Sezession
1. Juni 2013

Französischer Frühling

Gastbeitrag

54pdf der Druckfassung aus Sezession 54 / Juni 2013

von Dominique Venner

Warum waren die französischen Demonstrationen gegen die Homo-Ehe so wichtig? Warum sind sie ein einmaliges Phänomen in Europa? Die Antworten sind komplexer, als es die Politologen vorgeben, denen es an historischem Verständnis mangelt. Man muß sich vielmehr daran erinnern, daß Frankreich schon immer eine besondere politische und intellektuelle Streitkultur gekannt hat.

Denn es ist Frankreich, das im Jahre 1789 die Revolution und die Gegenrevolution, die Linke und die Rechte, den Terror und den Volksaufstand der Vendée erfand. Es ist Frankreich, das im 19. Jahrhundert den Bonapartismus, die verschiedenen Arten des Royalismus und der republikanischen Gesinnung erfand. Es ist Frankreich, das nach 1940 den Pétainismus und den Gaullismus erfand (Präsident François Mitterand war ein alter Pétainist). Man kann sich daran erinnern, daß diese Periode durch einen echten Bürgerkrieg und eine blutige Säuberung (Épuration) abgeschlossen worden ist. Es ist Frankreich, das noch zum Schluß des Algerienkrieges (1962) eine Militärrevolte erlebte, bei der sich Gaullisten und Anti-Gaullisten gegenüberstanden. Mehrere Generäle wurden verhaftet, desgleichen zahlreiche Offiziere und Zivilisten. Dieser Einschnitt (1962) hinterließ tiefe Spuren bei den Kindern der Europäer aus Algerien (»Pieds-Noirs«). Später ist es noch Frankreich, wo man mit dem Front National die erste große »populistische« Bewegung gegen außereuropäische Einwanderung gebiert.

Man muß sich am Geist dieser langen konfliktbeladenen Geschichte orientieren, um den »französischen Frühling« zu interpretieren. Man muß sich überdies daran erinnern, daß Frankreich das letzte Land der Welt ist (gemeinsam mit Nordkorea), in dem sich eine kommunistische Partei am Leben hält, die über eine mächtige Gewerkschaft (die Confédération générale du travail, CGT) verfügt und wie eine Art Mafia funktioniert. Diese kommunistische Partei ist der Wahlverbündete der regierenden sozialistischen Partei.

Man muß sich auch daran erinnern, daß viele Kader der heutigen sozialistischen Partei alte Trotzkisten sind, die über einen beträchtlichen Einfluß im Bildungs- und Schulwesen, in der Justiz und in den Medien verfügen. Dies bedeutet, daß in Frankreich – wohl im Gegensatz zu Deutschland – weiterhin ein Bürgerkriegspotential fortbestehen bleibt, das nur auf die Gelegenheit wartet, aktiviert zu werden. Gerade infolge der stupiden Provokationen des Präsidenten Hollande und seiner Regierung ist die Angelegenheit der Homo-Ehe eine Konfliktsituation geworden, die Hunderttausende Gegner – und insbesondere junge Mütter mit ihren Kindern – auf die Straße brachte. Zu Beginn hat die katholische Kirche eine Rolle bei dieser Mobilisierung gespielt, aber sie hat sich ziemlich schnell und vorsichtig zurückgezogen. Man kann an dieser Stelle anmerken, daß in Spanien – also einem Land, in dem die Kirche stärker ist als in Frankreich – die Homo-Ehe angenommen worden ist, ohne daß ein solcher Gegenstoß hervorgerufen wurde.

Am Anfang dachte man, daß der sozialistische Entwurf des Gesetzes über die Homo-Ehe einer dieser faulen Tricks sei, mittels derer die Politiker für Unterhaltung sorgen. Und erst allmählich begriff man, daß hinter diese Bauernfängerei eines von jenen perversen Vorhaben gerutscht ist, durch welches die Fanatiker der Dekonstruktion die letzten Grundlagen der europäischen Gesellschaften zerstören wollen.

Die durch das neue Gesetz aufgeworfene Frage betraf dabei jedoch keineswegs den Respekt hinsichtlich gefühlsmäßiger oder sexueller Minderheitenpositionen. Die Homosexualität ist keine historische Neuheit. Und das Privatleben ist die Angelegenheit eines jeden. Indes: Die Ehe ist etwas anderes. Sie bezieht sich nicht nur auf die Liebe. Sie ist die Vereinigung eines Mannes und einer Frau, zum Zwecke der Fortpflanzung. Wenn man den Geschlechtsunterschied und die Zeugung wegnimmt, bleibt nichts außer der Liebe, die verfliegen kann. Die Ehe ist kein bloßer Vertrag, sie ist eine Institution im Hinblick auf kommende Kinder. Sie garantiert dem Kind seine durch einen wahren Vater und eine wahre Mutter verkörperte Identität.

Aus diesen Gründen wurde das Projekt der Homo-Ehe als eine zerstörende Utopie wahrgenommen, als unerträglicher Angriff auf eine sakrale Grundlage unserer Kultur. Hierin wurzeln die außerordentlichen Volksproteste des 13. Januar und des 24. März in Paris, auf die weitere folgten. Die Hunderttausenden Demonstranten vom 24. März – laut Veranstalter waren es 1,4 Millionen – sahen sich als Avantgarde der Empörung, als Avantgarde, die die Zerstörung der Familie als dem allerletzten Pfeiler unserer bedrohten europäischen Zivilisation ablehnt.


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