Wagner und Nietzsche

53pdf der Druckfassung aus Sezession 53 / April 2013

von Frank Lisson

Wer weiß, was das »Dionysische« ist? Zumal als »Konservativer«? Vielleicht glaubt man es zu wissen und verwechselt doch nur den bequemen Rausch mit der existentiellen Erfahrung und die Lektüre eines Hausgottes wie Ernst Jünger mit dem, was dieser selber erlebt hat.

 Gastbeitrag

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Sol­che Miß­ver­ständ­nis­se bil­den häu­fig die Grund­la­ge von Ver­bin­dun­gen, und spät zeigt sich schmerz­lich, daß mit dem­sel­ben Wort und unter der glei­chen Sache etwas je ande­res ver­stan­den wur­de. Denn die Natu­ren und Her­an­ge­hens­wei­sen sind verschieden.

So war es auch bei Wag­ner und Nietz­sche. Deren unter­schied­li­cher Umgang mit der Illu­si­on ließ die­se bei­den grund­ver­schie­de­nen Cha­rak­te­re schließ­lich anein­an­der schei­tern – und auch mit die­sem Schei­tern unter­schied­lich umge­hen. Wäh­rend näm­lich Nietz­sche die mensch­li­che Ent­täu­schung, die er durch Wag­ner erlitt, nie ganz über­wand und sie beson­ders in sei­ner letz­ten Schaf­fens­pe­ri­ode wie­der her­vor­hob, war für Wag­ner der »Fall Nietz­sche« kaum je mehr als eine Epi­so­de gewe­sen. Das lag frei­lich vor allem dar­an, daß Nietz­sche Wag­ner von Anfang an zu ernst genom­men hat­te und des­halb weni­ger von Wag­ner als viel­mehr von sich selbst ent­täuscht sein muß­te, wäh­rend Wag­ner – und auch Cosi­ma – in Nietz­sche bloß einen abtrün­ni­gen, ehe­ma­li­gen Freund des Hau­ses sahen, des­sen Ver­lust ange­sichts der illus­tren Anhän­ger­schaft kaum ins Gewicht fiel.

Es ist frei­lich nicht so, daß Nietz­sche, wie er spä­ter in Ecce homo behaup­te­te, mit dem ers­ten Kla­vier­aus­zug einer Wag­ner-Oper, den er zu Gesicht bekam, sogleich Wag­ne­ria­ner gewor­den wäre. Erst das phi­lo­so­phi­sche Erwe­ckungs­er­leb­nis, das die Lek­tü­re Scho­pen­hau­ers in ihm aus­lös­te und das vor allem dar­in bestand, end­lich auf eine »ver­wand­te See­le« gesto­ßen zu sein, eröff­ne­te ihm auch den Zugang zu Wag­ner. Denn Wag­ner, sel­ber ein glü­hen­der Anhän­ger der pes­si­mis­ti­schen Leh­re Scho­pen­hau­ers, ver­folg­te mit sei­ner kon­zep­tio­nel­len Kunst die glei­chen Zie­le, die der jun­ge Nietz­sche in der Phi­lo­so­phie anstreb­te: das Leben zu ästhe­ti­sie­ren. Weil das Dasein nur dann zu ertra­gen und gegen die Macht des Wil­lens zu behaup­ten sei, wenn ihm der Schlei­er der Illu­si­on oder des Wahns umge­wor­fen wer­de, bedür­fe es einer Kunst, die gezielt eben dazu ver­füh­re. Eine sol­che Kunst sei in der Anti­ke die atti­sche Tra­gö­die gewe­sen – und soll­te für­der­hin das Gesamt­kunst­werk Richard Wag­ners werden.

Als der jun­ge Phi­lo­lo­gie-Pro­fes­sor nach einer Rei­he von Auf­sät­zen und Vor­trä­gen zur Erläu­te­rung die­ser Absicht 1872 sein ästhe­ti­sches Mani­fest Die Geburt der Tra­gö­die aus dem Geis­te der Musik vor­leg­te, das demons­tra­tiv ein Vor­wort an Richard Wag­ner ent­hielt, zog er sich zwar den Tadel sei­ner Zunft­kol­le­gen zu, ern­te­te aber – wie erwar­tet und beab­sich­tigt – bei Wag­ner höchs­te Aner­ken­nung. Zu die­sem Zeit­punkt erreich­te die seit 1869 bestehen­de Freund­schaft ihren Höhe­punkt, und Wag­ner schrieb geschmei­chelt und enthu­si­as­tisch an sei­nen jun­gen Ver­eh­rer: »Schö­ne­res als Ihr Buch habe ich noch nichts gele­sen!« Und ein Jahr spä­ter: »Ich … schwö­re Ihnen zu Gott zu, daß ich Sie für den ein­zi­gen hal­te, der weiß, was ich will.«

Doch wuß­te Wag­ner auch, was Nietz­sche woll­te? Die­ser ver­stand unter dem Dio­ny­si­schen die Ver­klä­rung des Daseins zum Zwe­cke der Selbst­er­he­bung, ja Selbst­über­he­bung. Das die Gren­zen zwi­schen Ich und Welt auf­he­ben­de Schau­spiel soll­te den Betrach­ter in einen Rausch ver­set­zen, damit der Mensch auf indi­vi­du­el­le Wei­se, aber im Sin­ne des »leben­di­gen« Mythos schöp­fe­risch wer­de. Dar­in war aber auch das Para­dox eines absicht­li­chen Auf­ge­hens in der »Schön­heit des Schei­nes« ent­hal­ten – Vor­aus­set­zung für die erhe­ben­de Wir­kung der Tra­gö­die. Nach­ah­mung des Grie­chi­schen über Wie­der­be­le­bung der Tra­gö­die bedeu­tet hier Nach­ah­mung von Kunst und Natur, was in den Zustand der Ver­schmel­zung des »dio­ny­si­schen Rausch­künst­lers« mit dem »apol­li­ni­schen Traum­künst­ler« zurück­füh­ren soll­te, den Nietz­sche in der atti­schen Tra­gö­die ver­wirk­licht sah. Allein durch die erneu­te Zusam­men­fü­gung bei­der Zustän­de, des alten, gewis­ser­ma­ßen »nai­ven«, wie Nietz­sche in Anleh­nung an Schil­ler for­mu­liert, mit dem moder­nen, gewis­ser­ma­ßen »sen­ti­men­ta­li­schen« im neu­en, von Wag­ner begrün­de­ten Gesamt­kunst­werk kön­ne die Zer­stü­cke­lung auf­ge­ho­ben wer­den und zu einem »Wie­der­ver­ei­ni­gungs­fes­te der grie­chi­schen Küns­te« füh­ren, wodurch der Mensch wie­der »als gan­zer Mensch zu genie­ßen« ler­ne. Denn: »alles Unfrei, alles Iso­lir­te der ein­zel­nen Küns­te ist mit ihm überwunden.«

Der Enthu­si­as­mus die­ses Ver­lan­gens ver­setz­te Nietz­sche sel­ber in jenen Rausch, den er vom neu­en Musik­dra­ma erwar­te­te. Er gab sich dem Wag­ner­schen Werk hin und spiel­te sogar mit dem Gedan­ken, sei­ne beruf­li­che Lauf­bahn auf­zu­ge­ben, um als Pro­pa­gan­dist Wag­ners durch die Lan­de zu zie­hen. Doch bestan­den der Sinn und die Funk­ti­on eines sol­chen Rau­sches für Nietz­sche eben dar­in, sich radi­kal sel­ber zu ver­än­dern, also gewan­delt und »wahr­haf­ti­ger« aus die­sem Rausch her­vor­zu­ge­hen. Jener unbe­ding­te Wil­le zum Wan­del legt den Ver­dacht nahe, daß Nietz­sches spä­te­rer Kampf gegen Wag­ner auch ein Kampf gegen gewis­se Ten­den­zen sei­nes eige­nen frü­he­ren Phi­lo­so­phie­rens war. Denn eine Erneue­rung der als fest­ge­fah­ren emp­fun­de­nen euro­päi­schen Kul­tur konn­te laut Nietz­sche nur durch eine Art »dio­ny­si­schen Sturz« zurück hin­ter die alten christ­lich-abend­län­di­schen Wert­vor­stel­lun­gen gelin­gen. – Und genau hier beginnt die Dif­fe­renz zu Wag­ner: Nietz­sche erkann­te früh, lan­ge bevor er Zeu­ge der ers­ten Bay­reu­ther Fest­spie­le (1876) wur­de, näm­lich bereits unmit­tel­bar nach Erschei­nen der Geburt der Tra­gö­die, daß Wag­ner ihm im wesent­li­chen, mitt­hin im Phi­lo­so­phi­schen weder fol­gen konn­te noch woll­te. Fort­an mein­te Nietz­sche, die Kunst Wag­ners als Affekt­ma­le­rei zu durch­schau­en, in der es vor allem dar­um gin­ge, die Ner­ven zu rei­zen, um dem moder­nen Publi­kum zu geben, wonach es verlangte.

Wäh­rend Wag­ner dem Pes­si­mis­mus Scho­pen­hau­ers als Auf­ruf zur Wil­lens­ver­nei­nung mit dem Ziel der Erlö­sung vom Wil­len ver­schrie­ben blieb, ver­lang­te Nietz­sche zuneh­mend nach einem »Pes­si­mis­mus der Stär­ke«, der ein Pes­si­mis­mus aus Stär­ke, also ein Pes­si­mis­mus aus jener Furcht­lo­sig­keit sei, den Wahr­hei­ten der Din­ge ins Gesicht zu bli­cken. Dazu for­der­te Nietz­sche von sich selbst den Ein­tritt in ein »hero­isch-phi­lo­so­phi­sches Leben«, was bedeu­tet, aller reli­giö­sen oder phi­lo­so­phi­schen Dog­ma­tik radi­kal zu ent­sa­gen, um sich frei­wil­lig dem »Lei­den der Wahr­haf­tig­keit« auszusetzen.

Der Nach­laß von 1874 gibt dar­über Auf­schluß, wie sehr Nietz­sche das Ide­al der prak­ti­zier­ten, anti­ken, vor­aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie anstreb­te, wie sie zeit­le­bens sein gro­ßes Vor­bild blieb und wel­che Opfer er dafür zu brin­gen bereit war: »Das frei­wil­li­ge Lei­den der Wahr­haf­tig­keit, die per­sön­li­chen Ver­let­zun­gen auf uns neh­men. … Wor­in bestehen die Lei­den der Wahr­haf­tig­keit? Man ver­nich­tet sein Erd­englück. Man muss den Men­schen, die man liebt, feind­lich sein. Man muss die Insti­tu­tio­nen, an die man durch Sym­pa­thie geknüpft ist, ent­hül­len und preis­ge­ben.« Doch geht es hier frei­lich nicht um den blo­ßen, selbst­ge­fäl­li­gen Opfer­kult, der durch die Ent­sa­gung irdi­scher Din­ge men­ta­les Glück ver­heißt, son­dern gera­de um das Gegen­teil: Das Lei­den an der Wahr­haf­tig­keit ergibt sich not­wen­dig aus intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit, solan­ge der beque­me Mensch in den Wahn der Reli­gio­nen – und sei es auch die der Kunst – flieht, um eben dadurch vor den Abgrün­den der Wahr­heit geschützt zu sein.

Doch nie­mand war sich über die lebens­er­hal­ten­de Funk­ti­on des Wahns und der Illu­si­on deut­li­cher im kla­ren als Nietz­sche selbst. Denn wer »zufrie­den« sein und men­schen­ge­mäß, also poli­tisch oder sonst gesell­schafts­re­le­vant leben und han­deln will, muß sich zur Illu­si­on beken­nen, muß sich täu­schen las­sen und auf die Kon­se­quen­zen der Erkennt­nis ver­zich­ten. Die Über­win­dung des Pes­si­mis­mus ist also ver­bun­den mit der Preis­ga­be des Abso­lut­heits­an­spruchs phi­lo­so­phi­schen Erkennens.

Damit hat Nietz­sche den ent­schei­den­den, mutig-ver­we­ge­nen Schritt voll­zo­gen, ohne den sein spä­te­res Werk nicht zustan­de gekom­men wäre. Von nun an ahn­te er, daß ihn ein Leben in abso­lu­ter Ein­sam­keit erwar­te­te und daß es nur sehr weni­ge Men­schen geben wür­de, die begrei­fen woll­ten, war­um die­ser Schritt erfor­der­lich war und was durch den damit ver­bun­de­nen Ver­lust zu gewin­nen wäre.

Tat­säch­lich ver­lor Nietz­sche nach Erschei­nen von Mensch­li­ches, All­zu­mensch­li­ches (1878), das nun­mehr demons­tra­tiv Vol­taire gewid­met war, die meis­ten sei­ner Leser, die er der bis­he­ri­gen geis­ti­gen Nähe zu Wag­ner ver­dank­te. Denn in dem neu­en Buch wan­del­te sich Nietz­sche vom schwär­me­ri­schen zum radi­kal skep­ti­schen, wag­hal­si­gen Den­ker und begann genau­ge­nom­men erst jetzt, unzeit­ge­mäß zu sein. Beim »Den­ken ohne Gelän­der« ging er das Wag­nis des Erken­nen­den ein, das von Gior­da­no Bru­no bis zu Han­nah Arendt in kei­ner Gesell­schaft je will­kom­men war – auch im Hau­se Wag­ner nicht. Cosi­ma, der Her­zens­freun­din, miß­fiel sogleich das »Frei­geis­ti­ge« die­ser Schrift, das sie als »zer­set­zend« emp­fand und auf den Ein­fluß Paul Rées zurück­führ­te, auf den Sieg »Judä­as« über »Ger­ma­nia«. Das gro­ße Ereig­nis erhoff­ter See­len­ver­wandt­schaft hat­te sich für Nietz­sche nach der Tren­nung von Wag­ner eben­falls als Illu­si­on erwie­sen. Der Phi­lo­soph blieb allein. Auch jeder künf­ti­ge Ver­such, den ersehn­ten Geis­tes­freund zu fin­den, soll­te scheitern.

Wag­ner war eitel, klug und selbst­süch­tig genug, Nietz­sche nicht auf dem geis­tesa­ris­to­kra­ti­schen, ein­sam-heroi­schen, jeden­falls kon­se­quent-phi­lo­so­phi­schen Weg zu fol­gen, des­sen Ethos es ver­bie­tet, aus per­sön­li­chen Rück­sich­ten gedank­li­che Wider­sprü­che oder Unge­reimt­hei­ten zum Schut­ze der jewei­li­gen Welt­an­schau­ung hin­zu­neh­men. Wag­ner ging also gewis­ser­ma­ßen den umge­kehr­ten Weg, indem er sich sei­nen Scho­pen­hau­er erst nihi­lis­tisch und dann christ­lich aus­leg­te, um schließ­lich, im Alter, einem neu­en modi­schen Wahn zu ver­fal­len, näm­lich dem, daß der Mensch, der in Urzei­ten als Vege­ta­ri­er fried­lich und gut gewe­sen sei und erst durch den »Sün­den­fall« des Fleisch­ver­zehrs jene ver­häng­nis­vol­le Ent­wick­lung genom­men habe, die ihn dar­an hin­de­re, bestimm­te Sozi­al­uto­pien zu ver­wirk­li­chen; schließ­lich hält Wag­ner sogar Löwen und Tiger für ent­ar­te­te Pflan­zen­fres­ser und endet als Apos­tel einer Mensch­heits­ret­tungs­vi­si­on, die sich am bes­ten in ari­schen Vege­ta­ri­er-Kolo­nien jen­seits Euro­pas ver­wirk­li­chen lasse.

Viel wei­ter hät­te sich das musi­ka­li­sche Genie vom Phi­lo­so­phen kaum ent­fer­nen kön­nen. Wag­ner such­te über den Wahn, über die Kunst nach »Erlö­sung«, also nach Gewiß­heit, wäh­rend für Nietz­sche die Illu­si­on nur ein Mit­tel zur Erkennt­nis und zur Los­lö­sung blieb. »Der Gott des schö­nen Scheins muß zugleich der Gott der wah­ren Erkennt­niß sein.« Damit ist gesagt: erken­ne den Schein als Schein, um dich an dem zu erhö­hen und zu stär­ken, was er ver­birgt; und sei es das Scheuß­lichs­te. Sol­chen Natu­ren ist der Wil­le zur Wahr­haf­tig­keit ein Tanz der Gedan­ken, ja des Den­kens selbst und damit etwas Orgi­as­ti­sches. »Der Ekel am Wei­ter­le­ben wird als Mit­tel zum Schaf­fen emp­fun­den«. – In eben die­ser Ambi­va­lenz aus Trost durch den Schein bei gleich­zei­ti­gem Ver­lan­gen nach Wahr­haf­tig­keit besteht für den dio­ny­si­schen Men­schen im Sin­ne Nietz­sches das höchs­te Glück einer lei­den­schaft­lich frei­geis­ti­gen Existenz.

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