Reaktion – ein Grundriß

54pdf der Druckfassung aus Sezession 54 / Juni 2013

von Karlheinz Weißmann

Der Umgang mit der Reaktion ist lässig geworden.

 Gastbeitrag

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Seit lan­gem sind arri­vier­te Alt­acht­und­sech­zi­ger zu beob­ach­ten, die kokett nicht nur beken­nen, ein biß­chen »kon­ser­va­tiv« zu sein, son­dern sich auch in die­ser oder jener Hin­sicht zu den »Reak­tio­nä­ren« zäh­len. Dabei gab es Zei­ten (und bei unse­ren roma­ni­schen Nach­barn sind sie nicht ganz ver­ges­sen), da war der Vor­wurf »reak­tio­nä­rer« Gesin­nung kaum zu über­bie­ten, und das spöt­ti­sche »On est tou­jours le réac­tionn­aire de quelqu’un« – »Man ist immer der Reak­tio­när von irgend­wem« – half dar­über kaum hin­weg. Denn im Grun­de war »Reak­tio­när« ein Syn­onym für »Faschist«, also das abso­lu­te Gegen­teil des­sen, was man sein soll­te. Immer­hin hat­te der Ant­ago­nis­mus den Vor­zug der Deut­lich­keit und stand in einer Denk­tra­di­ti­on, die weit zurückreicht.

Auf die Fra­ge: Was ist »Reak­ti­on«?, gibt es im Grun­de nur eine Ant­wort: Dem Rad der Geschich­te in die Spei­chen fal­len. So die For­mu­lie­rung von Karl Marx, der ganz wesent­lich dazu bei­getra­gen hat, den poli­ti­schen Begriff »Reak­ti­on« durch­zu­set­zen. Für ihn wie für die poli­ti­sche Lin­ke und den Libe­ra­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts stand dahin­ter der Gedan­ke, daß die Geschich­te gesetz­mä­ßig vom Fort­schritt bestimmt wer­de, der die stän­di­ge Ver­bes­se­rung der Mensch­heit in tech­ni­scher, poli­ti­scher und mora­li­scher Hin­sicht bedeu­te. Die Reak­ti­on ver­such­te die­se Bewe­gung auf­zu­hal­ten und dann umzu­keh­ren. Die Ver­tre­ter des Fort­schritts­ge­dan­kens waren zwar über­zeugt, daß das letzt­lich unmög­lich sei, behiel­ten den Reak­tio­när aber als Feind im Auge, weil er den Pro­zeß unter­bre­chen und fall­wei­se erheb­li­chen Scha­den anrich­ten konn­te. Der Reak­tio­när gehör­te für die Pro­gres­si­ven zur Par­tei des Bösen in einer Welt, die zum Guten bestimmt war und die ihr Ziel ungleich schnel­ler errei­chen wür­de, wenn man der Reak­ti­on kei­ne Gele­gen­heit ver­schaff­te und ihre Trä­ger aus­schal­te­te. Um es mit einem Mar­xis­ten zu sagen: »Wir wer­den gegen­über den Reak­tio­nä­ren und den reak­tio­nä­ren Hand­lun­gen der reak­tio­nä­ren Klas­sen unter kei­nen Umstän­den ein huma­nes Regi­ment auf­zie­hen.« (Mao Tse-tung) Ganz im Gegen­teil: die lin­ke Avant­gar­de hat da, wo sie die Macht ergriff, nie gezö­gert, die Ver­nich­tung »reak­tio­nä­rer Indi­vi­du­en«, »reak­tio­nä­rer Klas­sen«, »reak­tio­nä­rer Dynas­tien« und auch »reak­tio­nä­rer Völ­ker« – von »Völ­ker­ab­fäl­len« sprach Fried­rich Engels – für not­wen­dig zu erklä­ren und durchzuführen.

Der Sie­ges­zug des Fort­schritts­ge­dan­kens erklärt hin­rei­chend, ­war­um die Bezeich­nung »Reak­tio­när« bis heu­te prak­tisch immer nega­tiv gemeint ist. Selbst die Kon­ser­va­ti­ven distan­zie­ren sich wohl­weis­lich, und die Natio­nal­so­zia­lis­ten bekämpf­ten aus­drück­lich »Rot­front und Reak­ti­on«. Eine Vor­stel­lung, die nicht nur mit Hit­lers Aner­ken­nung des Pro­gres­ses zu tun hat­te, son­dern auch mit dem revo­lu­tio­nä­ren Cha­rak­ter sei­ner Bewe­gung, die zwar fall­wei­se als Gegen­be­we­gung zu den Revo­lu­tio­nen 1789/1917/1918 defi­niert wur­de, aber in vie­lem mit deren Metho­den und Zie­len über­ein­stimm­te. Wenn der Natio­nal­so­zia­lis­mus trotz­dem gewis­se »reak­tio­nä­re« Züge hat­te, dann erklärt sich das para­do­xer­wei­se aus die­ser Eigen­schaft, denn Revo­lu­tio­nen sind ihrer Absicht nach Reak­tio­nen: nicht in dem plat­ten Sinn, daß sie auf Bestehen­des reagie­ren, son­dern in dem wört­li­chen, daß es sich dem Grund­ge­dan­ken nach um »Rück­be­we­gun­gen« han­delt, gemeint ist: Rück­be­we­gun­gen hin zu einem frü­he­ren, weil bes­se­ren Zustand.

Die Vor­stel­lung von einem sol­chen Zurück wur­de zwar durch den uto­pi­schen Cha­rak­ter moder­ner Fort­schritts­ideo­lo­gien ver­deckt, ist aber nie ganz in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Deut­lich zu erken­nen war das Ele­ment sowie­so in den Bau­ern­auf­stän­den des Spät­mit­tel­al­ters, der Refor­ma­ti­ons­zeit und des eng­li­schen Bür­ger­kriegs, aber auch in der Welt­an­schau­ung jener Füh­rer der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, die unter dem Ein­fluß Rous­se­aus stan­den und eine Welt ersehn­ten, die wie­der einem »Natur­zu­stand« nahe­kom­men soll­te, der die Anfän­ge der Mensch­heit bestimmt hat­te. Ein Kon­zept, das lin­ke Denk­sys­te­me nach­hal­tig beein­fluß­te, auch das des »wis­sen­schaft­li­chen« Sozia­lis­mus, für den der Kom­mu­nis­mus nur auf ein höhe­res Niveau setz­te, was den Urkom­mu­nis­mus aus­ge­macht hat­te: Besei­ti­gung von Pri­vat­ei­gen­tum und Ehe, all­ge­mei­ne Gleich­heit, Feh­len des Staates.

Sehr früh haben Anhän­ger wie Kri­ti­ker auf die reli­giö­se Grun­die­rung sol­cher und ähn­li­cher Vor­stel­lun­gen hin­ge­wie­sen, dar­auf, daß 1789 eine »schlum­mern­de Reli­gi­on« geweckt wor­den sei, denn »der revo­lu­tio­nä­re Wunsch, das Reich Got­tes zu rea­li­sie­ren, ist der elas­ti­sche Punkt der pro­gres­si­ven Bil­dung« (Fried­rich Schle­gel). Da war der Hin­weis unum­gäng­lich, daß in den Ideo­lo­gien der Lin­ken wie in der jüdi­schen und der christ­li­chen Escha­to­lo­gie ein End­zu­stand vor­ge­stellt wer­de, der dem Urzu­stand ent­spre­che: das Reich Got­tes zum Schluß, das Para­dies am Beginn. Und unter Hin­weis auf die moder­ne Eth­no­lo­gie könn­te man noch einen Schritt wei­ter gehen und die bibli­sche Vor­stel­lung zurück­be­zie­hen auf eine all­ge­mei­ne, den reak­tio­nä­ren Mensch­heits­traum, den Wil­helm Mühl­mann als Wider­spiel von »Nati­vis­mus« und »Chi­li­as­mus« beschrie­ben hat. Nati­vis­mus bezeich­net dann die Sehn­sucht nach den rei­nen Anfän­gen, Chi­li­as­mus den Wunsch nach einer voll­stän­di­gen Neu­ord­nung. Bei­de wol­len Zustän­de, die gekenn­zeich­net sind durch Ega­li­ta­ris­mus und einen Schla­raf­fen­land­cha­rak­ter, sie wer­den ange­kün­digt von Pro­phe­ten und her­bei­ge­führt durch mes­sia­ni­sche Gestal­ten, die nach den apo­ka­lyp­ti­schen Wehen das »tau­send­jäh­ri­ge Reich« her­auf­füh­ren, das nicht nur jede bis dahin bestehen­de Sozi­al­form auf­hebt, son­dern als »ver­kehr­te Welt« cha­rak­te­ri­siert wer­den kann, inso­fern die Glei­chen eine Paria-Eli­te bil­den und man so in eine Situa­ti­on zurück­kehrt, die vor der Geschich­te gele­gen hat, mit ihrer Über­lie­fe­rung, ihren Hier­ar­chien und ihrer Tragik.

Mühl­mann hat dar­auf hin­ge­wie­sen, daß es sich bei die­sem Kon­zept um ein uni­ver­sa­les Phä­no­men han­delt, das erstaun­lich ähn­lich in allen mög­li­chen Welt­ge­gen­den auf­trat und wei­ter auf­trittt: von den Erhe­bun­gen der anti­ken Juden über die Bogo­mi­len und Ada­mi­ten, vom Täu­fer­reich zu Müns­ter bis zur Geis­ter­tän­zer­be­we­gung in Nord­ame­ri­ka, vom frü­hen Isla­mis­mus der Mah­di-Anhän­ger bis zu den Mau-Mau in Kenia, von den christ­lich beein­fluß­ten Boxern in Chi­na bis zu den Arioi in Poly­ne­si­en, die ihr Hei­den­tum ver­tei­dig­ten. Und er bestand dar­auf, daß sich »Fort­set­zun­gen und Aus­läu­fer jenes Wel­len­schla­ges der Empö­rung und Revol­te« auch in der euro­päi­schen Moder­ne fin­den, sei es im Pri­mi­ti­vis­mus der Kunst oder im Ras­sis­mus, sei es in den natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren Par­tei­en oder im Anar­chis­mus, im Ter­ror der Fun­da­men­ta­lis­men wie im Ega­li­ta­ris­mus des Wohlfahrtsstaats.

Für Mühl­manns Inter­pre­ta­ti­on spiel­te die Geschichts­lo­sig­keit der ersehn­ten alt-neu­en Welt eine wich­ti­ge Rol­le. Aber er ver­zich­te­te dar­auf, die­sem Aspekt wei­ter nach­zu­ge­hen. Das ist um so erstaun­li­cher, als sei­ne The­sen fast zeit­gleich mit denen des Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lers Mir­cea Elia­de ent­stan­den. 1949 hat­te Elia­de zuerst auf fran­zö­sisch ein Buch ver­öf­fent­licht, das in Deutsch­land unter dem Titel Der Mythos der ewi­gen Wie­der­kehr erschien. Ein Mythos war für Elia­de eine »hei­li­ge Geschich­te«, mit deren Hil­fe die tra­di­tio­na­len Völ­ker alle ent­schei­den­den Gege­ben­hei­ten, ihre Exis­tenz, die Vege­ta­ti­on, die Werk­zeu­ge, die Sexua­li­tät, die Riten, erklä­ren konn­ten. Mythen befaß­ten sich mit der Ent­ste­hung eines bestimm­ten Gegen­stan­des oder Sach­ver­hal­tes und boten gleich­zei­tig ein Modell für das mensch­li­che Han­deln: Der Mensch in die­sen Kul­tu­ren erkann­te »sich als wirk­li­cher Mensch nur in dem Maß, als er die Göt­ter, die kul­tur­brin­gen­den Hero­en oder die mythi­schen Ahnen nachahmt«.

Sein Bestre­ben muß­te es des­halb sein, die Distanz zu den Vor­bil­dern mög­lichst gering zu hal­ten, um qua­si immer wie­der direkt an ihr Tun anknüp­fen zu kön­nen. Illud tem­pus, die Zeit vor der Zeit, als Göt­ter und Men­schen sich noch nahe waren, blieb das Ziel aller Wün­sche. Der »Mythos von der Per­fek­ti­on der Anfän­ge« bestimm­te nach Elia­de die zen­tra­len Riten jeder tra­di­tio­na­len Reli­gi­on, durch die eine »Ver­nich­tung … der abge­lau­fe­nen Zeit« voll­zo­gen wur­de. In kul­ti­schen Schau­spie­len etwa wie­der­hol­te man die Schöp­fung, gab der Welt in einem sehr real ver­stan­de­nen Sinn ihre Jung­fräu­lich­keit zurück, die die Geschich­te ihr genom­men hatte.

Nach Elia­de war die »archai­sche Men­ta­li­tät« bestimmt vom »Heim­weh nach den Ursprün­gen«. Was sie trieb, war »onto­lo­gi­sche Beses­sen­heit«, ein Ver­such, das Wer­den, wenn nicht zu ver­hin­dern, dann doch zu über­win­den, »Durst nach dem Hei­li­gen und Heim­weh nach dem Sein«. Der Mensch litt an der Ver­än­de­rung, daher das Bedürf­nis nach tota­ler Reak­ti­on. Aber die Ver­trei­bung aus dem »Para­dies der Arche­ty­pen« war unver­meid­lich. Woll­te man sich trotz­dem der Geschich­te »ent­ge­gen­stem­men«, blieb nur der Ver­such, dem Wan­del einen Sinn zu geben, indem man die his­to­ri­schen Ereig­nis­se ihrer Bedeu­tung beraub­te. Das konn­te etwa gesche­hen durch die zykli­schen Theo­rien, die vie­le anti­ke Kul­tu­ren aus­bil­de­ten, und deren Kern die Vor­stel­lung war, daß die Zeit, wenn nicht im Klei­nen, dann doch im Gro­ßen ohne Belang bleibt, daß der Ver­fall durch die Zeit zwar unver­meid­bar, aber begrenzt ist, begrenzt durch einen abso­lu­ten Schnitt, der die Zeit ver­nich­tet und einen Anfang wie­der­her­stellt, damit die über­le­ben­den Asen nach der Göt­ter­däm­me­rung sich neu auf dem Ida-Feld versammeln.

Elia­de wie Mühl­mann ver­tra­ten die Mei­nung, daß das Lei­den an der Geschich­te und die Sehn­sucht nach dem Ursprung all­ge­mein­mensch­lich sind. Aber nur Mühl­mann ver­wies auf den irri­tie­ren­den Zusam­men­hang mit der »peren­nie­ren­den Revo­lu­ti­on«, das heißt jenem dau­ern­den Pro­zeß gesell­schaft­li­cher Umwäl­zung seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, der noch in den weni­ger dra­ma­ti­schen, dafür um so tief­grei­fen­de­ren Fol­gen des tech­no­lo­gi­schen Wan­dels zu Lebens­ver­hält­nis­sen führt, die die meis­ten Erwar­tun­gen über­bie­ten, die die »Reak­ti­on von unten« heg­te. Umge­kehrt ist aber fest­zu­stel­len, daß Nati­vis­mus und Chi­li­as­mus nichts mit Reak­ti­on im poli­ti­schen Sinn zu tun haben. Ganz im Gegen­teil, denn der, der übli­cher­wei­se als Reak­tio­när bezeich­net wird, for­dert eine »Reak­ti­on von oben«, und das heißt, daß er gera­de das His­to­risch-Gewor­de­ne ver­tei­digt, gegen die Zumu­tun­gen des Unhis­to­risch-Natur­haf­ten, den »Exzeß der Gene­ra­li­sie­run­gen« (Cle­mens Fürst von Met­ter­nich). Für Reak­tio­nä­re ist – wie ein Geg­ner tref­fend bemerk­te – die Geschich­te ihr »Gesetz­buch«, und noch jede Beru­fung auf Legi­ti­mi­tät und jede Restau­ra­ti­on wur­zelt in der Vor­stel­lung, es gel­te nicht irgend etwas Ver­gan­ge­nes oder gar einen Urzu­stand wie­der­her­zu­stel­len, viel­mehr gehe es dar­um, eine Kon­ti­nui­tät zu bele­ben, einen Bezug auf das kon­kre­te Frü­her zu neh­men und dar­an anzu­knüp­fen, letzt­lich den »Wert der Erfah­rung und der Geschich­te« (Juli­en Freund) zu verteidigen.

Inwie­weit das über­haupt noch mög­lich ist, bleibt dahin­ge­stellt. Denn das »Schreck­bild einer Mensch­heit ohne Erin­ne­rung« (Theo­dor W. Ador­no) ist längst kein Schreck­bild mehr, son­dern Rea­li­tät, und immer kla­rer kon­tu­riert tritt her­vor, daß Geschichts­be­wußt­sein im anspruchs­vol­len Sinn eine aris­to­kra­ti­sche Sache ist. Daher schwin­det auch der rela­ti­ve Opti­mis­mus, den die ers­ten Reak­tio­nä­re zeig­ten, und hat sich im 20. Jahr­hun­dert Stück für Stück die Chan­ce ver­lo­ren, jene Bestän­de noch auf­zu­fin­den, die einen Bezugs­punkt für die Reak­ti­on erge­ben könn­ten. »Die Rech­te ist unbe­streit­bar auf dem Rück­zug«. Mit die­sem Satz bilan­zier­te Jac­ques du Per­ron, ein fran­zö­si­scher Autor, der zu den weni­gen zählt, die sich offen als reak­tio­när bezeich­nen, die Situa­ti­on in sei­nem Buch Droi­te et Gau­che – Tra­di­ti­on et Révo­lu­ti­on. Die Begrün­dung, die er lie­fert, ist eben­so nüch­tern wie zutref­fend: »Unse­re anti­tra­di­tio­nel­le Zivi­li­sa­ti­on hat schon die stärks­ten Stüt­zen der Rech­ten zer­stört, ange­fan­gen mit dem Ende der Mon­ar­chien, der Aver­si­on gegen­über der Kir­che, der Schä­di­gung des Bau­ern­tums und auch dem Wan­del der Armee.« Nach Mei­nung du Per­rons ist die Rech­te nichts ande­res als ein Rest jener uralten Ord­nung, die auf den Prin­zi­pi­en der orga­ni­schen Glie­de­rung, dem Vor­rang des Geist­li­chen gegen­über dem Welt­li­chen und der Aner­ken­nung von Patri­ar­chat und Fami­lie als den wich­tigs­ten Bau­stei­nen der Gesell­schaft beruh­te. In dem Maß, in dem die­se Basis zer­fiel, wur­de jede Reak­ti­on unmöglich.

Die Argu­men­ta­ti­on du Per­rons ist wesent­lich durch jenen Tra­di­tio­na­lis­mus geprägt, der sei­ne Wur­zeln einer­seits in einer bestimm­ten katho­li­schen Denk­schu­le, ande­rer­seits in den Leh­ren jener Eso­te­ri­ker hat, die sich an René Gué­non, Juli­us Evo­la oder Frith­jof Schuon ori­en­tier­ten, und die Stück für Stück jede Hoff­nung auf­ga­ben, irgend­ei­ne Art poli­ti­scher Wirk­sam­keit zu ent­fal­ten. Denn es ist nichts geblie­ben – und es konn­te nichts blei­ben – von der Vehe­menz reak­tio­nä­rer Bewe­gun­gen wie der Chouan­ne­rie in Frank­reich, der Tiro­ler Bau­ern, der Kar­lis­ten in Spa­ni­en oder der »Wei­ßen« in Ruß­land, und es ist nichts geblie­ben – und es konn­te nichts blei­ben – von jenen Grand­sei­gneurs der Reak­ti­on, deren letz­te Ver­tre­ter Gon­zague de Rey­nold, Erik von Kuehnelt-Led­dihn und Nicolás Gómez Dávi­la waren. Der Bedeu­tungs­ver­lust voll­zieht sich zwangs­läu­fig, denn er ent­spricht einer Bewe­gung, die in den letz­ten zwei­hun­dert­fünf­zig Jah­re alles auf­zehr­te, was für den längs­ten Zeit­raum »his­to­ri­scher Exis­tenz« (Ernst Nol­te) Gel­tung hatte.

Der Reak­tio­när ver­steht sich immer als Sach­wal­ter des Gan­zen, des­halb fällt ihm die Par­tei­bil­dung schwer. Er glaub­te sogar, die Revo­lu­ti­on durch »das Gegen­teil einer Revo­lu­ti­on« (Joseph de Maist­re) auf­hal­ten zu kön­nen, und hat sich erst dann an einer Gegen­re­vo­lu­ti­on ver­sucht, die letzt­end­lich die Metho­den des Geg­ners über­nahm – man sprach früh von »wei­ßem Jako­bi­nis­mus« oder »wei­ßem Ter­ror« –, um auch dar­an zu schei­tern. Selbst da, wo die Macht­mit­tel zur Ver­fü­gung stan­den, im Spa­ni­en nach der Befrei­ung von der napo­leo­ni­schen Herr­schaft, im Frank­reich der Restau­ra­ti­on, im Kir­chen­staat Pius X., zuletzt noch im Por­tu­gal Sala­zars, gelang es nicht, die peren­nie­ren­de Revo­lu­ti­on zum Still­stand zu brin­gen oder gar ihre Ten­den­zen umzu­keh­ren. Das bedeu­tet das Ende der Reak­ti­on als poli­ti­scher Kraft, aber der Reak­tio­när als Typus ist des­halb nicht ver­schwun­den, und es han­delt sich bei die­sem Typus auch nicht ein­fach um den, der wie de Rey­nold als Berufs­be­zeich­nung »Land­be­sit­zer« ein­tra­gen kann und ohne eige­nes Zutun von Bestän­den leben darf, die sei­ne Vor­fah­ren zu bes­se­ren Zei­ten anhäuf­ten. Gemeint ist nicht der Reak­tio­när als Erbe, son­dern der Reak­tio­när als Über­zeug­ter, als Par­ti­san einer als rich­tig erkann­ten Sache. »Es gibt nichts Düm­me­res …«, schrieb Charles Mau­rras, »als eine Sache für ver­lo­ren zu erklären«.

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