Sezession
26. Mai 2014

So losgelöst. So müde. – Hirnhunde lesen

Nils Wegner / 1 Kommentar

Ach, in die Qual gestellt/ taumelst inmitten,/ rings auf den Irrsinn der Welt/ Blumen zu schütten.
(Josef Weinheber: Sendung, 1934)

Wenn auf etwas Verlaß ist, dann immerhin auf den Schnellrodaer Versand – nach der Amazon-Blutgrätsche allzumal. Am vergangenen Samstag waren die „Hirnhunde“ in der Post: eine mehr als willkommene Ablenkung vom Bücherwälzen anläßlich der Examensarbeit und gewiß ein sinnvollerer Zeitvertreib, als Graustufen des Elends anzukreuzen. Gestern, 21 Uhr sine tempore, war der Roman ausgelesen.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

An Belletristik aus der und/oder über die „Szene“, was auch immer das sein mag, ist in vergangenen Jahren ja nun so einiges erschienen. Im Grunde kein Wunder, steckt doch von einer argwöhnischen Perspektive her das Alltagsleben schon voller Tragik und Skurrilität, sodaß eine Übertragung ins Literarische naheliegend scheint. Allein, der Schritt vom Bericht zur Kunst kommt eher einem blinden Hüpfer gleich, und Fuß zu fassen, ist nicht jedermanns Sache – ohne damit jeweilige Verfasser herabwürdigen zu wollen.

Englischsprachige Bände, wie das kongeniale und wohl bald endlich übersetzte „Mister“, wohlweislich außenvorgelassen: Bei einer kurzen Rekapitulation dessen, wovon man „mal gehört“ haben könnte, kommen mir spontan Björn Clemens' „Pascal Ormunait. Ein deutscher Justizroman“ (2013) und Andreas Molaus „Die Entdeckungen des Alexander Kern“ (2008) in den Sinn; beides Bücher, die ich selbst zugegebenermaßen nicht gelesen habe und mir deshalb auch kein Urteil anmaße. Darüber, daß letzterer Herr sich mittlerweile gehäutet und bei den „Aussteiger“-Auxiliarii eingereiht hat, kann man weiters geteilter Meinung sein, aber das ist für eine Bewertung als Autor ohnehin unerheblich.

Dann war da noch eine Neuerscheinung in Baal Müllers Telesma-Verlag, „Von kommenden Stürmen“ aus der Feder Thomas Barthélemys, deren Präsentation auf dem letzten zwischentag mir aufgrund anderweitiger Verpflichtungen leider entging. Und letztlich auch, sonstwo, das skurrile Interludium „Bauchschmerzen“ (2009) eines vorgeblichen Wolfgang Gottschalk, bei dem das vom Verlagstext proklamierte „Erschrecken vor sich selbst“ zumindest bei mir als Leser irgendwo ausgeblieben ist. Vielerlei Standpunkte, vielerlei Zugänge zum Roman als literarischer Form – nachdem ein ehemaliger Dozent aus meiner Gießener Zeit jüngst seine Dissertation über den „westdeutschen Kriegsroman 1945–1960“ in den Druck gegeben hat, steht wohl langsam auch eine germanistische Arbeit über die rechten Post-Wende-Romane zu erwarten. Wundern würde es jedenfalls nicht.

Nun also: „Hirnhunde“. Dankenswerterweise ein Buch, über das sich auch sprechen läßt, ohne den Handlungsverlauf offenzulegen! Das aber geht gleichsam nicht, ohne angesichts des Verlagstextes lächelnd den Kopf schiefzulegen. Nicht, daß dort ein einziges falsches Wort geschrieben stünde, oh nein – der Roman selbst vermag alle Zusagen zu halten, die die Werbung eingeht. Jedoch, derartiges prägt den Leser zwangsläufig vor, und ich glaube kaum, daß das hier unabsichtlich geschieht:

Wer unbefangen, wohl als „Szene“-Exeget, an das Buch herangeht, der wird viel Vertrautes wiederfinden. Nicht in der Form eines Schlüsselromans, der quasi einer Sekundärpublikation harrt, die alle Decknamen offenlegt und allerlei unterstützende Lektürehilfen bietet. Sowas hat der "Raoul Thalheim" benamste Autor nicht nötig und wohl auch nicht im Sinn gehabt. Von daher sollte man hier auch nicht das große Enthüllungs- oder Abrechnungswerk hinsichtlich der Neuen Rechten erwarten; diese Erkenntnis wirkt gleichsam befreiend, da wohl wenig dieses liebenswert-verschrobene Milieu so unentspannt wirken läßt wie der Hang zur ewigen Selbstreferentialisierung und -kritik. In diesem Sinne ist auch das Ratespiel um die wahre Identität des Schriftstellers eigentlich ziemlich unerheblich, obgleich der Verfasser dieser Zeilen natürlich seine eigene These dazu hat.

Die „Hirnhunde“ zu bewerten, das hieße (ohne falsche Großtuerei), viele Register gleichzeitig aufziehen zu müssen. Um einen möglichen Grundvorbehalt von vornherein zu entkräften: Nein, hier liegt kein weiteres Larmoyanz-„Heulheul flennflenn, alle sind so gemein zu uns!“-Werk vor, derer es in Prosa und als Sachbuch wahrlich genug gibt. Vielmehr ist dieser Roman schlichtweg ein deutsches, meinethalben auch ein bundesrepublikanisches Buch. Und das sogar, von meiner Historikerwarte aus, als mentalitätsgeschichtlich-künstlerischer Querschnitt durch die drei historiographischen Ströme nach Fernand Braudel – als da sind: geographische, zyklische/epochale sowie Ereignisgeschichte –, soweit man einen Hauch Phantasie aufbringt und dazu bereit ist, sine ira et studio zwischen den Zeilen zu lesen. So entspinnt sich, und eben nicht rein trocken-wissenschaftlich, sondern direkt am Leben, das Kondensat der sogenannten „Annales“-Schule: die histoire totale, in der strukturell „alles mit allem zusammenhängt“.

Nun stellt aber „Hirnhunde“ nun einmal keine geschichtliche oder auch nur ansatzweise sonstwie wissenschaftliche Annäherung an das Leben diesseits des „Hauptstroms“ dar. Vielmehr lebt dieses Buch und entfaltet seinen Zauber ganz durch die Resonanz der Innenschau des Protagonisten. Seiner Innenschau und seiner Haltung im Spiegel des jeweiligen Gegenüber: Seien es die Kollegen in der Freigeist-Redaktion, sei es der alte Freund aus Kindertagen oder gar das sich scheu annähernde Wesen aus Anderwelt, eben jene Agnes, deren „Sonnenstrahlen“ aus einer ganz anderen Ebene des scheinbar komplett in Schubladen eingeordneten Lebens herüberstrahlen. „Hirnhunde“ ist ein Roman des Fühlens, sicher auch in gewissem Ausmaß des Ahnens. Ganz persönlich glaube ich nicht, daß irgendjemand, der jemals die Gefilde der Sezession, des Instituts für Staatspolitik, der Neuen Rechten oder der sonstwie gearteten tatsächlichen Dissidenz jemals (und sei es unabsichtlich!) berührt hat, nicht seinerseits von diesem Werk berührt werden wird; dabei spielt es wirklich keine Rolle, ob er diesen vielleicht flüchtigen Kontakt als Autor, als Leser, als Kritiker, vielleicht selbst als Schnüffler gefunden hat.

„Hirnhunde“ wirkt deswegen so faszinierend, weil es keinerlei appellativen Anspruch hat. Das macht den Roman so leichtgängig; man kann ihn tatsächlich in einem Rutsch herunterlesen, ohne zwischendurch irgendetwas nachschlagen zu müssen. Gewiß: Derlei mag nicht uneingeschränkt gefallen. Ich erinnere mich lebhaft an gute, fundierte Vorträge, nach denen die erste Wortmeldung aus einem schlichten „Und was machen wir jetzt?!“ bestand. Aber wir reden hier von Belletristik, zumal der edition nordost, und ein Stück weit liegt darin der rein literarische Vorzug des fiktionalen Antaios-Sortiments gegenüber etwa den kaplaken.

Letztere sind ungemein wichtige, ja, wertvolle Büchlein – nichtsdestoweniger wird sich kaum jemand dafür interessieren oder einen weiterführenden Gewinn aus der Lektüre haben, der nicht ohnehin schon „drin“ in dem Ganzen und einer gelegentlichen perspektivischen Vergewisserung nicht abhold ist. Da eröffnen die Romane (ob nun Klassiker wie Fernau, vom „System“ verschmähte Glanzlichter wie Raspail oder exotisch-visionäre Werke wie di Tullio) schon einen anderen geistigen Spielraum, gerade weil man über sie auch mit „Außenseitern“ lebhaft diskutieren können wird, soweit diese auch nur eine Faser Unvoreingenommenheit in sich tragen.

Denn „Hirnhunde“ lotet den feinstofflichen Bereich aus, der vielen gut bekannt sein wird: die Beklommenheit gegenüber der irgendwann unvermeidlichen Frage „Und was machst Du so?“. Das spezifische Unbehagen – im Buch: die „Grundbauchschmerzen“ (sicherlich nicht ohne Seitenhieb, s.o.) – gegenüber unbeabsichtigtem Beifall von unerwarteter Seite. Die Zerrissenheit zwischen dem Willen, schlicht ein „guter“, arbeitsam-ehrlicher Mensch zu sein und der Realität, erstens hohnlächelnde Schurken auf der erfolgsmäßigen Überholspur zu sehen und zweitens von der sogenannten Gesellschaft ein scheinbar einmütiges „Wir wollen Dich nicht!“ ins Gesicht gespien zu bekommen. Die – allein journalistische? – Selbstverpflichtung der Wahrheit gegenüber, Hand in Hand gehend mit einer ganz speziellen, überbordenden Sensibilität für das tatsächliche Sein der Dinge, die aber nicht in den gemeinen Kanon paßt und deswegen allenfalls abseitig vom etablierten Betrieb einen Kanal findet – die allgegenwärtige „Herrschaft des Verdachts“ und der „Mimikry“ auf der anderen Seite. Das ewige Sitzen zwischen den Stühlen. Gleichzeitig, und das dürfte wohl ein übergreifender Anlaß zum Schmunzeln sein, fehlte auch lange die Darstellung der Menschen „unserer“ Gefilde als tatsächlich-menschliche Personen, bar jedes Helden- und Opfermuts, schlicht fokussiert auf ein anständiges Leben unter Erfüllung dessen, was die jeweilige Arbeit eben verlangt.

Die „Hirnhunde“ sind, trotz aller Lesbarkeit und vielseitiger Möglichkeiten der Auslegung, gelegentlich ein Brocken in wahlweise Magen oder Hirn. Das stellt sich spätestens dann ein, wenn es (unter häufiger Vergegenwärtigung der Gedankengänge des Protagonisten) um Zwischenmenschliches, auch und gerade über politische Lager hinweg, geht. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die (sagen wir mal) romantischen Stellen des Buchs gerade gen Ende wohl zum Bedeutungsvollsten gehören, was diesseits irgendwelcher prätentiöser Literaturpreise soweit geschrieben worden ist.

Yours truly weigert sich in jedem Fall auch aus eigener Erfahrung standhaft, zu glauben, daß derartige Berührungsmomente/-szenen zwischen den sogenannten „Extremen“ eine Seltenheit wären. Vielmehr gilt es hier wohl, ein altes chinesisches Sprichwort zu bedenken: nämlich daß man, „wenn man wie ein Nagel heraussteht, eben plattgehauen wird“ – und im halbkrummen Zustand neigen sich Nägel zwangsläufig einander zu. Definitiv handelt es sich hierbei um kein optimistisches Buch, und gewiß ist der Abschluß ähnlich niederreißend wie bei den „Sieben“ – gleichwohl handelt es sich hierbei um eine unhintergehbare Lektüre. Punctum.

(Hirnhunde hier einsehen und erwerben.)


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


Kommentare (1)

Rumpelstilzchen
26. Mai 2014 21:39

Das Rechte, das ist definitiv männlicher Stil. Ordnungsgedanke, Dezisionismus, Etatismus, Kulturpessimismus, Ästhetizismus, Analyse. Das ist ein Männerprogramm, durch und durch.

aus Hirnhunde

Ich habe das Buch sofort bestellt, weil ich wissen wollte, wie es sich anfühlt, wie eine Fliege an der Decke rumzulaufen:

https://www.sezession.de/44946/raoul-thalheim-hirnhunde.html#more-44946

Ich habe das Buch verschlungen und bin begeistert. Endlich mal was für Frauen.
Kein Ordnungsgedanke ! Keine Männer, die auf Käfer starren. Ein liebenswerter Protagonist.
Ein intelligentes, sensibles Buch. Zum Lächeln, laut Lachen. Geniale Anspielungen, Komik . Eine zarte Liebesgeschichte, die in der Schwebe bleibt. Und somit hocherotisch. Unterhaltend, amüsant. Ein überraschendes Ende.

Ich bin zuwenig belesen, als dass ich wüsste, wer der Autor sein könnte.
Aber ich würde gerne mehr von ihm lesen. Vielleicht tritt er mit Perücke auf einer Lesung auf ? Ich hab' mich kaputtgelacht über diese im Buch genannte Idee.
Vielleicht hat ja Eugen diesen Roman geschrieben oder die Edelfeder aus Wien. Wer weiß.
Ich kann dem Buch nur eine große Verbreitung und Aufmerksamkeit auch von anderen Seiten wünschen.
Ein großer Wurf.

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