Sezession
10. März 2014

Das war´s. Diesmal mit: Blut, Kampf und Sperma

Ellen Kositza / 25 Kommentare

5.3. 2014

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Mittwochs diene ich als Chauffeur. In unserer Region gibt es keine Nachmittagsveranstaltung, die die Kinder zu Fuß oder mit dem Rad besuchen können.  So kutscht man durch die Gegend, die eine zur Turnhalle, die andere zum Bahnhof, die nächste zur Musikschule und den jungen Herrn zum Fußballplatz. Dazwischen ist Zeit für Spaziergänge oder, sehr beliebt, zum Angucken der Waschstraße mit dem jüngsten, noch hobbylosen Familienmitglied.

Wir fahren an einem großen Banner vorbei: Spende Blut! Schenke Leben! Es wär mal eine Abwechslung zur Waschstraße. Die Kleinste hatte selbst mal Blutkonserven gebraucht. Man könnte sie zurückspenden, man ist ja nicht vom Stamme Nimm! Die vergangenen achtzehn Jahre hatte ich nie die Gelegenheit, Schwangere und Stillende dürfen nicht. Blut zu spenden ist keine große Sache. Wie ich nachgelesen habe, spenden in Deutschland 3% der Bürger gelegentlich Blut.

Ich fand es ergreifend, nicht meine bescheidene Tat, sondern dieses Kollektivgefühl. Die Leute stehen an! Alte und junge, meist schlichte Dorfbevölkerung. Ich denke oft schlecht über unseren bräsigen Landstrich. Gerade revidiere ich einen Teil. Die kriegen kein Geld dafür, und aus reiner Langeweile könnten sie auch andere Dinge tun. Eine besondere Aufwallung herrscht ja auch nicht, keine Flut, kein Kriegsbeginn, keine Epidemie.

Die Sache dauerte. Erst der Anamnesebogen, dann Ohrpieks und Fiebermessen beim Sanitäter, dann Arztgespräch, dann auf die Liege, immer mit Anstehen. Ich habe, weil´s eine spontane Aktion war, wenig getrunken und liege darum länger rum in der alten DDR-Turnhalle als meine Mitspender links und rechts. Die Tochter erschrickt über das dicke Ding, das mir in die Vene geschoben wird, es ist kein feines Nädelchen wie beim Arzt. Der junge Mann neben mir unternimmt wichtige Aktionen mit seinem Smartphone, die Frau neben mir sagt, es sei ihre 52. Spende.

Anschließend werde ich zu einem opulentem Buffet geladen, ich erhalte eine Primel und eine Aloe und als Erstspenderin einen Anstecker in Blutstropfenform sowie eine herzförmige Tupperware. Die Kleine bekommt massenweise Süßigkeiten zugesteckt und vertilgt alles sofort. Eigentlich ist ja Aschermittwoch, aber diesen Hinweis versteht hier niemand. Man lacht wie über einen anzüglichen Witz, ich gebe klein bei. Sowohl die Anamnesefrauen als auch der Arzt, der Sanitäter und die Bufettfrauen bedanken sich herzlich für meine Bereitschaft, es ist mir fast peinlich. Gerührt fahre ich abholen.

6.3. 2014

Unsere Kinder pflegen teilweise eine etwas altertümliche, vielleicht poetisierende Sprache. Mit der Einschulung ist das stets zu Teilen geschwunden, aber sie reden im Ernst von „speisen“ statt „essen“, sie sagen „gewaltig“ statt „groß“, und sie sprechen von „Gewand“ statt „Kleidung“. Vermutlich ist der Einfluß Kubitscheks schuld an der Wortwahl. Des weiteren pflegen wir dieses rückwärtsgewandte Faible, uns zu besonderen Anlässen besonders zu kleiden. In einem Landstrich ohne Bürgertum im bürgerlichen Sinne mag das eine affektierte Eigenart sein. Tochter: „Kein Mensch kleidet sich hier zur Zeugnisausgabe oder zum Streicher-Vorspiel festlich!“ – „Doch. Wir.“

Daß wir gern die kostengünstigen Schülerkonzerte im Leipziger Gewandhaus besuchen, hatte ich schon mal an dieser Stelle geschrieben. Heute wieder; für die große Tochter war´s eine Pflichtveranstaltung, für uns Eltern und die Kleinste reine Kür. Die Kleine durfte Samtkleidchen und Lackschuhe anziehen, sie wurde ganz feierlich in solchem Gewand. In ihrem Kopf ist die Verbindung zwischen „Gewand“ und „Gewandhaus“ präsent, und diese Differenzierung: daß es Klamotten gibt und Gewänder. Und daß es aber keineswegs Pflicht oder auch nur der Normalfall ist, im Gewandhaus ein Gewand zu tragen.

Interessanterweise enthielt die schülergerechte Einführung ins dargebotene Werk, Schostakowitschs 5. Symphonie, keinerlei aktuelle Bezüge. Dabei hatte der Komponist die Arbeit an dem Werk 1937 ausgerechnet auf der Krim begonnen. Es war die Zeit der stalinistischen Terrors, und der sich halb in Ungnade befindliche Schostakowitsch sollte mit seiner Symphonie beweisen, ob er noch „der Öffentlichkeit zugemutet“ werden könne. Er konnte. Das Stück wurde als Verherrlichung des Regimes bewertet, als Rückkehr des verlorenen Sohns unter die Fittiche der stalinistischen Kulturpolitik.

Der Komponist widersprach dem, vor allem der Deutung des letzten, triumphal lauten Satzes später vehement: „Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. [...] So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr! Jubeln sollt ihr! Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir. Man muss schon ein kompletter Trottel sein, um das nicht zu hören.“

Pauken, Trommeln, Becken und Gong (letzter Satz!) gefielen unserer Jüngsten am besten.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (25)

ch.
10. März 2014 09:26

"und das auch alle Frauen im Kleide zu meiner Aufführung erscheinen, ja Mama"

- meine Tochter (4) gestern...

Carsten
10. März 2014 09:38

Schluck! Dürfen Rechte überhaupt Blut spenden? Werden da jetzt nicht nichtsahnende Liberale und Linke mit irgendwas infiziert? Kann einem Ausländer zugemutet werden, nach einem Unfall eine Blutkonserve von einem Rechten zu erhalten? Ich prophezeie: Wenn linke »Aktivisten« das lesen, wird die Frage ernsthaft diskutiert!

Ich kann bestätigen, dass Linke wirklich glauben, der mediale Diskurs wäre rechtslastig. Voll verrückt, aber die glauben das echt. Vermutlich, weil sonst die Selbstwahrnehmung als kritischer Oppositioneller nicht mehr funktionieren würde.

Holzfäller
10. März 2014 10:18

Einfach nur Interesse halber: Wieviele Tages/Wochenzeitungen hat die Familie Kubitschek/Kositza eigentlich im Abonnement?

strong>Kositza: Die große Tochter hat die SZ im Abo, die nächstälteste zur Zeit die MZ als Probe für zwei Wochen, letztere dürfte eine der qualitativ schlechtesten Lokalzeitungen weltweit sein. Wöchentlich haben wir die JF und eine Tochter die ZEIT. Monatlich wird´s unüberschaubar.

Thomas Wawerka
10. März 2014 11:51

Aschermittwoch wie ein anzüglicher Witz ... ja, da weiß man nicht, ob man seufzen oder schmunzeln soll. - Wo sind Sie denn kirchlich angebunden? Und welches Radio meinen Sie?

Kositza: Radio? Bei uns plätschert nur Staatsfunk, DLF, d-radio, gelegentlich MDR Figaro, letzteres selten, weil ich auf diese halbklassische Gitarrenmusik allergisch reagiere. Kirchlich angebunden sind wir seit je römisch-katholisch.

Albert
10. März 2014 13:39

Meine Mädchen ziehen auch gern Kleider an. Nur kämpfe ich einen hoffnungslosen Kampf an der "Rosa-Front". Sie tragen am liebsten diesen häßlichen, häßlichen Rosa-Barbie-Mist. Ich muss immer arge Gummibärchen-Bestechung aufbieten, um sie in die schönen Trachtenkleider zu nötigen.

Einige allzu häßliche Kleider habe ich schon heimlich in die Mülltonne entsorgt... Aber es hilft nix...

Kositza: Naja, manche behaupten ja, gerade mit rosa Mädchenkleidern setzte man sich gegen die Hegemonie der Linken (gender-Aktionen wie pink stinks) ab... Seh ich nicht so. Barbie-Kleider müssen nicht sein. Aber wenn Ihre Mädels schon allein shoppen gehen, ist es wohl zu spät...

Marc Thomas
10. März 2014 14:26

Das Hauptproblem besteht darin, daß ein "Zaphod" - abgesehen von seinen Geistesdefiziten -, eine Schwesig als Bundesfamilienfeindin und eine Angermaier im Rahmen ihrer vollkommenen Unmenschlichkeit ernsthaft annehmen, sie wären Normalbürger? Gibt es zwei Möglichkeiten!
Sie irren! Oder aufgrund einer Gesellschaftsmutation in Sphären des Minderwertigen und Abnormalen bildet der Evolutions- und Geschichtsausschuß, die Negativauslese im Zeitalter der Beliebigkeit, heute die Norm! Ich tendiere zu letzterem.

Bezogen auf die sog. Rechtsintellektuellen wäre anzumerken, daß es nicht nur um einen Selbstbetrug hinsichtlich Gesellschaftsrolle bezüglich Reform/Revolution geht, sondern die Tatsache, daß - aufgrund des Abrückens dieser sog. Gesellschaft in die Linkskloake - Typen, die sich ein Wort der Normalität erlauben, trotz deren Linkstendenzen, als unglaublich "heavy-rechts" gelten. Das ist eine Frage des Standpunktes und des Verhältnisses verrückt-totalverrückt! Insbesondere, wenn man totalitäre Gleichheit durch Vernichtung des anderen als Toleranz (für sich selbst) und die Herabwürdigung des Menschen durch Freiheit (von allem) als Würde verkauft.

Beste Wünsche für Frau Kositza und ihre kleinen Frauen und Männer, die der größte Schatz einer Familie und eines Volkes sind. Das Leben selbst!

Ein Fremder aus Elea
10. März 2014 14:35

Lewitscharoff vs. Brave New World.

Aschermittwoch vs. Neuer Mensch.

Mir geht's zur Zeit nicht so gut, wahrscheinlich Nierenentzündung (wohl beidseitig, aber links schlimmer), Rückenschmerzen bei jeder Bewegung, Schüttelfrost, Fieber.

Also die ideale Zeit, um Loyolas Ansichten zu Trost und Trostlosigkeit zu kommentieren.

https://bereitschaftsfront.blogspot.com/2014/03/ignatius-von-loyola-geistliche-ubungen_10.html

Strogoff
10. März 2014 15:30

Bezogen auf das von Marc Thomas genutzte Wort "Negativauslese".
Gibt es ein Buch in dem die Negativauslese der Eliten beschrieben ist?

Trouver
10. März 2014 22:05

Alle Menschen sind vorm GruGe gleich, aber die Bunteren sind die Gleicheren.

.. Was die Gewalt gegen Frauen in Nordeuropa angeht, es war zu lesen, dass kurz bevor A.B.Breivik zuschlug, eine Einheimische in Oslo vergewaltigt wurde.

Vor dem Parlament.

Gold Eagle
10. März 2014 22:07

Ich verstehe bei der künstlichen Befruchtung nicht ganz das Problem. Es gibt eben viele Paare, die sonst kinderlos bleiben würden und die Geburtenrate wäre noch um einige tausend Geburten niedriger. Wäre das besser? Oder soll die Frau fremd gehen, um schwanger zu werden? Und dass der Samenspender nach bestimmten Kriterien ausgesucht wird, ist doch wohl auch kein Skandal, das passiert im wirklichen Leben doch auch. Da suchen sich Frauen ja auch Männer nach bestimmten Kriterien. Da sie den Mann hier nicht persönlich kennenlernt, muss sie eben bestimmte Punkte durchgehen. In der Regel suchen die Paare einen Spender aus, der äußerlich und von seinem Bildungsgang her dem Ehemann der Frau ähnelt. Das finde ich nachvollziehbar, alles andere wäre auch absurd.

Wenn man schon als Intellektuelle einen einzigen Schuss für eine kontroverse Kulturkritik frei hat, kann man dann nicht ein relevantes Thema nehmen? Islam, Euro, Finanzoligarchie, Überwachungsstaat, PC...was auch immer. Von allen möglichen Themen, mit denen man in Deutschland provozieren kann, hat sie sich wirklich das mit der geringsten Relevanz ausgesucht.

Kositza: Nein, bestimmt findet Frau Lewitscharoff nicht, daß eine Frau mit Kinderwunsch fremdgehen sollte. Daß die Samenbanklösung für Sie, Gold Eagle, vernünftig erscheint, konnte ich mir schon denken!
Ich denke auch weder, daß die Schriftstellerin "einen einzigen Schuss" frei hatte, noch daß sie in einem Bereich mit der geringsten Relevanz provozieren wollte, q.e.d.

Stil-Blüte
10. März 2014 22:09

@ Marc Thomas
Sie machen es mir - nur mir? - schwer, zu verstehen, was Sie sagen wollen. Meinen Sie, daß inzwischen eine Negativauslese - sozusagen 'Ausschuß' - das menschliche Leben reguliert und regiert? Wenn ja, worauf gründet sich Ihre Annahme, da ja die Natur von sich aus aussortiert. Vorstellbar als e i n Beispiel, daß Frühgeburten, dem natürlichen Verlauf überlassen, gestorben wären, nun gepeppelt werden?

Stil-Blüte
10. März 2014 22:24

@ Ein Fremder aus Elea

- Reichlich warmen Tee trinken: Hagebutte, Birkenblätter, Brennnessel, Kamille, Bohnenschalen u. dgl. mehr.
- Füße, Bauchraum, Nierengegend richtig schön warm halten (gute alte Wärmflasche)
- Hören Sie: Bleiben Sie im Bett!
- Falls über kurze Zeit Hausmittel nicht helfen, auf den Hausarzt hören. Urin-, Blutstatus ist meistens nicht ohne. Der verschreibt Ihnen dann Antibiotika. In Ihrem Fall: UNBEDINGT nehmen!

Gue Besserung!

Rautenklausner
10. März 2014 22:38

An Strogoff:

Ja. Seneca, Epistulae morales.

Zadok Allen
10. März 2014 23:24

Was soll man von dem zitierten Kommentar aus der (mich sachlich in keiner Weise interessierenden) Lewitscharoff-Diskussion bei spiegel-online halten?

Nicht einmal das Erschrecken will mehr einsetzen. Offenbar sprechen wir hier und die da unterdes verschiedene Sprachen. Die konformistischen Kommentare auf den Seiten des massenmedialen Apparats - sicher werden nicht alle von "Trollen" stammen - lese ich, so selten, wie sie mir noch zu Gesicht kommen, inzwischen frei nach Schätzing als "Nachrichten aus einem unbekannten Universum".

Was mich ratlos macht, ist die Frage, wie mit Leuten, die so - man scheut die Verwendung des Verbes - "denken", jemals noch eine Verständigung möglich sein soll. Ob diese Dissoziation der Lebenssphären bald auch auf andere Bereiche übergreifen wird? Es wird sich doch kaum mehr um einen bloß ideologischen Effekt handeln.

Gold Eagle
11. März 2014 07:21

"Daß die Samenbanklösung für Sie, Gold Eagle, vernünftig erscheint, konnte ich mir schon denken!"

Das klingt jetzt so, als würde ich die Legalisierung von Kannibalismus vorschlagen.

Eine konkrete Situation: Wir haben ein bürgerliches Paar und er kann keine Kinder zeugen oder beide sind genetisch nicht kompartibel, was es auch gibt. Sollen beide auf Kinder verzichten, obwohl sie beide gute Eltern wären und ohne Probleme in der Lage wären welche groß zu ziehen?

Die künstliche Befruchtung zu verbieten bedeutet 1,6 Millionen Kinder weniger in Deutschland bis zum Jahr 2050:

"Noch deutlicher spürbar wären die Auswirkungen, wenn dieser Anteil ab sofort, also von 2007 an, auf das Niveau Dänemarks steigen würde und konstant bliebe. Nach diesem „dänischen Modell“ würden in Deutschland bis 2050 1,6 Millionen Kinder zur Welt kommen, die direkt oder indirekt auf eine Befruchtung außerhalb des Körpers zurückgingen. Das Fazit der Studie: Neben einer modernen Familienpolitik und verstärkter Prävention zur Vermeidung medizinisch bedingter Unfruchtbarkeit könnte die Medizin Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch helfen und damit in gewissem Umfang die Geburtenstatistik erhöhen."

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/28956/Studie-Kuenstliche-Befruchtung-kann-Geburtenstatistik-erhoehen

Rumpelstilzchen
11. März 2014 09:04

Denn Staub bist du,
und zum Staub wirst du zurückkehren."

1.Mose 3,19

Wer den Aschermittwoch wie einen anzüglichen Witz versteht, dem sollte man vielleicht ein Aschenkreuz-Selfie posten. Was ist "schlimmer" ?

Ehrlich gesagt, kannte ich Frau Lewitscharoff bis dato gar nicht und will sie eigentlich auch gar nicht näher kennenlernen. Da lese ich lieber Evelyn Waugh. Dachte vor einiger Zeit tatsächlich noch, er sei eine Frau.
Vielleicht ist auch er ein Halbwesen.
(Danke für den Literaturhinweis, Frau Kositza)
Apropos, Frau Lewitscharoff sieht selbst ein bißchen aus wie ein Halbwesen. Mit der niedrigen Stirn und dem fliehenden Kinn hat sie was krötenartiges.
Ich nehme das vorsichtshalber gleich zurück und beichte meine schlechten Gedanken über Äußerlichkeiten anderer Menschen. Das ist das Gute an der Beichte: man kann immer wieder neu anfangen. Auch als Rechter erhält man immer wieder die Absolution.
Frau L. vertritt "ein traditionelles Menschenbild, das stark aus dem Christentum kommt und das den Menschen in seiner ganzen Unbehülflichkeit annimmt." FAZ 6.3.
Das hätte Raskolnikov sensibler formuliert. Zumal die katholische Kirche einen festen Standpunkt zur künstliche Befruchtung und Reproduktionsmedizin hat.
Es gibt doch einen großen Unterschied zwischen dem christlichen Glauben und dem "Vertreten eines christlichen Menschenbildes."
Man sollte seine seelischen Befindlichkeiten auch nicht als Entschuldigung benutzen für sprachliche Fehlgriffe.

F451
11. März 2014 11:35

Also ich finde die Vorstellung meine Frau mit dem Sperma von einem anderen Mann befruchten zu lassen, einfach nur abartig. Das wäre nicht mein Kind, sondern das von einem anderen Mann. Allerdings würde ich auch keine künstliche Befruchtung mit meinen eigenen Spermien wollen. Wenn Sie das nicht auf natürlichem Weg schaffen, dann sind sie minderwertig und die Natur hat für mich entschieden.

Martin
11. März 2014 11:41

Eine konkrete Situation: Wir haben ein bürgerliches Paar und er kann keine Kinder zeugen oder beide sind genetisch nicht kompartibel, was es auch gibt. Sollen beide auf Kinder verzichten, obwohl sie beide gute Eltern wären und ohne Probleme in der Lage wären welche groß zu ziehen?

Warum Nicht?

Ein großer Teil der "Probleme", die heutzutage auf diesem Gebiet bestehen habe ihre Ursache darin, dass man den Menschen vorgaukelt, man könne, Pille sei Dank, erst mal Sex ohne Ende haben, Karriere machen und das mit den Kindern kann man aufschieben, bis dann endlich alles "perfekt" im Sinne von Haus, Auto, guter Job etc. ist. Bis dahin kann es für Menschen, die mit Anfang 20 noch unproblematisch Kinder hätten bekommen können, zu spät sein. Ebenso sorgt die "Pille" (die übrigens auch in Mastbetrieben zum Einsatz kommen kann) für ein Ansteigen entsprechender Hormone im Trinkwasser, was auch einen Beitrag dafür liefern kann, dass es in "reiferen" Jahren eben nicht mehr natürlich klappt. Zusammengefasst, Ursache und Wirkung bedenken und der Arzt muss nicht immer der Doktor für Lebensentwürfe sein, die sich blind auf "alles ist machbar und planbar" stützen.

Der Vergleich ist zwar nicht zulässig, aber wenn man sieht, wie viel Leben jedes Jahr abgetrieben wird, dann ist die Zahl des Lebens, welches über medizinische Maßnahmen zusätzlich ermöglicht wird, nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein und demografische Argumente zählen daher nicht.

Frau Lewitscharoff wird aus genau diesen Gründen so heftig angegangen, da sie mit ihren, evtl. wohl auch ästhetisch bedingten Ekeläußerungen, an einem Grundpfeiler unserer linken Gesellschaft - ob bewusst oder unbewusst ist dabei unerheblich - genagt hat.

Thomas Wawerka
11. März 2014 11:51

@ Zadok Allen:

"Ob diese Dissoziation der Lebenssphären bald auch auf andere Lebensbereiche übergreifen wird? Es wird sich doch kaum mehr um einen bloß ideologischen Effekt handeln."

Sehr gut beobachtet und formuliert - das nehme ich genauso wahr. Es gibt eine Art Heterogenitätssog, der sich wohl nicht abstellen oder umkehren lassen wird. Schon die Deutschen unter sich sprechen keine gemeinsame Sprache mehr. Ich frage mich, von welchem "Volk" die Rechten immer schwadronieren. Dieses "Volk" gibts gar nicht mehr.

Und wenn es nur auf die "wenigen Richtigen" ankommt, ist es auch egal, ob die "Vielen" Deutsche oder Zugewanderte sind ...

Hohenstaufer
11. März 2014 15:44

Liebe Ellen K.,

ich kann "Gold Eagles" Einwand nachvollziehen und gewinne - obgleich Familienvater auf natürlichem Wege - künstlicher Befruchtung durchaus positive Seiten ab.

Aus christlicher Sicht bestehen in diesem Punkt wohl fundamentale Bedenken, doch befürworte ich aus sozialbiologischer Betrachtung ebenfalls Forschungen zur Vermeidung von Erbkrankheiten sowie - politisch höchst inkorrekt - zur "Höherzüchtung" und Intelligenzsteigerung.

Begrüßenswert sind doch die im Rahmen der künstlichen Befruchtung zu beobachtenden Entwicklungen in den Vereinigten Staaten, wo der "nordische" Typus eine Renaissance erlebt!

Stil-Blüte
11. März 2014 20:04

@ Gold Eagle

'...und die Geburtenrate wäre noch um einige tausend Geburten niedriger...'

Na, und? Allein die Zahl zählt eben nicht. Sterilität - der Name sagt es schon - ist ein Zeichen. Wofür? Daß die Natur nicht mitspielt. Woher ich das weiß?

In 'goldenen Zeiten' v o r der sog. Reproduktiosindustrie gab es - wissenschaftlich gesichert, Sterilitäts- und Hormonberatungen, die damals noch 'Sprechstunden' hießen, in denen kinderlose Eltern ihre Sorgen vortragen konnten. Der geniale Arzt machte, nachdem er medizinische Ursachen (Verstopfung der Eileiter, hormonelle Störungen usw. ausgeschlossen bzw. behandelt hatte) folgendes Angebot an die Paare: 'Schlafen Sie mal 8 Wochen nicht miteinander.' Gesagt, getan? Beileibe nicht. Die Natur, in dem Fall die Hingabe brach sich just zur optimalen Empfängniszeit Bahn, das Paar hatte, wie es im Arztbericht nüchtern hieß 'GV' (Geschlechtsverkehr), und - die Frau wurde guter Hoffnung.

Kinderwunsch - Wunschkind? Diese Vorstellung, interessant wäre, wann dieser Begriff 'Wunschkind' zum erstenmal aufgetaucht ist, ist nicht sehr alt und fällt unter die Rubrik der Moderne. Die Natur aber läßt sich wohl nur mit großen Verrenkungen und Preisgaben in eine Zwangsjacke stecken. Die Sonderrechte, die wir Menschenkinder für uns in Anspruch nehmen, sind oft wider die Natur. Über einen nicht aufgegangenen Samen, einen Baum, der keine Früchte trägt, ein mickriges Kätzchen ('Einschläfern') verfügen wir ganz selbstverständlich anders. Die Schicksalslosigkeit unserer Zeit...

Gold Eagle
12. März 2014 10:38

"Ein großer Teil der „Probleme“, die heutzutage auf diesem Gebiet bestehen habe ihre Ursache darin, dass man den Menschen vorgaukelt, man könne, Pille sei Dank, erst mal Sex ohne Ende haben, Karriere machen und das mit den Kindern kann man aufschieben, bis dann endlich alles „perfekt“ im Sinne von Haus, Auto, guter Job etc. ist."

Das hat weniger etwas mit der Pille zu tun als mit unserem Bildungssystem. In früheren Zeiten waren selbst Akademiker mit 25 Jahren fest im Berufsleben etabliert. Heute sind das viele mit Mitte 30 noch nicht. Dass es dann mit der Familiengründung eng wird, das ist völlig klar. Mit 19 Abitur und mit 29 Studienabschluss ist einfach zu spät.

Dazu studieren viele Fächer, mit denen sie keine gute Jobperspektive haben. Wer braucht diese Masse von Soziologen und Germanisten? Dass die sich dann ewig mit Praktika und befristeten Beschäftigungsverhältnissen herumschlagen ist völlig klar. Dass damit viele Männer einfach nicht das Einkommen erwirtschaften, um Frau und Kindern ein bürgerliches Leben ermöglichen zu können, dsa ist auch klar. Dass dann Frauen auch arbeiten müssen, weil der Mann selber nicht genug verdient, das liegt auf der Hand.

Dass man erst einmal seinen Lebensunterhalt bestreiten muss und erst dann eine Familie gründen kann, das ist eine Selbstverständlichkeit. Das war früher nicht anders. Naturlich konnte auch im 19. Jahrhundert nur heiraten und Kinder haben, wer sich und seine Familie auch ernähren konnte. In vielen deutschen Staaten war es Menschen ohne festes Auskommen sogar verboten zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen.

Dass Menschen, solange sie sich keine Kinder leisten können, beim Sex verhüten, kann ich jetzt auch nicht als Skandal ansehen. Oder zeugen Sie jedes Mal ein Kind, wenn Sie Sex haben?

Anna
12. März 2014 17:37

Bekannte:
Frau und Frau Z., verheiratet, ein Kind durch Samenspende (Spender: gutaussehend, blond, hoher IQ). Mütter (?) sorgen sich, Kind gedeiht.

Wenn ich nur nicht einer der beiden Damen großes Unverständnis für die Hälfte der Menschheit (vulgo: Männerhaß) zuschreiben würde, wäre er nicht da:
Dieser Lewitscharoff-Gedanke, (die Sache) "ist mir nicht nur suspekt, ich finde sie absolut widerwärtig.“

Kositza: Im heftigsten mir bekannten Fall haben sie, die beiden "Mütter", gleich drei gespendete Kinder - mit einer anderen Hautfarbe als die "Mütter".

Martin
12. März 2014 22:44

Dass Menschen, solange sie sich keine Kinder leisten können, beim Sex verhüten, kann ich jetzt auch nicht als Skandal ansehen. Oder zeugen Sie jedes Mal ein Kind, wenn Sie Sex haben?

Ich könnte ja jetzt unter dem dezenten Hinweis auf den Film "Sinn des Lebens" von Monty Python sagen, ich bin Protestant ...

Scherz beiseite, Sex ist sicherlich kein Skandal und die Leute können natürlich, so lange sie erwachsen sind und es einvernehmlich ist, machen was sie wollen, nur gibt es bei allem Tun Risiken und Nebenwirkungen und die sollten eben besser allgemein bekannt sein und jeder sollte um sie bei seinen Entscheidungen wissen - dies betrifft insbesondere den allzu sorglosen Einsatz hormoneller Contraceptiva. Im Nachhinein dann jammern gilt nicht. Und ein Staat sollte es durchaus ermöglichen, dass auch Studenten Kinder bekommen können, bspw. in dem junge Familien in Ausbildung mindestens Hartz IV Leistungen bekommen und das dafür ein Studium dann kein Hindernis mehr sein darf (schon komisch: Mit der Exmatrikulation ist der Weg an die Sozialtöpfe frei - wie seltsam ist dass denn?). Wo für einen Staat ein Wille zur Bejahung von Familien ist, da ist auch ein Weg außerhalb der Kliniken möglich.

Maulwurfshügel
12. März 2014 23:11

Von meiner Großmutter kenne ich noch den Spruch: Was Gott Dir in der Welt verwehrt, das sei Dir nicht begehrenswert. Man muß nicht religiös sein, um den Sinn dahinter zu verstehen. Abgesehen davon, egal ob es sich um künstliche Befruchtung, PID, Abtreibung, oder am anderen Ende des Spektrums um die künstliche Lebensverlängerung handelt: Gemacht wird das Ganze nur, weil es sich dabei um ein einträgliches Geschäft handelt. Das sollte man bei aller Moralisiererei nie vergessen!!

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