Sezession
1. April 2013

Wie Frauen in der Sprache (wieder) unsichtbar werden

Gastbeitrag

53pdf der Druckfassung aus Sezession 53 / April 2013

von Werner Sohn

Die feministische Kritik und die aus ihr erwachsenen Anstrengungen, durch Verwaltungsvorschriften und privatsprachliche Konstrukte einen Umbau der Sprache zu erzwingen, beruhen sprachphilosophisch gesehen weitgehend darauf, Genus und Sexus nicht trennen zu wollen.

Angesichts des gewaltigen Bedarfs an grammatischer Geschlechtszuweisung, die uns die anscheinend grenzenlos expandierende Ding- und Geisteswelt auch als Deutschsprachler abverlangt, spielt der Sexus nur eine untergeordnete Rolle. Niemand würde beim Geschlechtsartikel eines Vogels auf ein natürliches Geschlecht schließen; niemand würde das generische Femininum der Pluralbildung als matriarchales Relikt denunzieren, und keiner scheint anzunehmen, die Beugungskategorien Wesfall (Genitiv) und Wemfall (Dativ) benachteiligten Frauen durch Rückgriff auf die »männliche« Form. Oder doch? Man kann nicht wissen, was der Sprachfeminismus im geschützten akademischen Milieu (und der Entfaltung und Vertiefung des eigenen Denkparadigmas verpflichtet) noch ersinnen mag. Auch ihm selbst mag das Ende seines Weges im dunkeln liegen. Wir werden Beispiele hierzu anführen.

 

1.

Die Paarformen

Das strategische Ziel, das zum Stein des emanzipatorischen Anstoßes erklärte generische Maskulinum aus dem Sprachgebrauch zu entfernen, scheint am ehesten durch Paarformen erreichbar. Sie stehen fast allen Sprechern zur Verfügung, lassen sich mechanisch einüben und durch Verwaltungsvorschriften im Behördendeutsch erzwingen. Bei der Gestaltung von Formularen und Verfügungen oder etwa der Überprüfung von Forschungsprojektanträgen und akademischen Qualifizierungsarbeiten können dabei auch solche Personen Kontrollfunktionen ausüben, die ansonsten nichts von der Sache selbst verstehen. Politiker und öffentlich Sprechende vermögen ohne weiteres, die strikte Paarformbildung in ihre Rhetorikschulung einzubeziehen. Auch bei längeren Aufzählungen sind Ermüdungserscheinungen des eingewöhnten Hörers nicht zu erwarten. Kleinere Lapsus (wie »Mitgliederinnen«) werden mit demonstrativem Humor genommen. Man gibt sich locker. Auch genderbetonte Sprachwächter pflegen gelassen einzuräumen, die nebenstehende Formulierung nicht eben gut lesbar finden zu wollen.

Gute Lesbarkeit gilt freilich als Sekundärtugend eines Textes. Es geht um Höheres: die Sichtbarkeit von Frauen. Viele Gendersprachler/-innen und Freund(inn)e(n) von Klammerungen haben allerdings nicht begriffen, daß damit keine beliebigen Ausgestaltungen gemeint sind. Verkürzungen auf Kosten des Femininums, das auf eine Endung reduziert wird, aber auch das in Parenthese gesetzte Suffix konterkarieren die ursprüngliche Intention. Frauen werden damit zwar ausdrücklich angesprochen, jedoch als minder wichtig markiert.


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