Sezession
1. April 2013

Die große Erzählung

Gastbeitrag

Auch dahinter findet sich keine Theorie im genauen Sinn, aber es gibt eine Art Erklärungsmosaik, und in dessen Zentrum die Annahme, daß das Gehirn die meisten Eindrücke in einer Reihe automatisierter Prozesse umsetzt, von denen wir nichts bemerken, die aber unsere Einstellungen und Handlungen nachhaltig bestimmen. Interessanterweise wird der »Autopilot« im wesentlichen durch Bilder und Narrative geprägt, die wir wie selbstverständlich im Lauf unseres Lebens aufgenommen, mehr oder weniger verstanden, beurteilt und gemerkt haben. Unser Selbstverständnis bildet sich durch Rückgriff auf diesen Fundus, sofern er mit »stark emotional geprägten Erlebnissen« verknüpft ist: »Jeder von uns hat Hunderte bis Tausende solcher Bilder, aus denen er seine persönliche Identität zusammenstellt.« (Ernst Pöppel)

Übersehen wird allerdings häufig, daß diese Bilder nur zum Teil individuelle sind, sehr viele haben wir mit anderen gemeinsam. Insofern geht es hier auch nicht nur, und nicht einmal in erster Linie, um »persönliche«, viel stärker um »kollektive Identität«. Denn die einflußreichsten Bilder sind kulturspezifische, deren Verankerung mit unserer Erziehung und Sozialisation zu tun hat. Sie gehören zu einem Gemeinschaftsgedächtnis, dessen Erforschung in den letzten Jahren zu einer Art wissenschaftlicher Mode geworden ist. Der Hinweis auf die Konjunktur sollte aber niemanden davon abhalten, sich mit den Ergebnissen zu befassen. Der Altmeister der Richtung, Jan Assmann, hat jedenfalls früh und zu Recht darauf hingewiesen, daß historisches Bewußtsein zu den Universalien gehört. Den Menschen interessiert die Vergangenheit seit je, ganz unabhängig von irgendeiner wissenschaftlichen Historiographie; er befaßt sich mit ihr offenbar aus einem tiefen Bedürfnis, das mit Neugier nicht ausreichend erklärt werden kann, sondern mit dem Bedürfnis nach Vergewisserung zusammenhängt. Schon die Stabilität des Ich hängt entscheidend davon ab, daß ihm mitgeteilt wird, wie es war, bevor seine eigene Erinnerung ansetzt, und es muß einen Entwurf vom Verlauf seines Lebens machen, der dazu sinnvoll in Beziehung gesetzt werden kann und eine schlüssige Begründung für die Wahrnehmung der eigenen Biographie liefert; mit einem Wort Napoleons: »Une tête sans mémoire est une place sans garnison« – »Ein Kopf ohne Erinnerung ist ein Platz ohne Garnison.«

Im Prinzip verhält es sich mit der Gemeinschaft nicht anders, deren Glieder darüber zu belehren sind, was mit den Ahnen war, in welchem Verhältnis die Heutigen zu ihnen stehen und welche Leitvorstellungen aufrechterhalten werden müssen, um die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart (und Zukunft) zu gewährleisten. Gemeinsame Erinnerung, so die These Assmanns, gehört zu den wesentlichen Voraussetzung jeder »Ethnogenese«, der Volkwerdung, und jeder »Ethnostase«, dem Bestand eines Volkes. Während es in der Ethnogenese zuerst darum geht, jene Menge an Erzählungen und Bildern zu bestimmen, die es erlaubt, die Geburt des Wir festzuhalten und verständlich zu machen und es hinreichend deutlich gegenüber dem Nicht-Wir abzugrenzen, sind in der Folge Institutionen zu schaffen, die das Tradieren sicherstellen, für eine Kanonisierung der Inhalte sorgen und damit die Ethnostase ermöglichen. Es gibt dabei ein Spektrum verschiedener Konzepte, aber einen Kernbestand, der sich sowohl in primitiven wie auch in komplexen Kulturen findet. Erwähnt sei schließlich, daß das Kollektiv- wie das Individualgedächtnis Momente der »Umwidmung« kennt, und weiter ist im Lauf der Zeit ein wachsendes Maß an Rigidität bemerkbar, falls der fixierte Bestand durch Gegen-Erzählungen oder Gegen-Bilder in Frage gestellt wird.

An den Befreiungskriegen als entscheidender Bezugsgröße der deutschen Gemeinschaftserinnerung ist das von Assmann Gesagte unschwer nachzuweisen. Zwar kann nicht von Ethnogenese gesprochen werden, da das deutsche Volk als Akteur schon auf dem Platz war, aber ohne Zweifel hat sich das moderne Nationalbewußtsein der Deutschen erst im Gefolge des Kampfs gegen Napoleon ausgebildet. Der nachhaltige Eindruck, den die revolutionäre Mobilisierung einerseits, die französische Besetzung andererseits, auf die Deutschen machte, erfaßte zuerst die Eliten, hat aber auch in den Massen die Vorstellung von einem gemeinsamen Schicksal aufgerufen, deren Hintergrund eine wenngleich unklare Idee gemeinsamer Herkunft und gemeinsamer Geschichte bildete. Dabei wurde die Deutung, die den Befreiungskrieg nicht als Aktion der beteiligten Monarchen oder als übliche Form eines Großkonflikts verstand, sondern als Tat der Nation, natürlich nur allmählich und gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt. Das erklärt die Zahl der Texte, in denen sich dieser Kampf um die Interpretationshoheit niedergeschlagen hat, etwa Ludwig Uhlands Gedicht »Am 18. Oktober 1816«, das den gefallenen Theodor Körner auftreten und am dritten Jahrestag der Völkerschlacht anklagend singen läßt.


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