Wien: Linke Blamagen und identitäre Offensiven

Die Kundgebung der Identitären Bewegung in Wien vom 17. Mai hat im Laufe der letzten Woche erhebliche Wellen...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

in der Medi­en­land­schaft geschla­gen; kein Tag ver­ging ohne neue Mel­dun­gen und Dis­kus­sio­nen über die Demons­tra­ti­on, ihre Ver­an­stal­ter, ihre Teil­neh­mer, ihre Geg­ner und die Rol­le der Poli­zei. Mitt­ler­wei­le gibt es in Wien nie­man­den mehr in Pres­se und Poli­tik, der nicht von den “Iden­ti­tä­ren” gehört hätte.

Arti­kel, Kom­men­ta­re und Repor­ta­gen fan­den sich in allen maß­geb­li­chen Medi­en: Die Pres­se, Der Stan­dard, der Kurier, die Kro­nen-Zei­tung, Öster­reich, der Fal­ter, Pro­fil, Heu­te, das Wirt­schafts­blatt, Wie­ner Zei­tung, der ORF oder oe24. Wer die Bericht­erstat­tung ver­folgt hat, konn­te wirk­lich den Ein­druck gewin­nen, daß die Ver­hält­nis­se wenn auch noch nicht zum Tan­zen, so doch erheb­lich ins Wackeln gera­ten sind.

Der amü­san­tes­te Teil des Spek­ta­kels war gewiß die nach­hal­ti­ge Bla­ma­ge und Selbst­de­mon­ta­ge der “anti­fa­schis­ti­schen” Lin­ken, die mit laut­star­kem “Haltet-den-Dieb”-Geschrei von ihrer eige­nen Rol­le abzu­len­ken ver­such­te – ich habe bereits letz­te Woche aus­führ­lich dar­über berich­tet. Der Fokus lag zunächst auf der angeb­lich “unfaß­ba­ren” und “wahl­lo­sen” Poli­zei­ge­walt gegen die Gegen­de­mons­tran­ten, die sich als unschul­di­ge Opfer einer unbot­mä­ßi­gen staat­li­chen Repres­si­on gegen “anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand” insze­nier­ten. “Die Gegen­kund­ge­bung geriet unter Poli­zei­knu­ten”, schrieb etwa Der Stan­dard am 19. Mai, dabei gän­gi­ge, aber völ­lig ver­zerr­te Bil­der beschwörend.

Die hart­nä­ckigs­te Greu­el­ge­schich­te der ers­ten Tage, über eine schwan­ge­re Frau, die infol­ge von Miß­hand­lun­gen durch die Poli­zei ihr Kind ver­lo­ren haben soll, erwies sich ziem­lich bald als, wie es stel­len­wei­se ver­schlei­ernd hieß, “Zei­tungs­en­te” – wahr­schein­li­cher ist frei­lich, daß es sich um eine bewuß­te Pro­pa­gan­da­lü­ge alter Schu­le han­del­te. (Dazu etwa der Kom­men­tar von Andre­as Unterberger.)

War zu Beginn noch unscharf von “Zusam­men­stö­ßen” und “Eska­la­tio­nen” zwi­schen Lin­ken und Rech­ten die Rede, stell­te sich bald her­aus, daß die Aggres­si­on gegen die Iden­ti­tä­ren und die Poli­zei gezielt und aus­schließ­lich von mili­tan­ten Lin­ken aus­ging, wofür fast täg­lich neu­es Foto­ma­te­ri­al auf­ge­taucht ist. Beson­ders erhei­ternd war die Sto­ry des “Jus-Stu­den­ten Ali A.”, publi­ziert in der mil­lio­nen­fach ver­brei­te­ten Kro­nen-Zei­tung, der sich in der Nach­rich­ten­sen­dung ZiB24 als geknu­te­tes Hascherl insze­nier­te, blö­der­wei­se aber beim Stei­ne­schmei­ßen foto­gra­fiert wurde.

Damit war die Debat­te über die angeb­lich exzes­si­ve Poli­zei­ge­walt recht bald ver­san­det – wobei gewiß auch die Erin­ne­rung an die mas­si­ven links­ra­di­ka­len Aus­schrei­tun­gen im Zuge der Pro­tes­te gegen den Wie­ner Kor­po­rier­ten-Ball eine Rol­le gespielt hat. Die Demo gegen “Poli­zei­ge­walt” am 22.5. hat jeden­falls kaum jeman­den inter­es­siert, nicht ein­mal die Poli­zei selbst.

Sogar das lin­ke BoBo-Blatt Fal­ter schrieb wahr­heits­ge­treu, daß die Lin­ken die Kund­ge­bung der Iden­ti­tä­ren “mit Sitz­blo­cka­den, aber eben auch mit Stei­nen” zu stop­pen versuchten:

So viel Haß lag zeit­wei­se in der Luft, wäre die Poli­zei nicht als Puf­fer da gewe­sen, die Schar­müt­zel hät­ten im Blut­rausch enden können.

Daß die­ser “Puf­fer” jenen, die Gewalt statt Argu­men­te ein­zu­set­zen belie­ben, ein Dorn im Auge ist (exem­pla­risch die sich mit roten Fah­nen und kom­mu­nis­ti­scher Ästhe­tik schmü­cken­de “Offen­si­ve gegen Rechts”), ver­steht sich von selbst. Sie haben dabei wie­der mas­si­ve Unter­stüt­zung von den Grü­nen bekom­men, deren Ver­fil­zung mit dem mili­tan­ten Milieu bereits im Zuge der Aus­schrei­tun­gen gegen den Wie­ner Kor­po­rier­ten-Ball ans Tages­licht gekom­men ist.

Mit­ten in der Meu­te der Gegen­de­mons­tran­ten befand sich etwa Albert Stein­hau­ser, sei­nes Zei­chens grü­ner Natio­nal­rat und Pres­se­spre­cher, wäh­rend die grü­ne Vize­bür­ger­meis­te­rin Maria Vas­sila­k­ou eine Stel­lung­nah­me publi­zier­te, die bei genau­er Betrach­tung in jedem zwei­ten Satz nach hin­ten losgeht.

Zunächst wer­den die Rech­ten mit klas­si­scher Bür­ger­kriegs­lo­gik als Mensch­heits­fein­de und “Anti­de­mo­kra­ten” bezeichnet:

Wien war am Sams­tag erst­mals seit Jah­ren Schau­platz eines öffent­li­chen Demons­tra­ti­ons­zu­ges von Rechts­ex­tre­men aus ganz Euro­pa. Bei der­ar­tig unge­nier­tem und pro­vo­kan­ten Zur-Schau-Tra­gen von Ver­ach­tung demo­kra­ti­scher und men­schen­recht­li­cher Grund­prin­zi­pi­en kann man nicht ein­fach zur Tages­ord­nung übergehen.

Dann wird die Lüge von der wider­stän­di­gen “Zivil­ge­sell­schaft” voll “enga­gier­ter Bür­ger” bemüht, die de fac­to nichts wei­ter ist, als die Mobil­ma­chung links­ra­di­ka­ler Grup­pen und Antifanten:

Wien darf nicht zum Marsch­ge­biet für rechts­ex­tre­me Grup­pie­run­gen aus ganz Euro­pa wer­den. Nach­dem die­se in zahl­rei­chen deut­schen Städ­ten mitt­ler­wei­le auf mas­si­ven Wider­stand der Stadt­re­gie­run­gen und der Zivil­ge­sell­schaft sto­ßen, glau­ben eini­ge offen­sicht­lich, sich Wien als neu­es Pflas­ter aus­su­chen zu können.

Und nicht min­der heuch­le­risch wird über den Modus und die Fol­gen sol­cher Auf­mär­sche gespro­chen, die typi­scher­wei­se von anti­fa­schis­ti­scher Aggres­si­on und Ver­wüs­tungs­wil­len geprägt sind.

Wer bei Demons­tra­tio­nen Stei­ne gegen Poli­zis­tIn­nen schmeißt, gefähr­det die Glaub­wür­dig­keit all jener, die aus völ­lig berech­tig­ter Sor­ge und Über­zeu­gung demons­trie­ren (© Colet­te Schmidt) und mit fried­li­chen und somit legi­ti­men Mit­teln Auf­mär­sche von Rechts­ex­tre­mis­ten in Wien ver­hin­dern wollen.

Dabei wird auch hier mit kei­nem Wort erwähnt, daß auch die “fried­li­che” (gemeint sind wohl die pas­siv-aggres­si­ve Sitz­blo­cka­den) Behin­de­rung einer Demons­tra­ti­on schlicht­weg einen Rechts­bruch und erst recht eine “Ver­ach­tung demo­kra­ti­scher und men­schen­recht­li­cher Grund­prin­zi­pi­en” bedeu­tet. Die­se Tat­sa­che wird von inter­es­sier­ter Sei­te am lau­fen­den Band sys­te­ma­tisch ver­wischt; man will den Anschein erwe­cken, daß nicht-lin­ke Posi­tio­nen gene­rell unde­mo­kra­tisch und qua­si kri­mi­nell seien.

Daß auch die “Iden­ti­tä­ren” und ihre Sym­pa­thi­san­ten womög­lich aus “völ­lig berech­tig­ter Sor­ge und Über­zeu­gung demons­trie­ren” kommt Vas­sila­k­ou offen­bar nicht in den Sinn. Es ist natür­lich beque­mer, nach einem Ver­bot abwei­chen­der und oppo­si­tio­nel­ler Mei­nungs­kund­ge­bun­gen zu rufen, und dies dann wider­sin­ni­ger­wei­se als “demo­kra­tisch” zu erklären.

Mein Favo­rit unter den Kom­men­ta­ren sei­tens der links-bür­ger­li­chen Pres­se stammt von Doris Knecht aus dem Kurier. Der lang­jäh­ri­gen Fal­ter-Mit­ar­bei­te­rin ist sicht­lich das Koor­di­na­ten­sys­tem durch­ein­an­der gera­ten, was skur­ri­le Fehl­wahr­neh­mun­gen zur Fol­ge hat.

Die Fotos von der Demo und der Gegen­de­mo im Netz, die muti­ge Vice-Repor­ta­ge über den Auf­marsch der Rech­ten und die Rol­le der Hel­fer und Beschüt­zer, die die Poli­zei dabei ein­nahm. Man sieht, wie die Wie­ner Poli­zei rech­te Demons­tran­ten aus ganz Euro­pa sicher gelei­tet und sich von ihnen auch noch das wei­te­re Vor­ge­hen dik­tie­ren lässt. Wie sie mit Pfef­fer­spray in die Gesich­ter Vor­über­ge­hen­der, am Boden Lie­gen­der und Hel­fen­der sprüht. Wie vier mul­ti­pel bewaff­ne­te Poli­zis­ten auf einem Demons­tran­ten knien.

Ich weiß nun nicht genau, was Frau Knecht an der Repor­ta­ge von Vice denn so über­ra­gend “mutig” fin­det; wäh­rend etwa die Iden­ti­tä­ren den Repor­tern groß­zü­gi­gen Zugang zu ihrer Demons­tra­ti­on gewähr­ten, haben nach Aus­kunft von Augen­zeu­gen diver­se Anti­fan­ten das Vice-Team mehr­fach mit Gewalt- und Todes­an­dro­hun­gen belegt.

Die Iden­ti­tä­ren haben außer­dem kei­nes­wegs der Poli­zei “das wei­te­re Vor­ge­hen” dik­tiert, son­dern sich ohne Wider­spruch an deren Anwei­sun­gen gehal­ten, wie etwa, die Marsch­rou­te zu ver­le­gen, um Zusam­men­stö­ße zu ver­hin­dern. Alles, was man in dem Video sieht, ist, wie ein iden­ti­tä­rer Ver­ant­wort­li­cher mit einem Poli­zis­ten ein wenig über die noch zu ver­blei­ben­de Rede­zeit feilscht.

Der Sub­text ist klar: Knecht scheint schon gene­rell die Tat­sa­che skan­da­lös zu fin­den, daß “die Wie­ner Poli­zei rech­te Demons­tran­ten sicher gelei­tet”. Was wäre ihr denn lie­ber? Daß sie sie ver­haf­tet? Daß sie sie dem Zorn der vier­fa­chen Anzahl von Gegen­de­mons­tran­ten preis­gibt? Die weit­aus häu­fi­ger statt­fin­den­den lin­ken Demos braucht die Poli­zei indes kaum zu schüt­zen – denn die­se wer­den ja auch weder ange­grif­fen noch behindert.
Aber ach, die Knecht ver­steht die Welt nicht mehr: Aber ach, die Knecht ver­steht die Welt nicht mehr:

Die Fotos und Berich­te las­sen einen fra­gen, in wel­cher Stadt man eigent­lich lebt. Ob das wirk­lich das rot-grü­ne Wien ist. War­um die Poli­zei so bru­tal gegen besorg­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger vor­geht. War­um die Gegen­de­mons­tran­ten noch wei­ter ver­folgt wur­den, als die Iden­ti­tä­ren längst in einem Bier­lo­kal ihren schö­nen, von der Poli­zei gut geschütz­ten Auf­marsch feierten.

Auch hier eine völ­li­ge Ver­dre­hung der Tat­sa­chen: es waren die anti­fan­ti­schen Gegen­de­mons­tran­ten, die von Knecht euphe­mis­tisch und grob irre­füh­rend als “besorg­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger” titu­liert wer­den, die die Iden­ti­tä­ren noch lan­ge nach Auf­lö­sung der Demons­tra­ti­on bis in das besag­te Bier­lo­kal ver­folg­ten und es stun­den­lang bela­ger­ten wie eine Burg. Ich habe mich bei die­sem Anblick auch gefragt, in “wel­cher Stadt man eigent­lich lebt”, in der Men­schen nach einer Mei­nungs­kund­ge­bung bis in den pri­va­ten Bereich hin­ein vor einer wild­ge­wor­de­nen Hetz­meu­te geschützt wer­den müssen.

Den größ­ten Witz hat sich Knecht bis zum Schluß auf­ge­ho­ben. Man las­se sich das auf der Zun­ge zergehen:

Denn wenn das der exe­ku­tier­te Rechts­staat ist, hat man als Bür­ger durch­aus Grund, sich ein wenig vor ihm zu fürch­ten. Weil es näm­lich anschei­nend zwei Sei­ten gibt und man leicht und unver­mu­tet auf die fal­sche gera­ten kann, wäh­rend man sich noch auf der rich­ti­gen wähnt. Und glaubt, man wür­de nur sei­ne demo­kra­tisch abge­si­cher­ten Rech­te in Anspruch neh­men. Vor­sicht, die Poli­zei sieht das womög­lich anders.

Lie­be Doris: es ist kein “demo­kra­tisch abge­si­cher­tes Recht”, eine Demons­tra­ti­on zu blo­ckie­ren und ihre Teil­neh­mer und die sie schüt­zen­de Staats­ge­walt tät­lich anzu­grei­fen. Der Rechts­staat hat an die­sem Wochen­en­de viel­mehr dafür gesorgt, daß mei­ne (und damit auch Dei­ne) “demo­kra­ti­schen Rech­te” auch “abge­si­chert” blei­ben und nicht der Will­kür des Mobs zum Opfer fal­len. Es ist also soweit alles in But­ter, was die Exe­ku­ti­ve betrifft. Ich “fürch­te” mich inzwi­schen eher vor der erschre­ckend unter­ent­wi­ckel­ten Refle­xi­ons­fä­hig­keit lin­ker Journalisten.

Eine beson­ders dicke Kat­ze hat schließ­lich der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Bür­ger­meis­ter Häu­pl hims­elf aus dem Sack gelas­sen. Die­ser for­der­te umge­hend ein Ver­bot der Identitären:

“Eine Grup­pe wie die Iden­ti­tä­ren gehört längst poli­tisch ver­bo­ten. Das ist eine neo­fa­schis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, die eigent­lich völ­lig klar unter das Ver­bots­ge­setz fällt”, sag­te das Stadt­ober­haupt am Ran­de sei­ner wöchent­li­chen Pres­se­kon­fe­renz. Die Demons­tra­ti­on der Iden­ti­tä­ren am Wochen­en­de “hät­te gar nicht statt­fin­den dür­fen”, so Häu­pl – der zugleich beton­te, dass dies nicht in sei­nem Ein­fluss­be­reich lie­ge: “Ich kann kei­ne Ver­ei­ne, kei­ne Par­tei­en, kei­ne Demons­tra­tio­nen verbieten.”

Pas d’en­ne­mis à gau­che”, “Kei­ne Fein­de auf der Lin­ken”, wie die alte Faust­re­gel so schön heißt. Damit hat sich das Zusam­men­spiel zwi­schen den in Wien herr­schen­den rot-grü­nen Eli­ten und dem mili­tan­ten Mob auf der Stra­ße ziem­lich ein­deu­tig demaskiert.

Gefragt nach sei­ner Mei­nung zu einer even­tu­el­len Kenn­zeich­nungs­pflicht für Poli­zis­ten sag­te der Bür­ger­meis­ter, dass man hier das Pferd von hin­ten auf­zäu­me. Die wesent­li­che Fra­ge sei, wie Gewalt zu ver­mei­den ist. “Da wird man sich mit allen Sei­ten hin­set­zen müs­sen, denn ich bin nicht der Auf­fas­sung, dass es hier eine ein­sei­ti­ge Schuld bei der Poli­zei gibt.”

“Alle Sei­ten” meint hier offen­sicht­lich nur die Lin­ken und die Poli­zei. Mit den Rech­ten setzt man sich nicht zusam­men, die ver­bie­tet man ein­fach, um lin­ke Gewalt zu ver­hin­dern (auch der Sen­der w24 ließ nur “zwei Per­spek­ti­ven” der Lage zu, als gäbe es kei­ne drit­te). Der End­punkt die­ser Per­spek­ti­ve wäre ein Staat, in dem lin­ke Par­tei­en, lin­ker Mob und die Staats­ge­walt eine Front gegen die Rech­ten bil­den. (Für sol­che Staa­ten gibt es übri­gens auch einen Namen.)

Die Iden­ti­tä­ren lie­ßen sich das nicht gefal­len: sie haben sofort zurück­ge­schla­gen und las­sen der­zeit von der Staats­an­walt­schaft eine Sach­ver­halts­dar­stel­lung prü­fen – im schlimms­ten Fall könn­te es zu einer Ver­leum­dungs­kla­ge gegen Häu­pl kom­men (auch der ORF berich­te­te). In einemFace­book-Ein­trag beto­nen sie (wie inzwi­schen klar sein soll­te, völ­lig zurecht), daß es hier ganz gene­rell dar­um geht, der dro­hen­den Kri­mi­na­li­sie­rung (die Stig­ma­ti­sie­rung ist ja bereits beträcht­lich fort­ge­schrit­ten) nicht-lin­ker Mei­nun­gen und Posi­tio­nen entgegenzutreten:

Wir for­dern den Rück­tritt von Micha­el Häupl.
Die Staats­an­walt­schaft prüft im Moment, aber der Sach­ver­halt lässt für uns nur 2 Aus­le­gun­gen zu:
1. ENTWEDER HÄUPL WUSSTE VON DEN INFOS DES VERFASSUNGSSCHUTZES- dann war das – es tut uns leid, aber so stellt es sich dar – eine glat­te Lüge. (=Ver­leum­dung)
2.ODER HÄUPL WUSSTE NICHT DAVON – dann hat er uns offen­bar “ins Blaue hin­ein” mal eben als Wie­der­be­tä­ti­ger, die unter 3g fal­len bezeich­net. (=üble Nach­re­de) Ist ja eh nur einer der här­tes­ten Para­gra­phen des österr. Strafrechts.…
Das ist ein­fach untrag­bar – erst recht für jeman­den, der so ein hohes Amt beklei­det. Das ist kei­ne Klei­nig­keit, son­dern ein ganz, ganz wich­ti­ger Fall, den wir als iden­ti­tä­re Patrio­ten für euch alle aus­tra­gen werden!
Denn Häu­pl hat damit nicht nur uns, son­dern ALLE PATRIOTEN getrof­fen. GEMEINT SIND WIR ALLE! ALLE, die wie wir, klar kei­ne Nazis sind, aber ihr Land lie­ben und gegen Häu­pls Mas­sen­ein­wan­de­rung und Isla­mi­sie­rung sind.

Doch dies war nicht das Ende der Offen­si­ve: Am 23. Mai lud die Iden­ti­tä­re Bewe­gung Öster­reich zu einer Pres­se­kon­fe­renz, der auch sämt­li­che Leit­me­di­en des Lan­des folg­ten. (Die Pres­se­kon­fe­renz der “Offen­si­ve gegen Rechts” zwei Tage zuvor hat dage­gen kei­ne Sau hin­ter dem Ofen her­vor­ge­lockt). Die Fra­gen beant­wor­te­ten die jun­gen Obmän­ner Mar­tin Sell­ner (Wien) und Alex­an­der Mar­ko­vics (Öster­reich); die dar­an anschlie­ßen­de Bericht­erstat­tung ist weit­ge­hend sach­lich ausgefallen.

Die Pres­se bohr­te in der Druck­aus­ga­be vom 24. Mai nach, und frag­te, ob die Iden­ti­tä­re Bewe­gung “rechts oder rechts­ex­trem” sei. Der­lei Begriffs­be­stim­mun­gen sind heu­te vor allem eine Macht­fra­ge, und haben weni­ger mit der Beschrei­bung der Inten­si­tät des Enga­ge­ments oder der Radi­ka­li­tät der Leit­ideen einer poli­ti­schen Grup­pe oder ihrer etwai­gen “Ver­fas­sungs­feind­lich­keit” zu tun.

Vor allem wird die­se Fra­ge vor dem Hin­ter­grund einer krass ungleich­ge­wich­ti­gen Ver­schie­bung des poli­ti­schen Spek­trums und Wer­te­sys­tems zuguns­ten der Lin­ken gestellt, die zuwei­len selbst in ihren wüs­tes­ten anti­fan­ti­schen Mani­fes­ta­tio­nen als “besorg­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger” firmieren.

Die Defi­ni­ti­ons­ho­heit über den poli­ti­schen Geg­ner ist wei­ter­hin fest in lin­ker Hand – in Öster­reich gilt etwa das tief­ro­te und gewiß kaum unpar­tei­ische, soge­nann­te Doku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des öster­rei­chi­schen Wider­stands (DÖW) als letz­te Instanz der Käfer­be­stim­mung. Daß die rech­te bzw. gene­rell nicht-lin­ke Oppo­si­ti­on eine eige­ne Stim­me fin­det, sich vom Objekt zum Sub­jekt eman­zi­piert, ist also ein drin­gen­des Gebot der Stunde.

Auf die­sem Weg haben die Wie­ner Iden­ti­tä­ren Beacht­li­ches geleis­tet, ins­be­son­de­re Sell­ner und Mar­ko­vics, die mutig “Gesicht gezeigt” haben, um eine von der Lin­ken abge­nutz­te und miß­brauch­te Phra­se zu benut­zen. Dabei ist die Auf­ga­be der Bewe­gung vor allem eine meta­po­li­ti­sche: näm­lich auf­zu­zei­gen, daß auch patrio­ti­sche Posi­tio­nen Legi­ti­mi­tät und Ver­nunft besit­zen, und Gehör fin­den sollen.

Das media­le Nach­spiel der Demo hat näm­lich vor allem eines gezeigt: die größ­te rech­te Pro­vo­ka­ti­on besteht heu­te ganz ein­fach dar­in, über­haupt zu exis­tie­ren und zu sei­ner Mei­nung zu ste­hen. Oder auch nur dar­in, sei­ne ver­brief­ten, angeb­lich “demo­kra­tisch abge­si­cher­ten” Bür­ger­rech­te wahr­zu­neh­men, wie die Ein­las­sun­gen von Knecht, Häu­pl oder Vas­sila­k­ou zeigen.

Und die­se Pro­vo­ka­ti­on ist der IBÖ nun in einem erstaun­li­chen Aus­maß geglückt. Die Pres­se schreibt:

Abge­se­hen von Frank­reich unter­schei­det Öster­reichs Iden­ti­tä­re gegen­über ande­ren Län­der­or­ga­ni­sa­tio­nen vor allem, dass sie den Sprung aus dem Inter­net in die Rea­li­tät geschafft haben. Noch vor ein­ein­halb Jah­ren bezeich­ne­te Hans-Georg Maaßen, Prä­si­dent des deut­schen Ver­fas­sungs­schut­zes, die Iden­ti­tä­ren als „vir­tu­el­le Erschei­nungs­form mit bis­lang wenig Real­welt­be­zug”. Das ist hier­zu­lan­de jeden­falls vorbei.

Inzwi­schen sickert der eher sper­ri­ge Begriff des “Iden­ti­tä­ren” all­mäh­lich ins öffent­li­che Bewußt­sein – sie­he etwa sei­ne Anwen­dung in der Wie­ner Zei­tung vom 22.5. auf Par­tei­en wie FPÖ, Front Natio­nal, Vlaams Belang oder die Schwe­den­de­mo­kra­ten. Das könn­te Zukunft haben – denn es muß immer wie­der betont wer­den, daß die iden­ti­tä­re Idee nicht genu­in oder allein “rechts” ist, und den Bür­ger­kriegs­zu­stand eher auf­zu­he­ben als zu ver­schär­fen sucht.

Die “Likes” der Face­book-Sei­te der Iden­ti­tä­ren haben sich in den letz­ten Tagen fast ver­drei­facht (der­zei­ti­ger Stand: 2,700),während die Woche für die Akti­vis­ten aus mei­nem Bekann­ten­kreis ins­ge­samt äußerst auf­re­gend und ermu­ti­gend war. Vie­le von ihnen wur­den auf der Stra­ße wie­der­erkannt und ange­spro­chen, in nahe­zu allen Fäl­len mit Inter­es­se und Sym­pa­thie (wäh­rend die übli­chen Grou­pies auf Twit­ter Bil­der ihrer Stars mit Herz­chen ver­se­hen – haben wir es doch immer schon geahnt). Mir ist sogar ein Fall bekannt, wo ein Mit­glied der Sozia­lis­ti­schen Jugend einem Akti­vis­ten rit­ter­li­chen Respekt über den gelun­ge­nen Demons­tra­ti­ons-Coup gezollt hat.

Sol­che Sze­nen las­sen hof­fen, daß der Denun­zia­ti­ons- und Dif­fa­mie­rungs­druck, den die Anti­fa im Ver­ein mit Par­tei­po­li­ti­kern und links­ge­rich­te­ter Pres­se auf­zu­bau­en ver­sucht, schwä­cher wird und eines Tages gebro­chen wer­den kann. Auch wäre zu hof­fen, daß sich der laten­te Bür­ger­krieg zumin­dest im zwi­schen­mensch­li­chen Bereich ent­schärft – auch das wäre ein Schritt, ein biß­chen mehr Ratio­na­li­tät in die­ses Land zu brin­gen, das nicht weni­ger “von Sin­nen” als Deutsch­land ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (11)

Nordlaender

26. Mai 2014 13:25

Fein, was die Identitären in Wien alles bewegen!

"Warum die Polizei so brutal gegen besorgte Bürgerinnen und Bürger vorgeht."

Fällt mir immer wieder auf, wie sich ausgerechnet antibürgerliche Menschenfreude, toleranzbewegte anständige Demokraten, an die Bürger wenden. Warum müssen die Fortschrittler eigentlich immer dermaßen geschmacklos sein? Was für ein Kitsch.

"Zunächst werden die Rechten mit klassischer Bürgerkriegslogik als Menschheitsfeinde und „Antidemokraten“ bezeichnet"

Was innerhalb unserer westlichen Wertegemeinschaft Menschlichkeit und Demokratie sind, hat der von der Wallstreetfirma Cantor Fitzgerald eingeladene Prof. Thomas Barnett (U.S. Naval War College) im Rahmen des New Rule Sets Project Anfang 2000 bereits ziemlich unmißverständlich erklärt. Hoffen wir mal, daß der aktuelle Trend in Richtung Rechts und EUropaleugnung nicht dazu führen wird, daß sich Teile von EUropa vom "core" der demokratischen Länder lösen und zum "gap" mutieren, also als Schurkenstaaten dann fürderhin nicht mehr die Grundbedingungen für gesunde Märkte erfüllen.

"Die Globalisierung ist ein Zustand gegenseitig gesicherter Abhängigkeit. Um seine Wirtschaft und Gesellschaft zu globalisieren, muß man in Kauf neh­men, daß fortan die eigene Zukunft vorrangig von der Außenwelt beeinflußt und umgestaltet wird, die eigenen Traditionen in Vergessenheit geraten. Man wird in Kauf nehmen müssen, daß importierte Waren und Erzeugnisse den Inlandsmarkt überfluten und die eigenen Erzeu­ger in diesem Konkurrenzkampf sich entweder durchsetzen, oder verschwinden werden. ...

“Die globale Vernetzung, die sich von EUropa aus in die Staaten der früheren Sowjetunion und nach Nordafrika hin ausbreitet, ist für das Schrumpfen des GAP entscheidend. Auf Grund seiner schnell alternden Bevölkerung, kann es sich Europa nicht mehr leisten, auf ‘Gastarbei­ter’ zurückzugreifen, sondern muß dem Beispiel der USA folgen und seine Schleusen für den ungehinderten Einwanderungsstrom öffnen. Rechtsgerichtete und einwanderungsfeindliche Politiker müssen zum Schweigen gebracht werden und haben von der Bühne zu verschwin­den, und zwar schnell! ..."

Erst Demokratie und Menschenrechte sichern den Spass:

“Ob ihr die Aufnahme in den CORE geschafft habt, wer­det ihr daran merken, daß der Sender MTV eigens für eure Länder spezielle Program­me ent­wickelt, daß auch eure Länder von Hol­ly­wood als Markt entdeckt werden, daß auch in euren Städten Dis­ney­land-Erlebnis­wel­ten ent­stehen, daß berühmte internationale Pop-Stars in euren Shows auf­treten.”
(Thomas Barnett)

Die volle Packung: https://kulturstudio.wordpress.com/2014/02/09/der-letzte-akt-die-kriegserklarung-der-globalisierer-an-alle-volker-der-welt/

Rumpelstilzchen

26. Mai 2014 14:04

Mal wieder eine kluge Analyse und Einsatz für Rechtsstaatlichkeit.
Aber mit Vernunftargumenten ist dieser linkselitären Ignoranz nicht beizukommen.
Meine gutmenschliche Freundin ( Lehrerin, taz-Leserin und Aktienbesitzerin) nimmt gerne an bunten Demos gegen Rechts teil. Letzt wollte sie mich zu so einer Demo motivieren. Ich meinte nur, ich hätte nicht soviel Mut wie sie, da mitzugehen. "Dazu braucht man doch keinen Mut", meinte sie.
"Eben", sagte ich.
Vor zwei Jahren, als der NSU ein großes Thema war, wollte sie allen Ernstes nach Frankreich ( in die wuuundervolle Provence ) auswandern, wenn die Rechten in Deutschland weiter so zunehmen würden.
Daran mußte ich nach der Europawahl denken. Jetzt, wo die Rechte ( AFD ?) so zugenommen hat, gehe ich nach Frankreich. Aber erst, wenn der FN verboten wird.

peter789

26. Mai 2014 14:26

Ein guter Kaffee, ein Stück Kuchen und ein Lichtmesz, und der Tag ist gerettet.

bedor

26. Mai 2014 17:39

Ein Stück Kuchen und ein Stück Torte und ein Lichtmesz und es ist gut.

Nordlaender

26. Mai 2014 18:22

So zwischendrin, Kaffee und Kuchen genießend, muß es endlich einer mal sagen:
Der Lichtmesz am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen.

Einfach gut. Einfach ML!

Orwell

26. Mai 2014 20:27

Jaaa mit einem guten (!) Kaffee, einem Stück Kuchen, und einem eisgekühlten Bommerlunder. Bommerlunder eisgekühlt!

Dazu einen Lichtmesz am Abend, dann ist die Nacht gerettet.

:D

Inselbauer

26. Mai 2014 21:02

Leider gibt es in Österreich so gut wie keine Wurmlöcher zwischen Rechts und Links; so blöd können sich die Linken also gar nicht aufführen, dass - wie im Moment in Deutschland - ganze Querfront-Haufen aus ehemaligen Linken, enttäuschen Konsumfetischisten und sentimentalen Rechten heranwachsen. So sehr dort der Schmäh läuft, so bitter ernst die Ideologie.

Unglaublich, dass ihr trotzdem solche Erfolge einfahrt. Dazu meinen Glückwunsch.

Inselbauer

26. Mai 2014 21:04

Junge, jetzt mach ich mir auf den Lichtmesz auch noch einen Strudel warm. Dazu aber einen Obstler.

Sternenfrau

26. Mai 2014 21:35

Den Lobeshymnen meiner Vorposter möchte ich mich gerne anschließen.

Feine, edle Klinge. Scharfer Verstand. Klarblick. Danke, ML.

Nordlaender

26. Mai 2014 23:06

@ Orwell

"Dazu einen Lichtmesz am Abend, dann ist die Nacht gerettet."

Das kann ich bestätigen: Nichts ist so labend, wie ein Lichtmesz am Abend.

Trouver

27. Mai 2014 01:10

Im Westen nichts neues.

Der Hongweibing fletscht die Rattenzaehne.

Die Sonne geht uebrigens im Osten auf - in freiem Ungarn!

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