Sezession
11. Mai 2009

Mutti- und Vatitag

Ellen Kositza

muttertag-flaschenpostSo war der Muttertag, als ich noch ein Kind war: In progressiven Familien von Freundinnen wurde dieser Tag ganz bewußt nicht „begangen", er galt als Brimborium der Blumenindustrie. Andere Mütter (die, die alltags noch Schürze trugen und denen der Mai auch als „Marienmonat" bekannt war) freuten sich über den gedeckten Frühstückstisch.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Schürzen trägt heut keine mehr. Dennoch ist die Muttertagstradition zumindest soweit ungebrochen, daß selbst google seinen Schriftzug gestern rosa eingefärbt und durch ein Sträußlein ergänzt hat - es fühle sich angesprochen, wer will.
Von den größeren Kinder gab's hier und heute Selbstgetöpfertes,- gepflücktes und -gebackenes. Die beiden Kleinen warteten mit Kindergartenkunst auf. Sehr nett natürlich. Auf unserem Jahreszeitentisch im Treppenhaus pflegt dergleichen ausgestellt und gebührend gewürdigt zu werden. Die kindlichen Gaben entbehrten diesmal jedoch nicht gewisser Pikanterie: Scheint, als schickten sich die Gendernauten an, unseren biederen Kindergarten zu kapern!

Das gerahmte Gedicht, von einer der Tanten mit Kuli aufgeschrieben und vom Söhnchen mit einer Zeichnung „Fischotter und Gespenst" aufs trefflichste verziert, atmet noch beflissenen DDR-Ton: Da reimt sich fleißig und lieb auf Haushalt und Betrieb - das ist nicht Gender-Geist, sondern eindeutig Ostzone (Auf Kombinat gäb's auch nur blöde Reimwörter, malad und Salat vielleicht).

Die Kleinste wiederum hat durch Farbkleckse zwei Grußkarten verziert, die ebenfalls von den "Tanten" (vulgo: Erzieherinnen) verfaßt wurden. Da heißt es einmal per Kuli: "Alles Gute für die liebe Mutti" und, mit Bleistift ergänzt, "und den lieben Vati". Auf der zweiten Karte dann gleich vollständig "Alles Liebe zum Mutti- und Vatitag".

Oho! Nun ist also bis zu Kindergärtnerinnen in der Provinz durchgedrungen, daß die Kategorien Mütterlichkeit/Väterlichkeit obsolet geworden sind. Alles eins! Qualitätsunterschiede oder Aufgabentrennung: vorgestriges Denken!

Bereits vor ein paar Jahren hatten die Geschlechtsdekonstruktivisten von www. gender-killer.de darauf aufmerksam gemacht, warum der Muttertag an sich eine perverse Institution sei:

Oft wird auch bei denen, die zu recht darauf hinweisen, das Opa ein Nazi war vergessen, dass auch ohne die ganz gewöhnliche Deutsche der Vernichtungskrieg und die shoa nicht möglich gewesen wären. Die Tradition des Muttertages in Deutschland steht beispielhaft für eine Funktion, die "deutsche Frauen" in diesem menschenverachtenden System inne hatten.

Man lernt nie aus. Und obwohl bei einer vielköpfigen, vielbeschäftigten Familie der Sonntag immer auch mit Arbeit verbunden ist, machten wirs uns schön. Kubitschek sang beim Bügeln ein frohes Lied, ich wechselte mit töchterliche Hilfe endlich die Winterreifen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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