit: Sex-Tabu, Gaskammern und Geheimfreunden

Ellen Kositza / 14 Kommentare

17.2. 2014

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Unter den zahlreichen Botschaften, die einem tagein, tagaus mit dem Hinweis „kraß!“ gemailt werden, fand ich diesen hier doch in besonderer Weise verstörend. 12jährige Schüler einer Sekundarschulklasse schreiben hier über einen Sexualkundeunterricht, der sie beschämt hatte.

Erst mussten wir «Sex-Tabu» spielen, welches wie ein herkömmliches im Handel erhältliches «Tabu» funktioniert, aber nun nur mit Sexbegriffen wie Oralverkehr, Schwangerschaft, Quickie, Analverkehr und so weiter. Manche von uns hatten Probleme mit einigen Begriffen oder wollten sie aus Scham nicht erklären. Sie mussten es dann aber trotzdem tun.

Als unsere älteste Tochter vor vielen Jahren Aufklärungsstunden hatte, hatten wir vorab das Gespräch mit der Lehrerin gesucht und uns Punkt für Punkt sagen lassen, was im Unterricht thematisiert werden soll. „Keine Sorge, es wird nichts Ungewöhnliches hineingetragen“, sagte die Lehrerin damals, ich erinnere mich noch gut an den Ausdruck des „Hineintragens“.

In der Tat war meine Sorge unbegründet. Es kamen bislang bei keinem Kind die berüchtigten Sexköfferchen zum Einsatz, es mußten auch keine Bananen mitgebracht werden, wie man es andernorts hört. Behandelt wurden pubertäre Veränderungen und Schwangerschaft, und wer unmäßig kicherte oder unflätig wurde, wurde als unreif gescholten und mußte das Klassenzimmer verlassen. Gerade ist das Thema bei unserem Sohn dran. Diesmal hieß es sogar, sowohl Kinder als auch Eltern können über eine Teilnahme an jenen Unterrichtsstunden entscheiden. Vorbildlich! Dieser in der Basler Zeitung online publizierte Bericht wirkt, das muß man sagen, nicht vollends wie von Kinderhand verfaßt. Sei´s drum, inhaltlich wird er stimmen.

Sexualkundeskeptische Eltern sagen ja, Aufklärung sei Familiensache. Man stelle sich vor, ein Papa würde seine Kinder exakt so aufklären, wie es die Aufklärungsbeauftragte an dieser Klasse unternommen hat – ihm würde die Hölle heiß gemacht.

18.2. 2014

Über dem Feuerlöscher im Warteraum der Musikschule hängt etwas Grünes. Es mag sein Jahren dort hängen, ich habe es nie beachtet. Es scheint ein kleiner Verbandskasten zu sein, darauf steht: Holthaus Medical. Zwei Musikschüler, beide vielleicht elf, zwölf Jahre alt, sitzen mit mir herum. Er: „Boah, total verrückt. Echt verrückt!“ Sie: „Was denn?“ „Er: „Dieses Ding an der Wand da. Ich hab grad irgendwie gelesen: Holocaust medical.“ Sie: „Da steht aber Holthaus.“ Er: „Ja, seh ich ja auch jetzt. Ich hab halt Holocaust gelesen.“ Sie: „Jetzt halt deinen Mund, du bist ja völlig pervers.“

19.2. 2014

Holthaus ist überall, irgendwie. Kommt der Neunjährige aus der Schule. „In Musik haben wir jetzt Mozart.“ -„Schön.“- „War der eigentlich Jude?“ - „Mozart? Wieso denn das jetzt?“ - „Weiß auch nicht. Die Frau B. hat gesagt, sie spielt uns was von Mozart vor. Hat sie getan. Und dann hat der J. [der Klassenproll, E.K.] gesagt: Ja, kennt er. Der ist in der Gaskammer verreckt, hat er gerufen.“ – „Und die Frau B.?“ - „Die hat gesagt, die Bemerkung sei daneben.“

J. ist daneben, so viel steht fest. „Der hat´s immer so mit Hitler“, sagt der Sohn. Woher aber diese Assoziation? Aus einer Ahnung heraus, daß das Gehörte schön war, irgendwie erhaben? Und daß das Schöne doch sämtlich in den Gaskammern endete? Woher hat er das?

20.1. 2014

Naja, Maxim Biller. Ich halte seine Schreibe in Kolumnen und Romanen („Der gebrauchte Jude“) für unausgegoren und unersprießlich, er hat halt sein Thema gefunden, Verlage und Leitmedien veröffentlichen ihn gern. Vielleicht wird er weniger gern gelesen, ich weiß es nicht. Sein jüngstes Buch steht bei amazon auf Platz 15.000. In der aktuellen ZEIT startet Biller eine Suada gegen die „unglaublich langweilige“ deutsche Gegenwartsliteratur.

Seit der Vertreibung der Juden aus der deutschen Literatur durch die Nationalsozialisten waren die deutschen Schriftsteller, Kritiker und Verleger jahrzehntelang fast nur noch unter sich,

schimpft Biller. Gerade die Abwesenheit „jüdischer Ruhestörer“ tue „unserer Literatur nicht gut“, sie sei dadurch immer "kraftloser und provinzieller“ geworden. Auch die Migranten hätten sich in ihrer Belletristik dem im „postnazistischen Deutschland“ angepaßt, es gäbe keine wahre Immigrantenliteratur. Die paar Dutzend erfolgreiche Autoren mit fernen Wurzeln (Marjana Gaponenko, Zsuza Bánk, Sasa Stanisic, Feridun Zaimoglu, Melinda Nadj Abonji, Selim Özdogan und ein paar Handvoll weitere) läßt Biller nicht gelten, denn die nutzten ja nicht ihre „Multilingualität und Fremdperspektive“. Er klagt:

Kritiker, aber auch Verleger, Lektoren und Buchhändler sind zu 90 Prozent Deutsche. Sie, als echte oder habituelle Christen, als Kinder der Suhrkamp-Kultur und Enkel von halbwegs umerzogenen Nazisoldaten, bestimmen, was gedruckt wird und wie, sie sagen, was bei Hugendubel, Thalia und Dussmann auf die alles entscheidenden Verkaufstische kommt, sie zahlen die Vorschüsse, sie verleihen die Preise, sie laden als Verleger zum Abendessen ein.

Soll man diese Sicht als Parallelwelt kennzeichnen oder benötigt man Termini aus der Psychiatrie?

21.1. 2014

Die zweitjüngste Tochter (7) sagt, die S. (eine Klassenkameradin) sei jetzt ihre Geheimfreundin. „Also, wir sind nur im Geheimen befreundet. S. sagt, wenn die L. erfährt, daß S. mit mir befreundet ist, dann ist die L. nicht mehr die Freundin von S." Der Vater sagt: „Dann laß diese Freundschaft. Hast du nicht nötig.“ Ich hingegen rate zu. Ist nicht schön, aber so sind die Menschen. Als Verleger kennen wir das doch gut.

 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (14)

Trouver
22. Februar 2014 23:46

@Enkel von halbwegs umerzogenen Nazisoldaten:

das geht immer und wird immer gehen, bis jene Enkel endlich anfangen darüber zu LACHEN.

Ein Fremder aus Elea
23. Februar 2014 08:12

"[...] die Bemerkung sei daneben."

An jenem letzten Wort liegt's: Keine leichten Bemerkungen über das Leid anderer.

Die Lehrerin hätte "Unsinn!" sagen müssen, um auf die sachliche Inkorrektheit hinzuweisen, "daneben" ist - normalerweise - nicht sachlich falsch, sondern situativ.

Kositza: Na, das ist doch Rabulistik. Mag sein, daß die Leherin auch Quatsch, Unsinn oder Halt deinen Mund gesagt hat. Ich war nicht dabei.

Gustav Grambauer
23. Februar 2014 08:53

Es geht noch weiter:

Im Speigel darf heute ein Strolch vom Psycho-Industriellen Komplex kinderschänderische Abgründe offiziell in eine Reihe mit "sexuellen Präferenzen" stellen.

Dies Leute ahnen noch gar nicht, was da für eine Honigfalle aufgestellt wurde.

Der Wind wird sich drehen, und das Internet vergißt nichts.

Mao: "Laßt tausend Blüten blühen." - "Und dann schlagen wir sie alle ab".

- G. G.

Th.R.
23. Februar 2014 09:47

Über Biller ist im Netz zu lesen:

"Maxim Biller wurde als Kind russisch- jüdischer Eltern 1960 in Prag geboren."

Zur Erhellung der Billerschen Motivlage wichtig zu wissen. Dieser Umstand erklärt einiges.

Im Übrigen wollte ich Sie schon immer mal auf ein monatlich stattfindendes Ereignis in ihrer näheren Umgebung hinweisen, das ganz nach dem Geschmacke Ihrer Familie sein dürfte:

Der Antik - und Trödelmarkt auf dem Agragelände in Markkleeberg im Süden Leipzigs. Sehr gut über die A38 zu erreichen. Er findet jeweils zweitägig den letzten Samstag und Sonntag im Monat statt.

Dieser Markt ist keineswegs so ne kleine Klitsche mit ner Hand voll Anbietern, sondern wohl mittlerweile der größte in Deutschland mit mehreren hundert Händlern und mehreren tausenden Besuchern monatlich.

https://www.leipzig-leben.de/antik-und-troedelmarkt-agra-leipzig/
https://www.agra-veranstaltungsgelaende-leipzig.de/texts/agra-troedelmarkt.html

Heute ist noch. Nächster Termin wäre der 29. und 30.03.2014.

Kositza: Danke, guter Tip!

Rumpelstilzchen
23. Februar 2014 12:06

@ Maxim Biller

Gegen die Zwangsmigration der in Leitkultur-Kitas aufgewachsenen Migrantenkinder hilft nur eines. Ein guter Deutschunterricht für Türken.
Guckst Du:
https://m.youtube.com/watch?v=mPH7ZIGZ4BE

Ansonsten unterscheide ich nur zwischen guter und schlechter Literatur.
Gute Bücher von habituellen Muslimen würden mich allerdings interessieren.
Gibt es da Empfehlungen ? Und ich meine nicht Akif Pirrinchi.
Der redet wie ein Enkel von halbwegs umerzogenen Nazisoldaten.
Und zwar habituell.

Urwinkel
23. Februar 2014 12:20

Sehen Sie Th.R, die Leute wissen nicht mehr wohin mit ihrem Nachlasskrempel. Diese Trödelmärkte sind landesweit bestens organisiert. Man wird dort für seine Sammellust entweder verhönt oder gelobt, aber niemals geehrt. Sonst könnte man ja selbst Trödler werden. Aber es stimmt, Trödelmarkt am Wochende ist (mir) ein gutbekanntes Ritual. Durch das staubige "heute billig, morgen teuer"-Geschrei durch, sind immer wieder Schätze zu bergen. Das wirklich beste sind die abschließenden Sonntags-Abendessen unter Trödelnerds: Schaut mal was ich heute geschossen habe. Wie bei Jägern und Trophähensammlern. Irgendwann ist die Bude voll aber jeder will ewig leben, und das braucht Raum. Das beißt sich, und trödeln ist oft heimliche Folklore ohne zeitliche, räumliche und inhaltliche Ordnung; der reinste Zirkus mit Fressbuden und manchmal auch Eintrittsgeld (die einzige Ordung). Wer die Zeit dazu hat, bitte. Ich bin zu alt dazu. Das Wochenende gehört dem Garten.

Urwinkel
23. Februar 2014 13:14

Und eins vergaß ich zu sagen: Frauen unterscheiden sich in ihren Interessen auf so einer Schnäppchentour von ihren Männern. Für Leute, die das immer noch nicht wahrhaben möchten, sei ein partnerschaftlicher Ausflug hin zum nächsten Trödelmarkt ratsam. Kaum zu toppen als Feldstudie.

Revolte
23. Februar 2014 16:16

Diesen Biller musste ich erst mal bei Gugel suchen.
"Enkel von halbwegs umerzogenen Nazisoldaten", die mit geradezu mafiösen Strukturen die Buchhandlungen judenfrei halten. Das klingt ja wie eine Verschwörung des Weltdeutschentums. Naja, wenn man sonst keine Wehwehchen hat, als sich "jüdische Ruhestörer" (zählt Broder nicht?) und Migrantenliteratur mit Fremdperspektive zu wünschen...

Richtig abstoßend finde ich diese Meldung:

Antifa e.V. fordert Zwangsvergewaltigungen von “volksdeutschen” Frauen

https://www.pi-news.net/2014/02/antifa-e-v-fordert-zwangsvergewaltigungen-von-volksdeutschen-frauen/

Man packt sich nur noch an den Kopf in dieser Republik.

Gutmensch
23. Februar 2014 16:21

Unter den zahlreichen Botschaften, die einem tagein, tagaus mit dem Hinweis „kraß!“ gemailt werden, fand ich diesen hier doch in besonderer Weise verstörend.

Hm, ja ... "kraß" finde ich vor allem, dass sich Eltern mit solchen Sorgen an die Zeitung wenden. Denn, wie Sie schon ganz richtig sagen, Frau K.: Man stelle sich vor, ein Papa würde seine Kinder exakt so aufklären, wie es die Aufklärungsbeauftragte an dieser Klasse unternommen hat – ihm würde die Hölle heiß gemacht.

Nun habe ich den verlinkten Artikel zwar bloß überflogen - aber es kann gut sein, dass sie damit richtig liegen. Doch wenn´s so ist, will sich mir nicht recht erschließen, weshalb die Leute nun irgendwelchen "Tanten", die ihre Kinder heimsuchen, einen Rabatt gewähren, der ihnen selber garantiert nicht gewährt werden würde und anschließend zielsicher dort petzen gehen (Zeitung), wo es erprobter Maßen nichts nützen wird. Aber sie gehen ja auch demonstrieren, die besorgten Eltern, und lassen sich und ihre Kinder dabei nochmal verhauen - muss man wohl nicht alles verstehen.

Gruß,

G.
Kositza: Ich stelle mir vor, daß die Eltern ihr Unbehagen zunächst schulintern vorgetragen haben. Und weil es nichts genützt hat - es war ja bereits der zweite Besuch der "Sextante" - haben sie eben die Öffentlichkeit gesucht. Das ist doch gar nicht so schwer nachzuvollziehen?

RL
23. Februar 2014 17:33

Wenn dem Herrn Biller zuviele Deutsche im deutschen Literaturbetrieb sind, kann er doch woanders hingehen. Es zwingt ihn doch niemand so etwas schlimmes weiter zu ertragen.

Kositza: Wobei das ein dünnes Argument ist. Oder man müßte erweitern: Alle, die irgendwelche Zustände hierzulande kritisieren, könnten doch bitte schön woanders hingehen.

Ein Fremder aus Elea
23. Februar 2014 20:27

RL,

doch gerade nicht, er ist ja nicht so, er ist die Abhilfe.

Im Deutschen heißt's: "Eigenlob stinkt!" und im Estnischen: "Wer soll des Hundes Schwanz heben, wenn nicht er selbst?"

Ich häng da ja nicht so drin, aber es würde mich schon überraschen, wenn der deutsche Literaturbetrieb sonderlich interessant wäre.

Nun ja, interessant für wen? Ist natürlich sehr subjektiv - lachhaft subjektiv.

Juden als Provokateure? Darauf läuft's ja quasi hinaus, was Biller sagt. Mag was dran sein, so grundsätzlich, aber heute im Nachkriegsdeutschland wahrscheinlich auch nicht gerade das Gelbe vom Ei, da fehlt die Lockerheit.

Mag ja genug lockere Juden geben, aber die kriegten bald was zu hören, von allen möglichen Seiten.

Letztlich hat jede Gesellschaft das Geistesleben, welches sie verdient. Der einzige Trost aus deutscher Sicht läge in einer quasi platonischen Perspektive: "Die Dichter! Pah! Die sollte man sowieso verbieten und stattdessen über ernste Dinge sinnen! Eine Gefahr für die Jugend, verderben nur ihre Vorstellung von den Göttern!"

Ja, 's ist schon seltsam, wer sich den Schuh alles anziehen kann!

Und wenn's anders wär'? Wenn sich Deutschland lauter hippe Weltenbummler leistete, welche mit ihren Kollegen im Rest der Welt in warmer Fühlung stünden?

Uuaahh! Aber das wär's wahrscheinlich, da gäb's sozusagen einen Markt für.

Den repräsentativen Amerikaner in Berlin, welcher sich mit Deutschland aus seiner Sicht beschäftigt, kann's doch schon deshalb nicht geben, weil er genauso Produkt der medialen Formung ist wie der repräsentative Deutsche und ein Bedarf an der Abgleichung unterschiedlicher Paßformen gerade nicht besteht, um nicht deren Widersprüche offenzulegen.

Aber ich tue Biller Unrecht. Gerade Richtung Osten gäbe es durchaus Kommunikationsbedarf. Aber auch das ist nicht gewollt.

Trouver
23. Februar 2014 20:37

Lieber Revolte, dort steht u.a. "Deutsche sind keine Menschen". Aber fuer was halten sich die Urheber dieses Spruchs? Und den Engels? Und den Liebknecht? Fuer entdeutscht? Die Entdeutschten, die skurillerweise nur in Deutschland einzutreffen sind und die verhasste deutsche Sprache unbedacht benutzen (ich sage - missbrauchen) um ihre Botschaften zu verteilen.

Stil-Blüte
24. Februar 2014 01:19

@ RL
Das haben Herrn Biller schon viele geraten, aber diese Freude möchte er uns Deutschen nicht machen. Kennen Sie Maxim Billers Erstlingswerk 'Wenn ich einmal reich und tot bin' (Kiepenheuer & Witsch, 1990)? Durchaus erheiternd, boshaft, tabubrechend über das Binnenleben der Frankfurter Juden heutzutage. Da kann ich nur sagen: Der traut/e sich was!

eulenfurz
25. Februar 2014 20:42

Biller? Wer ist Biller? Wahrscheinlich der kleine Bruder von Billig.

An schöner und guter und wahrhafter Literatur gibt es nun wahrlich genug, zwar nicht in diesem Deutschland, aber in vielen anderen. Auf einen BiBaBiller könnte ein Volk der Dichter und Denker sicherlich verzichten, aber wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.

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