Amerika – Hegemon und Samariter

53pdf der Druckfassung aus Sezession 53 / April 2013

von Thomas Bargatzky

Am Morgen des 11. September 2001 trafen sich in Washington die Vorsitzenden der Geheimdienstausschüsse beider Häuser des Kongresses zu einem Arbeitsfrühstück. Ihr Gast war Generalleutnant Mahmud Ahmed, seinerzeit Leiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI. Ironie der Geschichte:

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Man sprach über die von Afgha­ni­stan aus­ge­hen­de ter­ro­ris­ti­sche Bedro­hung. Um die Mit­tags­zeit des fol­gen­den Tages wur­de der Gene­ral vom ame­ri­ka­ni­schen Vize­au­ßen­mi­nis­ter Richard Armi­ta­ge zu einem Gespräch ein­be­stellt, das kurz und inten­siv ver­lief. Paki­stan habe kei­ne ande­re Wahl, als den USA im Kampf gegen Al Kai­da zu hel­fen – andern­falls wür­de es »in die Stein­zeit zurück­ge­bombt« wer­den. Mah­mud woll­te über die Geschich­te der Bezie­hun­gen Paki­stans zu den USA spre­chen, aber Armi­ta­ge unter­brach ihn: »Ich ken­ne die Geschich­te Paki­stans sehr gut, Gene­ral, aber wir spre­chen über die Zukunft, und für Sie und uns beginnt die Geschich­te heu­te. – Das war das Ende der Begegnung«.

»Histo­ry starts now« – geschichts­be­wuß­te und ‑belas­te­te Euro­pä­er hät­ten die­se Wor­te ver­mut­lich als kuri­os emp­fun­den und aus ihnen nur die nerv­li­che Belas­tung eines tem­pe­ra­ment­vol­len Poli­ti­kers zu Zei­ten einer natio­na­len Kri­se her­aus­ge­hört. Auch als Prä­si­dent Geor­ge W. Bush am 14. Sep­tem­ber 2001 in einer Rede an die Nati­on ver­kün­de­te, es sei nun die Auf­ga­be Ame­ri­kas, die Welt vom Bösen zu befrei­en (»to rid the world of evil«), moch­te man dies wohl der Stim­mungs­la­ge, drei Tage nach den Ter­ror­at­ta­cken, zuschreiben.

In Wirk­lich­keit tat sich hier ein Abgrund gegen­sei­ti­gen Miß­ver­ste­hens zwi­schen Euro­pa und Ame­ri­ka auf. Mit Fol­gen: Schon bald mach­te sich die Bush-Regie­rung näm­lich eine »demo­kra­ti­sche Domi­no-Theo­rie« aus den 1980er Jah­ren zu eigen. Die gesam­te isla­misch gepräg­te Regi­on von Marok­ko bis Paki­stan (»Grea­ter Midd­le East«) soll­te nach ame­ri­ka­ni­schen Vor­stel­lun­gen von Frei­heit und Demo­kra­tie umge­formt wer­den. Der von der Tyran­nei befrei­te und demo­kra­ti­sier­te Irak soll­te dabei gleich­sam alle ande­ren isla­mi­schen Län­der nach sich ziehen.

Ame­ri­ka als die außer­or­dent­li­che Nati­on, die beauf­tragt sei, eine Welt­ord­nung her­bei­zu­füh­ren, mit der die Geschich­te neu begin­ne, für die die Ver­gan­gen­heit kei­ne Rol­le spie­le – die­se Vor­stel­lung fin­det man auch in einem Auf­satz, den Con­do­leez­za Rice im Jah­re 2008 in der Zeit­schrift For­eign Affairs ver­öf­fent­lich­te. Die Noch-Außen­mi­nis­te­rin tritt in die­sem poli­ti­schen Tes­ta­ment mit Ent­schie­den­heit für Ame­ri­kas Recht und Pflicht ein, den Rest der Welt so umzu­ge­stal­ten, daß die Sicher­heit der USA garan­tiert wer­de. »Wir leben in der Zukunft, nicht in der Ver­gan­gen­heit. Wir hal­ten uns nicht lan­ge mit unse­rer Geschich­te auf«. Rices »ein­zig­ar­ti­ger ame­ri­ka­ni­scher Rea­lis­mus« ist – wie schon der Unter­ti­tel des Auf­sat­zes sagt – für eine »neue Welt« gedacht: eine Welt nach ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild. Macht und Wer­te­ko­dex wer­den mit­ein­an­der ver­knüpft, um eine inter­na­tio­na­le Ord­nung zu schaf­fen, die von ame­ri­ka­ni­schen Wer­ten durch­drun­gen ist. Das lang­fris­ti­ge natio­na­le Inter­es­se der USA kön­ne auf die­se Wei­se am bes­ten geschützt wer­den. Mit die­sem Cre­do arti­ku­liert Rice die Über­zeu­gun­gen jener poli­ti­schen Bewe­gung, die – völ­lig zu Unrecht – »neo­kon­ser­va­tiv« genannt wird: Nach Ansicht von Autoren wie Andrew Bace­vich, Wil­liam Pfaff und Oli­vi­er Roy sei sie wegen ihres mis­sio­na­ri­schen Eifers bei der Schaf­fung einer ein­heit­li­chen »Neu­en Welt« eher auf sei­ten der Lin­ken zu verordnen.

Unbe­streit­bar befin­den sich die USA seit Beginn der zwei­ten Hälf­te des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts in einer öko­no­mi­schen Abwärts­spi­ra­le. Am Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges ver­füg­ten sie über etwa zwei Drit­tel der Welt-Gold­re­ser­ven, ihre Expor­te waren mehr als dop­pelt so hoch wie die Impor­te. Die Wen­de zur Desta­bi­li­sie­rung der Wirt­schaft trat zwi­schen 1965 und 1973 ein. Ein Fak­tor war die Höhe der Kos­ten für den Viet­nam­krieg, der ande­re die zuneh­men­de Nach­fra­ge nach bil­li­gem Ben­zin, die die USA durch Eigen­pro­duk­ti­on nicht mehr decken konn­ten. Dadurch wur­den die Ver­ei­nig­ten Staa­ten immer mehr in den Bann­kreis der erd­öl­pro­du­zie­ren­den isla­mi­schen Staa­ten­welt gezo­gen. Die Fol­gen sind bekannt.

Doch jene Kri­ti­ker, die hin­ter dem ame­ri­ka­ni­schen Domi­nanz­stre­ben nur wirt­schaft­li­che Inter­es­sen sehen, machen es sich zu leicht. Das ame­ri­ka­ni­sche Sen­dungs­be­wußt­sein ist viel älter als die Abhän­gig­keit vom Erd­öl Sau­di-Ara­bi­ens und des Per­si­schen Gol­fes. Poli­ti­ker wie Geor­ge W. Bush, Paul Wol­fo­witz, Richard Per­le, Richard Armi­ta­ge und ihre publi­zis­ti­schen Mit­strei­ter wie Robert Kagan und Wil­liam Kris­tol sind auch kei­nes­wegs Exo­ten oder Sek­tie­rer im ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik­be­trieb der neu­es­ten Zeit; in ihren Wor­ten und Taten tritt nur eine Ten­denz beson­ders deut­lich zuta­ge, die die ame­ri­ka­ni­sche Befind­lich­keit prägt, seit Anglo­ame­ri­ka die Büh­ne der Geschich­te betre­ten hat. Es wäre eine ver­kürz­te und daher vul­gär­ma­te­ria­lis­tisch ver­fäl­schen­de Sicht der Din­ge, den Ein­fluß von Ideen auf das Han­deln gering­zu­schät­zen, denn auch pure öko­no­mi­sche Fak­ten gewin­nen erst durch Ideen ihre hand­lungs­lei­ten­de Bedeu­tung: Nah­öst­li­ches Erd­öl ist für die Ame­ri­ka­ner im Grun­de ame­ri­ka­ni­sches Erb­teil, da Ame­ri­ka zur Durch­füh­rung sei­ner Welt­mis­si­on dar­auf ange­wie­sen sei.

Tho­mas Pai­ne, der Ideo­lo­ge der ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­be­we­gung, schrieb in sei­nem Trak­tat Com­mon Sen­se (1776): »Wir sind dazu auf­ge­ru­fen, und die Gele­gen­heit ist nun vor­han­den, die edels­te und makel­lo­ses­te Ver­fas­sung auf dem Ant­litz der Erde zu schaf­fen. Es steht in unse­rer Macht, die Welt neu zu begin­nen. Seit den Tagen Noahs gab es kei­ne Lage mehr, die der heu­ti­gen gleicht. Die Geburt einer neu­en Welt steht bevor«. Wir kön­nen die Welt von vor­ne begin­nen: Die Grün­dung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ent­spricht der Neu­erschaf­fung der Welt nach der Sint­flut; durch sie wird der Bund Got­tes mit der Mensch­heit auf ein neu­es Fun­da­ment gestellt. Ame­ri­ka wird in eine Heils­ge­schich­te ein­ge­rückt, die das Ges­tern in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit ver­weist. Was zählt die Geschich­te, wenn die eigent­li­che, wah­re, Neue Welt vor uns liegt? Pai­ne knüpft aber nur an ein älte­res Vor­bild an, denn Ame­ri­kas »Mis­si­on«, die Welt durch sein »aus­er­wähl­tes Volk«, das ame­ri­ka­ni­sche, zu erneu­ern, hat­te schon John Win­throp in sei­ner Pre­digt »A Model of Chris­ti­an Cha­ri­ty« im Jah­re 1630 ver­kün­det. Win­throp nahm sich einen Vers aus der »Berg­pre­digt« zum Vor­bild: »Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Ber­ge liegt, nicht ver­bor­gen sein«. (Mt. 5,14) Die Sied­ler der Mas­sa­chu­setts Bay soll­ten eine »Stadt auf dem Ber­ge« errich­ten, der gan­zen Welt zum Zei­chen und Vorbild.

Das Selbst­be­wußt­sein des ame­ri­ka­ni­schen Vol­kes, das sich aus der Gewiß­heit speist, mit einer beson­de­ren heil­brin­gen­den Mis­si­on beauf­tragt zu sein, fin­det in der Meta­pher der »City upon a Hill« bered­ten Aus­druck. Ronald Rea­gan, der viel zu lan­ge, nament­lich in Deutsch­land, unter­schätz­te genia­le Kom­mu­ni­ka­tor, mach­te immer wie­der erfolg­reich von ihr Gebrauch. »Er strahlt Zuver­sicht« aus, lau­te­ten die oft hym­ni­schen ame­ri­ka­ni­schen Pres­se­kom­men­ta­re zu sei­nem Amts­an­tritt als 40. ame­ri­ka­ni­scher Prä­si­dent. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind auch noch heu­te, »so wie sie es immer waren, im tiefs­ten Sin­ne ein unver­bes­ser­lich christ­li­ches Land«, urteilt daher der His­to­ri­ker Bace­vich. Sogar Ame­ri­ka­ner, denen die­se Zusam­men­hän­ge nicht mehr bewußt sind oder die die christ­li­chen Grund­la­gen des moder­nen ame­ri­ka­ni­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses ableh­nen, sind von der his­to­ri­schen Aus­nah­me­rol­le der USA über­zeugt. Der wohl­be­kann­te Ruf »Yes, we can« Prä­si­dent Barack Oba­mas hat hier sei­nen Ursprung, er mar­kiert einen Code, der tief im ame­ri­ka­ni­schen Bewußt­sein wur­zelt. Die­se Wor­te hät­te man auch einem Ronald Rea­gan abgenommen.

Die Über­zeu­gung von der ame­ri­ka­ni­schen Aus­er­wählt­heit fand in der grif­fi­gen For­mel »Mani­fest Desti­ny« (offen­ba­re Bestim­mung) ihren Nie­der­schlag. Sie wird auf den sei­ner­zeit ein­fluß­rei­chen Jour­na­lis­ten John O’Sullivan zurück­ge­führt, der in einem Auf­satz aus dem Jah­re 1839 mit dem pro­gram­ma­ti­schen Titel »The Gre­at Nati­on of Futu­ri­ty« mit ein­dring­li­chen Wor­ten die Bestim­mung der USA als Land der Zukunft beschwor, des­sen Mis­si­on die Errich­tung einer neu­en poli­ti­schen Ord­nung sei, die auf dem uni­ver­sel­len Prin­zip der Gleich­heit der Men­schen beruht. Die Ver­gan­gen­heit ande­rer Län­der habe kei­ne Bedeu­tung für die­se neue Nati­on, sie bie­te dem ame­ri­ka­ni­schen Volk nur abschre­cken­de Bei­spie­le. O’Sullivan war auch ein ent­schie­de­ner Befür­wor­ter der Anne­xi­on von Texas. In einer Ver­öf­fent­li­chung von 1845 begrün­de­te er die­se Anne­xi­on mit der »offen­ba­ren Bestim­mung« der USA, den ihr von der Vor­se­hung zuge­wie­se­nen Kon­ti­nent mit ihrer jähr­lich anwach­sen­den Mil­lio­nen­be­völ­ke­rung zu füllen.

Bei O’Sullivan ver­bin­det sich die Über­zeu­gung von Ame­ri­kas »offen­ba­rer Bestim­mung« mit einer wei­te­ren für das ame­ri­ka­ni­sche Selbst­kon­zept prä­gen­den Vor­stel­lung, die der His­to­ri­ker Fre­de­rick Jack­son Tur­ner 1893 in sei­ner Schrift The Fron­tier in Ame­ri­can Histo­ry her­aus­prä­pa­riert hat: Die ega­li­tä­re, demo­kra­ti­sche, frei­heit­li­che Gesin­nung der Ame­ri­ka­ner, die Neue­rungs­be­reit­schaft und der aggres­si­ve Zug ihres Natio­nal­cha­rak­ters beruh­ten auf ihrer fort­schritt­li­chen Mis­si­on, die Gren­ze zwi­schen Wild­nis und Zivi­li­sa­ti­on immer wei­ter nach Wes­ten vor­an­zu­trei­ben. Die Ver­mäh­lung von »Man­fest Desti­ny« und Fort­schritt kommt sehr präg­nant in dem alle­go­ri­schen Gemäl­de »Ame­ri­can Pro­gress« von John Gast (ca. 1872) zum Aus­druck, in dem die Dame Colum­bia auf ihrem Weg nach Wes­ten India­ner und wil­de Tie­re vor sich her­treibt, um für Sied­ler, Eisen­bah­nen und Tele­gra­phen­dräh­te Platz zu schaffen.

Unter den Prä­si­den­ten Theo­do­re Roo­se­velt und Woo­d­row Wil­son nahm die Leit­idee des »Mani­fest Desti­ny« jene macht­po­li­tisch wirk­sa­me Form an, die sie noch heu­te besitzt. Nicht mehr ter­ri­to­ria­le Expan­si­on war nun das Ziel, son­dern welt­wei­te Domi­nanz, ein Anspruch, dem not­falls auch durch mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on Gel­tung zu ver­schaf­fen ist. Roo­se­velt nahm für die USA das Recht in Anspruch, als »inter­na­tio­na­le Poli­zei­trup­pe« auf­zu­tre­ten, um ihre Inter­es­sen in der west­li­chen Hemi­sphä­re zu schüt­zen. Wil­son ging in sei­ner Rede vor dem Kon­greß am 2. April 1917 ein Stück wei­ter: »The world must be made safe for demo­cra­cy«. Den USA fal­le in die­sem welt­wei­ten Kampf die Rol­le eines »Strei­ters für die Rech­te der Mensch­heit« zu. In die­sem Sin­ne rief Hen­ry R. Luce, der ein­fluß­rei­che Ver­le­ger und u.a. Grün­der der Zeit­schrif­ten Time und Life, im Jah­re 1941 das »ame­ri­ka­ni­sche Jahr­hun­dert« aus, in dem den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, dem »Guten Sama­ri­ter der gan­zen Welt«, die Auf­ga­be zufällt, über­all die Hun­gern­den und Ver­zwei­fel­ten zu näh­ren und auf­zu­rich­ten. Die­sem Unter­fan­gen, so Luce, sei aber nur dann dau­er­haf­ter Erfolg beschie­den, wenn Ame­ri­ka zugleich sei­nen Idea­len – Frei­heits­lie­be, Chan­cen­gleich­heit, Selbst­ver­trau­en, Gerech­tig­keit, Wahr­heits­lie­be, freie Markt­wirt­schaft, Fort­schritt – welt­weit Gel­tung ver­schaff­te. Nur in solch einer, nach ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild geform­ten Welt könn­ten auch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf Dau­er bestehen.

Der kon­ser­va­ti­ve Geschichts­pro­fes­sor, Mili­ta­ris­mus-Kri­ti­ker, Viet­nam-Vete­ran und Ex-Oberst der US-Armee, Andrew J. Bace­vich, hat in sei­nem Buch mit dem dop­pel­deu­ti­gen Titel Washing­ton Rules die »Regeln« nach denen Washing­ton heu­te glaubt, die Welt regie­ren zu müs­sen, in kri­ti­scher Absicht auf den Punkt gebracht: Es sei Auf­ga­be der Ver­ei­nig­ten Staa­ten (und nur der Ver­ei­nig­ten Staa­ten), die Welt zu füh­ren, zu ret­ten, zu befrei­en und sie schließ­lich umzu­ge­stal­ten. Um so den Welt­frie­den und die Welt­ord­nung nach ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild zu gewähr­leis­ten, müs­sen die USA glo­ba­le mili­tä­ri­sche Prä­senz zei­gen, ihre Streit­kräf­te auf glo­ba­le Macht­pro­jek­ti­on aus­rich­ten und bestehen­den oder ver­mu­te­ten Bedro­hun­gen durch eine Poli­tik des glo­ba­len Inter­ven­tio­nis­mus begegnen.

Die­se »Mis­si­on« schlägt sich in den Mili­tär­aus­ga­ben nie­der: Im Dezem­ber 2009 geneh­mig­te der Kon­greß der USA Mili­tär­aus­ga­ben in Höhe  von 636 Mil­li­ar­den Dol­lar. In die­sen bereit­ge­stell­ten Mit­teln sind die Aus­ga­ben für das Nukle­ar­pro­gramm sowie die Leis­tun­gen für Vete­ra­nen und Geheim­dienst­ope­ra­tio­nen noch nicht ein­ge­rech­net, so daß der Mili­tär­haus­halt für 2010 – kon­ser­va­tiv geschätzt – etwa 700 Mil­li­ar­den Dol­lar betrug. Die USA geben damit der­zeit mehr für ihr Mili­tär aus, als alle ande­ren Staa­ten der Welt zusam­men. Die von Prä­si­dent Oba­ma ange­kün­dig­ten »Kür­zun­gen« redu­zie­ren die­sen enor­men Mili­tär­haus­halt nicht sub­stan­ti­ell. Etwa 300000 Sol­da­ten waren fer­ner gegen Ende der ers­ten Deka­de die­ses Jahr­hun­derts außer­halb der USA sta­tio­niert, nicht ein­ge­rech­net die ca. 90000 See­leu­te und Mari­ne­in­fan­te­ris­ten auf See. Der gan­ze Erd­ball ist in »Uni­fied Com­ba­tant Com­man­ds« (UCC) ein­ge­teilt, in regio­na­le Ein­satz­kom­man­dos mit ver­ei­nig­ten Kom­pe­ten­zen, in denen jeweils meh­re­re Teil­streit­kräf­te die welt­wei­te mili­tä­ri­sche Prä­senz der USA in ihren Ver­ant­wor­tungs­be­rei­chen orga­ni­sa­to­risch umset­zen. Jedes die­ser sechs Ein­satz­kom­man­dos wird von einem Vier­sterne­ge­ne­ral oder Admi­ral geleitet.

Euro­pä­er, denen ange­sichts die­ser Fak­ten schwin­de­lig wird, soll­ten ihre Hoff­nun­gen nicht auf Regie­rungs­wech­sel in den USA set­zen. In Ver­tei­di­gungs­fra­gen muß sich die Demo­kra­ti­sche Par­tei wie die Repu­bli­ka­ner geben, heißt es. Die USA besit­zen nicht nur in die­ser Fra­ge im Grun­de genom­men ein Ein­par­tei­en­sys­tem, wie Noam Chom­sky illu­si­ons­los dar­legt. Der macht­po­li­ti­sche Kon­sens ist über­par­tei­lich. Nur rea­li­täts­blin­de Idea­lis­ten kön­nen sich dar­über im Irr­tum befin­den, wie bei­spiels­wei­se Deutsch­lands unpo­li­ti­sche Mas­sen, die sei­ner­zeit Barack Oba­ma, vor des­sen Amts­an­tritt, zu Hun­dert­tau­sen­den in Ber­lin zuge­ju­belt hat­ten, oder die berausch­ten Mit­glie­der des nor­we­gi­schen Frie­dens­no­bel­preis­ko­mi­tees, die ihm in sei­nem ers­ten Amts­jahr den Frie­dens­no­bel­preis ver­lie­hen. Oba­ma hat sich längst in den Fall­stri­cken des Bush-Krie­ges verheddert.

Wo bleibt bei alle­dem Euro­pa? Was hat Euro­pa dem Anspruch der USA ent­ge­gen­zu­set­zen, die »ein­zi­ge Welt­macht« zu sein? Wenig bis nichts, meint der His­to­ri­ker und Publi­zist Robert Kagan, ein ein­fluß­rei­cher intel­lek­tu­el­ler Stich­wort­ge­ber der »Neo­cons«. In sei­nem Trak­tat Of Para­di­se and Power hält er den Euro­pä­ern den Spie­gel vor. Höf­lich-distan­ziert, aber in aller Deut­lich­keit weist er sie auf ihre Macht­lo­sig­keit hin, für die nicht zuletzt ihre mili­tä­ri­sche Schwä­che ver­ant­wort­lich ist. Euro­pä­er, meint Kagan, leb­ten in einem »post­mo­der­nen Para­dies«. Ohne ent­spre­chen­de mili­tä­ri­sche Stär­ke kön­ne Euro­pa sein öko­no­mi­sches Gewicht nicht in poli­ti­sche Stär­ke umset­zen. Dabei hält Kagan den Euro­pä­ern zugleich vor Augen, daß sich ihr »Para­dies« nur unter dem mili­tä­ri­schen Schutz­schirm der Ame­ri­ka­ner wäh­rend des Kal­ten Krie­ges ent­wi­ckeln konnte.

Die Ant­wort auf Kaga­ns Dia­gno­se wäre eine star­ke mili­tä­ri­sche Auf­rüs­tung der euro­päi­schen Staa­ten, in Ver­bin­dung mit der Schaf­fung einer effek­ti­ven trans­na­tio­na­len euro­päi­schen Ver­tei­di­gungs­struk­tur – nicht, um unbe­dingt Waf­fen zum Ein­satz zu brin­gen, son­dern um der eige­nen Stim­me, allein durch Exis­tenz einer star­ken Armee, Gewicht und Respekt zu ver­schaf­fen. Nach Auf­rüs­tung sieht es aber in Euro­pa nicht aus, im Gegen­teil. So wird es wohl das Schick­sal der ver­blei­ben­den euro­päi­schen Rest­ar­me­en sein, Washing­ton bei der Durch­set­zung sei­ner glo­ba­len Mis­si­on wei­ter­hin an über­see­ischen Schau­plät­zen Hilfs­diens­te zu leis­ten. Im Ber­li­ner Poli­ti­ker-Neu­sprech heißt das frei­lich: »Mehr Ver­ant­wor­tung übernehmen«.

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