Sezession
16. März 2014

Das war´s. Diesmal mit: schulischer Homosexualität, Freßorgien im Kino und der Buchmesse Leipzig

Ellen Kositza / 13 Kommentare

12.2. 2014

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Der Neunjährige: „Ach, übrigens: Wir hatten jetzt auch Homosexualität.“
„Echt? Immer noch Sexualkunde?“
„Nee. Freundschaft, Kameradschaft, Liebe.“
„Ach so. Und wie war´s?“

„Also, es gab ein Arbeitsblatt mit Leuten drauf. Und wir sollten sagen, was dargestellt ist. Freundschaft und Kameradschaft war eigentlich fast gleich. Und bei Liebe waren es zwei Jungs, die sich küssen. Der T. hat gleich reingerufen, die sind schwul.“
„Und die Lehrerin?“
„Hat gesagt: richtig.“
„Und sonst? Bei Liebe?“
„Ein altes Ehepaar.“
„Ah. Na, zeig mal.“
„Nee, das hat die Frau N. wieder eingesammelt.“
„Echt? Macht die das manchmal? Austeilen, einsammeln? Wir zahlen doch Kopiergeld?“
„Nö. Aber diesmal.“

Es gibt einen Unterschied zwischen Scham- und Schuldgefühl.

13. 3. 2014

Die Leipziger Buchmesse sei geschäftsmäßig viel unbedeutender als die Herbstmesse in Frankfurt, aber so herrlich volksnah!, so jubelt es (alle Jahre wieder) aus allen Kanälen. Ach, ich weiß nicht. Gut, man sieht eine Menge ambitionierter Lehrerinnen mit „Lese-Kids“ und überhaupt Massen von Schulklassen. Sie blockieren die Zwischengänge, nicht die Standplätze vor den Gängen. Es scheint, als habe Sachsen einen massiven Geburtenüberschuß, und man kann es nicht mal toll finden.

Wir geben uns einen Ruck und machen uns aus dem Ärger über die amorphe, kreischende Masse (Waren wir anders? Ja!) einen Spaß, indem wir nach Kräften die sogenannten Kids maßregeln, beschimpfen und verspotten. Jedenfalls lobe ich mir, daß es hier einen wirklich tollen Kindergarten gibt, wo die Kleinen (kostenlos!) wirklich phantastisch betreut werden.

Wir treffen Thalheim, ich gehe mit ihm eine Runde. Natürlich geht´s um sein Versteckspiel. Er findet, es sei unser Kardinalfehler, uns (als Verlag) so eindeutig rechts positioniert zu haben. Das sei zwangsläufig eine Sackgasse ohne Wendemöglichkeit. Ein Narr, wer sich darüber täusche! Er nennt Verlage, die laufend Bücher „aus dem rechten Kanon“ auflegen, aber eben gut durchmischt mit anderem Zeug, auch banalem, auch dezidiert linkem. Kein Autor von Rang und Namen, und sei er noch so deutlich auf unserer Seite, würde zu Antaios gehen. Wieso auch, wenn ihm andere, ideologisch unverdächtige Türen offenstünden? Er nennt die Titel x, y und z und die Autoren a, b und c, alle „hundert Prozent auf unserer Linie“, aber weshalb sollten sie sich den Zugang zu den Medien verbauen? Wenn´s mit Quertreiberei besser gelinge?

Ich rede dagegen. Man ist, wie man ist, und man ist halt rechts und nicht nach allen Seiten offen. Man ist seit über zwanzig Jahren so und hätt´s nie anders aufziehen können und wollen. „Gut. Aber rechts ist ein Tabu und bleibt ein Tabu. Sinnlos, dagegen anzurennen“, sagt er.

Wir stranden an einem großen Stand. „Ah, ***! Hierher! Haben gerade eine Flasche geöffnet!“ Rotwein wird ausgeschenkt. Thalheim leert sein Glas in einem Zug. Es wird geplaudert. Er stellt mich vor: „Frau -- Meister, eine rechtsradikale Kollegin.“ Radikal? Nja. So freilich nennen sich nur Narren. Natürlich mache ich gute Miene und grinse kokett.

„Ja, hab ich spontan gesehen“, lacht ein Verlagsmann, seine Kollegin lächelt ironisch und schenkt nach. „So richtig rechts?“, fragt ein Dritter, auch er lacht. „Und wie“, sagen Thalheim und ich aus einem Mund. „Das ist klug, das ist gut“, sagt der Anzugmann. „Und mutig!“ Die anderen lachen. Es gibt keine weiteren Fragen. Alle sind sehr freundlich. Als hätte es statt "rechtsradikal" "umweltbewußt" heißen können. Während ich triumphiere, meint Thalheim nachher: Das sei nicht repräsentativ. Die Leute sprächen mal so, mal so. Und nie offen ins Gesicht. Fäden würden hintenrum gezogen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (13)

Rumpelstilzchen
17. März 2014 08:34

Was berechtigt mich zu schreiben,
wo doch alles schon geschrieben ist,
worauf es ankommt.

( Arnold Stadler)

Dieser Thalheim wird mir immer unsympathischer. Was berechtigt ihn, zu schreiben ? Schreiber, die Angst haben, "sich den Zugang zu Medien zu verbauen" , was haben die zu sagen ?
Was ist unsere Linie ? Was ist unsere Seite ?
Ist es plötzlich schick, mit attraktiven ( nicht nur äußerlich ! ) Rechten zu kokettieren ? Das empfinde ich als Missbrauch !
Lasst den Hirnhund doch auffliegen !!!
Vielleicht wird er dann auch zum Sehnsuchtspilger.
Die sind nämlich auch auf der rechten Seite unterwegs.

https://www.georgmagirius.de/download/radio/radio-auswahl-sehnsucht.pdf

antwort kubitschek:
nein, liebes rumpelstilzchen, wir sind in der inneren emigration angekommen. wenn Sie wüßten, was wir an nicht ganz so offensichtlichen bücherschränken, lektüren, meinungen, urteilen wahrgenommen haben in den vergangenen zwei jahren! ich denke: Sie ahnen es.

Inselbauer
17. März 2014 10:07

Die "innere Emigration" hat eine eigene Dynamik in unserer Zeit. Mit der totalen Kontrolle und der Auflösung jeder Subjektivität im Warenfetisch entsteht auch eine neue Chance der Entgrenzung. Egal, ob man das Zerstörung von Ideologie, "Kehre" oder innere Befreiung nennt. Man kann sich plötzlich, freilich im Stillen, mit dem Teufel in Menschengestalt und einer linksradikalen Journalistin treffen und durch das Türkenviertel spazieren. Es muss ja nicht so korrupt sein wie im Literaturbetrieb, das war vielleicht ein extremes Beispiel.
Das sind doch soziologische Naturgesetze. Durchhalten muss man halt. Und wenn man vorher draufgeht ist es auch egal.

Carsten
17. März 2014 10:08

Neulich beim Elternabend der Grundschule stellte die Klassenlehrererin Bücher für den Sexualkundeunterricht vor. Mehrere Eltern haben gegen die Verwendung einiger Bücher wegen zu drastischer Abbildungen Vetos eingelegt. Die Klassenlehrerin war irritiert, hat die beanstandeten Bücher aber widerspruchslos aussortiert und von der Verwendung im Unterricht ausgenommen. Die Pointe: Sie versuchte zu argumentieren, sie habe die Bücher aus der kirchlichen Pfarrbücherei (evangelisch).

"wenn Sie wüßten, was wir an nicht ganz so offensichtlichen bücherschränken, lektüren, meinungen, urteilen wahrgenommen haben in den vergangenen zwei jahren!"

Glaub' ich sofort. Unter vier Augen erhält man für rechte Positionen doch überall Zustimmung. Sogar bei Berufslinken. Die Latrinenparolen von "Buntheit und Vielfalt" glaubt doch kein Mensch mehr, außer den hundertfuffzigprozentigen Fanatikern. Aber vor denen haben alle Schiss.

Martin
17. März 2014 10:37

Mir fällt auf, daß ich noch nie regulär mit den Kindern im Kino war. In Pressevorführungen früher häufig, aber ganz normal? Nie! Ich habe was verpaßt, besser: gar nichts hab ich verpaßt. Eine zutiefst deprimierende Erfahrung. Untypischerweise sind wir überpünktlich. Hilft nichts: Die Schlange der Anstehenden reicht bis auf die Straße. Wir waren zehn Minuten vor Filmbeginn da, dreißig Minuten später habe ich die beiden Mädchen in diesen Filmsaal bugsiert.

Willkommen in der nicht staatssubventionierten Kultur ... mal was anderes als Oper und Theater eben.

Fredy
17. März 2014 11:36

"Rotwein wird ausgeschenkt. Thalheim leert sein Glas in einem Zug."

Also doch Grass ;-))

Stil-Blüte
17. März 2014 13:31

...Er findet, es sei unser Kardinalfehler, uns (als Verlag) so eindeutig rechts poitioniert zu haben...' uw.usf. s. o.

Liebe Ellen Kositza,
haben Sie Herrn Thalheim dann auch gefragt, warum er ausgerechnet bei einem 'Narren', wenn nicht gar Schlimmeres, publizieren möchte? Raoul Thalheim wurde ja offensichtlich auf Ihrem gemeinsamen Rundgang identifiziert und begrüßt. Ist es dann nicht spätestens hier Schluß mit der Geheimniskrämerei? Sich von Ihrem eigenen Autor als 'rechtsradikale Kollegin' vorstellen zu lassen - das ließen S i e 'kokett' zu?

(Zwischenbemerkung Kositza: Ich fands auch verwegen, daß er den Rundgang unternehmen wollte. Aber man erkannte ihn freilich nicht als "Thalheim", und für mich hatte er sich ein Pseudonym ausgedacht. Wir leben in verwirrenden Zeiten.)

Ich muß meine Vermutung, hinter Raoul Thalheim verstecke sich Marcel Beyer, zurücknehmen. Marcel Beyer ist pedantisch genug, um ein Rotweinglas nicht in einem Zug zu leeren. Aber auch das könnte eine Finte auf der Schnitzel-Jagd sein. Wohlan! Jagen wir weiter!

Julius
17. März 2014 14:41

Einerseits will Herr Thalheim unerkannt bleiben und kommuniziert nur über geheime Botschaften ("Eine bestimmte Wortfolge signalisierte die Bitte um Rückruf.") und ohne Rückverfolgbarkeit ("… Manuskript, das in drei Schüben mittels Stick eingereicht wurde …"). Er will nicht erkannt werden, das ist zu respektieren und man sollte daher vielleicht das Rätselraten über seine wahre Identität bleiben lassen. (Natürlich würde es mich auch interessieren, obwohl ich wahrlich kein Kenner der Gegenwartsliteratur bin - womöglich würde mir der echte Name auf Anhieb garnichts sagen.)
Andererseits dreht Herr Thalheim plaudernd mit Frau Kositza eine Runde auf der Leipziger Buchmesse und kokettiert an einem großen Stand vor Verlagsleuten mit der Begleitung durch eine "rechtsradikale Kollegin", obgleich er weiß: „Die Leute sprächen mal so, mal so. Und nie offen ins Gesicht. Fäden würden hintenrum gezogen.“ Das ist mysteriös und mutet aus der Distanz - mangels Einblick in die Einzelheiten - seltsam verspielt an. Frau Kositza schreibt selbst vom "Versteckspiel". Die Neugier ist offensichtlich bei manchen geweckt.
Den Unmut von „Rumpelstilzchen“ kann ich aber offen gesagt nicht ganz nachvollziehen, zumal der Personenkult um Künstler ohnehin ein eher modernes Phänomen ist (The Singer Not the Song). Vor allem wenn man seine strategische Kritik berücksichtigt vermag ich hier keine Unredlichkeit oder gar Mißbrauch zu erkennen.
Wenn einer der Beteiligten oder ein Beobachter hier zufällig mitliest, ist die Deckung ohnehin weg.

Antwort Kositza:
Das alles ist - mit Verlaub - bizarr, man glaubt's kaum, wenn man danebensteht und dieses anything goes mit anhört. Man weiß freilich: Es geht längst nicht alles.

Rumpelstilzchen
17. März 2014 16:20

Den Unmut von „Rumpelstilzchen“ kann ich aber offen gesagt nicht ganz nachvollziehen, zumal der Personenkult um Künstler ohnehin ein eher modernes Phänomen ist (The Singer Not the Song). Vor allem wenn man seine strategische Kritik berücksichtigt vermag ich hier keine Unredlichkeit oder gar Mißbrauch zu erkennen.
Wenn einer der Beteiligten oder ein Beobachter hier zufällig mitliest, ist die Deckung ohnehin weg.

Mein Mann hat mir auch schon einen Rüffel erteilt. Aber nach so vielen Jahren wünscht man einem kleinen feinen Verlag doch auch mal einen großen Erfolg. Antaios vertreibt ja keinen Schmutz und Schund, für den man sich schämen müßte.
Wann kommt nun das Buch von Herrn Lichtmesz ? In dessen Gegenwart muß Herr Thalheim sich gewiss nicht zieren.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/leipziger-buchmesse-2014-wir-gegen-das-monopol-12849460.html

Rainer Gebhardt
17. März 2014 18:57

Das Phantom war also da...ah...ich hätte das Geheimnis lüften können. Aber nein, aus einer plötzlichen Laune heraus bin ich auf halben Weg nach Leipzig von der A4 in Richtung Schneekopf abgebogen. Ich weiß nicht, warum ich auf einmal keine Lust mehr hatte, mir die Buchmesse anzutun, vielleicht wegen des fantastischen Wetters an diesem Tag. Hab ich es also verpasst das Phantom. Wen noch? Thor Kunkel, hörte ich sei auch auf der Buchmesse gewesen...

Trouver
17. März 2014 21:26

Man fragt sich unwillkuerlich, ob auch die Schueler aus mislimischen Kulturkreisen derart Propagandabilder erteilt bekommen?

Hartwig
17. März 2014 22:12

Das sich Verleger, Autoren, Dichter, Lektoren, Journalisten etc. auf einer Buchmesse treffen (wollen), leuchtet mir ein wenig ein. Was ich als Leser dort soll, weiss und wusste ich noch nie.

karlmartell
18. März 2014 00:09

Her mit dem Buch...

....und wenn der Spruch stimmt "Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben" handelt es sich um eben einen solchen, und zwar mit Hut.

Götz Kubitschek
18. März 2014 07:45

so, lassen wirs gut sein mit den spekulationen. vielleicht wars eh der eine schritt zuviel, in der buchmessen-atmosphäre spielerisch zu sein. zurück ins tagesgeschäft! badeschluß!

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