Der Jargon der Demokratie. Ein Gespräch mit Frank Böckelmann

boeckelmannDie Bestenliste der deutschen Buchhandelsvereinigung führt Frank Böckelmanns Buch Jargon der Weltoffenheit derzeit auf Platz 4 (hier bestellen). Böckelmann, Herausgeber der Zeitschrift Tumult, warnt darin vor der auszehrenden Monotonie des westlichen Diskurses. Das nachfolgende Gespräch, das Ellen Kositza und Götz Kubitschek mit Böckelmann führten, ist in der soeben erschienenen, 60. Ausgabe der Sezession in gekürzter Fassung abgedruckt – hier zur PDF.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

SEZESSION: Herr Böckel­mann, hat die Demo­kra­tie als Regie­rungs­form eine eige­ne Spra­che ausgebildet?

BÖCKELMANN: Die reprä­sen­ta­ti­ve Demo­kra­tie hat sich ihre eige­ne selek­ti­ve Sprach­re­ge­lung zuge­legt. Bestimm­te For­meln sind will­kom­men, vor allem jene, die groß­zü­gig klin­gen, bestimm­te Aus­drü­cke sind ver­pönt, vor allem sol­che, die Fest­le­gung ver­mu­ten las­sen. Das ist eine eige­ne Sprach­re­ge­lung im wört­li­chen Sinn: Die Demo­kra­tie will immer­zu von sich selbst spre­chen. Sie beschwört sich selbst. Nicht nur Poli­ti­ker, Leh­rer und Jour­na­lis­ten, alle Bür­ger wer­den dazu ange­hal­ten, ja zur Demo­kra­tie zu sagen (obwohl doch nie­mand nein sagt), und dabei sofort das stärks­te Geschütz auf­zu­fah­ren, den Ver­gleich mit der Dik­ta­tur. Die­ses stän­di­ge Mobi­li­sie­ren und Ver­glei­chen gehört zum Wesen der Demo­kra­tie. Sie prä­sen­tiert sich näm­lich als Dau­er­auf­ga­be, einer­seits als Errun­gen­schaft, die gefähr­det ist und ver­tei­digt wer­den muß, ande­rer­seits als Fern­ziel, dem wir uns in Sisy­phus­ar­beit zu nähern haben. Gut demo­kra­tisch ist nur die unauf­hör­li­che Demo­kra­ti­sie­rung. Als die bes­ten Demo­kra­ten gel­ten die­je­ni­gen, die Legi­ti­ma­ti­ons­de­fi­zi­te gei­ßeln, die Kor­rupt­heit des Füh­rungs­per­so­nals ent­lar­ven und Ver­stö­ße gegen Bür­ger­rech­te aufdecken.

Es ist also durch­aus kor­rekt, abfäl­lig von „unse­rer soge­nann­ten Demo­kra­tie“ zu spre­chen oder in Ber­lin und Brüs­sel gar eine „Post­de­mo­kra­tie“ zu erken­nen. Letz­te War­nung, gel­be Kar­te. Doch nicht der Schat­ten eines Zwei­fels darf die Gewiß­heit trü­ben, daß die Kom­bi­na­ti­on von nomi­nel­ler Volks­sou­ve­rä­ni­tät, Mehr­heits­prin­zip, gere­gel­tem Regie­rungs­wech­sel und bemüh­ter Rechts­staat­lich­keit eine his­to­risch unüber­biet­ba­re Daseins­ord­nung dar­stellt. Auch wenn klar ist, daß die „Herr­schaft des Vol­kes“ eine Uto­pie blei­ben wird.

Das Demo­kra­tie-Pro­jekt gesteht bereit­wil­lig Män­gel und Ver­feh­lun­gen ein. Auf die­se Wei­se gera­ten sei­ne Geburts­feh­ler und sei­ne blei­ben­den Übel aus dem Blickfeld.

SEZESSION: Über die­se Geburts­feh­ler und blei­ben­den Übel der Demo­kra­tie wür­den wir ger­ne ein biß­chen mehr erfahren …

BÖCKELMANN:  Vor gut ein­hun­dert­acht­zig Jah­ren hat der fran­zö­si­sche Staats­die­ner Alexis de Toc­que­vil­le die Ver­ei­nig­ten Staa­ten bereist. Er woll­te die segens­rei­chen Fol­gen des „Ver­lan­gens nach Gleich­heit“ ken­nen­ler­nen und mit ihnen sei­ne reak­tio­nä­ren Lands­leu­te bekeh­ren. Es war eine Rei­se in die Ernüch­te­rung. Sein zwei­bän­di­ges Werk De la démo­cra­tie en Amé­ri­que (1835 und 1840) ver­blüfft den heu­ti­gen Leser aufs höchs­te: Das sol­len Beob­ach­tun­gen vor hun­dert­acht­zig Jah­ren gewe­sen sein? Sie erschei­nen wie neu­es­te Befun­de, man­che wie Wahr­neh­mun­gen eines kal­ten post­mo­der­nen Blicks. De Toc­que­vil­le erlebt ein „Schau­spiel uni­ver­sel­ler Ein­för­mig­keit“ und ahnt, daß „die Art der Unter­drü­ckung, die den demo­kra­ti­schen Völ­kern droht, mit nichts, was ihr in der Welt vor­aus­ging, zu ver­glei­chen sein“ wird.

De Toc­que­vil­les Fazit: In Ame­ri­ka feh­le das „gemein­sa­me Inter­es­se“. An des­sen Stel­le tre­te die Gleich­för­mig­keit als Gebot der öffent­li­chen Mei­nung. Je wei­ter sie fort­schrei­te, des­to anstö­ßi­ger erschie­nen „die kleins­te Ver­schie­den­heit“ und „die gerings­ten Vor­rech­te“. Die „öffent­li­che Gunst“ wer­de dann „eben­so nötig wie die Luft, die man atmet“. Schlim­mer noch, alle Par­tei­un­gen ver­wan­del­ten ihre Gesin­nung in Tak­tik und pass­ten sie lau­fend dem Lock­ruf der Mehr­heits­fä­hig­keit an. Auf die­se Wei­se fal­le auch und ins­be­son­de­re die Mehr­heits­mei­nung der „Tyran­nei der Mehr­heit über das Den­ken“ zum Opfer. Der Kon­for­mis­mus näh­re sich am Frei­heits­ge­fühl. Eine unper­sön­li­che „Vor­mund­schafts­ge­walt“ bede­cke „die Ober­flä­che der Gesell­schaft mit einem Netz klei­ner, ver­wi­ckel­ter, enger und ein­heit­li­cher Regeln“ – fast glau­ben wir, Michel Fou­cault zu lesen.

SEZESSION: Wir müs­sen hier wohl zwei Ebe­nen aus­ein­an­der­hal­ten. Der Niveau­ver­lust durch die Tyran­nei der Mehr­heit ist das eine. Das ande­re ist das gute Recht jeder Regie­rungs­form, den eige­nen Bestand zu sichern und zu ver­tei­di­gen. Inter­es­sant an der Demo­kra­tie ist in die­sem Zusam­men­hang doch vor allem, daß sie den Abweich­lern sozu­sa­gen als „unsicht­ba­rer Geg­ner“ ent­ge­gen­tritt – oder eben gera­de nicht „tritt“, son­dern in Form einer per­ma­nen­ten Selbst­kon­trol­le „anwest“.

BÖCKELMANN: Die stür­mi­sche Ein­for­de­rung des Rechts auf Mei­nungs­frei­heit hat eine Kehr­sei­te.  Gewiß, die Demo­kra­tie schüt­telt den Abso­lu­tis­mus ab. Kämp­fer für Frei­heit und Gleich­heit bie­ten Allein­herr­schern die Stirn. Aber sobald die Mei­nungs­frei­heit sich ver­ab­so­lu­tiert und zur Dok­trin wird, dient sie als Ali­bi für Will­kür. Poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Inter­es­sen­grup­pen wett­ei­fern dar­in, der Mehr­heit  von heu­te und der mut­maß­li­chen Mehr­heit von mor­gen gefäl­lig zu sein – im Namen der Mei­nungs­frei­heit. In allen bür­ger­li­chen Milieus herrscht der „Höf­lings­geist der gro­ßen Men­ge“. Die gewähl­ten Macht­ha­ber bestim­men, von wem und wovon sie die Demo­kra­tie bedroht sehen. Mit Vor­lie­be ent­lar­ven sie ihre Riva­len als Frei­heits­fein­de, somit als abso­lu­te Fein­de. Wer möch­te schon in Ver­dacht gera­ten, einer die­ser Fein­de zu sein? Die meis­ten Abweich­ler geben klein bei und machen ihre Gedan­ken ver­träg­lich. Sonst wür­de ihnen als vor­ge­führ­ten Men­schen­fein­den ein Leben dro­hen, das „schlim­mer als der Tod“ ist. Auch davon berich­tet Alexis de Toc­que­vil­le:  „Der Macht­ha­ber sagt hier (zum Schrift­stel­ler) nicht mehr: ‚Du denkst wie ich, oder du stirbst‘. Er sagt: ‚Du hast die Frei­heit, nicht zu den­ken wie ich; Leben, Ver­mö­gen und alles bleibt dir erhal­ten; aber von dem Tag an bist du ein Frem­der unter uns.“

SEZESSION: Dies bedeu­tet mit ande­ren Wor­ten doch nichts ande­res, als dem Abweich­ler die Zurech­nungs­fä­hig­keit abzu­spre­chen, oder bes­ser so etwas wie die guten Umgangs­for­men, aber eben auf der Ebe­ne des Mein­ba­ren: Wer wirk­lich ein Demo­krat ist, ahnt, wo die Abwei­chung begän­ne. Wer es nicht ahnt und sich nicht selbst kon­trol­liert, muß zurecht­ge­wie­sen wer­den, aber man hat doch mitt­ler­wei­le den Ein­druck, daß es nicht mehr um Erzie­hung, son­dern um Ver­sto­ßung gehe.

BÖCKELMANN: Das ist Ver­sto­ßung, öffent­li­cher Ruf­mord. Aber nicht mehr aus Grün­den tief ein­ge­wur­zel­ter Gesin­nung – so wie einst der Katho­lik den Huge­not­ten tot­schlug –, son­dern im Eifer der Reak­ti­ons­bil­dung. Man wütet gegen die Ahnung, die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren zu haben. Die Selbst­ge­rech­ten voll­zie­hen ein hyper­mo­ra­li­sches Aus­schluß­ri­tu­al. Sie bau­en einen Popanz auf, der an das Böse von frü­her erin­nert, und dre­schen auf ihn ein. Gro­ßes Ent­rüs­tungs­thea­ter ersetzt Gesin­nung und Haltung.

Was de Toc­que­vil­le 1830/40 mit ange­wi­der­ter Fas­zi­na­ti­on betrach­tet, ist die Demo­kra­tie als Herr­schafts­form des kämp­fen­den Bür­ger­tums. Die­ses Bür­ger­tum tri­um­phiert über das Feu­dal­sys­tem und ver­tei­digt sei­ne Hege­mo­nie gegen­über den Ansprü­chen der nach­drän­gen­den unte­ren Klas­sen. Es gibt ein Grund­mus­ter demo­kra­ti­scher Rhe­to­rik, Kon­sens­hö­rig­keit und Vor­mund­schaft, das gleich­ge­blie­ben ist bis auf den heu­ti­gen Tag. Den­noch – auch ein de Toc­que­vil­le konn­te nicht ahnen, wohin die Stan­dar­di­sie­rung der öffent­li­chen Spra­che und Welt­an­schau­ung in der spät- und nach­bür­ger­li­chen Ära füh­ren wür­de. Im 19. Jahr­hun­dert kon­kur­rier­ten noch die Ord­nungs­ideen des Libe­ra­lis­mus, des Kon­ser­va­tis­mus und des Sozia­lis­mus. Noch wur­de ein Gemein­wil­le des Vol­kes und sei­ner Reprä­sen­tan­ten beschwo­ren. Heu­te klingt schon die Über­set­zung von demos ver­däch­tig.

SEZESSION: Ja, das Volk! Tei­len Sie die Über­zeu­gung, daß sei­ne schie­re Mas­se und sei­ne mitt­ler­wei­le mit Hän­den zu grei­fen­de Hete­ro­ge­ni­tät die Mei­nungs­fin­dung mit­tels Dia­log und Dif­fe­ren­zie­rung ver­zerrt hat in eine Mei­nungs-PR mit­tels Paro­le und Emo­ti­on? Oder war die demo­kra­ti­sche Mei­nungs­bil­dung schon immer eine Sache der Weni­gen, also ein sprach­li­che Elitenangelegenheit?

BÖCKELMANN: Die öffent­li­che Mei­nung war und ist vor allem der Tum­mel­platz ein­fluß­rei­cher Kräf­te, die wort­ge­wand­te Spre­cher gewäh­ren las­sen – heu­te ist dar­aus aller­dings eine Insi­der-Far­ce gewor­den. Demo­kra­tisch waren die Demo­kra­tien noch nie. Eli­tä­re Volks­ver­tre­ter ver­tra­ten ihres­glei­chen. Und nann­ten es Volk. Aber wenn ich so rede, übe ich eben jene sti­mu­lie­ren­de Kri­tik, auf die das Reprä­sen­ta­tiv­sys­tem aus Grün­den der Selbst­recht­fer­ti­gung so scharf ist. Dür­fen heu­te nicht alle mit­ma­chen? Rührt euch , tre­tet bei, betei­ligt euch, nehmt Einfluß!

Doch der Wir­bel um das Fetisch­wort „Demo­kra­tie“ kaschiert heu­te einen weit grö­ße­ren Man­gel als den an Legi­ti­ma­ti­on. Wo steckt er denn, der Sou­ve­rän? Bei Wah­len bewäh­ren sich die „Berech­tig­ten“ wie ein Publi­kum, das pro­be­wei­se abstimmt und zeigt, wie man poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung trägt. Eben­so bei Umfra­gen. Eine gro­ße Men­ge von Ver­ein­zel­ten wird zu einer nach­drück­lich emp­foh­le­nen Übung ein­be­ru­fen. Kon­sens­wäh­ler oder Pro­test­wäh­ler, man unter­zieht sich der Prü­fung und genießt den Lern­er­folg: die ver­schie­de­nen Ange­bo­te zuge­ord­net und eines von ihnen ange­nom­men zu haben. Nach der Befra­gung läuft das Wahl­volk aus­ein­an­der. Für ande­re Bekun­dun­gen feh­len ihm die Wor­te und die Ermäch­ti­gung. Die ent­schei­den­den Wei­chen­stel­lun­gen – West­bin­dung, EU, Gren­zen der EU, Euro, Finanz­märk­te, Zuwan­de­rung – ste­hen sowie­so nicht zur Wahl.

Doch das bekla­ge ich nicht. Denn die voll­ende­te Demo­kra­tie wäre die voll­ende­te Schreckensherrschaft.

Was eint das Wahl­volk? Stän­dig wird dem Publi­kum vor Augen geführt, wie schä­big es sei, sich irgend­wie ein- und aus­zu­gren­zen, leib­haf­tig, sprach­lich, in kol­lek­ti­ver Erin­ne­rung, ter­ri­to­ri­al, cha­rak­ter­lich. Wie ras­sis­tisch es doch sei, noch Volk sein zu wol­len. Aber ist denn eine Ansamm­lung Ver­ein­zel­ter in der Lage, einen Gemein­wil­len aus­zu­bil­den und Man­dats­trä­gern und Insti­tu­tio­nen Auf­trä­ge zu ertei­len? Und dann auch noch gemein­sam die Kon­se­quen­zen zu tra­gen? Zusam­men­kom­men und abord­nen kön­nen nur Lands­leu­te, die wis­sen, daß sie etwas Beson­de­res, etwas Eigen­tüm­li­ches sind.

Man kann ein­wen­den, „das Volk“ sei immer nur ein Kon­strukt des Wunschs nach Gemein­sam­keit zwi­schen sehr Ver­schie­de­nen gewe­sen. Aber dann blen­det man die Ent­wick­lung von der frü­hen Demo­kra­tie zur Mas­sen­de­mo­kra­tie aus. Bis tief ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein wur­zelt die Wil­lens­bil­dung nicht im Pro­blem­ver­ständ­nis von Indi­vi­du­en, son­dern in der gemein­sa­men Erfah­rung von Ange­hö­ri­gen. Sie fes­tigt sich unter Ver­wand­ten, Nach­barn, Ansäs­si­gen, Nach­kom­men, Schick­sals­ge­nos­sen, Kol­le­gen, Kame­ra­den, Über­le­ben­den, Gläu­bi­gen, Anrai­nern, Bie­de­ren und Abweich­lern. Unab­hän­gig davon, ob sie in Par­tei­en und Par­la­men­ten ver­tre­ten waren. Zur Her­aus­bil­dung eines eige­nen Wil­lens bedurf­te und bedarf es der Ande­ren. Der poli­ti­sche Wil­le bahnt sich an im Geflecht von Erin­ne­run­gen und Erwar­tun­gen in einer gemein­sa­men Nah­welt. Moment­per­sön­lich­kei­ten fin­den zu kei­ner gemein­sa­men Haltung.

Da liegt der demo­kra­ti­sche Hund begra­ben. Aus den Nah­wel­ten sind Tran­sit­räu­me gewor­den. Klein­fa­mi­li­en und Sin­gles ori­en­tie­ren sich an digi­ta­len Beach­tungs­bör­sen. Zu denen gehört auch das täg­li­che Polit­spek­ta­kel. Rapi­de schwin­det der Rück­halt für gegen­sei­ti­ge Aner­ken­nung nach regio­nal- und klas­sen­spe­zi­fi­schem Gemein­sinn. An die Stel­le der orts­ge­bun­de­nen Auto­ri­tä­ten und Ein­rich­tun­gen tre­ten die Exper­ten, Bera­ter, Cha­ris­ma­ti­ker und Gurus der glo­ba­len Popu­lär­kul­tur. Die Ein­zel­nen bezie­hen ihre Urtei­le neben­bei aus dem has­ti­gen Schlag­ab­tausch von Paro­len in geschlos­se­nen Kreis­läu­fen. Das her­ge­brach­te Milieu war der Humus von Wil­lens­bil­dung. Das sozia­le Netz­werk ist dis­kur­si­ve End­sta­ti­on, Par­ty, Pala­ver. In öffent­li­chen Debat­ten pflegt man heu­te den „Jar­gon der Welt­of­fen­heit“ – ich habe mich aus­gie­big mit ihm befaßt.

SEZESSION: Jene Paro­len, die sich bei­spiels­wei­se in gebräuch­li­chen Schlag­wor­ten wie „Eman­zi­pa­ti­on”, „Selbst­be­stim­mung”, „Tole­ranz”, „Viel­falt” mani­fes­tie­ren oder – auf All­tags­ni­veau abge­senkt – zum „locker blei­ben”, „sich aus­pro­bie­ren” mah­nen: Jener Welt­of­fen­heits­jar­gon ist doch ein genu­in lin­ker Dis­kurs­stil. Oder doch nicht? Täuscht der Ein­druck, und all jene Uni­ver­sal­ma­xi­men sind (durch die Stim­me derer, die sie im Mun­de füh­ren) in Wahr­heit von jeder poli­ti­schen Rich­tungs­zu­wei­sung befreit?

BÖCKELMANN:  Ich ersti­cke jede Gegen­re­de, wenn ich „Selbst­be­stim­mung“ for­de­re, oder „Chan­cen­gleich­heit“ oder „Tole­ranz“ oder „Viel­falt“ oder „Welt­of­fen­heit“, oder mein Ver­hal­ten mit ihnen recht­fer­ti­ge. Ich wer­de unan­greif­bar. Die Beru­fung auf „Demo­kra­tie“ ist eben­falls unan­greif­bar, aber sie hat etwas Offi­ziö­ses und paßt am bes­ten in Leit­ar­ti­kel und Par­la­ments­re­den. Die Begrif­fe „Selbst­be­stim­mung“, „Tole­ranz“ usw. hin­ge­gen wer­den infla­tio­när gebraucht, ohne daß dies ihre Gel­tung und ihre Wir­kung beeinträchtigt.

Was sind das für Pos­tu­la­te? Im Anschluß an Pana­jo­tis Kon­dy­lis und Peter Furth nen­ne ich sie die Impe­ra­ti­ve der Mas­sen­de­mo­kra­tie. „Selbst­ver­wirk­li­chung“, „Authen­ti­zi­tät“, „Chan­cen­gleich­heit“, „Plu­ra­lis­mus“ und „Hedo­nis­mus“ (= Ent­gren­zung)  sind die Leit­mo­ti­ve der gleich­schal­ten­den Indi­vi­dua­li­sie­rung auf den Mas­sen­märk­ten des 20. Jahr­hun­derts. Sie ver­hei­ßen Befrei­ung und Fort­schritt für alle, die ihre tra­di­tio­nel­len Bin­dun­gen ver­lie­ren und die Appar­te­ments bevöl­kern. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gaben sie schon in der Zwi­schen­kriegs­zeit den Ton an, in West­eu­ro­pa seit den fünf­zi­ger Jah­ren. Sie klin­gen irgend­wie links und irgend­wie markt­li­be­ral und irgend­wie uni­ver­sell. Vor allem klin­gen sie selbst­ver­ständ­lich, wie Anfor­de­run­gen, die völ­lig außer Streit stehen.

Eben dar­in besteht ihre Funk­ti­on, und die­se Funk­ti­on kön­nen sie nur erfül­len, weil sie jede Bedeu­tung ver­lo­ren haben außer der einen: kei­ne Hal­tung aus­zu­schlie­ßen, die nicht ihrer­seits ande­re aus­schließt. Sie sind völ­lig sinn­leer, sug­ge­rie­ren aber einen Gehalt. Jeder, der die Leit­mo­ti­ve im Mund führt, gewinnt einen gro­ßen stra­te­gi­schen Vor­teil: Er prä­sen­tiert die Belie­big­keit als ent­schie­de­ne Posi­ti­on. Das ist gera­de­zu eine Defi­ni­ti­on des Wes­tens.

Wer will, kann den Jar­gon von „Selbst­be­stim­mung“, „Viel­falt“, „Welt­of­fen­heit“ usw. auch als lin­ke Sprech­wei­se bezeich­nen. Ich hal­te eine sol­che Eti­ket­tie­rung für unsin­nig und miß­ver­ständ­lich. Bes­ser wäre es, den Jar­gon als eine Art von Begriffs­ka­pi­tal zu ver­ste­hen, gegen alles kon­ver­tier­bar.  

SEZESSION: Sie schrei­ben, das Logo „links” mit sei­nen asso­zi­ier­ten Attri­bu­ten „gleich”, „frei”, „offen” wer­de heu­te als Güte­sie­gel ver­ramscht. Die aktu­el­le Gefäl­lig­keit die­ser Eti­ket­ten besieg­le den Unter­gang der Lin­ken. Wer heu­te dezi­diert gegen den Welt­of­fen­heits­jar­gon, also gegen die Pos­tu­la­te der Gleich­heit, der Päd­ago­gi­sier­bar­keit und der Ent­gren­zung argu­men­tiert, wird als „rechts” gebrand­markt, falls er sich selbst nicht als Eigen­be­zeich­nung rechts ver­or­tet. Sie bezeich­nen sol­chen gegen­läu­fi­gen, also rech­ten Akti­vis­mus als „fata­len Irr­tum”.  War­um? Etwa aus mar­ke­ting­tech­ni­schen Erwägungen?

BÖCKELMANN: Argu­men­ta­ti­on ist noch kein Akti­vis­mus. Unter die­sem ver­ste­he ich Aktio­nen um der Akti­on wil­len, „um über­haupt etwas zu tun“, ver­zwei­fel­te Umsturz­ver­su­che unter Miß­ach­tung des Grund­sat­zes „Erken­ne die Lage!“ Nie­mand kann sich dem „Jar­gon der Welt­of­fen­heit“ völ­lig ent­zie­hen. Er spei­chert eine min­des­tens hun­dert Jah­re lang erbrach­te Kom­pen­sa­ti­ons­leis­tung (Selbst­ver­füg­bar­keit gegen Tra­di­ti­on). Er gehört zu unse­rem epo­cha­len Geschick. Auf die eine oder ande­re Wei­se spricht ihn jeder von uns. Wer nur auf die Kraft indi­vi­du­el­ler Ent­schei­dung setzt, bean­sprucht eben „jene Wahl­frei­heit, für wel­che die Demo­kra­tie der Chan­cen­trä­ger Rekla­me macht“ (Jar­gon der Welt­of­fen­heit, S. 72). Statt des­sen müs­sen wir auf Ereig­nis­se lau­ern, die uns zei­gen, wie sich unser epo­cha­les Geschick bereits ändert – sie­he das letz­te Kapi­tel mei­nes Buches. Das ist Erkun­dungs­ar­beit, die nur der neu­gie­ri­ge Ein­zel­ne ver­rich­ten kann. Nur ein Aben­teu­rer, der imstan­de ist, sich über­ra­schen zu las­sen. Wir kön­nen von sol­chen Erschüt­te­run­gen und Brü­chen berich­ten – und sie tätig vertiefen.

Ich war­ne davor, das Gespenst der Lin­ken zu bekämp­fen und die­ses Gespenst noch auf­zu­bla­sen, indem man der Lin­ken „die bes­ser­ge­stell­ten bür­ger­li­chen Schich­ten“ ein­schließ­lich der Super­rei­chen zurech­net (weil sie sich „kul­turm­ar­xis­tisch“ gebär­den), sowie alle Groß­un­ter­neh­men, die den Kul­turm­ar­xis­mus und die Poli­ti­cal Cor­rect­ness för­dern, und schließ­lich auch noch die Trieb­kräf­te der kapi­ta­lis­ti­schen Moder­ni­sie­rung – wie es jüngst Mar­tin Licht­mesz getan hat (Sezes­si­on vom April 2014), den ich ansons­ten außer­or­dent­lich schät­ze. Dann wäre die Regie­rung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten links, stün­den Micro­soft, Goog­le und Ama­zon links, wären Daim­ler Benz, Nest­lé und Ber­tels­mann lin­ke Agen­tu­ren. Von einer „Lin­ken“ läßt sich sinn­vol­ler­wei­se nur im Hin­blick auf sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Zie­le spre­chen, im Hin­blick auf die Umwäl­zung der Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se. Das ist ein ganz ande­res The­ma. Die Nenn-Lin­ken von heu­te tun sich demons­tra­tiv her­vor durch die Beset­zung von Häu­sern, die Ver­tei­di­gung von Kul­tur­zen­tren und den Kampf gegen Gen­tri­fi­zie­rung und „ras­sis­ti­sche“ Poli­zei­kon­trol­len sowie für das Blei­be­recht von Flücht­lin­gen aus Lam­pe­du­sa. Aber das ist nichts Besonderes.

SEZESSION: Dies alles zusam­men­ge­nom­men legt wel­chen Schluß nahe? Die Lage zu akzep­tie­ren und gegen den beto­nier­ten Jar­gon nicht anzu­ren­nen, wäre also kei­ne Mimi­kry, son­dern ein ver­nünf­ti­ges sich Drein­schi­cken in die Machtverhältnisse?

BÖCKELMANN: Dar­über ent­schei­det eben nicht der Ein­zel­ne. Wir müs­sen bei­des sehen, den im Brust­ton der Selbst­ver­ständ­lich­keit her­ge­be­te­ten Schwulst und die Ris­se im Sprach­be­ton. Wir hören nicht enden wol­len­de Appel­le, uns zu öff­nen und dabei ganz wir selbst zu sein. Die­ser Jar­gon bleibt vor­erst unan­fecht­bar, aber die Welt­erfah­rung – wie soll ich sagen? – ver­dünnt sich. Im Ver­stän­di­gungs­be­trieb ver­blas­sen die Din­ge. Das Ein­zig­ar­ti­ge wird läs­tig. Zu viel. Wir ver­su­chen, es abzu­spei­chern und auf­zu­schie­ben. Die Ereig­nis­se sor­tie­ren wir nach Plus und Minus, Hilf­reich und Hin­der­lich, je nach­dem, ob sie unse­re Selbst­ver­füg­bar­keit stei­gern. An die Stel­le der Außen­welt tritt eine Wahr­neh­mungs-Buch­hal­tung. Die hat Sys­tem, sogar ein ganz spe­zi­el­les. Der gene­ti­sche Code des Inter­nets wur­de in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ent­wi­ckelt – wie schon die Mas­sen­de­mo­kra­tie zuvor. Unse­re Glo­ba­li­tät steht unter der stren­gen und zugleich anar­chi­schen Auf­sicht des Netz­werk­im­pe­ri­ums USA.

Und trotz­dem ist das, was Sie „Macht­ver­hält­nis­se“ nen­nen, die reins­te Uto­pie. Bana­le Ange­le­gen­hei­ten bere­den wir nach Maß­ga­be uto­pi­scher For­de­run­gen. Aber nichts, was geschieht, läßt sich mit­tels der Hyper­mo­ral von „Selbst­be­stim­mung“, „Gleich­stel­lung“, „Tole­ranz“, „Viel­falt“ und „Welt­of­fen­heit“ erfas­sen. Ins Pro­gramm gepreßt, ver­schwin­den die Gegen­stän­de und die Mit­men­schen wie hin­ter einer Matt­schei­be. Die Fra­ge ist, wie das Lei­den am Welt­ver­lust Spra­che und poli­ti­sche Schlag­kraft gewinnt.

SEZESSION: Was ist denn Ihre eige­ne Ant­wort? Wel­chen Sitz im Leben der Bun­des­deut­schen Demo­kra­tie hat eigent­lich die von Ihnen ver­ant­wor­te­te Zeit­schrift Tumult? Sie agiert ja sprach­lich auf hohem, teils kryp­ti­schem Niveau. Gibt es einen Subtext?

BÖCKELMANN: Der Sub­text ist die Suche nach Erkennt­nis ohne das Richt­maß uto­pi­scher Leer­for­meln. Ein hart­nä­cki­ges intel­lek­tu­el­les Stram­peln – die Spon­ta­ni­tät spricht näm­lich Jar­gon. Kryp­tisch? Da müs­sen Sie lang­sa­mer lesen. Tumult hat sich einer nüch­ter­nen Welt­erfah­rung ver­schrie­ben. Das Organ hat übri­gens einen Unter­ti­tel: Vier­tel­jah­res­schrift für Kon­sens­stö­rung. Bei der Aus­wahl von Autoren und Bei­trä­gen unter­schei­den wir – Horst Ebner in Wien und ich in Dres­den – nicht uner­bitt­lich zwi­schen Pas­send und Unpas­send, denn wir haben die Wahr­heit nicht gepach­tet. Wir akzep­tie­ren ver­schie­de­ne Vor­ge­hens­wei­sen, wenn sie ver­spre­chen, hyper­mo­ra­lisch ange­lei­te­te Erkennt­nis auf­zu­bre­chen. Und wenn mal wie­der ein Pro­fes­sor am Ende sei­nes Arti­kels der Demo­kra­tie Reve­renz erweist – sei’s drum.

Uto­pie­freie Sicht auf Ereig­nis­se macht stau­nen. Man reibt sich die Augen. Über­ra­schung: Ent­ge­gen der Ein­heits­mei­nung in den ton­an­ge­ben­den Medi­en expan­diert die Sym­pa­thie mit der rus­si­schen Sicht auf die Vor­gän­ge in der Ukrai­ne, das heißt, mit der Alter­na­ti­ve eines eura­si­schen Nichtwes­tens. Wir wol­len nicht in Ruß­land leben, aber auch nicht mehr in der Pax ame­ri­ca­na, und zer­ren am Wat­te­pan­zer von Dis­ney­land. Über­ra­schung: Die Ent­wick­lung vie­ler­orts (Indi­en, Japan, Afgha­ni­stan, Bra­si­li­en, Mexi­ko, Süd­afri­ka, Nige­ria, Syri­en, Maghreb) läuft aus dem west­li­chen Ruder. Über­ra­schung: Im Zei­chen von Sau­ber­keit, Natür­lich­keit und Sicher­heit durch sanf­te erneu­er­ba­re Ener­gien ver­wan­deln wir die Land­schaft in einen Indus­trie­park, das Gegen­teil des Erstreb­ten. Über­ra­schung: Die Spie­le auf den Finanz­märk­ten fin­den ohne Sub­jek­te, ohne Draht­zie­her und ohne letz­te Pro­fi­teu­re statt. Dia­gno­se: letzt­lich unre­gu­lier­bar. Über­ra­schung: Künst­lich erzeug­te und Patch­work-Kin­der gra­ben nach ihrer bio­lo­gi­schen Her­kunft. Über­ra­schung: Die Regu­lie­rung der Geschlecht­lich­keit nach Gleich­heits­ma­ßen macht der Lei­den­schaft den Gar­aus. Über­ra­schung: Der Hun­ger nach Anwe­sen­heit und Zuge­hö­rig­keit schwillt an.

Alles in allem bedeu­tet dies: Jar­gon und Jar­gon­welt begin­nen zu ero­die­ren. Die­se Ero­si­on zu unter­stüt­zen, viel­leicht gar, sie zu beschleu­ni­gen, ist alles ande­re als aktio­nis­tisch. Es setzt auf Über­mäch­ti­ges und Unab­seh­ba­res. Dar­auf setz­ten Revo­lu­tio­nä­re, Gläu­bi­ge und Lie­ben­de seit jeher. Kühn­heit in Demut.

Böckel­manns Jar­gon der Welt­of­fen­heit hier bestel­len.

 Gastbeitrag

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Kommentare (13)

Ernst Wald

3. Juni 2014 19:35

Sicherlich beeindrucken Frank Böckelmanns Eloquenz und Sprachstil. Aber bei genauerer Betrachtung seiner Ausführungen wird deutlich, dass er nicht wirklich mit neuen Analysen und Überlegungen aufwarten kann. Denn die von Böckelmann verwendete Bezeichnung „Jargon der Weltoffenheit“, die wohl auch eine Reminiszenz an Adornos „Jargon der Eigentlichkeit“ darstellt, ist quasi nur eine andere Ausdrucksweise für „Political Correctness“, „Tugendterror“ oder neues „Jakobinertum“.

Und zu diesen Phänomenen haben andere Autoren nicht nur ähnliche, sondern teilweise sogar kühnere und analytisch schärfere Aussagen getroffen. Norbert Bolz etwa oder Manfred Kleine-Hartlage. Aber auch Thilo Sarrazin und Peter Furth. Vor allem Furth – auf den sich Böckelmann selbst bezieht – zeigt eindringlich, wie stark die Rede von Vielfalt, Entgrenzung und Weltoffenheit mit dem Holocaust-Gedenken verbunden ist, das in Deutschland die Form einer Zivilreligion angenommen hat. Bei Böckelmann hingegen findet dieser Aspekt fast keine Beachtung.

Irrlicht

3. Juni 2014 22:49

@Ernst Wald
Böckelmann ist mit seiner Kritik radikaler und in der Analyse präziser als die genannten Autoren, auch im Vergleich mit den Sezessionisten im Gespräch. Während er mehrfach zu Fundamentalkritik am System der Demokratie abhebt - damit näher an Carl Schmitt als seine selbsternannten geistigen Erben ist -, und unter Rekurs auf Tocqueville den gesellschaftlichen Zustand, die überall durchscheinende Hypermoral, als Folge eines amerikanisch geprägten Verständnisses der Massendemokratie darstellt, ist der Jargon, die Political Correctness samt Folgen, für Kubitschek/Kozitza - ganz in der Tradition alt-bundesrepublikanischer Konservativer - nur eine Entartungsform einer "wirklichen" Demokratie . Dabei stehen nicht nur Massendemokratie und Globalität "unter der strengen und zugleich anarchischen Aufsicht des Netzwerkimperiums USA", sondern auch die angesprochene kultische Überhöhung des Holocaust. Selbst der Begriff stammt aus den USA.

Rumpelstilzchen

4. Juni 2014 08:58

Alles in allem bedeutet dies: Jargon und Jargonwelt beginnen zu erodieren. Diese Erosion zu unterstützen, vielleicht gar, sie zu beschleunigen, ist alles andere als aktionistisch. Es setzt auf Übermächtiges und Unabsehbares. Darauf setzten Revolutionäre, Gläubige und Liebende seit jeher. Kühnheit in Demut.

F. Böckelmann

Ein großes Schlusswort eines tollen Gesprächs.

"Es gibt keinen Grund zu glauben, daß die technisch-wissenschaftliche und auf wirtschaftlichen Reichtum ausgerichtete Zivilisation ein Endzweck der Geschichte ist und daß sie nicht wieder durch eine Kultur abgelöst werden wird, in der das Heilige der Religion oder Ehre oder irgendein anderes Ideal dem des Reichtums übergeordnet ist."

nach Alfred North Whitehead

Die erste größere gesellschaftliche Gruppe, die als Atheisten ( a-theoi) angefeindet wurden, waren die Christen im römischen Reich vor Konstantin.
Sie lehnten die Verehrung der röm.-griech. Gottheiten vehement ab und ebenso die Kulthandlungen des röm. Gottkaisertums.

In diesem Sinne können moderne a-theoi den Ersatzgöttern abschwören:
zivilen Ersatzreligionen, der Toleranzreligion, Wellness-und Wohlfühlreligionen, Religionen, die auf das Streben nach politischer Macht angelegt sind, dem Kult der Selbstoptimierung und des Sich-Neuerfindens, dem Genderkult.
Sie können sich einer "marktkonformen Demokratie" ( Angela Merkel ) verweigern....usw. usw.

Sezession + Erosion = ???

Nach der Erosion des Jargons gilt:

Johannesprolog

Im Anfang war das Wort ( logos),
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden,
und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war das Leben ( zoe),
Und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
Und die Finsternis hat es nicht erfaßt.

Die chinesischen Wirtschafts- Funktionäre mögen sich am heutigen Tag ihrer zerstörten Kultur erinnern und sich auf Laotse be-sinnen.
TAO TE KING , Das Buch vom Sinn ( Logos) und Leben ( zoe).

Ein Fremder aus Elea

4. Juni 2014 09:30

Das soziale Netzwerk ist diskursive Endstation, Party, Palaver. In öffentlichen Debatten pflegt man heute den „Jargon der Weltoffenheit“ – ich habe mich ausgiebig mit ihm befaßt.

Ich auch.

Geht es Ihnen gut? Danke.
Sind Sie gesund? Es könnte besser sein.
Was macht das Geschäft? Tadellos.

Die Frage ist, wie das Leiden am Weltverlust Sprache und politische Schlagkraft gewinnt.

Hmm... hmm... Tommi Ohrner und Horst Frank zukucken zählt nicht, schätze ich?

Aber ich glaube, Nigel Farage und Beppo Grillo gelingt genau das.

Überraschung: Die Spiele auf den Finanzmärkten finden ohne Subjekte, ohne Drahtzieher und ohne letzte Profiteure statt. Diagnose: letztlich unregulierbar.

Baron LeFuet sähe das anders.

Zum ernsteren Teil.

Der politische Wille bahnt sich an im Geflecht von Erinnerungen und Erwartungen in einer gemeinsamen Nahwelt. Momentpersönlichkeiten finden zu keiner gemeinsamen Haltung.

Die "Momentpersönlichkeiten" sind im Falle Amerikas aus trivialen Gründen Menschen, welche glauben, nicht durch die Verhältnisse bestimmt zu sein, sondern diese selber zu bestimmen, und sei es durch Ortswechsel. Entsprechend gibt es kein "gemeinsames Geschick".

Dergleichen gibt es selbst heute nicht in gleichwertiger Form in Europa.

Die angelsächsische Nüchternheit ist selbst eine Form der Demut, davon ausgehend, daß das Leben reich genug ist, jede Form von Nüchternheit in ihre Schranken zu weisen, siehe meine Ausführungen zu "Utilitaria", der Göttin der Engländer, im folgenden Beitrag:

https://bereitschaftsfront.blogspot.com/2014/06/zur-entschrankung-der.html

Es ist dies eine Frage des Gleichgewichts, also die Folge davon, daß der Mensch anfangen muß, seine eigenen Worte und Taten zu fressen - hier in Europa. Weil wir tatsächlich erreichen, worauf wir zustreben, kommt uns das Leben abhanden, verlieren wir eine persönlich bedeutsame Umwelt und damit unsere Gefühle.

Die titanischen Kräfte obsiegen. Und wer kann schon etwas gegen die technologisch bedingten Machtverhältnisse tun?

Elon Musk vielleicht. Er will auf andere Planeten. Abgesehen davon, daß damit höchstens 100 Jahre gewonnen wären, und daß es aus Ingenieurssicht vernünftiger scheint, Bakterien auf anderen Planeten auszusetzen als Menschen, also die Bausteine des Lebens, und nicht seine komplexesten Produkte, sitzen wir heute bereits in der Patsche und noch lange nicht auf anderen Planeten.

Wenn man so will, kann man auch schlicht sagen, daß der Mensch nicht geboren wurde, um Gott zu sein: Erfüllte sich jeder unserer Gedanken dadurch, daß wir ihn nur dächten, verlören wir alsbald alle Lust an unserem Leben.

Nils Wegner

4. Juni 2014 10:12

Das ist auch insofern kein Wunder, als daß im Hinblick auf den Terminus "Demokratie" selbst eine umfassende Begriffsverzerrung vorliegt, mithin also die deviante Form der "Demokratie in Amerika" (um bei Tocqueville zu bleiben) in der Lage war, die leere Hülle des Oberbegriffs auszufüllen.

In dieser Hinsicht war die letzte IfS-Akademie sehr instruktiv, was sich auch in der aktuellen Sezession niedergeschlagen hat.

bernardo

4. Juni 2014 11:01

"De Tocquevilles Fazit: In Amerika fehle das „gemeinsame Interesse“. An dessen Stelle trete die Gleichförmigkeit als Gebot der öffentlichen Meinung."

Unter dem Druck der staatlich geförderten political correctness (die eben keine Entwicklung aus der Gesellschaft heraus ist, sondern ein Herrschaftsinstrument von Lobbygruppen) mag das derzeit so scheinen, aber auch heute noch sind die USA in Wahrheit ein Land, in dem die extrem unterschiedlichsten Lebensweisen, Meinungen und Glaubensrichtungen völlig unverbunden nebeneinanderstehen. Es gibt dort keine einheitliche öffentliche Meinung und das in einem Ausmaß, das inzwischen die politische Handlungsfähigkeit gefährdet.

Tocqueville hat nur die Gefahren der WASP-Gesellschaft gesehen. Das war treffend, taugt aber nicht zur Beschreibung der Wirklichkeit demokratischer Strukturen insgesamt. Zur seiner "prophetischen" Überhöhung, wie das bei Böckelmann im Ansatz geschieht, besteht kein Anlaß.

Nordlaender

4. Juni 2014 18:30

Die sogenannte "Politische Korrektheit" ist eben gerade nicht korrekt (=richtig), weil sie dazu führt, daß für die Diskussion der Angelegenheiten der Gemeinschaft (polis) das angemessene Vokabular, z.B. "Deutscher", z.B. "Ausländer", z.B. "Illegaler", nicht mehr verwendet werden darf.

Politisch (in)korrekt ist es z.B., von der "Gesellschaft" zu reden. Dabei lassen sich Autoren mit Namen und Zitat belegen. Siehe z.B. unter "Frankfurter Schule" und dort unter Erich Fromm:

“Mental health is characterized by the ability to love and create, by the emergence from incestuous ties to clan and soil, by a sense of identity based on one’s experience of self as the subject and agent of one’s powers, by the grasp of reality inside and outside of ourselves, that is, by the development of objectivity and reason.”
("The Sane Society", 1956)

Gustav Grambauer

5. Juni 2014 08:53

Verehrter Herr Böckelmann,

Ihr Buch gerade mit unbändiger Freude lesend bin ich bei der Suche nach einer griffigen, umfassenden Formel über "Links" und "Rechts", über Hypermoral und Moral, über die Tavistock`sche "Totalitarismusdoktrin", über die Frage ob Bill Gates "links" ist usw. hinweg auf die folgende gekommen:

"Der Kampf jedweder zentrifugaler
gegen jedwede zzentripetale Kräfte".

Es ist ein Naturgesetz, daß sie den verlieren werden, und davon bekommen die westlichen Träumer jetzt mit der (in jeder Hinsicht untermauerten) analytischen Kraft der russischen Strategen ein erstes Vorgefühl.

Mußte beider Lektüre auch durchgängig an das Eichelburg-Pendel denken:

https://www.hartgeld.com/media/pdf/2011/Art_2011-190_PolitschesPendel.pdf

Besonders der Ausklang Ihrer Gedankenführung hier im obigen Gespräch, da schließe ich mich "Rumpelstilzchen" an: superb!!!

Ob die "Postdemokratie" nur eine Entartung der "BRiD"-"Demokratie" sei?!

Ein Dresdner wird dies vielleicht etwas anders sehen. Das Erleiden des (lediglich) "Bürgerlichen Todes" ist nicht konsequent finalistisch gedacht, auch müßte man hierbei zusätzlich den Orwellismus "Freunde" einmal dekonstruieren, denn ansonsten gilt:

https://www.google.de/search?q=when+you+don%60t+come+to+democracy+democracy+will+come+to+you&source=lnms&sa=X&ei=Sw6QU5O3JYbB0QW6kYDwDA&ved=0CAUQ_AUoAA&biw=1571&bih=796&dpr=1

- G. G.

Konservativer

5. Juni 2014 13:12

Ein Hilfe bei der inhaltlichen Klärung, was die Begriffe links und die Linken anbelangt, bietet Paul Gottfried in folgendem Interview:

https://www.counter-currents.com/2013/08/robert-stark-interviews-paul-gottfried-on-the-frankfurt-school/

Konservativer

5. Juni 2014 14:12

Ich habe zu einer Zeit bei sowohl orthodox-marxistischen, als auch kulturmarxistischen Professoren studiert, als es das Sowjetimperium noch gab.
Wenn sich seinerzeit auch die orthodoxen Marxisten, im Gegensatz zu den Kulturmarxisten, eher selten (als Ausnahme) mit dem Thema "soziale Bewegungen" befassten, wurde in meinem Studiengang jede der gegenwärtig sichtbaren und vorherrschenden Ideologien (und natürlich deren Träger) wie beispielsweise Feminismus, Gender (die Anfänge), gewisse Sprachregelungen (ebenfalls die Anfänge), "Multi-Kulti" im Zusammenhang mit Einwanderung gefördert; der Studiengang fungierte in diesem Zusammenhang als ein Transmissionsriemen, Katalysator oder so etwas. Zentral war auch der "Kampf gegen Rechts" in vielfältiger Weise, man konnte sich spezialisieren und einen entsprechenden Abschluss (Diplom) machen, um damit einen Job in diesem (expandierenden) Berufsfeld zu ergattern (Beispiel: https://www.sezession.de/21504/karriere-chancen-mit-einem-master-in-holocaust-communication-and-tolerance.html ).

Nordlaender

5. Juni 2014 21:59

@ Konservativer

Der Relativist Paul Gottfried ist ein entschiedener Kämpfer gegen den Biologismus:

"... although friend-enemy distinctions are evident here, it is doubtful that these dividing lines operate strictly according to biological conditioning.”

Ohne eine "nation" aber (lat. natio = Gemeinschaft der aus dem gleichen Geschlechte Geborenen), ist die "border" freilich überflüssig.

Konservativer

7. Juni 2014 11:46

Sehr geehrter Nordlaender
Am Beispiel Preußens läßt sich nachweisen, daß es durchaus möglich ist, eine gewisse Anzahl Slawen, Welscher etc. so zu assimilieren, daß auch eine Transformation in einen Nationalstaat (mit Grenzen) gelingt.
Was Freund/Feind Bestimmungen anbelangt möchte ich in Erinnerung rufen, daß Segestes ebenso ein Cherusker war wie Arminius.
Worauf ich hinaus will ist folgendes: genau hinsehen, analysieren und in diesem Zusammenhang zumindest versuchen, Gedankentunnel (Tunnelblick), Gedankenkäfige oder so etwas zu vermeiden.

Nordlaender

7. Juni 2014 15:19

@ Konservativer

Zwischen uns und den Slawen besteht eine biologische Nähe.

Ein Nationalstaat ist ein Staat, in dem das Staatsvolk aus biologisch Verwandten besteht.
Im Gegensatz zum Vielvölkerstaat, siehe Libanon, siehe ehemaliges Jugoslawien, siehe die VSA, die sehr systematisch immer weiter verBUNTet werden, nur, daß dort nicht die Moslems, sondern vor allem die Latinos zur Entmachtung der Weißen instrumentalisiert werden.

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