Sezession
13. Mai 2009

Gehör-Faschismus: Pfitzner verhindern!

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 29/ April 2009

sez_nr_29von Jens Knorr

"Kann man Hans Pfitzner retten?", fragt Jens Jessen 2007 in der Zeit, um sich nach Aufzählung von dessen antisemitischen Entgleisungen vor einer Antwort dann doch zu drücken. Um Rettung war es Jessen auch gar nicht gegangen, sondern darum, die Absage eines Konzerts durch die jüdische Gemeinde München zu rechtfertigen, bei dem Pfitzners Sextett op. 55 von Mitgliedern der Münchner Philharmoniker gespielt werden sollte.

Rehabilitiert man einen Sympathisanten des Nationalsozialismus und unbelehrbaren Antisemiten, wenn man seine Kantate "Von deutscher Seele" aufführt? Ja, warnt Dr. Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland einen (!) Tag vor dem Konzert des Deutschen Symphonieorchesters zum Tag der Deutschen Einheit 2008, nicht ohne Chefdirigent Ingo Metzmacher in gedankliche Nähe zum Nationalsozialismus zu rücken: "Wer bei Pfitzner die Musik vom politischen und biographischen versucht zu trennen, der hat nichts aus der Nazi-Diktatur gelernt. Die Aufführung gerade am Tag der Deutschen Einheit erweist dem Land und den Menschen einen denkbar schlechten Dienst und bestärkt rechtsextremistische und nationalistische Umtriebe."

Kündet die Pfitzner-Renaissance also das Vierte Reich an? Aufführungen von "Der arme Heinrich" in Dortmund (1999), "Die Rose vom Liebesgarten" in Zürich (1998) und Chemnitz (2008), "Das Christelflein" in Berlin-Neukölln (2003), München (2004, konzertant) und Hamburg (2008), "Das Herz" in Rudolstadt (1993) und Würzburg (2006), von Pfitzners Hauptwerk "Palestrina" 2009 in München und angekündigt für Frankfurt, Augsburg und Odense (konzertant), Einspielungen fast aller Orchesterwerke, Konzerte, Chorwerke und Lieder auf Tonträger scheinen das seit den neunziger Jahren stetig gewachsene Interesse an dem Komponisten, insbesondere an seinen Bühnenwerken zu belegen.

Von notorischen Mahnern und Warnern unkommentiert, waren einige Instrumentalwerke Pfitzners auf den Konzertspielplänen und sein Hauptwerk, die Musikalische Legende "Palestrina", auf den Opernspielplänen auch früher mehr oder weniger präsent, in München und Wien zählt das Werk sowieso zum Kernbestand des Repertoires. Als 1983 eigens eine Inszenierung an der Ostberliner Lindenoper angesetzt wurde, um dem Tenor Peter Schreier sein Rollendebüt zu ermöglichen, versicherte man sich bei der im selben Jahr veröffentlichten Dissertation über Hans Pfitzners Schriften über Musik und Musikkultur von Detlef Rentsch (Universität Halle-Wittenberg), daß der Nationalkonservative Hans Pfitzner bestimmt kein Nationalsozialist gewesen sei, und schon gar nicht zur Entstehungszeit des Werks. Auch als 1996 auf Wunsch eines einzelnen Herrn, des designierten Chefdirigenten der Deutschen Oper Berlin, die Kulissen der Ernst-Poettgen-Inszenierung von 1962 aus dem Magazin geholt und entstaubt wurden, blieb der empörte Aufschrei aus dem Leo-Baeck-Haus aus.


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