Sezession
2. Juni 2014

Blut wird fließen: Jonas Lüschers Novelle „Frühling der Barbaren“

Ellen Kositza / 1 Kommentar

jonasluescherfruehlingderbarbarenRezension aus Sezession 59 / April 2014

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Der Titel dieses Buchs erschien gleich reizvoll. Die wenngleich günstigen Rezensionen ließen aber abwinken: ein Novellchen über die Krise des Kapitalismus, eine Story für weit offene Türen, für den Hauptstrom also. Wer wäre schon prokapitalistisch, unter Intellektuellen? Man hat dieses Werk eines in Deutschland lebenden Schweizers des Jahrgangs 1976 also mit Verspätung rezipiert. Besser spät als nie: ein hervorragendes Stück Literatur!

Preising heißt der Mann, der dem Ich-Erzähler diese unglaubliche Geschichte erzählt, die mit den gleichen Worten enden wird, mit denen sie beginnt: »Du stellst die falschen Fragen!« entgegnet der Firmenerbe Preising dem Erzähler auf eine Frage, nach deren Stellung die Geschichte erst beginnt. Preising erweist sich als Herr der alten Schule. Das zeigt sich in seiner Sprache und darin, daß er die Geschäftsführung längst einem kapitalismusfitten, entschlußfreudigen Balkandeutschen, Sohn eines bosnischen Buffetkellners, übergeben hat. Die Drossel&Potentiometer Manufaktur wird nun unter dem dynamischeren Namen Prixxing geführt, und zwar sehr erfolgreich. »Paß auf«, sagt Preising seinem Zuhörer, »ich werde es dir beweisen, und zu diesem Behufe werde ich dir eine Geschichte erzählen.« Was aber beweist diese Geschichte, die in diesem Rahmen berichtet wird?

Preising jedenfalls war in Tunesien. Dort kontaktierte er konkurrierende Zulieferbetriebe. Der Chef der einen Firma kam jäh ums Leben, der andere schickte seine geschäftstüchtige Tochter vor. Saida betreute ein Touristenressort in einer Wüstenoase. Hier herrschten ein Komfort und eine Dekadenz, wie sie ein Christian Kracht nicht hätte besser ausmalen können. Preising geriet in eine Hochzeitsgesellschaft aus Londoner Börsenmaklern. Junge Leute, die mit Millionen hantierten, als seien es Spielkarten, schlank, durchtrainiert, mit samtener Haut. Das Fest war ein großes, lüsternes Spiel ohne Rücksicht auf Verluste. Es sollte ausufern. Noch während der Hochzeitsspiele passierte etwas, das jeder der Anwesenden vorausgeahnt, aber niemand für wahr genommen hatte: Das britische Pfund kollabierte. Über Nacht waren die Papiermillionäre zu Schuldnern geworden. Sämtliche Kreditkarten sind gesperrt. Der dünne Firnis der Zivilisation bricht jäh zusammen.

Jonas Lüscher hat seiner dichten, bildergefluteten Novelle ein Zitat des kommunistischen Geschichtsphilosophen Franz Borkenau vorangestellt, der sich an Spengler abgearbeitet hatte: »Barbarei« sei »nicht kulturelle Primitivität, kein Zurückdrehen der Uhr«. Sie sei ein »Zustand, in der Werte der Hochkultur vorhanden sind, aber ohne die gesellschaftliche und moralische Kohärenz, die eine Vorbedingung für das rationale Funktionieren einer Kultur ist. … Unbestreitbar kann dieser Weg durch einen Zusammenbruch des politischen und wirtschaftlichen Lebens, durch Jahrhunderte spiritueller und materieller Verarmung und durch schreckliche Leiden führen. Unsere eigene Art von Zivilisation mag nicht ungebrochen überleben – doch wir können sicher sein, daß ihre Früchte in irgendeiner Form überleben werden. Es gibt keine historische Grundlage für eine tabula rasa als Endresultat.« Es wird Blut fließen. Bluten müssen sie alle. Und doch wird es weitergehen, was sonst? Was für ein großartiges Debüt!

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren. Novelle, München: C.H. Beck 2014. 125 S., 14.95 €


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (1)

Ein Fremder aus Elea
2. Juni 2014 16:49

Solange man sich noch danach sehnt, blutet man nicht.

Die jetzige Phase läuft ja erst seit 1990 richtig. Gerade mal eine Generation. Es gibt noch zu viele Altlasten.

Zur Zeit befinden wir uns in einer nostalgischen Phase, vertreten durch Farage und Lucke. Erinnerungen an die vorige Phase, das Fortschrittsverständnis der 70er. Erst löst man sich, dann reflektiert und bricht man.

So war's zuvor in den 50ern, nach der Revolte der 20er und 30er ein bißchen Nostalgie. Dann die 60er und 70er.

Analog dürfte die jetzige Phase ungefähr ab 2030 ihre Fratze ohne Scham zeigen. Dann kommt der nächste Kater. Und auch der letzte.

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