Sezession
1. April 2013

Die große Erzählung

Gastbeitrag

53pdf der Druckfassung aus Sezession 53 / April 2013

von Karlheinz Weißmann

Der erste der nebenstehenden Texte stammt von dem französischen Orientalisten, Religionswissenschaftler und politischen Theoretiker Ernest Renan, der zweite von dem italienischen Dichter Alessandro Manzoni. Es handelt sich um ungewöhnliche Zeugnisse, da man gemeinhin annimmt (und annehmen darf), daß die Befreiungskriege außerhalb Deutschlands kaum irgendeinen Widerhall gefunden haben, daß man sie selbst unter den Beteiligten als übliche militärische Operation betrachtet hat und nach den Kriterien »Sieg« oder »Niederlage« beurteilte.

Tatsächlich sind Sätze wie die zitierten Ausnahmen, genauso wie die dahinter stehenden Überzeugungen. Bei den Landsleuten Renans dürfte die Anerkennung und Bewunderung des deutschen Kampfes jedenfalls kaum auf Verständnis getroffen sein. Das war allerdings einer der Gründe, warum ihn Georges Sorel, ein anderer französischer Außenseiter, zusammen mit Manzoni zitiert hat. Sorel führte beide an, um seine eigene Auffassung zu bekräftigen, daß gerade der »Deutsche in außerordentlichem Grade mit dem Erhabenen genährt worden« sei, nämlich durch die Befreiungskriege, deren »epischer« Charakter einmal die Hinwendung zur nationalen Vergangenheit bewirkt hatte, dann die Entstehung einer neuen – der romantischen – Dichtung und schließlich noch die Geburt der idealistischen Philosophie.

Es soll hier nicht um die Frage gehen, ob Sorel damit Ursache und Wirkung im einzelnen richtig bestimmt hat, entscheidend ist vielmehr, daß er den Begriff des »Epos« in seinem ursprünglichen Sinn als Erzählung von Heldentaten verstand und der Meinung war, daß die Befreiungskriege auf die Deutschen jenen Einfluß hatten, den die Ilias für die antiken Griechen besaß. Damit wertete Sorel das Epos als Äquivalent des »Mythos«, denn beider Wirkung beruht nicht auf Einsicht und Begründbarkeit, sondern auf gefühlsmäßiger Zustimmung und Begeisterung. Bekannt ist, daß Sorel unter dem Mythos ein »Schlachtengemälde« verstand, ein »ungeschiedenes Ganzes«, das im Betrachter Überzeugungen schafft, »die ähnlich den religiösen hinlänglich absolut sind, um viele der materiellen Umstände, die bei der Wahl der einzuschlagenden Richtung des Handelns gewöhnlich in Erwägung gezogen werden, vergessen zu lassen«. Natürlich nicht in jedem Betrachter, nicht in den »schwachen Seelen« und nicht im »abstrakten Menschen«, denn der eine wird im Mythos immer nur das Gefährlich-Gefährdende sehen, der andere das Irrationale, womit beide sich aber auch zu erkennen geben als die, die von den Lebensgesetzen nichts verstanden haben. Denn die Geschichte lehrt, daß ohne den »achäischen Typus«, der seine Vorbilder im Epos findet, nicht auszukommen ist, und daß kein Volk überleben kann, das die Fähigkeit verliert, über den Mythos »in sich selbst zurückzukehren«.

Sorels These von der »Ohnmacht der Worte« hätte noch vor kurzem allfällige Empörung ausgelöst. Im Namen der »ersten« oder »zweiten Aufklärung«, der Moderne, der westlichen Werte etc. wäre Protest laut geworden. Mittlerweile ist er verstummt, oder doch fast unhörbar. Das hat nicht nur mit dem Bedeutungsverlust der Philosophie zu tun, sondern auch mit einer unmerklichen Verschiebung der Wirklichkeitswahrnehmung, die den Menschen immer weniger als animal rationale, immer stärker als Funktion aller möglichen Bedingungen ansieht, die er weder verstehen noch kontrollieren kann. Ein echter anthropologischer Neuansatz entstand daraus nicht, aber so wie mittlerweile ganz selbstverständlich vorausgesetzt wird, daß unsere genetische Disposition und die unbewußten Akte entscheidende Bedeutung für unser Dasein wie unser Handeln haben, so ist längst stillschweigend anerkannt, daß unsere Vorstellungen stärker durch Bilder als durch Begriffe geprägt werden.


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