11. März 2014

Reaktionäre Variante

Gastbeitrag / 60 Kommentare

Von Heino Bosselmann

Mein Leben habe ich mittlerweile je zur Hälfte in der DDR und der aus der sogenannten Wende – per „treuhänderischem“ Zugewinn des Beitrittsgebiets – erwachsenen Berliner Republik verbracht. Ich bin einer der Ewiggestrigen, die nie angekommen sind. Das stelle ich lediglich resümierend und keinesfalls resigniert oder gar verbittert fest.

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Ehrlich gesagt komme ich überhaupt ungern irgendwo an. Mit einem skeptisch kopfschüttelnden Lächeln sehe ich mich als Reaktionär, der sich nicht damit abfinden wird, daß die Quantifizierung des Menschen und seiner maßlosen Bedürfnisse – forciert von den Möglichkeiten der digitalen Revolution – über allem steht, beispielsweise über seiner qualitativen Verantwortung für den Lebensraum, die Mitgeschöpfe und den ganzen Planeten.

In gewissem Sinne dürfte schon die an Apatheia, Autarkie und Ataraxie orientierte Stoa von Zenon von Kition bis Marc Aurel als reaktionär gelten können, ebenso Friedrich II., der sich vom Philosophen auf dem Thron inspiriert sah, der durch allerlei Verluste so befreit wirkende Hans im Glück sowieso.

Daß sich das Leben zwischen den überbordenden „Angeboten“ eines Super-Marktes mehr denn je auf das Verbrauchen und Stoffwechseln reduziert, daß es mittels Normungen einnivelliert und gleichgeschaltet wird, daß Marketing und Präsentation vor Inhaltlichkeit und Substanz kommen, daß die Peripherie immer bunter, die Kerne aber fauler und hohler werden, das alles muß nach den Bedingungen von Ökonomismus und Konsumismus offenbar unausweichlich so sein, nur liegt mein bescheidener Luxus darin, mich dem weitestgehend zu verweigern.

Alles, was ist und geschieht, mag rein kausal determiniert sein. Genau das wird einem von all den mitmachenden und mitlaufenden Klugwichten ja voller Häme entgegengehalten: Du änderst die Welt nicht! Oder kürzer noch: Das rechnet sich nicht!  Politik etwa kommt über Buchhalterei schon gar nicht mehr hinaus.

Bertrand Russell war analytisch genug, Zwangsläufigkeiten als solche zu erkennen. Dennoch klingt es subversiv, wenn er in seiner „Philosophie des Abendlandes“ schreibt: „Wenn die Welt vollkommen determiniert ist, dann werden die Naturgesetze bestimmen, ob ich tugendhaft sein werde oder nicht“. Mag gar so sein. Und dennoch finden sich in all der Enge unserer Handlungs- und erst recht Willensfreiheit Spielräume, die bspw. Pierre Hadot  kennzeichnet, wenn er meint, durch sein Sprachvermögen gelange der Mensch in „ein anderes Universum, welches nicht von derselben Art ist wie das Universum des Sinnes und Wertes. (…) Der Wert der Dinge hängt damit von der moralischen Haltung ab, die wir ihnen gegenüber einnehmen. Philosophie besteht also genau darin, zu wählen, sich die Dinge in einer bestimmten Art und Weise vorzustellen“.

Ähnlich übrigens bei Peter Bieri, dessen Buch „Das Handwerk der Freiheit“ man gar nicht genug empfehlen kann, und der ähnlich beschrieb, inwiefern Denken und Sprechen noch Akte der Freiheit sein mögen. – Man benötigt dafür übrigens weder Metaphysik noch Erweckung und Himmelfahrten, sondern nur einen Verstand, der den Mut hat, auf Abstand zu gehen, um solcherart kritisch zu werden.

Dem Kommunismus war es aus bekannten Gründen – zum Glück! – nicht möglich, eine Weltgemeinschaft zu begründen, aber in der Vermarktwirtschaftlichung von allem und jedem sowie unter Mithilfe von „Big Data“ wird dies unausweichlich gelingen. Wir sind voll dabei und rechtfertigen das allein utilitaristisch, also mit unserer gängigen Gerechtigkeitsvorstellung, daß gut ist, was das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl sicherstellt.

Jeremy Benthams alte Regel, als Handlungsutilitarismus hier und da verfeinert in den halbherzigen Versuchen, Regelungsutilitarismus zu betreiben. Ein neuzeitlich-bürgerliches Nützlichkeitsdenken, das aufklärerisch mit dem Impetus der Menschheitsbefreiung auftrat – und diese durchgesetzt hat: Größtmögliche Zahl, größtmögliches Glück. Beides sehr problematische Indikatoren, aber absolut passend zur Generation Smart-Phone. Apropos: Der streitbare Hans Magnus Enzensberger rief jüngst in zehn Punkten zum radikalen Widerstand gegen die digitale Ausbeutung auf.

Alle Welt sehnt sich freilich nach der Discounterversorgung und Vernetzung innerhalb der Regularien des Marktes und nach „Demokratie“, die ja nichts anderes ist als Politik gewordener Utilitarismus mit den Garantien der Bürger- und Menschen-, also der Egoistenrechte. Ist Nordkorea erst Beitrittsgebiet für Südkorea, werden sie nach ideologischer Entwöhnung bzw. Entgiftung auch dort vor allem einkaufen gehen und Verbraucher sein. Verständlich. Noch immer habe ich meine ehemaligen Landsleute aus der DDR vor Augen, wie sie mit ihren Nylon-Beuteln im Westen unterwegs waren und sich die hundert Mark „Begrüßungsgeld“ einteilten.

Gesiegt haben allenthalben die Quantifizierungen. Hinter ihnen bleiben die Qualifzierungen weit zurück, nicht nur innerhalb der Bildung, die hierzulande nach traditionellen oder gar klassischen Vorstellungen rein gar nichts mehr mit dem zu tun hat, was der hohe Begriff einst umschrieb. Daß es kein Zurück gibt, weil alles „folgerichtig“ geschah und so und nicht anders geschehen mußte, habe ich zu akzeptieren, aber ich muß mich dessen nicht freuen. Es ist das Vorrecht des Reaktionärs, sich innerlich widerwärtigen Zeitläufen zu verweigern, auch wenn er in dieser Haltung immer skurriler und absurder wirkt.

Zu den Garantien der Bürger-, also der Egoistenrechte gehört im Fußnotenbereich des Kleingedruckten wenigstens noch die Möglichkeit, bei der großen Oralfixierung auf Verbrauch und Gedöns nicht um jeden Preis mitmachen zu müssen. Die wenigen, die sich dem vollständigen Durch- und Zugriff des Marktes auf ihre Person renitent verweigern, nehmen so eine Position ein, die zuweilen als kleines Beispiel gar den vielen hilft, die innerhalb der Reproduktionskreisläufe so bündig identifiziert aufgehen, daß sie sich völlig verlieren und daran unweigerlich zu kranken beginnen. Je toller der „Erfolg“ um so länger die Wartezeiten für psychosomatische Behandlungen.

Der Liberale hat es übrigens einfacher als der Reaktionär. Er ruft historisch in einer kurzen Barrikadenphase nach der Freiheit der Person und des Wettbewerbs. Ist beides garantiert, folgt er der Regel „Gewinne privat, die Schulden zum Staat!“, überläßt das meiste dem Markt und hält es für naiv, über soziale und kulturelle Kollateralschäden nachzudenken. Was für ein beneidenswerter Optimismus! Wobei der moderne Liberale heutzutage weder auf die Barrikade muß noch obligatorisch seine Leistungsträgerschaft nachzuweisen hat, sondern sein Selbstverständnis eher aus dem ererbt angestammten Vermögen bezieht, das am Markt und vorzugsweise am Finanzmarkt härter arbeitet als er selbst. Was u. a. erklärt, warum das kahlgeschlagene Mitteldeutschland außerhalb seiner Leuchtturmregionen so wenig selbstgewisse Liberale aufbietet.

Während der Linke also nach wie vor vom guten Menschen träumt, dem nur die Bedingungen miserabel eingerichtet wurden, und während der Liberale in der freien Entfaltung des Marktes seinen Schnitt machen will, grantelt der Reaktionär herum und pflegt einen intellektuellen wie moralischen Skeptizismus, mit dem er nur in kleinen Zirkeln landen kann, wo man sich die Mantras von Schopenhauer und Cioran vorliest. Jedenfalls solange, wie die anderen den GAU ihres Systems vermeiden. Der unausweichlich immer mal wieder eintritt, weil im Zuge des bloßen Funktionierens die Euphorie in dem Maße wächst, wie Kritik an Maßlosigkeit ausgeschlagen wird.

Deshalb fürchtet der Liberale die Krise, während der Reaktionär doch stets auf sie hofft und ihrer bedarf. Es blähen sich ja nicht nur die Blasen an der Börse, sondern in bezug auf die Phrase ebenso jene in der Politik. Bis sie platzen und es einigermaßen konservativ wieder mal ans Aufräumen geht.


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Kommentare (60)

Trouver
11. März 2014 03:46

Brillianter Artikel, lieber Herr Bosselmann! Dazu bekenne ich mich, obwohl ich in speziell diesem Thema wohl Ihr Widersacher bin.

Ich bin national-liberal und ich mag den Konsum. Vielleicht darum, weil er mir mein Dissens nicht ersetzt, sondern ergaenzt. Stark vereinfacht sehe ich mein Dasein irgendwie als etwas, was Pol Pot zu seiner Zeit von der Erde wegzukriegen suchte.

Raskolnikow
11. März 2014 09:43

Lieber Meister Bosselmann!

Wie Sie um Gott herumkommen, ist mir ein Rätsel! Dass Sie nicht über IHN hinwegkommen, beweisen Ihre atheistischen Essays. Was hält Sie ab, "Ja!" zu sagen? Der Schöpfungsmythos? Die Jungfrauengeburt? Die Amtskirche? Ihre berührenden Zeilen verraten Sie: Sie sind ein Sehnsüchtiger ...

Die Atheisten denken ja oft mehr über Gott nach als viele Gläubige, die nicht selten eine geschäftsmäßige Beziehung nach "oben" haben ...

Mann, Trouver,

PolPot wollte das Numinosum, das Unnütze, das Höhere und Besondere von der Welt tilgen. Er hat es nicht vollbracht, aber Ihr Liberalen schafft das gerade nachhaltig mit Eurem freien Markt!

Ihr seid als Materialisten ebenso in Euren Tabellarien und Angebot-Nachfrage-Diagrammen verhaftet wie die Communisten in ihren Manifesten! (Natürlich nehmt Ihr Euch die Freiheit iPhones zu besitzen und Eure prallen Wänster mit schlechten Anzügen zu umspannen.) Ihr walzt alles platt, was nicht die "Gesamtwohlfahrt" steigert. Am Ende Eurer feuchten Träume steht der weltumspannende Markt und minimale Transaktionskosten; ähnlich trostlos wie die weltweite Sowjetrepublik!

Diese liberale "Alle-die-gegen-uns-sind-sind-Sozialisten"-Attitüde, der permanente Heulton liberal-konservativer Publikation wie PI oder ef, Cicero oder brandEins, lässt in meinem Schädel immer eine Fanfare erklingen! Aber ja, Sie werden mir entgegnen, ich verstünde nichts von den Gesetzen der Ökonomie ...

Socialisten und Liberale aller Coleur versprechen seit 200 Jahren das Paradies auf Erden und verwandeln die Welt unterdessen in eine Hölle. Begründen tun diese bedauernswerten Creaturen die Überlegenheiten ihrer Ideologien stets mit wissenschaftlichen Argumenten. Trouver, die Communisten sind Ihre Brüder! Nazis, Demokraten, Liberale, Communisten, Socialisten und so weiter ... alles Mißgeburten aus dem Schoße der Pariser Strassenhure namens Revolution!

Man müsste Euch alle mit Fleischwürsten verhauen ... (Das habt Ihr dann davon!)

Es lebe das Wunder!
Es lebe das Märchen!
Es leben der Narr und die Bajadere!

Heil Erde!

R.

Nachtrag: Da wir uns in der Fastenzeit befinden, möchte ich einen weniger schnörkeligen Stil pflegen und vielleicht in die tiefgreifenden Schichten fassen - zu diesem Behufe sei enthüllt, dass ich (damals 14 Jahre alt) meine 100 Mark Begrüßungsgeld für Tapete mit aufgedrucktem "Rambo"-Motiv ausgab (R. zielt militärisch etwas fragwürdig mit einer RPG-7 auf eine Mi-24). Kann sich sonst noch jemand erinnern, wofür er sein "erstes Westgeld" weggeworfen hat?

Heino Bosselmann
11. März 2014 10:18

@Raskolnikow: Leider flüchtig von unterwegs, daher nur kurz: Mir hier die Gretchenfrage zu stellen, das bringt mich in Teufels Küche. Zum einen, weil ich doch vollständiger antworten müsste, zum anderen, weil es im rechten und konservativen Milieu offenbar nicht nur keine Atheisten mehr gibt, sondern nicht einmal mehr Agnostizisten oder auch nur politische Laizisten. Was ich bedauere. (Sie werden sehen: Sollte es hier noch eine Diskussion geben, wird sich die vorrangig um Ihre Frage an mich und kaum mehr auf den zweifelhaften Beitrag beziehen. Also als flotte Notiz: Es fällt mir schwer, sog. "Offenbarungswissen" als mehr anzusehen denn als Vorstellung. Ich kann dem nicht so leicht "Tatsachencharakter" zuweisen. Humes "Dialoge über natürliche Religion" und Norbert Hoersters "Frage nach Gott" formulieren bspw. Einwände, die in etwa immer die die meinen waren. Außerdem führte eine Überdosis analytischer und Sprachphilosophie bei mir "verirrtem Heidenkind" dazu, daß ich im apostolischen Glaubensbekenntnis und in anderen religiösen Texten allzu viele Zeichen entdecke, die (mir) nicht klar sind. Ich kann sagen, daß ich mich mein Leben lang mit dem Christentum beschäftigte, daß ich dem viel, sehr viel verdanke, daß ich aber - gerade deswegen? - kein Bekenner wurde. Tatsächlich offenbart mir bspw. Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" eine Menge und gibt mir viel (metaphysischen) Raum, u. a. im Abschnitt "Von der Unzerstörbarkeit unseres Wesens durch den Tod", der allerdings nicht religiös, sondern im Sinn von Schopenhauers "Willensmetaphysik" darstellt. Und selbst die kleine Schrift "Ueber Religion" aus "Parerga und Paralipomena II" hat meine völlige Zustimmung. Notfalls zum Verständnis meiner doch recht einsamen und mitllerweile - in dieser Frage - hier völlig isolierten Position. Ein Letztes und Schwieriges: Die Pietät, welche Religion sich stets einfordert, gewährt sie dem "Freidenker" nur ungern. Insofern danke ich Ihnen sehr für die Kollegialität in Ton und Stil der Anfrage. Und bitte mir nachzusehen, dass ich dies hier zwischen Tür und Angel und nicht am heimischen Tisch so hinschreibe. Es soll nicht mein letztes Wort sein. Ich fand übrigens oft Christen, mit denen ich gründlich über Theologisches reden konnte, jedoch nie einen, der sich auf meine Literatur dazu (s. Hinweise) einlassen mochte. Während ich die Theologen nach wir vor lese (Ratzinger, Rahner, von der anderen Seite Karl Barth), möchte kaum jemand die philosophischen Einwände gleichfalls zur Kenntnis nehmen. Der nächste Rat wird sein: Lies doch nicht dieses Zeug, sondern sei offn für das Mysterum des Glaubens. Nun ja. (Sehr nah ist mir übrigens die chritliche Mystik ...)

Martin
11. März 2014 10:28

... die nie angekommen sind.

Das ist die Triebfeder des Lebens - Ankunft bedeutet Tod. Es gibt nur den Zustand des Seins und den, den man dann gewöhnlich als Tod bezeichnet, der aber schon kein Zustand mehr ist. Die Spanne bis dahin, die Entfaltung des Seins und damit der Zeit, ist sein Sinn, der eben durch die Alternativen Dasein und damit Zeit oder Tod erzeugt wird. Aus dem "nie Ankommen" entwickelt sich ein großer Teil der Dynamik des Lebens.

Der streitbare Hans Magnus Enzensberger rief jüngst in zehn Punkten zum radikalen Widerstand gegen die digitale Ausbeutung auf.

Reichlich spät - Ein gewisser Herr Ted Kaczynski hat sehr früh die Konsequenzen des "Internets" erkennt (vgl. Manifesto des Freedom Clubs), aber leider verbrecherische Schlüsse daraus gezogen (was seine Überlegungen aber dennoch lesenswert lässt).

Deshalb fürchtet der Liberale die Krise, während der Reaktionär doch stets auf sie hofft und ihrer bedarf.

Dem möchte ich widersprechen, da dies eine Position der Schwäche darstellt. Der Reaktionär bedarf keiner Krise im landläufigen Sinn und muss auch nicht auf sie hoffen - Die Reaktion (ein gewisser R. würde jetzt vermutlich "Réaction" schreiben ) ist die notwendige Folge eines Zustands, der für sich gesehen bereits, aus Sicht des Reaktionärs, eine Ordnungsstörung ist, ohne dass es dafür der materiellen Zustände bedarf, die man eben landläufig unter "Krise" versteht (wir sind schließlich keine Marxisten).

Sebastian
11. März 2014 10:36

Christliche Mystik? Was soll das sein?

Claus M.
11. März 2014 10:59

Lieber Herr Bosselmann,

ich lese Ihre Beiträge, auch bei JF, stets mit besonderem Interesse. Nicht nur aus Genuß am Wohlformulierten - ich kann mich in Ihrer distanziert teilnehmenden Weltsicht immer wiedererkennen.

Vielleicht liegt es auch an einigen biographischen Ähnlichkeiten. Bin ein paar Jahre älter als Sie und war in der DDR einige Jahre als Lehrer tätig. Habe 1982 (politisch motiviert, ohne dies zu plakatieren) gekündigt. Was in solchen Fällen an Martyrium zu folgen pflegte, wissen heute nur noch Wenige. Es war eine Extremerfahrung an Existenz- und Selbstbehauptungswillen. Zumal ich nicht ausreisen wollte und auch keinerlei oppostionellen Gruppierungen angehörte. Ich war Einzelkämpfer, der sich dann in eine halbwegs abgeschirmte Nische zurückzog.

Kein Held, kein Widerständler, nur Individualist, habe ich in der DDR ein unauffälliges, privatfokussiertes Leben geführt. Durch Zurückgezogenheit mich dem System still und höflich entzogen. Was damals in Berlin-Prenzlauer Berg auch besser ging als in anderen Regionen des Landes. Ich hatte meine Ruhe und Beschaulichkeit. Glaubte ich jedenfalls.

Bis 2001 dachte ich wirklich, Ruhe gehabt zu haben. Dann nahm ich Einblick in meine erstaunlich umfangreichen Stasiakten. Jede Menge grober Unfug, absurde Lächerlichkeiten - bis ich auf einen Vermerk stieß: 1988 wurde ich auf die Liste der im Ernstfall zu internierenden Personen gesetzt, war also ein KZ-Kandidat.

Vielleicht ist es so, daß Unterdrückungsapparate den skeptischen, nonkonformen, aber angstfreien Untertanen wegen seiner verinnerlichten Freiheit mehr fürchten als den lauten Opponenten ?

Zu meinen Lieblingsbüchern gehört ungebrochen der "Schwejk". Überhaupt erinnert mich auch in der Rückschau die alte DDR immer mehr an Kakanien - aber ohne Schmäh.

Ich verstehe Ihre Eigensicht als Reaktionär, würde auch mich dort verorten, aber die Bezeichnung "Solitär" würde mir doch viel besser gefallen.

Heino Bosselmann
11. März 2014 11:03

@Sebastian: Vorzugsweise in meinem Fall: Meister Eckhart, Johannes Tauler, Jakob Böhme, Angelus Silesius. Ferner der frühe Luther, der maßgeblich von der christlichen Mystik inspiriert war, sich später aber theologisch distanzierte. - Für mich interessant, wie das in die heute selten thematisierte philosophische Mystk hinüberwächst, zu der ich KARL ALBERTS Einführung empfehlen kann. Grundpositionen: Alles ist eines. Der Weg geht nach innen. (...)

Albert
11. März 2014 11:12

Lieber Herr Bosselmann,

ich kann Ihre wohlwollende Skepsis gegenüber dem Christentum gut nachvollziehen - und Ihre "reaktionäre" Vereinzelung sowieso.

Mein Tipp: Ich habe den Eindruck, Sie wären bei den Ludendorffern gut aufgehoben - eine winzige, aber sehr emsige und teilweise von Rudolf Steiner beeinflußte, kommerz- und konsum-abstinente Gemeinschaft, die ihre Wurzeln in der bündischen Jugend hat, naturrreligiös-freigeistig ist und eine ungewöhnlich hohe Pädagogendichte aufweist. Einfach mal googeln und sich nicht von den Negativzuschreibungen beirren lassen...

Heino Bosselmann
11. März 2014 11:18

@Albert: Anthroposophie! Rudolf Steiner. Damit wäre ebenfalls etwas Schwieriges aufgeschlagen. In den Neunzigern eng mit einer anthroposophischen Familie verbunden, las ich wohlwollend und gründlich Steiners große Schriften (Theosophie, Philosophie der Freiheit, Geheimwissenschaft, Christentum als mystische Tatsache, Akasha-Chronik u. a. sowie sekundäre anthroposophische Veröffentlichungen), hatte aber tatsächlich auch hier große Schwierigkeiten damit, die "Schauungen" als gültig zu akzeptieren.

Albert
11. März 2014 11:46

@Herr Bosselmann,

Rudolf Steiner fand ich immer schwer verdaulich, habe mich aber nie so eingehend wie Sie damit beschäftigt. Mathilde Ludendorffs Philosophie, Grundlage der Ludendorffer, ist auch eine Kritik der Anthroposophie. Auch ihre Philosophie ist nicht frei von zeitgeistigen Verquastheiten, hat aber einen Kern, der zutiefst konservativ im unpolitischen Sinne ist: das Denken in Generationen, der sehr hohe Bildungsanspruch, die stoische, erdverbundene Gleichgültigkeit gegenüber der Moderne und das Wissen um die Fehlbarkeit des Menschen. Ich selbst bin kein Ludendorffer, bin aber fasziniert von einigen Aspekten dieser Gemeinschaft. Wenn Sie wollen, nehme ich Sie mal mit...

Inselbauer
11. März 2014 11:48

Lieber Herr Bosselmann, ich verstehe nicht so recht, warum nan die romantische Perspektive auf die bürgerliche Gesellschaft aufrecht erhalten muss. Mir erscheint das, was wir derzeit erleben, als extrem irrational, ja selbstmörderisch, und die Quantifizierung ist doch bloßes Ornament. Eine Gesellschaft, die aus ihrem strukturell Unterbewussten Komplexe wie den NSU hervortreibt (ein richtiger Mythoskrimi der BRD), ihr sämtliches Geld im Casino verjubelt und eine gefährlichen Clown als formlosen Zwitter (Merkel) zum Chef erhebt - das sind doch Verhältnisse wie bei Heliogabal. Alles ist so krank, dass ein normales Leben gar nicht mehr möglich ist; für die Durchführung einer Ehe braucht man die Nerven eines Panzerkommandanten. Noch dazu hört alles sowieso in ein paar Jahrzehnten auf. Das ist selber perverse Romantik; es erinnert mich an eine Szene aus einem Film von Wolfgang Bauer, wo einer seriös aussehende ältere Dame im Flugzeug neben einem Künstler sitzt, der sein bestes Gemälde entrollt. Die Dame bekommt plötzlich leuchtende Augen und schüttet das Bier auf das Gemälde. Danach sucht sie unter dem Schrei: "Das gute Bier!" den Ausgang, weil sie noch vor Afrika aussteigen will. So sehe ich die bürgerliche Gesellschaft.
Übrigens werde ich heute als Atheist einen fetten Schweinebraten essen und nach einem kräftigen Roten endlich das Kreuz in den Keller räumen.

Thomas Wawerka
11. März 2014 12:03

@ Raskolnikow: Yepp, kann ich! Ich hab meinen ersten Westtag im "Gondrom" in Hof verbracht, derweil die Familie beim Bäcker Torte essen und Bananen kaufen war. Ich erstand "Frau im Mond" von Thea von Harbou, "1984" von George Orwell, "2001 - Odyssee im Weltraum" von Arthur C. Clarke und irgendeine grottenschlechte Sherlock-Holmes-Pastiche.

Rumpelstilzchen
11. März 2014 12:23

"Ehrlich gesagt, komme ich überhaupt ungern irgendwo an"

So ging es mir auch sehr lange, und das hat ja auch etwas Heiteres.
Siehe den cherubinischen Wandersmann von Angelus Silesius.

Doch es kann die Erfahrung kommen:
"Es tut uns so gut, zu IHM zurückzukehren, wenn wir uns verloren haben."
( Papst Franziskus)

Gesiegt haben allenthalben die Quantifizierungen. Hinter ihnen bleiben die Qualifzierungen weit zurück, nicht nur innerhalb der Bildung, die hierzulande nach traditionellen oder gar klassischen Vorstellungen rein gar nichts mehr mit dem zu tun hat, was der hohe Begriff einst umschrieb. Daß es kein Zurück gibt, weil alles „folgerichtig“ geschah und so und nicht anders geschehen mußte, habe ich zu akzeptieren, aber ich muß mich dessen nicht freuen. Es ist das Vorrecht des Reaktionärs, sich innerlich widerwärtigen Zeitläufen zu verweigern, auch wenn er in dieser Haltung immer skurriler und absurder wirkt.

Sich widerwärtigen Zeitläufen zu verweigern, bedeutet nicht unbedingt, reaktionär oder skurril zu werden. Das eine hat etwas trotziges, das andere was arg einsames.
Gerd-Klaus Kaltenbrunner lebte völlig zurückgezogen, baute sich eine Kapelle in den Garten. Wurde skurill, mähte nicht mehr den Rasen, um keine Engel abzusensen. Diese Gefahr sehe ich eher nicht bei Ihnen.

Ja, sich viel mit dem Christentum beschäftigen, aber kein Bekenner werden, das kenne ich auch. Meinen verlorenen Kinderglauben gab mir auch das Studium der katholischen Theologie nicht zurück. Trotzdem mußte dieser Weg sein.
Und: Ich mag gute Atheisten lieber als schlechte Theologen. Und geniale Agnostiker lieber als glaubensfeste Eiferer. Und lebensfrohe Heiden lieber als verklemmte Betschwestern. Kokettieren Sie nicht mit Ihrer Einsamkeit.

Mein Bekenntnis resultiert einzig aus dem Akt der Anbetung.
Aus der Erfahrung, dass Gott die Macht hat, nicht ich. Dass Gott der ist, der ist, nicht ich.

"Der Akt der Anbetung hat eine unausmeßbare Tiefe. In ihm neigt sich vor Gott nicht bloß der Körper, sondern der Geist. Nicht nur das übermächtige Gefühl, sondern die freie Person."

Aus Romano Guardini, Der Herr, dort "die Anbetung"

Rumpelstilzchen
11. März 2014 13:46

Werter Inselbauer,
auch einem Atheisten kann es nicht schaden, ab und an zu fasten, vornehmlich zur Frühjahrszeit. Sonst fährt es ihm noch ins Kreuz, bevor er das Kreuz in den Keller tragen kann.
Das wußten schon die Altvorderen.
https://www.zimmermannsmeister.de/wilhelm_busch.htm

Mariampol
11. März 2014 16:09

Nachdem die einen Sie vom Glauben an etwas Höheres überzeugen wollen... Gibt es eigentlich auch noch diejenigen, die Ihren Atheismus wohltuend finden - und dafür an anderer Stelle kritisch nachfragen? Warum eigentlich reaktionär? Konsum- und Verblödungskritik kann man schließlich auch in einer liberalen Variante haben. (Ich habe beispielsweise den Beitrag von Michael Schlenger vom 27.2. so verstanden.)

Trouver
11. März 2014 16:47

@Diese liberale „Alle-die-gegen-uns-sind-sind-Sozialisten“-Attitüde:

Wer hat es Ihnen gesagt, werter Raskolnikow?

Der Attitüde widerspreche ich, als Freiheitlicher, vehement. Im Gegenteil, ich stelle die Grenzen ganz fest. Da Sozialisten, hier, sagen wir, Reaktionäre und dort drüben der lachende chinesische Dritte. Was Ihre Salve angeht, sie ist zum Achselzucken.

Ja, ich ziehe mir Jeans an, anstatt die Lederhose, ich ärgere mich, dass ich und andere Deutsche doppelt soviel für das Tanken zahlen müssen wie die Amerikaner und - last not least - dass weder Dominik Brunner, noch Daniel Siefert zurück schießen konnten, als es der Fall war. Immerhin jährt der Mord an Daniel dieser Tage. Erinnern Sie sich dran?

.. ansonsten träume ich ganz feucht vom Grossdeutschen Südseereich und gehe beständig wählen - weder FDP noch eine andere BuTa-Partei.

Trouver
11. März 2014 16:53

@PolPot wollte das Numinosum, das Unnütze, das Höhere und Besondere von der Welt tilgen. :

Nein-nein, werter Freund. Er wollte Geld und Zins tilgen. Massenmord war dabei ein natürlicher Aspekt dieser Maßnahme.

Den hatte er vom Bolschewismus her geerbt.

Gassner
11. März 2014 17:35

Wer alles verkonsumiert, kann nichts mehr ansehen. Wer nichts mehr ansehen kann, sieht nichts mehr; wer nichts sieht, ist blind; und wer blind ist, weiß nichts von der Welt.

Die heutieg Zeit ist unwissend, aber nicht unschuldig, obwohl Schuld nicht mehr verstanden wird. Unsere Urschuld ist es, Menschen zu sein und keine Engel.

Hier der verständige Freigeist, der Engel.
Dort der unverständige, der Mensch.

Der Mensch aber versteht nicht, weil er nicht sehen will und nicht sehen kann.

Er wird zum blicklosen Monster, zum Moloch, denn in Wahrheit ist der Mensch der gefallene Engel Gottes.

JBG
11. März 2014 17:44

Zins tilgen. Klingt ganz vernünftig.

Ernst Wald
11. März 2014 18:56

Ad Bosselmann

Mir scheint, Reaktionär sein zu wollen und den christlichen Glauben abzulehnen, dies will nicht so recht zusammenpassen. Denn eigentlich sind alle Vertreter des reaktionären Typs leidenschaftliche Christen. Man denke etwa an Joseph Marie de Maistre sowie Nicolás Gómez Dávila oder unseren Zeitgenossen Martin Mosebach.

Sie, Herr Bosselmann, verkörpern jedoch meines Erachtens eher den „philosophisch-skeptischen“ Menschentyp, wie ihn Frank Lisson unlängst beschrieben hat:

Doch der freie, denkende, vernünftige Mensch will sowenig Pfaffenherrschaft oder Fürstenwillkür erleiden wie er unter einer linken Gesinnungsdiktatur zu leben wünscht. Er ist eben kein „Reaktionär“, der im ewigen Wechselspiel der Meinungsmächte gefangen bleibt, sondern will gerade diesen Zirkel der sich ewig abwechselnden Torheiten durchbrechen. Ein Heraklit floh in die Berge, ein Montaigne zog sich in den Turm zurück, ein Leopardi irrte unglücklich umher, ein Schopenhauer lernte früh, die „Fabrikware“ Mensch zu verachten und ein Pessoa verkroch sich in die Trauigkeit. […] Ein gewöhnlicher Mensch mag sich damit abfinden und sich auf die jeweilige Siegerseite schlagen; ein politischer für den `Machtwechsel´ kämpfen, um die einen Unterdrücker gegen die anderen auszutauschen; ein religiöser sich in die ihm gemäße Ordnung irgendeiner Kirche begeben; – ein philosophischer, skeptischer Mensch jedoch kann das alles nicht (Sezession, 57, S.20).

Heinrich Brück
11. März 2014 19:00

Was wirklich Spaß macht, zu sehen wie sich die Intellektuellen
gegen Gott verteidigen - nie aufhören sich zu verteidigen, aber
immer verlieren.
Was den Menschen ausmacht, in seinem Kern, ist keine
Sprache mehr. Es ist unendlich ewiges Erlebnis. Und mit diesem
Erlebnis kann nicht mehr überzeugt werden, denn es kann nicht
mehr in Sprache verwandelt werden - es kann nicht zur Sprache
werden.
Die Sprache zur Liebe hin wurde zerstört, und das Erlebnis als
Beweiskraft ist nicht (mehr) möglich. Ach wirklich?
Gott ist Nichtsprache (im Sinne von Mehrsprache) in Vollendung.
Intellektuell nicht beweisbar, aber dennoch vorhanden, weil
nichtsprachlich beweisbar durch Taten und eine inspirierte
Sprache. (Kositzas Tagebucheintragungen; normales Rittergut
gegen die selbstmörderischen Verrücktigkeiten
der herrschenden Meinung. Die Sprachformen unterscheiden
sich. - Nur die Normalen bleiben übrig. Das Normale bleibt im
Gedächtnis, denn es befindet sich auf dem rechten Weg, während
das Verrückte in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.)
Eine grenzenlose Fühlbarkeit innerhalb nichtsprachlicher
Grenzen.
Inselbauers Idee, Gott im Keller zu verstecken, finde ich
inspirierend.

Trouver
11. März 2014 19:15

Lieber Gassner, dieser Salot Sar wollte naemlich den Privatkonsum einstellen - damit eine neue hehre Welt entsteht - die ohne Verkonsumierung und Ausbeutung.

Leider ging es nur mit der Liquidation von den Konsumenten einher.

Bundschuh
11. März 2014 19:20

Will man denn wieder ein Sklavendasein unter Aristokratie oder Adel statt eine weitgehend national-liberales Bürgertum? So ganz kriege ich den inneren Widerspruch nicht auf die Kette an einem ramschbilligen chinesischen Computer darüber zu wüten, dass man gerade diesen benutzt und andere noch billigeren Plunder wollen und kaufen. Den Menschen das "Haben-wollen" mit aller Gewalt abzudressieren hat bisher noch nie funktioniert, weil eine noch sozialverträgliche Raffgier evolutionär vorteilhaft war und folglich zur genetischen Ausstattung gehört. Natürlich muss dagegen angekämpft werden, aber da der gemeine Mensch nicht Jesus ist, muss er an einem totalen Willen zum Verzicht Scheitern und sollte sich in dieser Hinsicht auch nicht überfordern.

Herr Bosselmann ist wenigstens teilweise konsequent und lebt einen doch sehr lokalen und genügsamen Stil. Auf den Tag, an dem Raskolnikow in selbstgeflickter Mönchskutte durch die Lande zieht und mir seine handschriftlichen Pamphlete in den Briefkasten postet muss ich aber wohl vergeblich warten. Ich biete mich für den Fall der Fälle auch gerne als sein weltlicher Lehnsherr oder Abt an, wenn er eine Obrigkeit zum Glücklichsein braucht.

Hartwig
11. März 2014 19:31

Werter Herr Bosselmann, verzeihen Sie, dass ich hier erstmal nur dem Raskolnikow antworte, was ich von meinem Westgeld kaufte.
Auf Ihren Artikel kann ich in aller Kürze nicht eingehen. Muss überhaupt erstmal über den Begriff des Reaktionärs nachdenken.
100 Mark, davon knapp 10 Mark für J.K.Huysmans "Tief unten". Sein "Gegen den Strich" wurde in der DDR verlegt und war mit Mühe erhältlich. "Tief unten" enthielt man mir bis dato vor.

Rautenklausner
11. März 2014 19:34

Eine (na gut: meine) Regel beim Schreiben unzeitgemäßer Betrachtungen, die den äußeren Umfang der Nietzsche'schen nicht erreichen: Nie mehr als drei große Namen nennen. Das amerik.-akademische name-dropping wirkt so bedrückend unreaktionaer.

Leo
11. März 2014 20:30

Lieber Heino Bosselmann,

auch ich bin einer derjenigen Fast-Immer-Leser ihrer Beiträge auf sezession/JF. Und auch mich besticht immer wieder der 'landmannschaftliche' Ansatz (ich weiß, der ist nicht abenfüllend!) eines Beobachters fast gleichen Jahrgangs...
Bestechend finde ich auch die Konsequenz, beruflich einen Strich zu ziehen - auch wenn danach finanziell nichts Adäquates folgen kann.

Angekommen?! Ich habe den Eindruck, dass jeder Mensch, der über historisch-vergleichendes Bewußtsein verfügt, das gar nicht kann. Fühle mich eher immer öfter immer mehr wie ein Fossil, das immer noch mit "Früher" vergleicht, in DM (oder Ostmark!) umrechnet: Wenn mir jemand vor 25 Jahren gesagt hätte, daß ich mein Falken-Brot bei denns für 8 Mark 3o (!!!) kaufen würde, den hätte ich für malle erklärt!

Ansonsten, zum Thema Ankommen, reicht Novalis: Wohin gehen wir? Immer nach Hause...

Raskolnikow
11. März 2014 20:42

"I shot a man in Reno,
just to watch him die ..."

(J.R. Cash)

Lieber Trouver,

eigentlich hatte ich mir ganz arg vorgenommen, nicht mehr mit jedem Mädchen an der Bushaltestelle zu disputieren, aber wie ist das schon mit den Fastenvorsätzen, zumal der Vorsatz mit der Cognacabstinenz noch Bestand hat. Und ja, der Alcohol fehlt mir mehr, als es das Opium je können wird ...

Aber, auch Freund, es wird sich nicht vermeiden lassen, dass Sie eine Wandlung durchmachen. Will besagen, vom selbstgerechten Mädchen zum Geißler mit der Peitsche, denn, so wills mich bedünken, Züchtigungen sind unabdingbar!

Bedenken Sie, Freund, wir sind hier unter Menschen, unfassbar überschätzt und hoffnungslos verweichlicht. Die Tyrannenfaust müsste gnadenlos dazwischenfahren, allein sie fehlt, wo sie so notwendig ist. Wer sich nicht selber züchtigen kann, für´s erste nur mit dem ehrlichen Blick in den Spiegel, bleibt verloren bis in alle Ewigkeit.

Glauben Sie einem gescheiterten Dickwanst, dass er Sie in sein kleines Herz geschlossen hat und seien Sie sich selbst Gevatter genug, um einen erbarmungslosen Blick antag zu legen und das Geheul all derer zu überhören, die im Unrat daheim sind!

Wenn Sie dann die Augen öffnen, werden Sie vielleicht sehen, in welch untereselhafter Holzwegigkeit liberale und socialistische, überhaupt alle "rationale", Argumentationen verlaufen ... Es ist am Ende eine Frage des Characters und nicht der Beweise.

Die Prügel-Ali-Horden, denen es gefiel obbesagte Sieferts und Brunners zu zertrampeln, sind übrigens von liberalen und konservativen Marktwirtschafts- und Democratieapologeten eingeladen worden. Erinnern Sie sich dran? Alles Gute!

Mein Bekenntnis resultiert einzig aus dem Akt der Anbetung. ... Dass Gott der ist, der ist, nicht ich.

Rumpelstilzchen, ich neige mich Ihnen mehr denn je zu,

R.

Sebastian
11. März 2014 21:16

Danke, Herr Bosselmann, für die freundliche Antwort auf meinen ziemlich krakeelerhaften Zwischenruf. Auch wenn ich etwa bei Tauler manches Schöne gefunden habe, sind mir die Schriften der von Ihnen genannten doch immer zu zweideutig, zu schwebend. Es kommt mir immer vor, wie schön gesponnene Zuckerwatte (auf dem Hexenhäuschen). Die macht die Finger klebrig.

Christliche Mystik ohne das dicke, feste, gewisse, beinharte Fundament der christlichen Askese ist ein Glasperlenspiel. Nein, eigentlich ist es schlimmer, es ist geistiger Hochmut, superbia.

Mich wundert, dass Hildegard von Bingen in Ihrer Aufzählung zu fehlen scheint.

(K. Alberts Einf. i. d. phil. Mystik finde ich leider weder im Verz. lieferb. Bücher noch bei ZVAB, allerdings in einer Bibliothek in der Nähe.)

Trouver
11. März 2014 21:22

Lieber Raskolnikow, ich verstehe nicht, von welchem Maedl Sie mir so blumig erzaehlen. Ich bin, z.b., der Vater einer 17-Jaehrigen Realschuelerin und der mittelmaessige Pistolenschuetze. Ich meine den Sport, nicht den Beruf)

Und entschuldigen Sie, zumal zur Fastenzeit, - Ihre Unterstellung, die Sieferts dieses Landes seien von Liberalen! entwaffnet - ist voll daneben.

Der Freiheitliche bewirkt den Gegensatz - er bewaffnet den freien Buerger. Bei den Freiheitlichen DARF man mehr, als er MUSS.

Und jene Kolonialverwaltung, aus den schandhaften Kolloborateuren zusammengeschustert, welche wir unter dem Decknamen "Bundestag" kennen ist ungefaehr so liberal, wie der Warschauer Judenrat.

Michael Schlenger
12. März 2014 00:49

Geschätzter Herr Bosselmann,

zu Ihren wie immer bedenkenswerten Zeilen einige kritische Anmerkungen, die zwar ebensowenig der Weisheit letzter Schluss sein können, aber dem Fortgang der Diskussion dienen mögen. Sie schreiben:

„Ich bin einer der Ewiggestrigen, die nie angekommen sind.“

Das Gute ist doch, dass Sie unter den gegebenen Bedingungen überhaupt nirgendwo ankommen müssen - außer bei sich selbst. Die Berliner Republik kann Ihnen gestohlen bleiben, sie fordert nur einige materielle Kontributionen, aber keine echten Unterwerfungsakte. Ihr Leben und Ihr Wohlergehen sind nicht bedroht, was seinerzeit in der DDR oder aktuell in Nordkorea, Russland oder weiten Teilen Afrikas keineswegs gesichert war bzw. ist. Jedes Exotendasein ist Ihnen möglich, Sie müssen schlimmstenfalls einen Preis in Form reduzierter Bequemlichkeit und gewisser Isolation dafür zahlen. Das aber war schon immer die Bedingung von Konzentration und Selbstgewissheit.

„…Reaktionär, der sich nicht damit abfinden wird, dass die Quantifizierung des Menschen und seiner maßlosen Bedürfnisse über allem steht.“

Ist das nicht die stets atemlose Rhetorik der Sensationspresse? Dort ist ja auch immer alles „inakzeptabel“, dort ist auch immer „der Mensch“ ausnahmslos betroffen, stets ist zu beklagen, dass die Verhältnisse „über alles“ gehen und überdies „maßlos“ sind. In dem Augenblick aber, in dem Sie und andere sich abweichend von der Masse verhalten, belegen Sie doch bereits, dass die Dinge keineswegs so einheitlich und zum Verzweifeln sind. Warum also der apodiktische Furor?

„Dass sich das Leben … mehr denn… je auf das Verbrauchen und Stoffwechseln reduziert“.

Woher beziehen Sie diese Gewissheit „mehr denn je“? Schauen Sie sich doch einmal Illustrierte und Warenkataloge der 1910er bis 1930er Jahre an, etwa die „Berliner Illustrirte Zeitung“, die „Leipziger Illustrirte“ oder gar das Renommiermagazin „Styl“ der 20er, damals durchaus Blätter für die überdurchschnittlich Gebildeten und Verdienenden. Dort finden Sie dasselbe Interesse an seichter Unterhaltung und dieselben Anzeigen, die Eitelkeiten und Minderwertigkeitskomplexe aufnehmen. Im Unterschied zum heutigen ADAC-Magazin, diesem legendär-bizarren Spiegel ordinärer Volksbefindlichkeiten waren diese Publikationen bloß typografisch hochwertiger gemacht, der Inhalt dagegen kündete ebenso von verbreitetem Konsumismus und schlichtem Gemüt. Selbst die gefeierte Münchener „Jugend“ ist jenseits einsamer Glanztaten im Detail bei eingehender Betrachtung der Wort- und Bildbeiträge nur schwer zu ertragen.

Meiner Ansicht nach war Kultur immer ein Elitenphänomen, nur dass es unter den Bedingungen der überschaubaren und leistungsorientierten Populationen in der Antike oder in der Renaissance leichter war, die Mittelschicht mit spezifischen Ideen und Qualität „anzustecken“, also zu nacheiferndem kultivierten Verhalten zu animieren oder sogar sich zu eigener authentischer Höchstleistung inspirieren zu lassen. Das erscheint im Zeitalter quasi kostenloser weltumspannender Medien, der opportunistischen Heroisierung von Unterschichtenphänomenen und der systematischen Staatsfinanzierung unwürdiger und in keiner Weise produktiver Daseinsformen heute ungleich schwerer.

Wenn wir aber das beklagen, dann müssten wir über die Größe und Beschaffenheit von potenziell fruchtbaren Gesellschaftseinheiten sprechen. Diese sollten sich doch am besten in scharfem Wettbewerb finden lassen, die griechischen Poleis und die Handel und Krieg nicht minder zugetanen italienischen Stadtstaaten lassen grüßen, nicht wahr? Ja, über solche den Einzelnen herausfordernden, keineswegs bloß versorgenden Keimzellen von Kultur und Innovation könnte man streiten.

Was nun aber ausgerechnet die 80 Mio. fett und unbeweglich gewordenen, auf die Frührente schielenden Inhaber deutscher Personalausweise besonders auszeichnen sollte, sodass sie in ihrer schlichten Fernseh-, Facebook- und Kreuzfahrexistenz zu bedauern wären, erschließt sich mir einfach nicht. Empfehle zur Läuterung von allzu idealistischen Gedanken über den Wert dieses Volksphantoms einen Spaziergang durch ein frisch errichtetes Neubaugebiet hierzulande: Von nationaler oder auch nur regionaler Identität ist dort rein gar nichts zu sehen – Bauhaus-Schuhkasterl, Schwedenhäuser, Mallorca-Reminiszenzen, Pseudo-Manoirs und schließlich undefinierbare Fertigbauten mit Hochglanzziegeln und Carport für den koreanischen Schein-Geländewagen sehe ich dort. Es sei den Leuten ihr schlichter Wohlstand gegönnt, doch von ihnen war und ist nichts kulturell Fruchtbares zu erwarten. Das interessiert diese Leute einfach nicht, muss es auch nicht. Und ebensowenig interessieren mich diese.

Qualität im Kulturellen gibt es zum Glück weiterhin, aber derzeit nur als Nischenphänomen, und das gilt es zu bewahren und zu pflegen. Interessant finde ich dabei die Frage, warum es seit Mitte des 20. und auch im 21. Jh. in den medial präsenten Eliten hierzulande an Köpfen mangelt, die es mit den Größen deutscher Zunge der letzten 800 Jahre auch nur annähernd aufnehmen können, in punkto Architektur, Literatur, Musik, bildender Kunst, Philosophie, Gestaltung, Grundlagenforschung usw. Für weiterführende Hinweise diesbezüglich wäre ich dankbar, die Heroen der Vergangenheit kenne ich ja bereits, sie werden hier auch in erfreulicher Dichte verdientermaßen angeführt.

„Der streitbare Hans Magnus Enzensberger rief jüngst … zum radikalen Widerstand gegen die digitale Ausbeutung auf.“

Ja, der Herr Enzensberger hat schon für sehr vieles auf mancherlei Feld gestritten, mal in der einen, mal in der anderen Richtung. Mir würde es genügen, wenn er weiterhin Gedichte schriebe. Oder hat er einen konkreten Vorschlag gemacht, wie „der radikale Widerstand“ gegen „die digitale Ausbeutung“ aussehen soll? Wie radikal möchte er dabei denn selbst werden, und wie schrecklich ausgebeutet hat man ihn eigentlich? Dachte, dass seine Generation zumindest stundenweise noch ohne Online-Selbstbestätigung auskommt und so Jüngeren als Vorbild in der Lebensführung dienen kann. Mir scheint, der Mann schielt aber bloß ebenso nach digitaler Aufmerksamkeit wie früher nach analoger.

Solche saturierten Trittbrettfahrer sind es, die berechtigter Kritik an manchem Misstand schaden, weil ihr Tun die eigenen Worte Lügen straft. Das gilt auch für den wohlausgestatteten Staatspensionisten und das unverdrossene SPD-Mitglied Sarrazin. Der hat rein gar nichts zu befürchten, solange er die Millioneneinnahmen aus seiner fabrikmäßigen Skandalbuchproduktion versteuert. Vielleicht wäre es ein Anfang, solche Medienkreaturen systematisch zu ignorieren und das eigene Denken zu aktivieren. Sie, Herr Bosselmann, haben dergleichen „name dropping“ wahrlich nicht nötig.

Beste Grüße
Michael Schlenger

Martin
12. März 2014 07:40

Den Vorwurf des "name droping" sollte man nicht allzu sehr vertiefen. Erstens ist die Ursprungsbedeutung des Begriffes, dass man damit durchblicken lässt, wenn man alles so Tolles (persönlich) kennt und weniger, dass man jetzt sich auf jemanden bezieht. In einem Beitrag hingegen kann bzw. sollte man durchaus auch einmal nennen, von wem ein Gedanken inspiriert wurde ohne daß dies gleich als zu dick auftragen gilt. Für viele ist damit klar, dass man Bezüge herstellen will und in Zeiten des omnipräsenten Plagiatsvorwurfs ist es auch mehr als ok. Es soll ja sogar Zeiten gegeben haben, in denen es gänzlich verpönt war, überhaupt so etwas wie einen eigenen Standpunkt offen darzulegen und man sich statt dessen bei jedem Satz hinter einem Philosophen oder Heiligen versteckte, um ernstgenommen zu werden.

Fredy
12. März 2014 08:06

Finde es bemerkenswert, dass jeder der hier Kommentierenden prinzipiell mit seinem eigenen Leben zufrieden scheint und es seiner Facon gemäß lebt. Trouver konsumiert sich glücklich, Raskolnokov bereitet sich mit schachtelweise Weinbrandbohnen auf die Teilnahme bei Biggest Loosers vor, Bosselman asketisiert und befreit sich von allem Ballaststoffen, Rumpelstilzchen findet immer wieder den Weg zurück in die Arme Christi, oder zumindest in den Beichtstuhl ...
Alle haben aber etwas gemeinsam. Den insgeheimen oder offenen Willen, auch Erwartung, dass alle anderen leben wie sie jeweils selbst. Jeder hält seine Lebensweise für die Erlösende. Das scheint mir das konservative Minimum zu sein.
Ja, es war nicht alles gut in der DDR, aber es ist auch nicht alles schlecht in der BRD. Herrgott, dass ich das mal sagen muss ...
Zumindest kann jeder nach seiner Facon ... weitestgehend. Leider unbewaffnet, mit Steuern, ohne Vielehe, ohne Opium ... es gibt schon noch einiges zu verbessern.
Bei aller Erkenntnis der Missstände existiert eine weitere Gemeinsamkeit: Wir sind alle auch Opfer dieser Mißstände, in jeweils anderer Form.
Da ist keiner, der der Erlösung nicht bedarf, auch nicht einer.
Amen

Arthur Spät
12. März 2014 08:57

"Wenn wir aber das beklagen, dann müssten wir über die Größe und Beschaffenheit von potenziell fruchtbaren Gesellschaftseinheiten sprechen."

Lieber Herr Schlegel, da scheinen Sie m.E. auf einen interessanten Punkt hinzuweisen. Außer einem bekannten, etwas längerem Loblied Goethes auf die Kleinstaaterei in Deutschland einerseits (https://gutenberg.spiegel.de/buch/1912/287), und den Büchern von Leopold Kohr andererseits, kann ich spontan keine weiteren Bezüge herstellen. könnten Sie eine Literaturempfehlung zu diesem Thema geben? Das wäre sehr freundlich.

Rumpelstilzchen
12. März 2014 09:12

Qualität im Kulturellen gibt es zum Glück weiterhin, aber derzeit nur als Nischenphänomen, und das gilt es zu bewahren und zu pflegen. Interessant finde ich dabei die Frage, warum es seit Mitte des 20. und auch im 21. Jh. in den medial präsenten Eliten hierzulande an Köpfen mangelt, die es mit den Größen deutscher Zunge der letzten 800 Jahre auch nur annähernd aufnehmen können, in punkto Architektur, Literatur, Musik, bildender Kunst, Philosophie, Gestaltung, Grundlagenforschung usw. Für weiterführende Hinweise diesbezüglich wäre ich dankbar, die Heroen der Vergangenheit kenne ich ja bereits, sie werden hier auch in erfreulicher Dichte verdientermaßen angeführt.

Lieber Herr Schlenger,
Ihre Beiträge gefallen mir immer sehr gut. Danke.
Warum es den Eliten an Köpfen mangelt, fragen Sie ?
Nun, das ist doch eigentlich einfach. Weil sich jeder selbstverwirklichen will. Gestern hörte ich das Gespräch einer jungen Berliner Malerin. Sie wolle nach oben, sich einen Namen machen, sagte sie.
Den Namen dieser Selbstverliebten habe ich sogleich vergessen.
Wo es um Selbstverwirklichung geht statt um Sinnverwirklichung ( Viktor Frankl) , leidet die Qualität, die Identität, die Heimat.
Diese Neubaugebiete, in denen jeder sein Ego verwirklicht, sind öde und grausam.
Ich lebe in einer 30-er Jahre Siedlung und auch hier greift der Selbstverwirklichungswahn um sich. Jeder setzt sich selbst ein Baudenkmal. Einer isoliert sein Haus mit Kunststoff, ein anderer reißt es gar ab und baut in einem ganz eigenen Stil neu, ein dritter verändert auf seltsame Weise den Bestand. Niemand orientiert sich am Nachbarn, an der alten Substanz etc. Ein merkwürdiger Trend.
Trotzdem (oder deshalb) tut sich bei der Jugend etwas. Es gibt eine große Konsumkritik und Verweigerung, ein neuer Sinn für Gemeinschaft. Ich kann ein Lied davon singen. Und - Herr Bosselmann steht gar nicht so einsam und verlassen da, wie er gerne möchte.
Während die Alten jammern, herrscht bei vielen Jungen eine radikale Aufbruchstimmung, die das Potential hat, die 68-er abzuösen.
Da ist wirklich harte Kante.

https://www.welt.de/vermischtes/article125691317/Dont-drink-dont-smoke-dont-f.html

Martin
12. März 2014 11:00

@Rumpelstilzchen,

"Straight edge" finde ich albern. Eine gesunde Triebkontrolle gehört zum Erwachsenen dazu, aber das, was hier propagiert wird, ist (ungefährlicher) Schwachfug. Musikalisch natürlich ein Evergreen ist der Song "Guilty of Being White" von Minor Threat ...

Hartwig
12. März 2014 12:17

@ Fredy

Fredy, Sie haben ja so recht.
Aber Sie vergessen dabei den entscheidenden Punkt. Sie, ich, wir, wir zehren von der Substanz; nicht nur materiell, sondern auch ideell, gewissermaßen in jeder Beziehung: Böckenförde, und weit über sein Diktum hinaus, welches sich nur auf die Demokratie bezog. Wir leben "nach unserer Facon" von Voraussetzungen, die wir nicht zu erhalten und zu erneuern in der Lage sind.
Und ich glaube, @Michael Schlenger, das galt auch für die 20er Jahre, wenn auch anders akzentuiert.

Und unter diesem Aspekt lese ich Bosselmanns "Alltagskulturkritik".

jak
12. März 2014 12:24

@ Rumpelstielzchen

Ich weiß nicht, wo Sie bei diesen Hartkantlern „radikale Aufbruchstimmung, die das Potential hat, die 68-er abzulösen“ erkennen können. Die schwimmen doch eher mit als gegen den Strom in der Pissrinne des ideologischen Zeitgeistes. Da wird kein Klischee ausgelassen...

"Da wir eine vegane Band sind, ist es uns sehr wichtig, den Tierbefreiungsgedanken anzusprechen. Tiere sind fühlende und soziale Individuen", fügt die Sängerin hinzu.
(…)
Entsprechend beinhalten ihre Texte, die sie mit voller Wucht ins Publikum schreit, den Wunsch nach einer Gesellschaft, die auf sozialer Gleichheit basiert. "Außerdem äußern wir uns klar und deutlich gegen Sexismus und Homophobie", sagt Thomas.

Das ist schon mutig.

Thomas: "Ich habe kein Verlangen danach. Außerdem denke ich, dass es sicher von Vorteil ist, keine Raucherlunge zu haben oder betrunken zu sein, wenn man spielt."

Da muss ein „profilierter Ernährungswissenschaftler“ weiter unten teils widersprechen. Klar, Rauchen macht Krebs und so, aber Alkohol bringt „Vorteile für das Herz-Kreislauf-System“. Wer wollte die schon liegen lassen...

"Das größte Problem ist, dass es Menschen gibt, die das ganze entpolitisieren und somit eine Grauzone entstehen lassen wollen, die als Sammelbecken für rechtsoffene Spinner dient. Wenn man bedenkt, aus welcher subkulturellen Strömung Straight Edge entstanden ist, dann ist das einfach nur lächerlich. Straight Edge wird instrumentalisiert, um Nachwuchs zu ködern und der braunen Scheiße einen cleanen Anstrich zu geben."

Was täte man auch ohne die fiesen Pappkamaraden...

Während manche auf den Geschlechtsverkehr verzichten, wollen sich andere in sexuelle Angelegenheiten nicht reinreden lassen. Für Larissa ist das Thema schnell erklärt: "Es ist jedem Menschen selbst überlassen, wie oft, mit wem und was man tun möchte, solange alle Beteiligten damit einverstanden sind".

Das ist mal klare Kante...

Holzfäller
12. März 2014 14:04

@Rumpelstilzchen: Gerade diese "straight edge"-Szene eignet sich ganz schlecht als Beispiel für Konsumkritik. Die Protagonisten jener Szene verzichten auf illegale Drogen sowie Tabak und Alkohol. Was daran besonders radikal oder hart sein soll, sei jedem selbst überlassen. So lebt auch jeder fromme Durchschnittsmuslim. Ich halte das für ungefähr so verweigernd und grenzenauslotend wie mit einem E-Bike den Berg hochzuradeln. Ich kenne ein paar Szeneleute beiläufig, die haben Tätowierungen im Wert von Kleinwagen am Körper; das alles ist nur ein anderes Feigenblatt im Jahrmarkt der westlichen Eitelkeiten. Großstadtweichlinge als Charakterisierung trifft es ganz gut.

Raskolnikow
12. März 2014 17:31

Lieber Fredy,

Finde es bemerkenswert, dass jeder der hier Kommentierenden prinzipiell mit seinem eigenen Leben zufrieden scheint und es seiner Facon gemäß lebt.

Ich muss Ihnen leider mangelndes Leseverständnis vorwerfen, denn keiner der von Ihnen Benannten, vielleicht mit Ausnahme Trouvers, signalisiert hier Zufriedenheit.

Im Gegenteil spricht Bosselmanns Biographie und seine Essays die Sprache einer kapitalen Zerrissenheit, Rumpelstilzchens Katholizismus scheint keineswegs eine ausgemachte Sache, die meisten Schreiber stellen doch eine ausweglose Diskrepanz zwischen dem Vorhandenen und dem was sein sollte vor und keiner meiner belanglosen Beiträge kommt ohne das Scheitern aus ... Wie Sie Zufriedenheit lesen können, wo Verzweiflung über eigene Schwächen und Unzulänglichkeiten steht, muss wohl Ihr kleines Geheimnis bleiben ...

Alle haben aber etwas gemeinsam. Den insgeheimen oder offenen Willen, auch Erwartung, dass alle anderen leben wie sie jeweils selbst. Jeder hält seine Lebensweise für die Erlösende. Das scheint mir das konservative Minimum zu sein.

Das "konservative Minimum" ist doch gerade eben DAS nicht. Der Reaktionär macht sich doch keine schönen Bilder vom Menschen wie der vernunftbesoffen-aufgeklärte Weltverbesserer. Er steht verlassen mitten in der Erbsündenlehre var. Erbsündenleere.

Wir - wer bin ich für andere zu sprechen - ich glaube gerade nicht daran, dass alle so leben sollen, wie ich es tue. Ich wünsche niemandem meine Fehler und keinem meine Schwächen, Feigheiten und Laster! Man könnte mich auto-illusionslos nennen ... Wie gern würde ich mal einen Heiligen treffen!

Ihr missliches Verständnis hiesiger Beiträge erschüttert mich; wahrscheinlich hat Heinrich Brück und dieser Wittgenstein recht, es scheinen bloße Zeichen zu sein, deren Bedeutung beliebig und individuell bleiben müssen. Ein neuro-semiotischer Erdrutsch. Die explosionsartige Entfernung der Individuen in einer atomisierten Welt endet wohl in Individualsprachen - da hilft alle Vernetzung nichts! Selbst hier in dieser begrenzten Klause.

Ich schalte jetzt aus und fresse eine Tüte "Fred Ferkel" (Weinbrandbohnen habe ich gerade über). Das dauert bestimmt 50 Seiten Arno-Schmidt-Lektüre, bis ich mich wieder im Griff habe.

Pax vobiscum,

R.

Rumpelstilzchen
12. März 2014 17:55

Oh, Raskolnikow,
Sie begeistern mich.
Auch ich war enttäuscht über das Mißverständnis der Beiträge durch Fredy . Allerdings verschlang ich aus Frust (trotz Fastenzeit) eine Packung Oreo-Kekse und trank dazu einen Küstennebel Sternanis.
"Fred Ferkel" habe ich noch nicht probiert. Ich stehe mehr auf Colorado von Haribo.
Ja, und gebeichtet habe ich zuletzt mit 17 Jahren auf Geheiß meines Vaters.
Das war im Frankfurter Dom bei einem italienischen Pfarrer. Dem sagte ich, ich wüßte nicht, was ich beichten solle, aber, da mein Vater mich geschickt hätte, und ich ihn nicht anlügen wolle, sei ich nun im Beichtstuhl. Der italienische Pater meinte, dass jeder Mensch Sünden habe, aber ich könne trotzdem ohne Beichte wieder gehen. Das hat mich schon beeindruckt.
Ja, und selbst in der Körperschaft des öffentlichen Rechts bin ich nicht mehr, gehöre aber trotzdem noch zur Kirche. Das möge verstehen, wer will.
Nun ja, der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz liebt auch guten Rotwein und andere Genüsse.
Pax vobiscum.
Ich bin dann mal weg.

Hubschrauberpilot
12. März 2014 18:04

Raskolnikov: Ich empfehle - statt Arno Schmidt - Evelyn Waughs Trilogie 'Sword of Honour'. Das ist a) katholischer und b) lustiger.

Fredy
12. März 2014 18:26

Liebster R., Sie kokettieren nicht nur mit Ihrer Unzulänglichkeit, Sie suhlen sich wohgefällig darin. Dass nach dem Fressen regelmäßig das Kotzen und die Ernüchterung kommt, sicher. Tipp: Es gibt sowohl konservative Ernährungsberater als auch Sportlehrer und Psychologen. Dazu muß der Geist aber willig sein. Der Wille kommt vor allem auch aus der Unzufriedenheit. Sie sind nicht unzufrieden.

Trotz allem lese ich Ihre Ergüsse stets mit Gewinn. Vergelts Gott, guter Mann.

Trouver
12. März 2014 19:44

Ich muss Ihnen leider mangelndes Leseverständnis vorwerfen, denn keiner der von Ihnen Benannten, vielleicht mit Ausnahme Trouvers, signalisiert hier Zufriedenheit.

Lieber Raskolnikow, ich bin nicht zufrieden.

Zufrieden wäre ich vor 100 Jahren, da das 2. Reich ein patriotisch-freiheitliches, d.h. national-liberales Staatsgebilde war, und nicht die "vae-victis"-Kolonie, wie jetzt.

Sie haben mich trotz aller meine Bemühungen nicht verstanden.

Urwinkel
12. März 2014 20:39

STRAIGHT EDGE-Anekdote: Einer der "X"er hat mal demonstrativ gekotzt; mit seinem Finger im Schlund, als gesittet bei Tisch irgendwie bekannt wurde, daß in seinem extra bereiteten Essen etwas Fleisch enthalten war. Das war erschreckend und komisch zugleich. Diese Typen sind armselige Opfer und Sektierer zugleich. Soll auch welche geben, die ihre Hunde oder Katzen vegan abfüttern. Fehlt nur noch, daß sie der Katze das Mausen abtrainieren. Viel Glück dabei.

Meier Pirmin
13. März 2014 08:59

Ernst Jünger und Tolstoi fehlen allenthalben

Eine noch interessante Diskussion. Heino Bosselmann ist es, wer würde es begreifen, bisher noch nicht gelungen, zur Jüngerschen Desinvolture vorzustossen, die Dinge ruhiger und langfristiger zu nehmen. Noch interessant an der Debatte war der Hinweis auf den Schweizer Philosophen Bieri, einen hervorragenden Schreiber, gewiss lesbarer als Habermas, wiewohl Bieris Romane trotz Bestsellerquantität eher nicht zu den 1000 wichtigsten der deutschen Literatur gehören. Aber das Handwerk der Freiheit muss geübt werden.

Bei Sarrazin enttäuscht die völlig fehlende philosophische Hintergrundsubstanz, das ist unter 5% von Gerd-Klaus Kaltenbrunner. In seinem neuesten Buch beteiligt er sich auch am bekannten Rousseau-Bashing der deutschen Rechten, was auf Nichtlesen dieses Frühdemokraten zurückgeht bzw. Hereinfallen auf ein paar Schlagworte, mit denen er jeweils seine Werke beginnt, um sie im Verlauf des Textes zu relativîeren um nicht zu sagen zu demontieren. Rousseau ist bemerkenswerter Weise auch bei der europäischen Linken völlig out, weil nichts skandalöser wäre als direkte Bürgermitbestimmung usw.

Abschliessend möchte ich noch sagen, dass Tolstoi sogar noch eine Liga höher spielte als Jünger, hat auch hervorragend über den Krimkrieg geschrieben, seine Sewastopoler Erzählungen. Der Hintergrund des Krimkrieges ist wegen der konkreten Beschreibungen wenig analysiert, weil der russische Patriotismus für Tolstoi schlicht eine Selbstverständlichkeit war, da brauchte es keine zusätzlichen ideologischen Begründungen. Wer die gegenwärtige russische Krimpolitik, von der freilich das innerhalb zehn Tagen angesetzte Referendum nichts mit Demokratie zu tun hat, wer also diese Krimpolitik allenfalls mit Budapest 1956, Prag 1968 oder Polen 1980 verwechselt, hat wohl nichts von Politik verstanden. Es wird sich wohl lohnen, wenn es auf der Halbinsel ruhiger wird, mal dorthin zu fahren und Tolstoi zu lesen, was aber auch schon hier gemacht werden kann, bringt mehr als "DER SPIEGEL" oder sogar auch die Junge Freiheit oder "Mut".

Rumpelstilzchen
13. März 2014 10:17

Alles wirkliche Leben ist Begegnung

Martin Buber

Trotz neuro-semiotischer Erdrutsche in diesem Forum und unvernetzbar erscheinender Individualsprachen - ich glaube auch an virtuelle Begegnungen.

Ansonsten empfehle ich das Lesen von Schulz von Thuns
"Vier Ebenen der Kommunikation" . Das ist noch immer der Klassiker bei Verständnisschwierigkeiten.
Ein Muss für jeden Foristen !

https://www.schulz-von-thun.de/index.php?article_id=71

Ansonsten warte ich immer sehnsüchtiger auf das neue Buch von Herrn Lichtmesz.

P.S. Meine drei Neffen Black, Block, Blick leben echt harte Kante und nötigen mir einigen Respekt ab. Ich weiß selbst am besten, dass hier noch etwas Nachreife nötig ist. Also:besser machen.

Meier Pirmin
13. März 2014 13:08

Der Aspekt der Mystik bleibt langfristig

Bei meiner vergleichsweise sanften Kritik an Bosselmann bleibt im Guten anzumerken, dass sein Hinweis auf die Mystik doch dem von mir angemahnten Bedarf nach Langfristigkeit entspricht. Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein oder wird nicht sein, vermerkte Karl Rahner einmal. Zu den diesbezüglichen philosophischen Autoren, die dem oben ebenfalls genannten Kaltenbrunner entsprachen, gehören aus der Generation des deutschen Idealismus Franz von Baader (1765 - 1841) und der süddeutsche, 1958 in Überlingen verstorbene Religionsphilosoph Leopold Ziegler.

Urwinkel
13. März 2014 13:33

"Apropos: Der streitbare Hans Magnus Enzensberger rief jüngst in zehn Punkten zum radikalen Widerstand gegen die digitale Ausbeutung auf."

Hier nochmal der Link dazu.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/enzensbergers-regeln-fuer-die-digitale-welt-wehrt-euch-12826195.html

Was Enzensberger da manifestiert, ist altersweises Geschwätz. Ein binsenweises Geunke. Als ob das nicht einjeder, der jünger ist als er, wüsste. Mannometer. Ein ärgerlicher, überflüssiger Hinweis von Enzenzberger. No, Thanks.

F451
13. März 2014 13:51

sXe Leute sind fast nur extrem verspannte Frustbeulen, mit denen eine normale Unterhaltung kaum möglich ist. Dabei rauche und trinke ich selbst nicht, doch die übertreiben es, wie üblich bei irren Fanatikern. Ständig am missionieren, ständig am rumhoilen über Massentierhaltung oder Lederschuhe.

Ist ja gut, wenn man erkannt hat, das man seine eigene Impulskontrolle nicht im Griff hat und stark suchtgefährdet ist. Doch warum andere damit belästigen? Diejenigen wo das schon länger machen, wissen das fast immer und verkehren dann nur noch in ihren Kreisen. Mit ständigem gegenseitigem Schulterklopfen und versichern wie richtig man doch liegt. Ein Pendant zum rechten Kameradenghetto.

Wenn man sich diese "Konsumverweigerer" dann anschaut, mit ihren Tunneln, den Tattoos und den 2kg Metall im Gesicht muß man zumeist sowieso nur lachen. Auch diese "Revolt against modern World" Attitüde, über das Internet! verbreitet, lädt zum Schmunzeln ein.

@Rumpelstilzchen
Sie können sich ihre Wartezeit ja mit einem Lichtmesz T-Shirt verkürzen.
https://phalanx-europa.tumblr.com/post/78220945942/just-dont

Stil-Blüte
13. März 2014 15:57

@ Rumeplstilzchen

'Vier Ebenen der Kommunikation...'

...'noch immer der Klassiker bei Verständnisschwierigkeiten.' Bitte, wie oder was? Bitte, Rumpelstilzchen, schauen Sie sich diese Web-Seite genau an. Was sehen Sie? Fünf zur Grimassen verzogene hübsche Larven, die vorgeben zu lächeln. Nööö!

Ich halte es mit dem Klassiker/Dialektiker Schiller: 'Nicht d i c h durch die Sache sehen, sondern die S a c h e durch dich'.

Heinrich Brück
13. März 2014 16:35

Leute, entspannt euch. Denkt nur an die Konsequenzen.
Vielleicht hilft gegen einen neuro-semiotischen Erdrutsch
nur ein neurolinguistisches Programm?
https://www.youtube.com/watch?v=VouDm1IiZPE

Sara Tempel
13. März 2014 16:43

@Herr Bosselmann
Während ich Ihre Vorliebe für christliche Mystik teile, kann ich bei einem Wichtigtuer, wie Luther, nicht die geringste Nähe zu dieser uralten Strömung finden. - Obwohl mich ein systemkonformer Psychiater wohl als "islamophob" abqualifizieren könnte, finde ich im Sufismus, der mystischen Richtung des Islam, viel Weisheit und Gemeinsamkeit.
In der Suche nach Bewußtseinserweiterung innerhalb der frühen Hippiebewegung sehe ich bereits Hinweise auf eine religiöse Mystik der Zukunft; ob nun harte Askese mit bequemeren Drogenkonsum oder dem Tanz der Derwische (ergänzend zur Meditation) vergleichbar ist, kann ich nicht beurteilen. Parallelität erkenne ich in der Trance und einer Auflösung des Ego. Bezüglich einer Konsumkritik gab es in den Landkommunen der Hippies aus meiner subjektiven Sicht interessantere Ansätze als in der heutigen, kleinkarierten „straight edge“-Szene.

Rumpelstilzchen
13. März 2014 17:34

@Meier Pirmin
Ergänzung zum "Rousseau-Bashing"

1756 schreibt Rousseau an Voltaire:

Nein, ich habe in diesem Leben zu viel gelitten,
Um nicht ein anderes zu erwarten,
Ich fühle es, ich glaube es, ich will es, ich hoffe darauf,
Ich werde es bis zum letzten Atemzug verteidigen

Dies könnte man als Religion als Wille und Vorstellung bezeichnen.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass man den Vernunft- und den Erfahrungscharakter des Religiösen nicht trennen sollte. Nach dem Motto:
Wenigstens für die Mystiker gibt es noch Gott. Mystik ersetzt nicht Vernunftargumente. Und: Auch aus der Mystik lässt sich Gott vertreiben. Denn Gott lässt sich wunderbar zu einem Produkt unserer Hirnaktivität machen. Die Trennung von Vernunft- und Erfahrungscharakter des Religiösen führt genau zum Gegenteil des von den modernen Mystikern gewollten: dem Gottesverlust auch in der Erfahrung.

Meier Pirmin
13. März 2014 19:01

@Rumpelstilzchen. Sehen Sie, Rousseau war doch anders als er meist "verkauft" wird, regelmässig nur über die selben Schlagworte, nicht zu vergleichen mit der differenzierten Gesamtheit der 24 Bände seiner Werke und 65 Bände seiner Briefe. Immerhin war selbst Voltaire in religiöser Hinsicht ergiebiger als sagen wir mal Habermas. Man sollte bei Voltaire Kirchenkritik, Religionskritik und Metaphysikkritik unterscheiden, vor allem kämpfte er gegen korrumpierte Institutionen. Aus heutiger Sicht war er dann und wann nichts anderes als ein aufgeklärter Konservativer.

herbstlicht
13. März 2014 19:02

Geschätzter Herr Bosselmann, ich meine, Sie sollten sich nicht so von den Geschä
ftemachern blenden lassen; den blöden Knöpferldruckern. Auch nicht bei den Wega
utomatisierten stehen bleiben sondern sich bei den Automatisierern umsehen; den
«Basic-Spezialisten --- Ingenieure, Techniker, Informatiker, Mathematiker, Natur
wissenschaftler», wie Sie neulich schrieben.

Diese Leute sind eine Eigentümlichkeit der abendländischen Kultur. Rückblickend auf 1600 spricht man von Leonardo-Tradition, heute (gestern) von Hackern:

Ein Hacker ist jemand, der außerhalb der gewohnten Bahnen denkt. Jemand, der überlieferte Lehre verwirft und statt dessen etwas anderes macht. Jemand, der nach dem Tellerrand schaut und sich fragt, was jenseits davon ist. Jemand, der ein Regelwerk sieht und sich fragt, was passiert, wenn man diesem nicht folgt. Ein Hacker ist jemand, der aus intellektueller Neugierde mit dem Gültigkeitsbereich von Systemen experimentiert.

Herr Bosselmann, sind Sie etwa mehr Avantgardist als Reaktionär?

Empfehle noch zwei Filme von Gesprächen mit berühmten Hackern: Richard Stallman: Snowden & Assange besieged by empire und Aalto Talk with Linus Torvalds.

Shuca
13. März 2014 21:15

@Rumpelstilzchen
"Der italienische Pater meinte, dass jeder Mensch Sünden habe, aber ich könne trotzdem ohne Beichte wieder gehen. Das hat mich schon beeindruckt."
Sie haben den Pater möglicherweise nicht verstanden. Er hat sie geschützt vor der Veralberung eines Sakramentes. Sie wollten doch gar nicht beichten.
"Ja, und selbst in der Körperschaft des öffentlichen Rechts bin ich nicht mehr, gehöre aber trotzdem noch zur Kirche. Das möge verstehen, wer will."
Man sollte die Exkommunion nicht mit den nichtbezahlen der deutschen Kirchensteuer verwechseln. Die deutschen Bischöfe tuen aus verständlichen Gründen nicht unbedingt zur Aufklärung dieses Sachverhaltes viel dazu. Sie sind mit der Taufe immer katholisch bis sie exkommuniziert sind. Oder glauben sie das die Körperschaft öffentlichen Rechtes viel zu sagen hat vor diesem Gott. Ich lese ihre Beiträge sehr gern aber Raskolnikow ist für mich unglaublich.
Rumpelstilzchen. Ihr Vater hat das beste für sie gewollt. Er war sehr klug.
Per Mariam ad Christum.

karlmartell
13. März 2014 23:06

Bei dem Namen Hans Magnus Enzensberger wird mir schlecht, denn
der Sex mit Kindern bei den Alt68igern wird noch immer totgeschwiegen.

Der besagte "Streitbare" war der Herausgeber der "Kulturzeitschrift" Kursbuch.

„Dem Kursbuch Nr. 17 lag ein Bilderbogen bei, der die Größe eines „Bravo“ Posters“ hatte und unter der Überschrift „Liebe im Kinderzimmer“ Nessim und Grischa in einer Fotofolge nackt zeigte, darunter in Grossaufnahmem, die man heute in einem Pädophilenblatt vermuten würde aber nicht in einem Leitmedium der linken Intelligenz.“ „Grischa geht zum Spiegel“ heisst es in der Bilderlegende „beschaut ihren Körper, beugt sich mehrmals vor, wobei ihre Hände den Popo umspannen , sagt „kuck mal, meine Vagina“.

"Der ehemalige Kommunarde Ulrich Enzensberger (Bruder des Hans Magnus Enzensberger, Anmerk, K.M.) hat später erzählt, dass zumindestens Nessim „mit Grausen“ an seine Zeit im Kollektiv zurückdenke."

Die Linken und ihr Missbrauchsskandal.

Den Namen auch nur zu erwähnen, ist der Ehre zuviel.

karlmartell
13. März 2014 23:50

@ Michael Schlenger

Was nun aber ausgerechnet die 80 Mio. fett und unbeweglich gewordenen, auf die Frührente schielenden Inhaber deutscher Personalausweise besonders auszeichnen sollte, sodass sie in ihrer schlichten Fernseh-, Facebook- und Kreuzfahrexistenz zu bedauern wären, erschließt sich mir einfach nicht.

Sollte es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein, dass maximal 60 Millionen Deutsche in diesem Land leben, die durchweg weder fett sind, noch mangels Masse auf Frührente schielen? Selbst der Anteil der Alten ist in der Regel drahtig und leidet hin und wieder unter gnadenloser Selbstüberschätzung hinsichtlich der eigenen Leistungsfähigkeit in der Freizeit wie man immer wieder an abgestürzten alpinen Wanderern, Abenteurerurlaubern in Tibet, Kanada oder Verdursteten in der Kalahari sieht, die dann alle mit Pauschalversicherungen via ADAC ins Heimatland geholt zu werden wünschen.

Richtig ist, dass mindestens 45 Millionen nach der Devise existieren:
"Nur wer unauffällig lebt, lebt gemütlich. Kann man es ihnen verdenken?

Martin
14. März 2014 07:40

Diese ganzen Mystik-, Bewegung- xy-, Hippie-, Aussteiger-, Lebe-richtig!-Diskussionen sollten eines nicht vergessen, wenn sie ernsthaft einen christlichen Hintergrund, den insbesondere auch Martin Luther klar erkannt hat, haben wollen:

Erlösung durch eigenes Menschentun ist unmöglich. Nur durch den Gnadenakt Gottes, der allen Menschen durch den Tod und die Auferstehung Jesu offen und ohne jegliche weitere Verrenkungen, wie mystische Übungen, Fasten etc., als dem Glauben zugänglich ist, ist dies möglich. Alle versuche, sich selber zur erlösen, sich zu einem vermeintlich "besseren" Menschen zu machen, ist eine Rebellion gegen Gott und letztlich sinnlos und Luziferisch. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Dies ist kein Statement pro Fatalismus. Nähere Ausführungen würden aber jetzt den Rahmen hier völlig sprengen.

Götz Kubitschek
14. März 2014 08:12

so, badeschluß.
dank an alle.
gruß! kubitschek

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