8. April 2014

„Faschistisches Schottland“ oder Das schlechte Gewissen

Benedikt Kaiser

In Schottland wird im September dieses Jahres über die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich abgestimmt. Befürworter und Gegner einer Loslösung von London halten sich quantitativ wohl die Waage; mit 30 Prozent stellen die Unentschlossenen den entscheidenden wie schwer zu kalkulierenden Faktor dar. Was macht sich da aus Sicht der Unabhängigkeitsgegner besser, als „faschistische“ Wurzeln der separatistischen Scottish National Party (SNP) zu entdecken?

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Nun ist die SNP eine grüne Partei, die sich keinem „integralen Nationalismus“ à la Charles Maurras verschrieben hat, sondern einem kommunitaristischen, „integrativen“ Konzept, das im Kern besagt, daß ein jeder in Schottland lebender Mensch – mag er auch geboren und sozialisiert sein, wo er möchte – als schottischer Citoyen anzusehen ist. Dieser dezidiert zeitgemäße Entwurf eines multikulturellen Staatsbürgernationalismus schreckt niemanden aus dem Heer derjenigen ab, die sich eine abschließende Meinung zum Referendum noch im Verlauf der Kampagnen bilden möchten.

Doch verschwiegene oder nicht glaubwürdig „aufgearbeitete“ faschistische Verstrickungen der schottischen Independisten könnten der SNP schaden und waren bisher auch kaum bekannt. Bekannt: Das war lediglich, daß mit Alexander Raven Thomson ausgerechnet ein autochthoner Scot der Vordenker eines an Benito Mussolinis Italien orientierten Korporatismus im Führungszirkel der British Union of Fascists (BUF) gewesen ist. Raven Thomson verlegte seinen Hauptwohnsitz indes früh nach London, um bei seinem politischen Leader Sir Oswald Mosley, dessen rechte Hand der Verleger auch nach 1945 im Union Movement (UM) blieb, wirken zu können. Auch daß die primär in englischen Ballungszentren aktive BUF kleinere schottische Dependancen besaß, wird zumindest als knappe Fußnote in verschiedenen Untersuchungen zu britischen Faschismen vermerkt. Tatsächliche Beachtung fand dies aber ebenso wenig wie zwei recht bündig gehaltene Aufsätze in britischen Fachzeitschriften zur Schottland-Politik der BUF.

Jetzt hat jedoch Gavin Bowd ein Buch vorgelegt, das den ausdrucksvollen Titel Fascist Scotland. Caledonia and the Far Right trägt und bereits im Titel Bahnbrechendes erwarten läßt. Der Französisch-Lehrbeauftragte an der renommierten University of Saint Andrews gilt eigentlich als Experte für Kommunismus und Sozialismus; außerdem verfaßte er Kriminalromane. Nun wendet sich Bowd aber ausgerechnet kurz vor dem vielleicht entscheidenden politischen Ereignis für die moderne schottische Nation einem neuen Thema zu, der äußersten Rechten Schottlands, und publiziert damit das erste Buch zum „schottischen Faschismus“ überhaupt – ein Zufall?

Jedenfalls steigt Bowd der Dramatik halber mit einer Schilderung des Schottland-Fluges von Rudolf Heß ein, die dadurch abgerundet wird, der Leser solle nicht denken, daß Faschismus in Großbritannien nur in England (und dort speziell im Londoner East End) verstärkt auftrat, sondern daß der „Faschismus Unterstützung in der schottischen Gesellschaft fand“. Der folgende Abschnitt der Studie ist dessen ungeachtet der bemerkenswerteste. Da Bowd verschiedene lokale Archive und zeitgenössische Dokumente zur Verfügung standen, entfaltet er ein Panorama des heterogenen Faschismus in Schottland, das es so in der bisherigen Sekundärliteratur nicht ansatzweise gegeben hat.

Anschaulich beschreibt er die ersten Gehversuche der von England aus kommenden British Fascisti (dann British Fascists, BF) 1924 in Glasgow, ihre ersten Straßenschlachten mit Kommunisten 1925, ihre Versuche, außerhalb ihrer 100-Mann-Splittergruppe zu reüssieren, sowie ihr Programm für Schottland. Hier wird das erste Mal überraschend deutlich, was sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht: Faschisten in Schottland waren im Regelfall Anti-Separatisten und traten dezidiert für Krone und Empire an. Daß die BF diese probritische und bei der Mehrheit der Schotten ungeliebte Linie spätestens ab 1930 mit nationalsozialistischen und antisemitischen Versatzstücken garnierte, sorgte für eine ausnahmslose Ablehnung ihrer Organisation; die BF zerfiel.

Einige der gemäßigteren Mitglieder gingen zur ab 1931 in Schottland auftretenden Mosley-Bewegung (erst New Party, dann BUF) über. Von 1932 bis 1934 entfalteten Mosleys wenige Hundert schottische Parteigänger, die zum Schwarzhemd schottische Kilts trugen, rege Aktivitäten, und auf Versammlungen sprach die ehemalige Labour-Hoffnungsgestalt vor bis zu 3000 Interessierten. Tenor der Reden, so Bowd, war dabei die konstante Absage an den schottischen Separatismus bei Hervorhebung der englisch-schottischen Verbundenheit im Zeichen des Union Jack. Dies veranlaßte schottische Nationalisten, etwa vor der Usher Hall in Edinburgh, gemeinsam mit kommunistischen Gruppen gegen die BUF-Veranstaltung vorzugehen; es kam wiederholt zu Ausschreitungen.

Ein weiterer Aspekt, der eine BUF-Ausstrahlung in Schottland – und zwar über ihren militanten Kern hinaus – erschwerte, war die Religionsfrage. Weil gemessen an den Bevölkerungszahlen überproportional viele Katholiken in Mosleys Reihen stritten und der interne Grundsatz galt, daß den Mitgliedern die konfessionelle Orientierung vollkommen frei gestellt sei, in der schottischen Rechten aber presbyterianische Bekenntnisse grundlegend waren, kam es zu Angriffen verschiedener Gruppen auf die BUF. Neben der separatistischen Vereinigung Scottish Protestant League (SPL) und der gewalttätigen, anti-katholischen Protestant Action (PA), tat sich hierbei auch die kurzlebige Scottish Fascist Democratic Party (SFDP) hervor. Letztere war extrem anti-irisch ausgerichtet – viele irische Arbeiter verdingten sich in den schottischen Fabriken – und forderte die resolute Aussiedlung aller Katholiken. Die BUF wurde von der SFDP um Weir Gilmour als rein katholische Interessengruppe und als verlängerter Arm sowohl des Vatikans als auch Mussolinis bezeichnet.

Die permanente Agitation verfehlte ihr Ziel nicht. Auch innerhalb der BUF brodelte es nun ob der betont Empire-loyalen Argumentation sowie der generösen Haltung zum Katholizismus und eine kleine Gruppe spaltete sich ab. Etwa 70 Männer und Frauen bildeten die kurzlebige Scottish Union of Fascists (SUF), deren Aktivisten später in der heutigen Regierungspartei SNP aufgingen. Auf der anderen Seite des faschistischen Spektrums, in den Reihen der Imperial Fascist League (IFL) um Arnold Leese, ging man sogar noch einen Schritt weiter. Dort erschien Mosley nicht nur als notorischer Katholikenfreund, sondern wurde als „Mose(s)le(v)y“ antisemitisch karikiert. Die (ebenfalls gegen eine schottische Unabhängigkeit agierende) IFL konnte in Schottland jedoch lediglich eine Kleinstgruppe in Glasgow vermelden.

Nach diesen teils neuen Erkenntnissen flacht das Buch Bowds ab. Daß Faschismus und Avantgarde sich nicht ausschlossen, kann als bekannt gelten. Hernach stellt er einen Freund Ezra Pounds, den SNP-nahen Schriftsteller Graham Seton Hutchison, als „schottischen Ernst Jünger“ vor und führt vielsagend aus, daß ebenjener Jünger der „Lieblingsautor“ Adolf Hitlers gewesen ist. Auch daß die BUF-Schwarzhemden in Edinburgh eine von vielen Kindern besuchte „Fascist Xmas Party“ veranstalteten, ist ihm eine Berücksichtigung wert, bevor er den Niedergang der (schottischen) Blackshirts bis zum Zweiten Weltkrieg skizziert: Von den 1000 BUF-Aktiven, die 1940 als potentielle „Fünfte Kolonne“ Deutschlands und Italiens verhaftet wurden, stammten dementsprechend nur drei aus Schottland.

Gewinnbringender lesen sich wiederum die anschließenden Ausführungen zu den Fasci di Scozia, den italienischen Auslandsniederlassungen in Schottland, die jedoch vielmehr kulturelle Arbeit für die emigrierten Landsleute leisteten, als sich mit britischen Adepten ihrer Staatsdoktrin zu beschäftigen. Das schützte sie nach Kriegsbeginn freilich nicht vor antifaschistischen Exzessen nationalistischer und kommunistischer Schotten: Im Zuge der in ganz Großbritannien aufkommenden Ausschreitungen vom Juni 1940, verwüsteten auch in mehreren schottischen Städten bis zu 3000 Personen Geschäfte und gastronomische Einrichtungen italienischer Einwanderer und verletzten dabei mehrere Italian-Scots.

Man merkt bereits zu diesem Zeitpunkt, daß die SNP wenig mit den faschistischen Erscheinungen Schottlands zu tun hatte. Regelrecht konstruiert wirkt es dementsprechend, wenn der Autor einzelne Kontakte von schottischen Nationalisten zu Gerhard von Tevenar, dem Leiter der „Deutschen Gesellschaft für keltische Studien“ und Mitglied des Friedrich-Hielscher-Kreises, ausführlich darlegt, und Tevenar als Joseph Goebbels’ „Vizekönig“ überinterpretiert. Daß Tevenars Vorliebe für europäische regionalistische Bestrebungen dafür sorgte, daß er noch nicht einmal in die NSDAP aufgenommen wurde, und daß er aufgrund der von NS-Offiziösen angenommenen politischen wie sexuellen Orientierung mehrfach von Gestapo-Schergen verhaftet und mißhandelt wurde, erfährt der Leser des Werkes nicht.

Statt dessen folgt ein abschließender Blick auf intellektuellen und parteigebundenen Neofaschismus in Schottland, der dort im übrigen noch erfolgloser war als die Ursprungsvarianten um BF, IFL, BUF, SUF, SFDP und dergleichen mehr. Auch hier vermißt man die Begründung dafür, weshalb Bowd – wie eingangs vermerkt – annimmt, der Faschismus habe in der schottischen Gesellschaft tatsächliche „Unterstützung“ über die teils sektenähnlichen Zusammenschlüsse hinaus gefunden. Denn den Ausführungen etwa zum Periodikum The European entnimmt man wiederum, daß auch dieses von Diana Mosley verantwortete Magazin vornehmlich in rechten Londoner „Book Clubs“ und in kleineren englischen Zirkeln des Union Movement gelesen wurde, nicht aber in Schottland. Zum Unabhängigkeitswunsch der Schotten wurde gar nicht erst Stellung bezogen, da Mosleys Nachkriegsprogramm den Fall aller innereuropäischen Grenzen zugunsten der „Nation Europa“ vorsah. Kontakte zur heute so bedeutenden Scottish National Party oder auch nur zu deren Vorfeldorganisationen gab es daher, wenig überraschend, nicht.

Daß die 1934 im wesentlichen aus einer Fusion zwischen zwei separatistischen Kleinparteien entstehende SNP in ihren Anfangszeiten auch Einzelpersonen aufnahm, die temporär in faschistischen Splittergruppen aktiv waren oder Wurzeln im radikal-protestantischen Lager der 1930er Jahre besaßen, bringt sie nicht in die Nähe des Faschismus. Und selbst wenn eine derartige Nähe auftritt, muß dies 80 Jahre später nichts bedeuten. Der Ire Eoin O’Duffy, aufeinanderfolgend Kopf der nationalkatholischen Blueshirts wie der faschistischen Greenshirts, wirkte beispielsweise 1933/34 als Parteigründer. Der erste Vorsitzende der heute größten (und in Irland regierenden) christdemokratischen Partei Fine Gael (dt. Familie der Iren) bleibt indes eine Randnotiz aus der Frühgeschichte der Partei, welche dieser bis heute nicht geschadet hat.

Die linksliberale SNP und das mit ihrem Hauptanliegen sympathisierende Umfeld – wie auch aufgeschreckte pro-schottische Rezensenten des Buches – können also vollkommen gelassen bleiben. „Faschismus in Schottland“ meinte im Regelfall: Bekenntnis zum Vereinigten Königreich und der Völkerfamilie Großbritanniens, lokale Selbstverwaltung, autoritativer Korporatismus, Absage an einen eigenständigen schottischen Staat. Dies entspricht mithin dem Gegenteil der Forderungen schottischer Separatisten. Und das Referendum? Das wird ohnehin aufgrund anderer Faktoren entschieden (so der Währungsfrage, dem strittigen Punkt einer Aufnahme als neuem Mitgliedsstaat in der Europäischen Union usw.).

Der Titel Fascist Scotland kann dabei mehr ängstliche Erwartungen erzeugen, als daß er wirklich ein „faschistisches Schottland“ offenbarte; vielmehr sollte er als verkaufsförderndes Mittel zum Zweck verstanden werden. Daß dabei en passant allzu forsche schottische Nationalisten ein schlechtes Gewissen verpaßt bekommen, wenn Gavin Bowd am Ende des Buches einen merkwürdigen Bogen spannt – von der SNP zur British National Party (BNP), weiter zur Scottish Defense League (SDL), bis hin zum Massenmörder Breivik –, und in diesem Zuge vor einem stets drohenden Rechtsrutsch warnt, vor dem auch ein unabhängiges Schottland nicht gefeit wäre, wird ebenso dem Kalkül entsprechen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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