Sezession
20. März 2014

KryptoFAZismus

Nils Wegner / 8 Kommentare

Trotz aller Datenausspähung, Bewegungsprofile und überbeanspruchter Nackenmuskulatur besteht wohl kein Zweifel, daß ein Smartphone gelegentlich auch ganz nützlich sein kann. Gerade die Möglichkeit, vermittels RSS-Abfrage jederzeit aktuelle Nachrichten serviert zu bekommen, kann einen umfassend interessierten Menschen durchaus begeistern. Selbst, wenn es nur darum geht, leere Zeit im notorisch unzuverlässigen ÖPNV herumzubringen. Im gestrigen Feierabendverkehr verblüffte es mich doch ein wenig, daß ausgerechnet die alte Tante aus Frankfurt die neue Machtergreifung auszurufen schien.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Denn aus der minimalistischen Übersichtsliste (d.h. lediglich Überschrift und die ersten paar Worte jedes Artikels) meines RSS-Programms lohte mir der Anfang eines bekannten, ziemlich verbotenen Lieds entgegen – Sie wissen schon, das mit der Fahne und den Reihen. Das „Lied vom toten Corpsstudenten“. Ein halb ungläubiger, näherer Blick enthüllte dann, daß davor noch „Erdogans Wahlwerbespot“ stand: Entwarnung also, lediglich der übliche Krawalljournalismus auf für die FAZ bemerkenswert albernem Niveau. Ein Daumendruck rief dann die entsprechende Seite auf – und enthüllte, daß innerhalb der zwei Stunden zwischen Aufnahme des Artikels in die Liste meines Programms und meiner Abfrage dieser Liste die Überschrift bereits wieder geändert worden war, nämlich in „Wahlwerbespot in der Türkei. Erdogan ist die Nation, so wie die Nation Erdogan ist“.

Alles in allem mal wieder ein Stück Realsatire. Das Internet vergißt bekanntlich nichts, und so kann man sich den entsprechenden Abgleich bereits durch eine einfach Google-Suche mit den richtigen Schlagworten holen. Darüber kann man nun lachen oder mit den Schultern zucken; vielleicht stimmt es aber auch ein wenig nachdenklich. Wenn man davon ausgeht, daß der „politische Korrespondent für südosteuropäische Länder“ als Autor des Artikels nicht aufgrund eines Losverfahrens auf diesen Posten gerückt ist und somit Erfahrung, Verantwortungsbewußtsein und Repräsentanz für die Zeitung als solche symbolisiert, dann kann man durchaus die Frage stellen, warum die FAZ derartig billiges Rühren an genuin deutschen Instinkten nötig hat.

Noch offensichtlicher wird die Stoßrichtung der Formulierung dadurch, daß man die Ursprungsüberschrift entfernte (offenbar, nachdem nachträglich jemandem – gar einem Leser? – aufgefallen war, daß man mit einer direkten Rezitation des Horst-Wessel-Lieds auch als Frankfurter Allgemeine Zeitung mitten in den §86a hineinrauscht), nur um sie durch einen abgewandelten Wortlaut von Rudolf Heß zu ersetzen. Wohl nicht ganz von ungefähr heißt es denn auch im Artikel bei der Beschreibung der grell gezeichneten Erdogan-Parteigänger: „denn nun steht das Volk auf und der Sturm bricht los“ – die Grundlage des Spruchs stammt zwar von Theodor Körner, allgemein bekannt ist die Wendung aber doch eher durch die „Sportpalastrede“ von 1943.

Nicht, daß mich der Wahlwerbespot der AKP oder das Ringen Erdogans um seine wankende Macht in irgendeiner Weise interessieren würden. Ärgerlich ist es aber in jedem Fall, daß man bei der FAZ, die unter den großen deutschen Tageszeitungen ja noch immer einen Fetzen eines Strohhalms für die Noch-verzweifelt-Kompromißsuchenden darstellt, einen so tiefen Zug aus dem Inspirationskännchen der Bundesgifttumskammer genommen hat. Rabulistik geht schon in Ordnung, ist manches mal erfrischend – mit Stil aber hat das nichts mehr zu tun. Erst recht nicht, wenn ein so großer Name darüberprangt. Für viel unbedeutendere Anspielungen, ob in Sport oder Politik, sind schon Dutzende medialer Persönlichkeiten rituell gesteinigt worden. Vielleicht gehört ein wenig journalistische Hybris dazu, zu glauben, daß man als Teil der „vierten Gewalt“ nicht von den eigenen Waffen getroffen werden könne? Obwohl es andererseits schon interessant wäre, darüber nachzudenken, inwieweit man als Bundesbürger aufgrund des andauernden Bombardements von Kindesbeinen an all die krachigen Parolen verinnerlicht hat und im Hinterkopf herumträgt, um einigermaßen unbewußt darauf zurückzugreifen, wenn man mal wieder richtig einen vom Stapel lassen will.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (8)

Karl Eduard
20. März 2014 09:06

Es belustigt mich zunehmend, daß sogenannte Konservative in den gleichgeschalteten Zeitungen verzweifelt nach sachlicher Berichterstattung suchen. Die Zeiten sind in Deutschland doch wohl lange vorbei.

Einlassung Wegner:
Wie sich durch sinnentnehmendes Lesen aus dem obigen Text entnehmen ließe, sehe ich das nicht anders. Allerdings paßt solch hoffnungslos hoffnungsvolles Verhalten gut zum klitschigen Konservatismus-Unbegriff.

SD Klickovic
20. März 2014 09:08

als unbedarfter ausländischer unterschichtler assoziiere ich diese wahlwerbung mit anderen szenen

https://www.youtube.com/watch?v=ZpJoMuuE3Eg

Bundschuh
20. März 2014 10:15

Nach § 86 Abs. 3 StGB ist der Abdruck im vorliegenden Zusammenhang erlaubt.

Einlassung Wegner:
Das müssen Sie mir als Nichtjurist erklären. Handelt es sich bei dem Artikel dann um "Kunst", "staatsbürgerliche Aufklärung" (i.S.v. solcher über eine verfassungswidrige Organisation) oder "Forschung/Lehre"?

Dinkie
20. März 2014 13:13

Ich verstehe nicht, warum das eine Meldung wert ist. Typischer FAZ-Quark halt. "Fetzen eines Strohhalmes"? Ich sehe nicht mal mehr Moleküle eines Strohhalmes in diesem Blatt. Und wer, außer ein paar alten Erdkundelehrern, liest das denn noch?

Raskolnikow
20. März 2014 15:10

"Weib, verstehst Du das?"
(Peter Altenberg)

Liebe Fatzvögel und Schalksnarren, Gefährten im Geiste,

da mir der Sinn eher nach dem Elysischen steht und solch weibisches FAZ-Gekritzel, doch nur die Simplen unter uns zu reizen noch vermag; muss ich melden, dass mir Wegners Artikel Inspiration war. Ich sammle jetzt konservative "Strohhalme für die Noch-verzweifelt-Kompromißsuchenden". Man könnte gar meinen, da dämmerte etwas herauf, das man Passion nennen dürfte ...

Mein erster Strohhalm-Favorit ist eine monatlich erscheinende Fachzeitschrift mit dem sagenhaften Titel "Praline", man kann dieses Qualitätsmedium getrost als Bollwerk gegen das Gender-Mainstreaming bezeichnen. Das aktuelle Dossier ("Mann will Busensex - Frau weiß nicht, wie das geht.") verspricht einiges an konservativer Sprengkraft ...

Ach je … Im Ernst: Wer die FAZ ernster als die Praline nimmt, sollte mal an die frische Luft gehen und sich an unverdorbenen Bürgerstöchtern salvieren. Bitte lasst uns diese journalistischen Hinterhoftransen nicht durch unsere Aufmerksamkeit adeln! Jede der von ihnen ausgeschiedenen Zeilen ist eine hermaphroditische Geste der Beleidigung.

Wegner, Sie sind ein Masochist, dass Sie sich das antun; rauchen Sie doch lieber im Nichtraucherbereich des Bahnsteigs, um die Zeit "herumzubringen", das ist gesünder!

Momentanes Wetter eignet sich doch eigentlich nur dazu, das Kofferradio, Omas Patchwork-Decke und den Picknickkorb in den Stadtpark zu tragen und Aerobik zu treiben. Es wird der Himmel ....

Euer Erzschelm,

R.

G.W.
20. März 2014 21:51

Ach Raskolnikow, ihr Kommentar hat wirklich alles. Faz-Bashing, Busensex und finnischer Synthie-Funk.
Man merkt es ist Frühling und der Sommer naht....

Mit im Rhythmus stampfenden Tanzbein und besten Grüßen an den Erzschelm!

Rumpelstilzchen
21. März 2014 13:56

Von Zeit zu Zeit les' ich die Alte gern,
Und hüte mich, mit ihr zu brechen.

frei nach Goethe

So viel zum FAZ Bashing. Hab' sie aber nicht mehr im Abo.

Und ob die "Praline" ein geeignetes Bollwerk gegen Gender-mainstreamimg ist, sei dahingestellt, werter Raskolnikow.
Ein intelligenter Hermaphrodit ist mir lieber als eine dumme runderneuerte Blondine.

Vorzugsweise zu diesen elysischen Klängen tanze ich mit meinen drei Neffen Black, Block, Blick. Während wir vegan kochen. Alle vier Wochen.

https://m.youtube.com/watch?v=UIlhaLd544k

eulenfurz
25. März 2014 16:27

Das erkennt auch jeder Nichtjurist, daß die Überschrift überspitzend inspiriert ist und nicht den Sinn verfolgte, den NS zu verharmlosen oder Propaganda für diesen zu betreiben.

Andererseits: Wen interessiert's, was die FAZ zusammenkleckert? Man sollte die RSS-Abfrage einfach kündigen, wenn man sein Nervenkostüm schonen will.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.