Demokratie-Akademie 2014

„We are lost / Born into slavery“ heißt es in Slavery Called Democracy von „A Challenge Of Honour“. Die Wurzel derartiger Gefühle zu ergründen und zu einer Auseinandersetzung mit „den Vor- und Nachteilen dieser Form der politischen Willensbildung“ hatte Erik Lehnert geladen, und die über vierzig Teilnehmer der vergangenen 14. IfS-Winterakademie aus BRD, Österreich und gar Schweden zeugten am vergangenen Wochenende vom Interesse an diesem Grundthema heutigen politischen Denkens.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Vom 28. Febru­ar bis 2. März war man auf dem Rit­ter­gut Schnell­ro­da zusam­men­ge­kom­men, um die wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis über Demo­kra­tie „an sich“ zu ver­meh­ren, und die facet­ten­rei­che Zusam­men­set­zung des Audi­to­ri­ums – von rei­nen Zyni­kern über iden­ti­tä­re Akti­vis­ten bis hin zu ambi­tio­nier­ten AfD-Auf­stei­gern – stell­te kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen sicher. Alle Teil­neh­mer ein­te jedoch die Erhei­te­rung über die Dr. Karl­heinz Weiß­manns his­to­ri­sche Ein­füh­rung abschlie­ßen­den Zita­te, vor allem Jean Baudril­lards zuge­spitz­tes Dik­tum: „Demo­kra­tie ist die gro­ße Meno­pau­se der Geschich­te“ – also eine vor­über­ge­hen­de Pha­se der Unfruchtbarkeit.

Weiß­mann führ­te die Gene­se von Gedan­ken um die Instal­lie­rung einer Euno­mie, „guter“ Ord­nung, im anti­ken Athen auf die Erfah­rung einer Wan­del­bar­keit des bis dato gott­ge­ge­be­nen nomos zurück. Dem­ge­gen­über habe es auch von Anfang an kri­ti­sche Stim­men gege­ben, die er in „klas­si­sche“ sowie kul­tur­phi­lo­so­phisch „skep­ti­sche“ und „opti­mis­ti­sche“ Demo­kra­tie­kri­tik ein­teil­te. Den­noch sei sei­ner­zeit eine spe­zi­fisch indo­ger­ma­ni­sche Herr­schafts­tra­di­ti­on mani­fes­tiert wor­den, wonach regie­ren­den Ein­zel­per­so­nen oder Grup­pen stets ein Senat bzw. eine „Ver­samm­lung der Bewaff­ne­ten“ als flan­kie­ren­des Ent­schei­dungs­gre­mi­um bei­geord­net gewe­sen sei – eine Tra­di­ti­on, mit der die „post­li­be­ra­len Mas­sen­de­mo­kra­tien“ (Pana­jo­tis Kon­dy­lis) unse­rer Zeit nichts mehr gemein hätten.

Jene anti­ken Wur­zeln moder­ner Herr­schaft sind und waren ein ste­ti­ger Bezugs­punkt des fran­zö­si­schen GRECE, wes­halb sich eine Erläu­te­rung Bene­dikt Kai­sers über den Wan­del im Demo­kra­tie­ver­ständ­nis der Nou­vel­le Droi­te anschloß. Wäh­rend Alain de Benoist und sei­ne Gefähr­ten ob ihrer Wur­zeln in der „alt­rech­ten“ Euro­pe Action der frü­hen 60er Jah­re anfangs einen hoch­eli­tä­ren Stand­punkt ver­tra­ten, so habe sich die­ser über die Jahr­zehn­te in die Pro­pa­gie­rung einer „Aris­to-Demo­kra­tie“ in „indo­eu­ro­päi­scher Adels­tra­di­ti­on“ und schließ­lich, in heu­ti­ger Zeit, einer dezen­tra­li­sier­ten Basis­de­mo­kra­tie auf volks­sou­ve­rä­nem Fun­da­ment gewan­delt – mög­li­cher­wei­se not­wen­di­ge Anpas­sun­gen zur Wah­rung der Zie­le einer vehe­men­ten Bekämp­fung des Glo­bal­ka­pi­ta­lis­mus, wie auch der Zurück­drän­gung zen­tral­staat­lich-büro­kra­ti­schen Rigorismus’.

Dem­ge­gen­über wid­me­te sich Dr. Ste­fan Scheil der ver­zerr­ten bun­des­deut­schen Per­spek­ti­ve auf den Begriff „Demo­kra­tie“, indem sein Refe­rat über „Demo­kra­tie durch ree­du­ca­ti­on“ die von den Sie­ger­mäch­ten in der BRD instal­lier­te „Poli­tik­wis­sen­schaft als Demo­kra­tie­wis­sen­schaft“ und das eil­fer­ti­ge Katz­bu­ckeln deut­scher Stel­len davor ins Visier nahm. Wäh­rend eine Erin­ne­rung an die spä­tes­tens seit 1848 sehr wohl vor­han­de­ne Tra­di­ti­on deut­scher Demo­kra­tie aus­ge­löscht wur­de, sei eine Sinn­deu­tung der Demo­kra­tie als gnä­di­ger Import aus den USA oktroy­iert wor­den, die unter kon­se­quen­ter Aus­blen­dung spe­zi­fisch deut­scher Fra­ge­stel­lun­gen bis heu­te uni­ver­si­tä­re For­schung und Leh­re halb­blind an die Arbeit gehen las­se. Aller­dings haf­te der implan­tier­ten Ideo­lo­gie und ihren Aus­drucks­for­men, etwa im Akt der Mas­sen­wahl, im Gegen­satz zum Nach­klapp des Ers­ten Welt­kriegs auf­grund fei­ne­rer Mit­tel der Mani­pu­la­ti­on nicht mehr der Ruch einer „Kolo­ni­al­ver­an­stal­tung“ an.

Den Fol­ge­tag eröff­ne­ten mor­gend­li­che Gedan­ken Götz Kubit­scheks über die „Ver­falls­for­men der Demo­kra­tie“. Im Fokus stand dabei weni­ger die real­po­li­ti­sche Umset­zung, als viel­mehr die mit einer Demo­kra­ti­sie­rung aller Lebens­be­rei­che ein­her­ge­hen­den gesell­schaft­li­chen Ver­wer­fun­gen. Wäh­rend das „demo­kra­ti­sche Pathos“ bestimmt sei von Fair­ness, Fähig­keit zur Selbst­kri­tik und der streng ratio­na­len Bewer­tung eige­ner und frem­der Stand­punk­te, zei­ge sich in Wahr­heit all­täg­lich die bit­te­re Rea­li­tät von Zer­set­zung (ob offen oder ver­deckt) und sozia­ler Liqui­da­ti­on jener, die besag­te Kri­tik­fä­hig­keit auf die Pro­be stell­ten. An die hypo­the­ti­sche Stel­le eines anma­ßen­den „herr­schafts­frei­en Dis­kur­ses“ des Macht­men­schen Jür­gen Haber­mas sei unmit­tel­bar die „Herr­schaft des Ver­dachts“ getre­ten, die jede intel­lek­tu­el­le Aus­ein­an­der­set­zung jen­seits aus­ge­tre­te­ner Wege ver­gif­te und in Per­ver­sio­nen der Mün­dig­keit des Ein­zel­nen (etwa der viel­be­schwo­re­nen „Zivil­cou­ra­ge“) ihren Nie­der­schlag finde.

Ver­gleich­ba­re Ver­falls­for­men zeich­nen auch den aktu­el­len „demo­kra­ti­schen“ Umgang mit demo­kra­ti­schen Ent­schei­dun­gen in der Schweiz aus. Der exem­pla­ri­schen Gele­gen­heit ange­mes­sen, konn­te der schwei­ze­ri­sche Schrift­stel­ler Vol­ker Mohr eini­ge Ein­bli­cke in die Rea­li­tät der Volks­wil­lens­be­kun­dung inner­halb der dor­ti­gen Varia­ti­on des demo­kra­ti­schen Sys­tems geben – ein unver­hoff­tes Eröff­nen neu­er Per­spek­ti­ven, das die Zuhö­rer zu zahl­rei­chen inter­es­sier­ten Nach­fra­gen ver­an­laß­te. Eben­falls von einem aus­wär­ti­gen Stand­punkt mel­de­te sich der in Groß­bri­tan­ni­en leben­de Öko­nom Robert Grö­zin­ger zu Wort, der vor allem anhand Hans-Her­mann Hop­pes den „liber­tä­ren Vor­be­halt gegen die Demo­kra­tie“ erläu­ter­te und, trotz erschwer­ter Zugäng­lich­keit des Sujets für öko­no­misch unge­schul­te Hörer, die Aus­le­gung der Demo­kra­tie als das Eigen­tums­prin­zip aus­he­beln­de, frei­heits­be­schnei­den­de Zen­tra­li­sie­rungs­ma­schi­ne­rie anschau­lich zu machen wußte.

Nach dem tra­di­tio­nel­len Film­abend skiz­zier­te Karl­heinz Weiß­mann am Sonn­tag die „Chro­nik eines ange­kün­dig­ten Todes“. In den nor­ma­ler­wei­se sys­tem­stüt­zen­den Medi­en des Wes­tens zeu­ge das Auf­kom­men kri­ti­scher Dra­men­for­ma­te von einem Schwin­den des Glau­bens, daß die Ant­wort auf alle Apo­rien in der Demo­kra­tie selbst lie­ge. Wenn­gleich das Strei­ten wider Lob­by­is­mus, Kor­rup­ti­on und das kon­se­quen­te Hin­ters­licht­füh­ren des schein­ba­ren demos also all­mäh­lich in Mode käme, las­se doch die ein­zig als „legi­tim“ ver­blie­be­ne Form der Demo­kra­tie­kri­tik, näm­lich die „funk­tio­na­le“ (d.i. an Effi­zi­enz ori­en­tier­te), eini­ges zu wün­schen übrig – fest­ge­macht am Bei­spiel der good gover­nan­ce-Vor­stel­lun­gen des schwer­rei­chen Karstadt-„Retters“ Nico­las Berg­gru­en. Am Ende ste­he dabei die Ein­füh­rung einer neu­en geschichts­phi­lo­so­phi­schen Legi­ti­ma­ti­on, die aus rech­ter Sicht zwangs­läu­fig Sor­gen erwecke.

Abschlie­ßend beleuch­te­te Dr. Erik Leh­nert das demo­kra­ties­kep­ti­sche Den­ken Max Webers. Die post-1945er Umdeu­tung Webers als „eigent­lich libe­ra­len Demo­kra­ten“ bei­sei­te­schie­bend und Karl Jas­pers’ zeit­ge­nös­si­sche Sinn­deu­tung an ihre Stel­le set­zend, umriß Leh­nert anschau­lich sowohl Webers Vor­be­hal­te gegen­über dem Wei­ma­rer Filz, als auch sein Ide­al einer auto­ri­tä­ren „Füh­rer­de­mo­kra­tie“, deren zeit­geis­ti­ge Sub­li­mie­run­gen sowohl in den heu­ti­gen USA, als auch in Ruß­land ihre Erfol­ge fei­er­ten – das wohl­ge­merkt vor Bekannt­wer­den der Infor­ma­ti­on, daß genau zeit­gleich rus­si­sche Ein­hei­ten mit der Pazi­fie­rung der Krim­halb­in­sel begon­nen hat­ten. Am Ende stand vor allem die Erkennt­nis, das trotz media­ler Pro­pa­gan­da und uni­ver­si­tä­rer Indok­tri­na­ti­on das Ide­al „Demo­kra­tie“ nicht zwangs­läu­fig mit Libe­ra­lis­mus und Gleich­heits­ideo­lo­gie Hand in Hand gehen muß – und daß eine ver­tie­fen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit dem ver­wäs­ser­ten Demo­kra­tie­be­griff unse­rer Tage Not ist.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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