Sezession
21. März 2014

Das war´s. Diesmal mit Frust, Trost und dem Indiebookday

Ellen Kositza / 17 Kommentare

Was war? Nichts weiter. Viel Arbeit, viel Frust. Einer, der per Telefon bestellt, sagt: Ich les das immer, ihren Wochenrückblick. Toll, wie sie das hinkriegen mit so vielen Kindern. Wir sind mit zweien schon voll ausgelastet und wissen manchmal nicht, wo uns der Kopf steht.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich lache geschmeichelt. Um ehrlich zu sein: Es kann ein Höllenritt sein, sieben Kindern gerecht zu werden. Wo mein Kopf steht, weiß ich häufig genug auch nicht.

Die Sache mit amazon.de nimmt uns mit, sie spitzt sich ja täglich weiter zu, vermutlich wird Kubitschek darüber berichten.

Nirgendwo wandert es sich herrlicher als auf schmalen Grat, doch manchmal würde man auch gern einfach auf ausgetretenen Pfaden wandeln. Nur mal kurz jedenfalls. Immerhin blühen Magnolie und Löwenzahn, der ganze Rittergutvorplatz duftet nach Scheinjohannisbeeren. Manchmal ist es schön, einfach nur zu atmen. Und: Spinat, Salat und erste Radieschen spitzen aus der Erde. Das ist nicht nichts.

Ich sitze mal wieder an einem Stapel Publikationen zur Weißen Rose, die mich seit vielen Jahren beschäftigt, diesmal speziell zu Hans Hirzel. Posthum wird ein Kaplaken aus seiner Feder erscheinen, ich arbeite am Nachwort. Hirzel ist für mich ein Urbild des guten Deutschen. Er war kein Nationalsozialist, aber er war auch kein Rebell. Er, als hochbegabter Achtzehnjähriger, hatte nur viele Fragen.

Hirzel hat einen bescheidenen Akt des Widerstands geleistet. Weil Freisler ihn und seine Schwester („urgermanisches Mädel“) mehr mochte als die Mitverschwörer, gab es nur fünf Jahre Gefängnis. Und wir beklagen uns, daß die Krake amazon uns ein paar dutzend beschädigter Bücher zurückschickt? Ein Kommentator hier schrieb jüngst:

 Richtig ist, dass mindestens 45 Millionen nach der Devise existieren: „Nur wer unauffällig lebt, lebt gemütlich.“ Kann man es ihnen verdenken?

Ich schätze die Zahl etwas höher ein. Wir jedenfalls leben nicht gemütlich. Uns droht aber kein Knast, sondern nur eine finanzielle Einbuße. Darf man da klagen? Man zweifelt manchmal sehr.

Man freut sich über kleine Sachen: In der Schule hing seit Monaten in einem Raum eine Plakatcollage aus: D i e  r e c h t e   S z e n e . Gemeint war natürlich die rechtsextremistische Szene. Die mittlere Tochter, die gern kokettiert „vielleicht wird ich mal links“, hat sich über einen Ausschnitt aus der Collage beschwert. Gezeigt wurde dort ein „Rechter“ und mit Anlauf auf sein Gesicht ein überdimensionierter Stiefel, der dem Feind in die sogenannte Fresse tritt.

Die Tochter hat den Lehrer gefragt, ob das denn wirklich als geeignete Lösung angesehen werde? Eine Woche lang war der Stiefeltritt überklebt (nicht durch die Tochter, bewahre!), jetzt wurde das Plakat abgehängt. Gut.

Nett ist auch diese Aktion, auf die ich nachdrücklich hinweisen möchte:

Morgen ist der zweite Indiebookday.

Was ist der Indiebookday?

Ihr liebt schöne Bücher.

Am Indiebookday könnt Ihr das allen zeigen. Es geht ganz einfach:Geht am 22.03.2014 in einen Buchladen Eurer Wahl und kauft Euch ein Buch. Irgendeines, das Ihr sowieso gerade haben möchtet. Wichtig ist nur: Es sollte aus einem unabhängigen/kleinen/Indie-Verlag stammen.Danach postet Ihr ein Foto des Covers, des Buches, oder Euch mit dem Buch (oder wie Ihr möchtet) in einem sozialen Netzwerk (Facebook, Twitter, Google+) oder einem Blog Eurer Wahl mit "#Indiebookday". Wenn Ihr die Aktion gut findet, erzählt davon.

Die Initiatoren des Indiebookdays nennen 13 Kriterien, die Verlage zu einem Independent-Haus machen. Antaios erfüllt zwölf davon, früher waren es alle dreizehn.

Aber natürlich gibt es auch kleine, unabhängige Indieverlage, auf die diese Kriterien nicht oder nur zum Teil zutreffen und die unsere Aufmerksamkeit verdienen. In den Kommentaren des Beitrags vom Vorjahr fanden sich etwa (…)

Es folgen in der Aufzählung über drei Dutzend kleiner unabhängiger Verlage. Antaios nicht. Aber vielleicht diesmal?


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (17)

Martin
22. März 2014 10:25

Die Initiatoren des Indiebookdays nennen 13 Kriterien, die Verlage zu einem Independent-Haus machen. Antaios erfüllt zwölf davon, früher waren es alle dreizehn.

Ich wünsche Ihnen, dass es das genannte Kriterium der Umsatzschwelle ist, die mittlerweile übertroffen wurde und daher nicht mehr "erfüllt" wird ... (oder wenn nicht, dann wenigstens zukünftig).

Kositza: Die Fünf Millionen?? Ha! Ha! Nein, es ist die Mitgliedschaft im Börsenverein.

Inselbauer
22. März 2014 11:51

Wenn das Projekt Antaios existenziell gefährdet ist, müssen die Leser der Sezession mobilisiert werden und geschlossen ihr Kaufverhalten ändern.
Sonst war das ganze rechte Gerede der letzten Jahre nichts wert.
Special Interest oder politische Neurose.
Ich werde es euch nicht vergessen, dass ihr mich immer wieder herausgerissen habt, wenn ich in der Früh, mit einer Fahne und dem Autopiloten der antifaschistischen Rhetorik in Betrieb, meine Arbeit gemacht habe.
Da muss auch mal was zurückkommen, das über die paar Kröten für das Abo hinausgeht.

Fredy
22. März 2014 12:29

Mit 7 Kindern kann man besser von Hartz 4 leben als von Amazon. Schreiben und verlegen darf man ungenehmigt dazu. Hobbys sind erlaubt.
Sehe kein Problem. Der Geist muß nur frei von jeglicher Angst sein.
Weiß wovon ich rede.

rautenklause
22. März 2014 12:58

Tja, der Börsenverein ... ich wollte mich in der Diskussion nicht mit wohlfeilen Ratschlägen aus der Ferne aufdrängen, aber eine Mitgliedschaft in diesem illustren Verein würde ich mir - gerade vor dem hintergrund des expandierenden Versandhandels - wirklich überlegen. Aus meiner (allerdings lang zurückliegenden) Buchhändlertätigkeit glaube ich mich dunkel zu erinnern, daß Mitgliedern im Börsenverein, die das sammelrevers unterschrieben haben, eine Belieferung von Seiten der Verlage nicht verweigert werden kann und darf. Ob dies die notorisch antifaschistische Grundhaltung des verbandes aufwiegt, kann und muß man abwägen.

Kositza Haben wir abgewogen. Wir waren ja die längste Zeit unseres Verlagslebens drin, im Börsenverein. Ist sicher für einen normalen Verlag auch empfehlenswert.

t.gygax
22. März 2014 17:46

Hartz 4 wird teuer bezahlt; besser sich mühsam -auch materiell- durchkämpfen, als diese Totalunterwerfung unter die staatlichen Organe.
Abhängigkeit macht unfrei.

Kositza: t.gygax und Fredy: Nein, Hartz 4 steht wirklich nicht zur Debatte. Wir sind wirtschaftlich nicht von amazon abhängig gewesen.

Revolte
22. März 2014 21:15

Bemerkenswert, dass die mittlere Tochter die Fragen stellt, die eigentlich der Lehrer stellen sollte.

britta
22. März 2014 21:15

@tgygax

Haha man ist als Steuerzahler wahrscheinlich abhängiger als Hartz IV.
Sie kenne doch den Spruch: "Ist der Ruf erst ruiniert...."
Kindergeld gibts auch ohne HartzIV.

jokn
23. März 2014 00:25

Mir geht´s wie "@rautenklause". Arbeit als Buchhändler in der Vorzeit und zu altklugen Ratschlägen sich eigentlich unberufen fühlend.
Aber eine Mitgliedschaft im Börsenverein kann einem den Zugang zu Infos und Fachzirkeln erleichtern/vergünstigen. Gerade auch zu Themen wie Vertriebswege, Finanzierungen, Abrechnungsmodelle, Kooperationen.
Hab allerdings keine Ahnung was die Verlagsmitgliedschaft heute kostet.
Jedenfalls - nichts für ungut! Ihr seid schließlich die Profis. Aber ich konnte mich nicht zurückhalten, weil es einfach so schade ist, dass Ihr durch amazon solch zusätzlichen blöden Stress aufgedrückt bekommt.

apollinaris
23. März 2014 00:26

Ich bewundere Sie und wuensche Ihnen viel Kraft und Gottes Segen. Sie haben wirklich ein erfuelltes Leben und Ihre Kinder und der liebe Gott werden es Ihnen danken.

Trouver
23. März 2014 05:23

Liebe Frau Kositza, Ihre Texte lese ich immer mit Gewinn!

Lieber Revolte, der Lehrer hat in diesem Lande laengst keine eigenen Fragen.

Euer T.

Peter Niemann
23. März 2014 14:03

Die ohnmaechtige Wut und hieraus resultierende Angst angesichts des Amazon-Coups kann ich nachempfinden - es ist das Wissen um das Diffuse und Riesenhafte des Gegners, der nicht gegriffen, nicht richtig gesehen und damit - scheinbar - nicht besiegt werden kann. Das hatte Kubitschek in seinem Briefwechsel mit H. Bergl schoen dargestellt. Das Wohnen in der Provinz erloest einen immerhin vom stuendlichen Konfrontiertsein mit diesen Molochs, die Kinderschar gibt Genugtuung des Fortbestehens, gerade auch intellektuell; es duenkt mir daher seltsam, dasz so wenige Konservative nicht ebenfalls diesen Weg gehen und statt vieler oder nur wenige oder keine Kinder haben. Der Grund dafuer ist sicherlich der folgende, ein banaler: Der Konsumhedonismus hat eben auch uns Konservative viel zu stark in seinen Klauen, hat uns durchdrungen. Er erklaert dann aber auch wieso 65 Millionen Deutsche so weitermachen wie sie es tun, wieso wir alle uns wegen Lapalien wie Arbeitsplatzverlust, Umsatzeinbuszen, gesellschaftlicher Ruf wenn wir ueber 'rechte' Themen reden etc. diese z.T. existentielle Aengste und Sorgen uns machen, vor der Tat und oft selbst vor dem Wort zurueckschrecken.
Doch um zum Eingangsthema zurueckzukehren: Es bleibt de facto fuer den modernen Menschen nur die Geduld, das Ausharren und die innere Emigration.

Langer
23. März 2014 20:21

Haben die Rechten einen Plan? Falls ja: Warum weiss man nichts davon? Das allein ist ein Problem. Entweder die Rechten haben keinen Plan oder man muss ihn verstecken.

Kositza: Wenigstens Ihren Kommentar will ich nicht "verstecken". Weiß aber nicht genau, was Sie meinen! "Die Rechten": Meinen Sie speziell uns? Sezession? Antaios? Und "Plan": wofür genau? Für das nächste Buchprogramm, die nächsten Sezession-Ausgabe? Einen Eroberungsplan gar?

Martin
23. März 2014 21:10

Der Konsumhedonismus hat eben auch uns Konservative viel zu stark in seinen Klauen, hat uns durchdrungen.

Ich meine, das Wort Konsumhedonismus trifft es nicht richtig und wertet etwas zu stark. Fakt ist meiner Meinung nach eher, dass der dem Grunde nach "Konservative" die Ordnung, in die er hinein wächst bzw. hinein gewachsen ist, erst einmal nicht zwingend kritisch hinterfragt, sondern eher versucht, pflichtgemäß seinen Mann oder seine Frau zu stehen und er macht daher eher mit, als dass er aufbegehrt. Der Groschen, dass man auch noch mitspielt, bei einem Spiel, welches gegen einen läuft, muss bei den meisten erst noch fallen. Was soll für den normal-konservativen denn auch so schlecht sein, an schulischem Erfolg, Erfolg in der Ausbildung/Studium, Erfolg im Beruf und den daraus resultierenden Statussymbolen wie Haus, Familie, Auto und Urlaub? Das sind doch auch klassische, konservative Ordnungspunkte, etwas zu "schaffen", funktionierendes Mitglied einer Gesellschaft zu sein etc.

Ich denke weiterhin, dass die meisten eben nicht an einen der berühmten Saulus/Paulus-Momente in ihrem Leben kommen, an denen ihnen mit einem Schlag bewusst wird, all das, was sie eigentlich akzeptiert, bejaht und die Parteien und deren Mitglieder, mit denen sie zumindest insgeheim immer auch sympathisiert haben, richten sich eigentlich gegen sie, gegen ihre Interessen und vor allem auch gegen die Interessen der anderen Deutschen. Und, wieder typisch deutsch, am meisten tritt dieser mögliche Effekt der Erkenntnis ein, wenn es einem im Berufs- und Wirtschaftsleben trifft, wenn man auf einmal, ohne das es Gründe in der eigenen Leistung oder im eigenen Angebot/Portfolio hat, außen vor bleibt, geschnitten wird, wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen wird, Aufträge verliert, einem Lebensgrundlagen abgeschnitten und verweigert werden und das alles natürlich kühl und ohne Angabe von Gründen. Ich wünsche jedem, dass er vor solchen Momenten bereits seinen Erkenntnismoment hat und sich entsprechend taktisch und strategisch darauf einstellen kann, denn der Einschlag solcher "Ereignisse" ist hart, vor allem, wenn man schön "Konservativ" bislang immer alle Stöckchen übersprungen hat, die einem im Leben so hingehalten werden.

Revolte
23. März 2014 22:44

@Martin

Fakt ist meiner Meinung nach eher, dass der dem Grunde nach „Konservative“ die Ordnung, in die er hinein wächst bzw. hinein gewachsen ist, erst einmal nicht zwingend kritisch hinterfragt, sondern eher versucht, pflichtgemäß seinen Mann oder seine Frau zu stehen und er macht daher eher mit, als dass er aufbegehrt. Der Groschen, dass man auch noch mitspielt, bei einem Spiel, welches gegen einen läuft, muss bei den meisten erst noch fallen.

Wenn Sie von CDU-Scheinkonservativen mit angepeilter Parteikarriere reden, dann ja. Aber einem Sezession- oder JF-Leser können Sie doch unmöglich andichten, er habe sich in der bestehenden Ordnung wohlig eingerichtet und sei mit dem System zufrieden.

Hartwig
23. März 2014 22:53

@ Martin @ Langer

Rechte Politik lehnt die "linken" Ziele (soziale Gerechtigkeit, gleiche Rechte, Emanzipationsbewegungen, ...) nicht generell ab, betrachtet sie aber als sekundär. Bestand, Lebensfähigkeit und Überlebensfähigkeit des Volkes samt seiner Kultur werden dagegen als primär erachtet; Konsequenzen daraus lassen eine Verwirklichung "linker Ziele" nur sehr bedingt zu. Deshalb ist rechte Politik in einer Demokratie heutiger Prägung kaum mehrheitsfähig. Nach ihr wird (allenfalls) in Zeiten existentieller Krisen gerufen werden.
Zur Zeit betrachte ich Rechts als eine in Widerständigkeit wachzuhaltende Idee und präsentable Alternative.

Leo
24. März 2014 00:33

@Trouver

der Lehrer hat in diesem Lande laengst keine eigenen Fragen

Jedem sein Feindbild (das zu ihm passt).
Mit Verlaub, aber ich bin wohl nicht der einzige Lehrer, der seit Jahren Sezession liest...?!? ;-)
Mittlerweile ist es inzwischen so, dass eher die Schülerschaft lauert, ob man etwas nicht 100%ig Korrektes äußert ("das was Sie jetzt über die Schwarzen gesagt haben, fand ich jetzt nicht so schön...") Erstaunlich, wie vieles zum Thema "Rassismus und Heuchelei" Richard Millet für Frankreich konstatiert - und wieviel natürlich hier genauso gilt!
Ansonsten: Die Heuchelei-Quote seitens der Schüler, die das System durchschaut haben, nähert sich den Werten der 1980er DDR an.

Dmn Jargon der Weltoffenheit glauben die meisten nicht mehr. Aber: "Er hat ja gar nichts an!" muss ein Kind sagen...!!

Martin
24. März 2014 10:00

Aber einem Sezession- oder JF-Leser können Sie doch unmöglich andichten, er habe sich in der bestehenden Ordnung wohlig eingerichtet und sei mit dem System zufrieden.

@Revolte:
Bitte mich hier nicht falsch verstehen - ich will hier niemandem etwas andichten, ich versuche nur, etwas über den Tellerrand hinaus zu schauen und da trifft man doch auf eine Vielzahl von Menschen, die weder JF noch Sezession lesen und dennoch eigentlich eine konservative Zielgruppe sind, bzw. sich durchaus konservativ bis liberal fühlen und bei denen es zwar irgendwie gärt, aber das "es wird schon weitergehen" überwiegt - notwendig falsches Bewusstsein zur Erfüllung des Klassenzwecks, könnte man von einer linker Warte aus meinen ...

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