Sezession
1. Juni 2013

Kleines Lexikon der Reaktion

Gastbeitrag

54pdf der Druckfassung aus Sezession 54 / Juni 2013

von Karlheinz Weißmann

1. Bewegungen 

Entgegen einer verbreiteten Einschätzung hat England auch auf diesem Feld eine Vorreiterrolle gespielt. Denn die erste im eigentlichen Sinn reaktionäre Bewegung entstand im 16. Jahrhundert als Folge des religiösen Zickzackkurses, den Heinrich VIII. verfolgte. Dessen phasenweise radikalreformatorische Tendenz führte 1536 zur Entstehung der Pilgrimage of Grace im Norden. Die »Pilgerschaft der Gnade« fand ihren Anhang in der Bauernschaft, dem kleinen Bürgertum und dem niederen Adel, wurzelte aber vor allem in den Überlieferungen der Volksfrömmigkeit. Der Rückbezug auf die alte Religion hat dann einhundert Jahre später auch die Loyalität gegenüber Karl I. motiviert, dessen Auseinandersetzung mit dem Parlament in einem Bürgerkrieg (1641–1649) mündete, bei dem ihn keineswegs nur die »Kavaliere« unterstützten, sondern auch eine königstreue, hochkirchliche oder katholische Massenbasis. Die Verknüpfung von Loyalität gegenüber dem angestammten Haus und dem angestammten Glauben bildete in der Folge das Fundament für die intransigenten Stuartanhänger im England, Schottland und Irland des 18. Jahrhunderts, und außerdem für die Entstehung der Tory-Partei, den Vorläufer der britischen Konservativen.

Deren Gedächtnis reichte weit genug zurück, um beim Ausbruch der Französischen Revolution sofort die Parallelen zur eigenen Geschichte zu erkennen und jenseits des Kanals die royalistische Partei nach Kräften zu unterstützen. Trotz tiefverwurzelter nationaler Affekte gegenüber Frankreich erkannte man doch die Notwendigkeit, im Weltbürgerkrieg Partei zu ergreifen. Aus diesem Grund half Großbritannien nicht nur den eher liberalen Kräfte im Süden, sondern auch den Königstreuen im Westen Frankreichs. Vom Kerngebiet der Vendée ausgehend, hatten sich hier die Bauern gegen die gottlosen Königsmörder in Paris erhoben und in einer Mischung aus Partisanenkampf und regulärem Krieg (1793–1803) den Truppen der Republik immer wieder empfindliche Niederlagen beigebracht. Die »Blauen« (so genannt nach den Uniformen der Republik) gingen schließlich mit offenem Terror gegen die »Weißen« (so genannt nach den Königsfarben) vor, was in einem »innerfranzösischen Völkermord« (Reynald Secher) von unvorstellbaren Ausmaßen endete. Selbst Napoleon mußte einen regelrechten Friedensvertrag mit den Aufständischen schließen, um eine Pazifizierung zu erreichen. Die Reserve gegenüber der Revolution blieb aber; in Teilen der Vendée wurde bis 1914 keine Trikolore vor den Rathäusern aufgezogen.

Die Vendée wurde das Muster aller späteren reaktionären Bewegungen. In Frankreich gilt das bis hin zur Action française, die heute zwar nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, aber in der Vergangenheit zu den einflußreichsten Organisationen der politischen Rechten gehörte. Außerhalb der französischen Grenzen ist an die spanischen Karlisten zu denken, die in den 1830er Jahren als Folge eines Thronstreits entstanden und ihre regionale Basis im Baskenland und in Navarra hatten, genauso wie die Weißen, die nach dem Oktoberputsch der Bolschewiki von 1917 in Rußland die Herrschaft des Zaren wiederherstellen wollten, und all die kleineren oder größeren monarchistischen Parteien und Milizen, die an eine gewaltsame oder friedliche Restauration dachten.


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