Reaktion als geistiges Prinzip

54pdf der Druckfassung aus Sezession 54 / Juni 2013

von Harald Seubert

Die Frage der Reaktion ist für einen Konservativen eine Herausforderung, ja vielleicht eine Selbstinfragestellung:

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Er ist es, der immer wie­der dar­auf ver­weist, daß man sich vor 3000 Jah­ren Geschich­te Rechen­schaft able­gen kön­nen müs­se, und die­ses Unter­fan­gen stößt den Kon­ser­va­ti­ven mehr und gna­den­lo­ser denn je auf die Aus­sichts­lo­sig­keit sei­ner Bestre­bun­gen des Bewah­rens. Und so scheint der aku­te intel­lek­tu­el­le sex appeal weder vom poli­ti­schen noch vom Gärt­ner-Kon­ser­va­tis­mus (Moh­ler) und auch nicht vom apo­lo­ge­ti­schen Zurück­wei­chen in einen »Moder­ni­täts­tra­di­tio­na­lis­mus« (Lüb­be, Mar­quard) aus­zu­ge­hen, son­dern von der Reaktion.

Denn der Reak­tio­när argu­men­tiert anders: Er hält die Wur­zeln (radi­ces), die sie aus­reißt, der moder­nen Welt vor. Dies ist sein Prin­zip. Die Kon­tu­ren wer­den mit kon­kre­tem Habi­tus gefüllt: der Kir­che, Mon­ar­chie, des Rei­ches. Die Reak­ti­on bedarf ihrer, doch sie weiß, daß all dies äußer­li­che nicht ohne wei­te­res zu resti­tu­ie­ren ist. Radi­ka­li­tät der PARRHESIA (freie Rede), der sto­isch christ­li­chen Frei­mü­tig­keit, ist der Reak­ti­on eigen. Was dann auch immer ihr Gegen­stand sei: Sie ist die actio der nach dem Maß­stab der Welt schon Geschla­ge­nen, sei es das mon­ar­chi­sche Prin­zip, oder jenes der Katho­li­zi­tät oder auch natio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät. Reak­ti­on beruht mit­hin auf einem geis­ti­gen Selbst­ver­ständ­nis, das mit der Flucht­li­nie der Moder­ne, ihrer immer auch zer­stö­re­ri­schen Flucht in Zukunft letzt­lich weder zusam­men­be­stehen kann noch will.

Unver­meid­lich ist hier der Rekurs auf Gómez Dávi­la, den Den­ker und Apho­ris­ti­ker der Reak­ti­on, der sich die­se Posi­ti­on offen­siv und ohne zu zögern zu eigen mach­te. Ihm zufol­ge heißt »reak­tio­när sein, nicht an bestimm­te Lösun­gen glau­ben, son­dern ein schar­fes Gespür für die Kom­ple­xi­tät von Pro­ble­men haben«. Cha­rak­te­ris­tisch ist auch Dávilas pro­gram­ma­ti­sche Ver­wei­ge­rung, »die Inko­hä­renz der Din­ge zu ver­ge­wal­ti­gen«. Der Reak­tio­när im Sinn Dávilas denkt aus dem Wider­spruch. Er wen­det sich mit einem pole­mi­schen Streich gegen alles, was er »auf­klä­re­ri­schen Ratio­na­lis­mus« nennt.

Den Staat sieht die Reak­ti­on unter dem Vor­be­halt der gött­li­chen Macht. Der gro­ße Ein­wand gegen die Demo­kra­tie ist, daß sie den Men­schen ver­göt­te­re. Es ist alles ande­re als zufäl­lig, daß reak­tio­nä­res Den­ken in sei­ner hohen Kon­se­quenz eine Gegen-Theo­lo­gie gegen die imma­nen­ten Theo­lo­gien der poli­ti­schen Moder­ne evo­ziert – nicht nur in ihrer tota­li­tä­ren, son­dern auch in ihrer frei­heit­lich-libe­ra­len Ver­si­on. »Unbe­frag­bar­keit und Fromm­heit« (Botho Strauß) ist ihr eigen, und zugleich, mit Nietz­sche, »Auf­ent­halt in den eisigs­ten Regionen«.

Reak­ti­on als geis­ti­ges Prin­zip wäre dann der ste­hen­de Pfeil, die Dia­lek­tik im Still­stand (Wal­ter Ben­ja­min), die Not­brem­se, die zu zie­hen selbst schon ein revo­lu­tio­nä­rer Akt ist. Und wenn das »hic Rho­dus hic sal­tus« des Kon­ser­va­ti­ven aus­ge­höhlt ist, weil die­ses Hier völ­lig kor­rum­piert ist, weil sein Über­lie­fe­rungs­fa­den schon abge­ris­sen ist, dann schnei­det die Reak­ti­on die Fäden ab, die der Kon­ser­va­ti­ve immer noch als letz­te mög­li­che Anknüp­fungs­punk­te bewahrt.

Von den Klas­si­kern der Reak­ti­on sehe ich ab. Ich gehe statt­des­sen zu zwei gro­ßen Para­dig­men (Urbil­dern) euro­päi­schen Den­kens, die sich einer Les­art als Zeug­nis­se der Reak­ti­on öff­nen: Pla­tons Periago­gé sowie Nietz­sches und Hei­deg­gers Coen­akel der Kehre.

Der Pla­to­ni­sche Sokra­tes for­dert die Periago­gé, die Umwen­dung des Geis­tes auf das in der Idee Wah­re. Dadurch erweist er sich als »gött­li­cher Mann«, als »wah­rer Staats­mann« und »ein­zig Gerech­ter«. Doch gibt es kei­ne Ver­bin­dung zu der rea­len grie­chi­schen Polis. Es gibt nicht ein­mal eine Genea­lo­gie zu Sokra­tes hin: Kein Solon und kein Peri­kles kann dafür in Anspruch genom­men werden.

Der sophis­ti­schen Wider­spruchs­kunst, der Anti­lek­tik, setzt Sokra­tes die For­de­rung eines LOGON DIDÓNAI (Rechen­schaft geben)und damit die Radi­ka­li­tät in der Gewin­nung der Wahr­heit ent­ge­gen. Das Gute ist natur­ge­mäß, es ist nicht blo­ße Set­zung. Damit bricht Sokra­tes mit der Sophis­tik als Avant­gar­de moder­nen Lebens: der Selbst­be­fra­gung als dem Wir­bel, der die Polis in Rela­ti­vi­tät, Sinn­kri­se und Deka­denz gestürzt hat­te. Zugleich weiß Pla­ton, daß die alte Poli­sethik und ihre Insti­tu­tio­nen nicht mehr exis­tie­ren. Kein fak­ti­sches Gebil­de genügt den Anfor­de­run­gen des Ethos. Die PERIAGOGÉ (Blick­wen­dung) gilt der Gerech­tig­keit in der See­le, der klei­nen Schrift und schließ­lich der Wen­dung zu der höchs­ten Idee, die über die Sphä­re der DOXA hin­aus­reicht und EPEKEINA TES OUSIAS, jen­seits des Sei­en­den, ist. Dies bedeu­tet aber poli­tisch, daß die Aka­de­mie die inne­re Polis ist. Die äuße­re Stadt wird preis­ge­ge­ben. Pla­ton wen­det sich im Namen des »inne­ren Staa­tes« von ihr ab. Der wah­re Staats­mann ist Sokra­tes, weil er dem NOMOS folgt, dem blei­ben­den Gesetz, das im Sin­ne Pla­to­ni­scher Anthro­po­lo­gie und Theo­lo­gie nur von Gott her­vor­ge­bracht wor­den sein kann, nicht vom Menschen.

Die Rich­tungs­än­de­rung aus der Höh­le, die Umkeh­rung des Blicks gegen­über den Gleich­heits­er­war­tun­gen, die­ses Pla­to­ni­sche Signum kann zur Grund­ma­trix der Reak­ti­on werden.

Nietz­sche ist in sei­ner Bestim­mung des­sen, was vor­nehm ist, in sei­nem Eli­te­ver­ständ­nis, das nur ein Pathos der Distanz zuläßt, alles ande­re als der Par­tei­gän­ger einer Zeit. Er schließt sich dezi­diert nicht dem Phi­lis­ter­tum, dem selbst­ver­ständ­li­chen, bür­ger­li­chen Kon­ser­va­tis­mus sei­ner Zeit an. Des­halb kann man die­sen gro­ßen Unzeit­ge­mä­ßen als einen radi­ka­len Den­ker der Re-actio ver­ste­hen. Er ver­wirft glei­cher­ma­ßen kon­se­quent die sozia­lis­ti­schen und libe­ra­lis­ti­schen Aus­prä­gun­gen in der Moderne.

Schon in der berühm­ten zwei­ten Unzeit­ge­mä­ßen Betrach­tung zielt Nietz­sche auf eine »monu­men­ta­li­sche Geschichts­schrei­bung«, den Höhen­weg der mah­nen­den, gro­ßen Men­schen und Exem­pel der Geschich­te. Das höchs­te euro­päi­sche Mensch­sein sieht er jen­seits der Suk­zes­sio­nen der his­to­ri­schen Evo­lu­ti­on und erst recht der neu­zeit­li­chen Auf­klä­rung. »Gro­ße Poli­tik« ist für Nietz­sche die Fähig­keit zu die­sem Unzeit­ge­mäß-Sein, ist »Wil­le zur Macht«, als Selbst­über­win­dung in der Skulp­tu­rie­rung des eig­nen Ich. Gewiß ist die faschis­tisch-mega­lo­ma­ne Ein­ver­lei­bung und Tri­via­li­sie­rung Nietz­sches im 20. Jahr­hun­dert ein fol­gen­rei­ches Ver­häng­nis. Schlim­mer noch als sei­ne Ein­ver­lei­bun­gen und Ver­ur­tei­lun­gen im poli­ti­schen Ideen-Welt­bür­ger­krieg des tota­li­tä­ren Zeit­al­ters ist frei­lich sei­ne Ent­schär­fung zu einem Den­ker der Dif­fe­ren­zen und Nicht-Identitäten.

Nietz­sche als radi­ka­ler Reak­tio­när: dies bedeu­tet zugleich, daß es kei­nen Anhalts­punkt, kei­ne Gestal­ten gibt, auf die er zurück­grei­fen kann. Da ist nichts, das hält, weder Chris­ten­tum als Habi­tus, gar Kir­che, noch die Mon­ar­chie. Er läßt nur die Coen­akel gel­ten, die sin­gu­lä­re und sin­gu­la­ri­sie­ren­de Gemein­schaft jener Weni­gen, Sel­te­nen, der Freun­de und Freun­din­nen, die er nie­mals hal­ten konn­te. Dies ist eine Reak­ti­on gegen die gesam­te abend­län­di­sche Ver­nunft­ge­schich­te, die mit Sokra­tes ihren Sün­den­fall hat­te und vom tra­gi­schen Bewußt­sein abzu­fal­len begann. Nietz­sches Reak­ti­on war in ihrer Radi­ka­li­tät kalt. Sie gab ret­tungs­los verloren.

Der ande­re Expo­nent von Reak­ti­on als geis­ti­gem Prin­zip ist Hei­deg­ger: Nach­dem er auf­ge­hört hat­te, wie es ihm bis zu Sein und Zeit not­wen­dig erschie­nen war, die Spra­che der Phi­lo­so­phie die­ser Zeit zu spre­chen, bricht er eine GIGANTOMACHEIA auf, die gro­ße Fra­ge nach dem Sinn des Seins. Allein die Fra­ge­di­men­si­on von Sein und Zeit, zu einer Ur- und Grund­phä­no­me­no­lo­gie der Seins­er­fah­rung, reißt die Eng­füh­run­gen der klas­si­schen abend­län­di­schen Phi­lo­so­phie auf – und führt so ins Freie. Eine Ten­denz, die sich noch ein­mal in den Bei­trä­gen zur Phi­lo­so­phie ver­tieft, und dies mit dem spre­chen­den Begriff der »Keh­re«. Hei­deg­ger the­ma­ti­siert dar­in, unter dem arka­nen Titel Vom Ereig­nis, die pla­ne­ta­ri­sche Welt, ihre Machen­schaft, das Gestell. Mit ihm rücken der Bol­sche­wis­mus und Faschis­mus und die neue alles über­wöl­ben­de glo­ba­le Tech­nik und Öko­no­mie zu einem Syn­drom des »rie­sen­haf­ten Gestells« zusammen.

Der Ges­tus der Keh­re ist denk­bar radi­kal. Hei­deg­gers spä­tes »Andenken« folgt indes der Ein­sicht, daß Den­ken selbst Han­deln ist, reak­ti­ver Wider­stands­akt gegen­über dem gro­ßen Ani­hi­le­ment. Destruk­ti­on und Zer­bre­chen der alten Tafeln beschrei­ben bei Hei­deg­ger eine fun­da­men­ta­le phi­lo­so­phi­sche Bewe­gung. Sie hat aber gro­ße Reich­wei­te der geis­ti­gen Ori­en­tie­rung Euro­pas im Rück­gang hin­ter die Seins­ver­ges­sen­heit. Es ist kei­ne Tra­di­ti­on, die dies deckt, wenn denn Tra­di­ti­on immer auch ein Kon­ti­nu­um meint. Hei­deg­ger geht es viel­mehr um die »Ver­win­dung« jener Tra­di­ti­on, die in den Nihi­lis­mus führt.

Der spä­te Rück­gang auf die anfäng­li­chen Wor­te der Phi­lo­so­phie, auch jene der Dich­tung, der sich Hei­deg­ger zumal in sei­ner Spät­zeit zuwand­te, ist jeden­falls nicht ein Rück­zug, son­dern eine wei­ter­ge­hen­de Radi­ka­li­sie­rung, die Anknüp­fungs­punk­te destru­iert. Gada­mer hat inso­fern – nach einer bekann­ten Aus­sa­ge von Haber­mas – Hei­deg­ger in der Tat urba­ni­siert und ent­schärft. Doch die Annah­me eines unge­bro­che­nen Über­lie­fe­rungs­stroms kann, bei genau­er Betrach­tung, gar nicht statt­haft sein.

Anzu­mer­ken ist, daß auch die gro­ßen christ­li­chen Den­ker der Moder­ne, die uns etwas bedeu­ten kön­nen, eher in die­sem wei­ten Sin­ne das geis­ti­ge Prin­zip der Reak­ti­on in Anspruch neh­men als die Fik­ti­on eines Begriffs­kon­ti­nu­ums der Tra­di­tio­nen. Man den­ke an Dos­to­jew­ski oder an Solo­wjew. Sie ver­wei­gern sich einer his­to­ris­ti­schen Vor­stel­lung von der Geschich­te. Das Kon­ti­nu­um sehen sie in der blei­ben­den Wahr­heit, nicht im Bewußt­sein irgend­ei­ner Epo­che. Die Rea­li­tät im ver­bor­ge­nen Glanz, sple­ndor, christ­li­cher Wahr­heit erken­nen zu las­sen, bedeu­tet letzt­lich einen reak­tio­nä­ren, nicht einen nur kon­ser­va­ti­ven Akzent.

Dies gilt nicht zuletzt für den katechon­ti­schen Geschichts­be­griff, den Carl Schmitt, an den 2. Thes­sa­lo­ni­cher­brief anschlie­ßend ins Feld geführt hat. Der Auf­hal­ter des Anti­christ, des­sen Stel­le nach Schmitt wohl nie ganz unbe­setzt gewe­sen ist, ist Gegen­halt und Gegen­pol zu der dahin­stür­zen­den Auf­lö­sungs­ten­denz der geschicht­li­chen Moder­ne. Die Katechon­tik läßt sich gera­de nicht in die rasen­de Wel­le der Auf­klä­rung einbeziehen.

Es gibt aber auch den gegen­läu­fi­gen Akzent, viel­leicht am mar­kan­tes­ten bei Hegel. Dort hat der kon­ser­va­ti­ve Impe­tus sei­ne höchs­te und tiefs­te Begrün­dung. Die Zer­rei­ßun­gen der Moder­ne, die gegen­läu­fi­gen Kräf­te und Mäch­te im Sys­tem der Bedürf­nis­se sol­len im »sitt­li­chen Staat« zusam­men­ge­faßt und gebün­delt sein. Der Staat darf dabei in kei­ner Wei­se gegen­über der moder­nen Legi­ti­ma­ti­ons­di­men­si­on regredieren.

Die dage­gen auf­be­geh­ren­de Roman­tik war Hegel begriff­lich nicht gewach­sen. Sie war indes eine Avant­gar­de, die aus dem Klap­pern der mecha­nis­ti­schen Müh­le aus­zu­bre­chen und den Ordo eines Gol­de­nen Zeit­al­ters wie­der­zu­ge­win­nen such­te. Dies impli­zier­te ein »reak­ti­ves« Geschichts­ver­ständ­nis, das nicht in der Fort­schritts­li­nie, son­dern in einer Ver­wand­lung des unein­hol­bar Vor­treff­li­chen, in einer Fül­le, die ver­lo­ren­ge­gan­gen ist, wur­zelt. Man könn­te hier von einer kon­tem­pla­ti­ven Reak­ti­on spre­chen, der auch Cha­teau­bri­and in sei­ner tief­schich­ti­gen Erin­ne­rung an die Schön­heit des Chris­ten­tums ange­hört, mit sei­nem Requi­em auf jene Dimen­sio­nen, die in der Säku­la­ri­sie­rung gewalt­sam destru­iert wurden.

Man soll­te sich auch dar­über nicht täu­schen: Der Sezes­sio­nist bzw.der Staats­po­li­ti­ker hat eo ipso einen Zug zur Reak­ti­on; for­mu­liert er doch die­se Kon­zep­ti­on im Wis­sen um das Ende der Staat­lich­keit oder doch um ihre Usurpation.

Die Fra­ge bleibt akut: Ist der habi­tu­el­le Kon­ser­va­ti­ve, wenn er erkenn­bar sein soll, genö­tigt, zur Reak­ti­on als geis­ti­gem Prin­zip zu fin­den? Er könn­te sich dabei Gra­ciáns Maxi­me »Rede wie die Meis­ten und den­ke wie die Weni­gen!« nahe­le­gen. Daß ein sol­ches Den­ken über­haupt noch mög­lich ist, das wäre schon eine Leis­tung der Reak­ti­on. Sie gewinnt eine inne­re Sou­ve­rä­ni­tät, eine könig­li­che Wür­de, und sie läßt sich nicht vom Main­stream trei­ben. Dabei muß einem klar sein, kei­ne bis­he­ri­ge Reak­ti­on kann in irgend­ei­ner Wei­se Vor­bild für das Ethos sein, das auf­ge­ge­ben ist. Und daher ist es eher die metho­di­sche Hal­tung; nicht aber ein simp­ler Mon­ar­chis­mus, ein ein­fa­cher Rekurs zur ewi­gen Katho­li­zi­tät, der der Reak­ti­on als geis­ti­gem Prin­zip Gewicht geben kann. Es ist auch kei­nes­wegs die umge­kehr­te Atti­tu­de einer per­ma­nen­ten Revolution.

Es ist aber ein fun­da­men­ta­ler Beginn, eine Radi­ka­li­tät, die das See­len­haus baut und damit auch den Staats­haus­halt ver­än­dert, die ENTOS PRAXIS, oder – wie Fou­cault im Blick auf die Stoa mein­te – eine PARRHESIA: die Hal­tung, wenn die Quel­len ver­siegt sind, der Nihi­lis­mus tobt und sei­ne schwar­zen Vögel flie­gen läßt, wenn der oppor­tu­ne Ver­rat an den Fun­da­men­ten längst das Bür­ger­tum erfaßt hat, wenn eine zeit­geist­hö­ri­ge Kir­che abstrei­tet, daß es der Wen­de und der METANOIA bedür­fe, daß das Böse über­haupt eine Macht sei, wenn sie ihre Selbst­sä­ku­la­ri­sie­rung so weit treibt, daß sie sich selbst ad absur­dum führt. Wenn die dest­ruc­tion tota­le droht und die Aka­de­mi­ker ein letz­tes­mal sich selbst verraten.

Was kann der Maß­stab sein für die­ses SIC ET NON, das sich, anders als mit dem Kon­ser­va­tis­mus, mit der Reak­ti­on ver­bin­det: Es ist das SEIN des Schö­nen, ein viel­leicht por­ta­ti­ves Vater­land, eine »ande­re Moder­ne« (Micha­el Stahl): aus dem die Reak­ti­on über­haupt erst schöpft, so wie der »authen­ti­sche Kon­ser­va­tis­mus« meint, er kön­ne deren Linie in einem Tra­die­rungs­kon­ti­nu­um weitertragen.

Dies bedeu­tet, die zer­klüf­te­ten Land­schaf­ten des Wider­spruchs zu ertra­gen gegen­über dem moder­nen Haupt­dog­ma der Lebens­lü­ge vom guten, per­fek­tio­nier­ba­ren, ins Unend­li­che ver­bes­ser­ba­ren Men­schen. Zugleich aber hat Dávi­la die kobra­schnel­le Re-actio nicht ohne Grund mit der Hal­tung des Gue­ril­la­kämp­fers ver­gli­chen: »Wir müs­sen mit jeder x‑beliebigen Waf­fe aus jedem x‑beliebigen Gestrüpp auf jede x‑beliebige moder­ne Idee schie­ßen, die allein auf dem Wege vorrückt.«

Der Reak­ti­on ist damit die Melan­cho­lie und die satur­na­li­sche Tie­fe der schon Besieg­ten eigen, die sub­li­me inne­re Gewiß­heit eines Bun­des der Geis­ter, der nicht außer Kraft zu set­zen ist, eine Radi­ka­li­tät, die weiß, daß sie sich an die meis­ten nicht rich­ten kann. Doch das Anti­do­tum zur moder­nen Mas­sen­ge­sell­schaft besteht auch dar­in, daß hier eine eli­tä­re Grund­hal­tung ein­ge­for­dert ist, die auf Mas­sen­wirk­sam­keit gera­de nicht setzt. »Unnütz jeman­dem einen Gedan­ken erklä­ren zu wol­len, dem eine Anspie­lung nicht genügt.« (Dávi­la) Daher beken­ne ich mich zur geis­ti­gen Reak­ti­on auch als Sum­me des Kon­ser­va­tis­mus. Und ich plä­die­re auch für sie, frei­lich im Sinn eines METOPOS: nicht OU-TOPOS. Gemeint ist damit, daß kei­ne Reak­ti­on bis­lang eigent­lich tief genug ging, weil sie sich doch in eine Par­tei oder ein Ide­al ver­wi­ckel­te, und eben nicht Dávilas Dik­tum vom »Gespür für die Kom­ple­xi­tät der Pro­ble­me« folg­te. Ich ver­ste­he dies auch im Sinn der klas­si­schen Pro­t­rep­tik der Pla­to­ni­schen Aka­de­mie: für etwas zu gewin­nen – und zugleich zu warnen.

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