Fühle lokal, denke national: Roger Scruton über grüne Philosophie

rogerscrutongruenephilosophieRezension aus Sezession 59 / April 2014

Was sich mit dem Beiwort »grün« schmückt, erweckt zunächst den Verdacht, dieses Lieblingswort der Zivilgesellschaft solle die eigentlichen Ziele verbrämen: linke Politik, flächendeckende Emanzipation, Gleichheitsideologien. Man kann in Deutschland kein Buch mit dem Titel Grüne Philosophie veröffentlichen und darauf setzen, daß der Leser sich die Mühe macht, den Unterschied zum gemeinhin »Grünen« zu entdecken.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Im Deut­schen gibt des­halb zu Recht der Unter­ti­tel an, wohin die Rei­se geht: »Ein kon­ser­va­ti­ver Denk­an­satz«. Beim eng­li­schen Ori­gi­nal ist das nicht nötig: Roger Scrut­on ist dort als einer der pro­fi­lier­tes­ten kon­ser­va­ti­ven Phi­lo­so­phen bekannt. In Deutsch­land hat sich das bis­lang nur in ein­schlä­gig inter­es­sier­ten Krei­sen herumgesprochen.

Das vor­lie­gen­de Werk ändert das hof­fent­lich, denn es han­delt sich nicht nur um öko­phi­lo­so­phi­sche Erwä­gun­gen, son­dern um einen gro­ßen Wurf. Scrut­ons Buch ist eine ful­mi­nan­te Ver­tei­di­gungs­schrift des rich­ti­gen Lebens (unter star­ker Bezug­nah­me auf die deut­sche Phi­lo­so­phie, ins­be­son­de­re auf Hegel) und gleich­zei­tig eine Abrech­nung mit Gesin­nungs­ethik und moder­nen Heilsversprechen.

Scrut­on geht davon aus, daß kon­ser­va­ti­ves Den­ken und Natur­schutz »von Natur aus« zusam­men­ge­hö­ren: »Umwelt­schüt­zer und Kon­ser­va­ti­ve füh­ren den­sel­ben Kampf.« Dabei geht es ihm weni­ger um das Argu­ment, daß in einer Gesell­schaft, die eine freie Wirt­schaft mit garan­tier­ten Eigen­tums­rech­ten hat, weni­ger Ener­gie ver­braucht wird als im Staatssozialismus.

Ent­schei­dend sei, daß die sozia­le Öko­lo­gie gewahrt wer­de, denn auch das sozia­le Kapi­tal gehö­re zu den schutz­be­dürf­ti­gen Res­sour­cen. Dem wider­spre­che auch nicht, daß alles Leben (und damit auch die Gesell­schaft) im Tod ende: »Der Kon­ser­va­ti­vis­mus ist die Poli­tik des Auf­schubs, des­sen Zweck dar­in liegt, Gesund­heit und Leben eines sozia­len Orga­nis­mus so lan­ge als mög­lich zu gewährleisten.«

Dabei geht es Scrut­on nicht um die Aus­schal­tung des Risi­kos, son­dern um eine Fol­gen­ab­schät­zung für unse­re Ent­schei­dun­gen. Das sei ein übli­ches Ver­fah­ren, an dem sich nur Büro­kra­ten nicht ori­en­tier­ten, weil es ihnen nicht dar­um gehe, eine gute Lösung zu fin­den, son­dern das Pro­blem als gelöst zu bezeich­nen. Es sei gute öko­lo­gi­sche Tra­di­ti­on, den kon­ser­va­ti­ven Ansatz an sich selbst zu erpro­ben. Denn der Hin­weis, daß es nur die Kon­zer­ne sei­en, die ihre Kos­ten aus­la­ger­ten, fal­le auf uns zurück: Wir hiel­ten es näm­lich nicht anders, son­dern folg­ten zunächst ego­is­ti­schen Moti­ven und müß­ten des­halb dafür sor­gen, daß etwas Hem­men­des uns bremst. Scrut­on schlägt Bur­kes »Erb­prin­zip« und de Mais­tres »Fröm­mig­keit« vor. Die Moti­va­ti­on, Umwelt­schutz über­haupt zu prak­ti­zie­ren, sei »das Land selbst – Objekt einer Lie­be, die ihren stärks­ten poli­ti­schen Aus­druck im Natio­nal­staat gefun­den hat«. Der Slo­gan einer kon­ser­va­ti­ven Umwelt­schutz­be­we­gung soll­te lau­ten: »Füh­le lokal, den­ke national.«

Scrut­on führt ent­spre­chen­de Ein­wän­de gegen über­na­tio­na­le Struk­tu­ren, Orga­ni­sa­tio­nen und ande­re Gebil­de ins Feld. Die­se müß­ten am Anspruch des kon­ser­va­ti­ven Umwelt­schut­zes schei­tern, weil ihnen der Bezug zu einem kon­kre­ten Land feh­le. Dage­gen habe die Oiko­phi­lie, die Lie­be zum eige­nen Haus­halt, was Scrut­on auch mit dem deut­schen Wort »Hei­mat­ge­fühl« umschreibt, alle not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen. Das fol­ge nicht aus einer Nut­zen­er­wä­gung, son­dern aus der zweck­frei­en Lie­be zur Schön­heit der Hei­mat. Die damit ver­bun­de­nen Impli­ka­tio­nen sind radi­kal gegen den herr­schen­den Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus gerich­tet: Die­ser sei nur für Intel­lek­tu­el­le unter ihres­glei­chen unpro­ble­ma­tisch, die Gesetz­ge­bung habe sich aber nach der Mehr­heit der Bür­ger zu rich­ten, die durch­aus zwi­schen zuge­hö­rig und nicht­zu­ge­hö­rig unter­schei­de. Ein­wan­de­rung müs­se daher kon­trol­liert werden.

Scrut­on geht von einer Poli­tik aus, die Kon­flik­te schlich­ten will. Damit ein­her geht Scrut­ons kon­ser­va­ti­ver Grund­ge­dan­ke, daß es kein geschicht­li­ches End­ziel gebe – für jeg­li­che Form des Alar­mis­mus und der Panik­ma­che dage­gen schon, und das heb­le das kon­ser­va­ti­ve Prin­zip aus. Dies sei nur in Not­la­gen, bei­spiels­wei­se einem Krieg, gerecht­fer­tigt, aber eben nicht bei einer »erfun­de­nen Not­la­ge«. Der Kli­ma­wan­del und die Reak­tio­nen, die er aus­ge­löst hat, wer­den von Scrut­on als ein Bei­spiel für die­sen Alar­mis­mus ange­führt. Die ein­ge­lei­te­ten Maß­nah­men sei­en Panik­hand­lun­gen ohne Nutzenabwägung.

Scrut­on scheut sich nicht, sei­ne Posi­ti­on als rechts zu bezeich­nen, und weist alle, die mei­nen, die­se Begrif­fe hät­ten sich erle­digt, in die Schran­ken. Denn links und rechts »beschrei­ben kei­ne Theo­rien oder Zie­le, son­dern Iden­ti­tä­ten, die sich in der Struk­tur kol­lek­ti­ver Ent­schei­dun­gen nie­der­schla­gen«. Das gel­te selbst dann, wenn man die­se Zuschrei­bun­gen für Ide­al­ty­pen hal­te, die im Leben nie in Rein­form vor­kä­men. Und so fin­den sich auch bei Scrut­on Anlei­hen aus dem liber­tä­ren Gedan­ken­gut, ins­be­son­de­re dann, wenn er den Umwelt­schutz beim Bür­ger, beim »klei­nen Hau­fen« (Bur­ke) bes­ser auf­ge­ho­ben sieht als beim Staat. – Damit gehört die­ses Buch in die Hän­de all jener, die sich für die deut­sche Nati­on ver­ant­wort­lich fühlen.

Roger Scrut­on: Grü­ne Phi­lo­so­phie. Ein kon­ser­va­ti­ver Denk­an­satz, Mün­chen: Diede­richs 2013. 444 S., 26.99 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Kommentare (9)

Rumpelstilzchen

8. Mai 2014 13:30

Wohl nirgendwo stehen Rechte und Linke so harmlos und unbedarft hintereinander wie an der Kasse eines Biosupermarktes.
Das ist so dämlich deutsch.
In der Hauspostille "SCHROT und KORN" Oktober 2013 wird dies plötzlich doch zum Thema:
Hilfe, braune Bios !!!

https://www.schrotundkorn.de/2013/201310b02.php
Da lob' ich mir Aldi mit seinen Biokarotten und seinem unaufgeregten Deutschsein.
Bio ist in Deutschland immer auch etwas unsexy. Unter rein ( ! ) ästhetischem Gesichtspunkt sind mir im Wald versteckte Kernkraftwerke lieber als durch Windparks verschandelte Felder, Wiesen und Auen.
So werde ich zwangsläufig zum Waldgänger. Obwohl ich alles Weite liebe.

Carsten

8. Mai 2014 14:55

Der Artikel in Schrot(t) & Korn ist echt zum Piepen! Und die Leserkommentare sehr aufschlußreich. Nicht mal mehr die Ökos wollen der "Gegen Rechts"-Propaganda folgen!

Es war der größte Fehler der Konservativen, sich das Bio-Thema von den Kommunisten vom Brot nehmen zu lassen, die damit ihr antideutsches Programm getarnt haben.

Die Grünen wären niemals so erfolgreich gewesen, wenn sie gesagt hätten "Wir wollen Familie, Nation und Bürgertum zerstören". Ihr genialer Trick war, das hinter dem Slogan zu verstecken "Wir wollen den Wald retten". Der Erfolg der Grünen unter diesem Motto ist sonnenklar. Schließlich ist die Liebe zur Natur ein deutsche Veranlagung, um nicht zu sagen "Ahnenerbe".

Der Witz ist, daß sich die Grünen, glaube ich, selbst nicht im Klaren darüber waren (und sind), daß sie ein zutiefst konservatives und deutsches Anliegen vertreten.

Und auch "Bio" mit seinem leicht ideologisierten Galubensanspruch und den 150%igen Anhängern ist sehr typisch deutsch.

Ich bin übrigens auch Bioladen-Kunde.

Strogoff

8. Mai 2014 17:01

Wie man im Bioladen einkaufen kann ist mir wirklich schleierhaft. Das ist auch so eine Luxuserscheinung unserer Zeit.
Hohe Preise und Gemüse das seine besten Tage bereits hinter sich hat schreckt mich eher ab.
Selbst für die Eierverpackung zahlt man noch.
Jeder wie er es mag.

Nordlaender

8. Mai 2014 21:55

@ Strogoff

Keine Ahnung. Denn als Gemütsmensch und Sehmann konnte ich es niemals je über mich bringen, aufgrund der biologisch gewandeten Damen, die in solchen Krämerläden wohl zu frequentieren pflegen, mich in einen solchen hineinzuwagen.

F. Roger Devlin

8. Mai 2014 22:45

Englische Besprechung der Englischsprachigen Ausgabe: "Environmentalismus als Heimatslieb" von Martin Witkerk -
https://www.thesocialcontract.com/artman2/publish/tsc_23_2/tsc_23_2_witkerk.shtml

Frankstein

9. Mai 2014 16:32

Ist das jetzt eine besondere Art von Sarkasmus, über meinem Kommentarfeld steht = servus Frankstein/ nicht Frankstein?
Dazu passt, dass mein letzter Kommentar nicht erschien. Bin ich jetzt ab-serviert?
Was die Grünen mit Bio zu tun haben, erschließt sich mir auch jetzt noch nicht. Die Grünen sind Bolschewisten und Faschisten, die Erwähnung im Zusammenhang mit dem Bio-Theater rückt sie in die Nähe von Menschenfreunden. Was sie mit Sicherheit nicht sind, würden allen Menschen Biokost verordnet, wären weite Landstriche menschenleer. Wenn alle so naturbewußt und nachhaltig handeln, wie die Grünen fordern, wäre Lebensraum für eine halbe Milliarde Menschen. Tatsächlich also sind die Grünen Totengräber der ( überzähligen ) Menschheit. Bitte einmal die Konsequenzen der Forderungen durchdenken, dann verbietet sich die Erwähnung irgendwelcher grünen Taten von alleine. Außer, man macht sich deren nachhaltiges Handeln zueigen. Hat ja irgenwie auch einen Reiz. Aber das ist schon wieder, ja was eigentlich? Rechts, nazistisch, bolschewistisch oder gar faschistisch ? Oder nur die Sicherung der eigenen ( unverdienten) Pfründe ? Oder glaube die Grünen, Ali Baba und die vierzig Millionen Räuber lassen die Bio-Läden ungeplündert ? Das wäre dann wiederum ein Hinweis auf nachhaltiges Handeln.

Kositza: Lieber Frankstein, Ihr Kommentar steht doch da, wo Sie ihn plaziert haben. Für die baukastensteinförmig-betuliche Anrede "Servus Frankstein/nicht Frankstein" ist das "System" verantwortlich. "Das System" fragt mich neuerdings, wenn ich einen Beitrag einstellen will: "Was bewegt dich?" Das System denkt anscheinend ein bißchen wie Ikea. Schön ist das natürlich nicht; dämliches System.

Hartwig

9. Mai 2014 23:25

@ Frankstein
Es ist spät und eine knappe Flasche Weisswein und ein Glas Roter trübt allmählich meine Sinne. Dennoch glaube ich, dass ich auch völlig nüchtern mit Ihren Zuweisungen ala Faschisten, Bolschewisten etc. Verständnisprobleme gehabt hätte.
Wie dem auch sei; zum Thema: Nicht nur der heutig herrschende relative Komfort über alle Klassen und Rassen hinweg, sondern auch die schiere Zahl der Weltbevölkerung ist unmittelbares Ergebnis des fossilen Energie-Inputs, den wir seit knapp 200 Jahren haben, und den wir vielleicht noch ein paar Jahrzehnte aufrecht erhalten können. Danach ist uns entweder etwas Geniales eingefallen oder alle Karten werden ganz neu gemischt, beginnend mit der Nahrungsmittelproduktion.
Im Sezessionsheft "Heimatboden" gibt es dazu einen guten, grundlegenden Beitrag.

Frankstein

10. Mai 2014 09:47

Liebe Kositza, ich meine den Kommentar zur Inclusion vom 9.5.2014.
Zugegeben, ein bißchen provokant, aber jede Art von Betulichkeit geht mir allmählich auf den Wecker. Alle Welt behandelt uns mittlerweile wie geistige Dünnbrettbohrer, da muss man zuerst verbal gegenhalten. Aber nicht nur verbal. Ich beobachte seit einiger Zeit in verschiedenen Foren die Tendenz zu hochgeistigen Abhandlungen, gerade auch bei sogenannten Rechten. Es scheint Mode zu werden, sich in einschlägigen Blogs als rechts und national zu bezeichnen, um seine eigene Meinung zu verbreiten. Und unterschwellig wird immer die Dämlichkeit der Deutschen betont. Die Deutschen sind nicht dämlich, sie sind treuherzig, naiv, vertrauensselig und manchmal ein wenig infantil. Wenn man will, das letzte indegene Volk. Und eigentlich gehören sie unter Artenschutz, mindestens auf die Liste der bedrohten Völker. Ein Treppenwitz der Evolution. Die älteste, noch auf ihrem Territorium lebende Spezies, die älteste noch erhaltene Sprache und Kultur, der höchste Sozialisierungs- und Evolutionsgrad, ist/sind dem Verfall preisgegeben. Und wir baden unser Ego im Wettstreit um den größten Wortwitz. Die Situation könnte ernst sein, wenn sie nicht hoffnungslos wäre. ( Witz aus)

Frankstein

11. Mai 2014 09:58

Tut mir leid Hartwig, dass mein Kommentar Sie verstört. Eigentlich hat Scruton alles gesagt, was zu sagen ist. Aber er muss seine Bücher vermarkten und viele Rücksichten nehmen.
Das muss ich nicht und Ihr Hinweis auf den fossilen Energieinput liefert eine weitere Steilvorlage. Das ist grüne Gehirnwäsche par exellence. Zuerst ist kein Ende der fossilen Energie absehbar.
Die Mär vom Peak-Öl stammt aus grüner Agenda, damit sich grüne Bio-Bauern die Taschen mit Steuergeldern stopfen können. Wer anders, als die Grünen, stockt sein Einkommen mit Biogas-Anlagen und Windpark-Anleihen auf ? Wer anders, als die Grünen, profitiert also von der Energiewende ? Wer verweigert jeden technischen Fortschritt hin zu beherrschbarer atomarer Techologie, die vielleicht eines Tages die kalte Fusion ermöglichen könnte? Die Grünen - im Verein mit den Roten- verhindern eine Energie-Revolution, aus rein egoistischen Motiven. Darüberhinaus sprechen sie der Gemeinschaft die Fähigkeit zur Substitution ab, die in vergangenen Zeiten vielfach bewiesen wurde.
Dagegen setzen sie das Mantra der Endlichkeit schöpferischer Forschung. Sie denken und handeln eben nicht lokal und national, sondern egomanisch bis esoterisch.
Was ist das anderes als Bolschewismus und Faschismus. Und ich muss Rumpelstizchen energisch widersprechen, kein wirklich Konservativer steht im Bio-Laden.
Im Übrigen ist biologisches - und damit menschliches - Leben überhaupt nur möglich, weil es die natürlichen Zerfallsprozesse nutzt. Angefangen bei zerstörter Sternenmaterie, über die Strahlung der Sonne bis hin zu den lebensnotwendigen Mineralien, die aus Erosion und atomarem Verfall stammen. Auch der Körper eines grünen Ideologen strahlt genausoviel natürliche Radioaktivität, wie der stillgelegte Forschungsreaktor in Jülich. Auch der Grüne nutzt die vielfältige fossile Energie seit seiner Geburt. Angefangen auf der Endbindungsstation, über das Frühchenbett, das warme Fläschen, die Pampers bis hin zu warmen Kitas und Klassenzimmern. Und weiterhin über klimatisierte Hörsäle, Warmwasserheizungen und energieintensive Kommunikationsmittel. Der wahre Grüne heißt Rumpelstilzchen und wohnt im Walde.

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