Sezession
16. Juni 2014

„Bleiben Sie interessant!“ – Im Gespräch mit Raoul Thalheim

Götz Kubitschek / 24 Kommentare

hirnhunde_285x255SEZESSION: Herr Thalheim, ich habe Ihnen in den vergangenen Wochen brühwarm die ersten Leserreaktionen auf Ihren Roman Hirnhunde zur Kenntnis gebracht, großes Lob neben erschütternd unentspannten Zeilen. Entspricht das, was wir da zu hören bekommen, Ihren Erwartungen.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

THALHEIM: Das ist ein interessantes Publikum, vor dem Sie Ihre Bücher ausbreiten, das muß ich schon sagen.

Das feedback unterscheidet sich bei Hirnhunde vollkommen von dem, was ich von meinen früheren Romanen her kenne. Nehmen Sie mein bisher erfolgreichstes Buch: Es wurde rund fünfzig Mal rezensiert, aber nur ein gutes Dutzend Leserzuschriften erreichte mich. Bei Hirnhunde wird sich dieses Verhältnis umkehren, wenn es so weitergeht: Noch nie habe ich so viele und vehemente Leserzuschriften erhalten, obwohl die Leute ja an den großen Unbekannten schreiben. Oder tun sie’s gerade deswegen? Andererseits werde ich – wenn ich Ihrer Einschätzung folge – für Hirnhunde nicht einmal im zentralen Medium Ihrer Szene, in der Jungen Freiheit, mit einer Rezension rechnen können.

SEZESSION: Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber in der Tat: Ich rechne nicht damit und habe Ihnen das früh prophezeit.

THALHEIM: Man kann von politischen Journalisten keine Kennerschaft in Sachen Roman verlangen. Nur so viel: Mein Roman ist kein Schlüsselroman, wer darin nach Entsprechungen sucht, wird wiederfinden, was mir über genaue Lektüre und das ein oder andere Filmchen bei youtube bekannt werden konnte. Ich gehöre Ihrem Milieu nicht an, und deswegen ist es mir herzlich egal, ob eine Ihnen geistig nahestehende Zeitung nach meinem Werk greift oder nicht.

SEZESSION: Aber so ganz und gar egal ist Ihnen „mein Milieu“ ja nun doch nicht ...

THALHEIM: Mein Roman ist eine erneute Annährung, auch darüber sprachen wir ja bereits ausführlich. Meine erste, intensive Beschäftigung mit den Spielarten des Rechtsintellektualismus fand nach der Wende statt, ich hielt als jüngerer Publizist diese nicht-linke Denkweise für legitim, für völlig normal. Das, was die Junge Freiheit damals aufzog und was in der Welt um die Herren Zitelmann, Schwilk und Schacht herum passierte, war nicht nur für mich einen gründlichen Blick wert. Ich kenne mindestens zwei Dutzend Kollegen, die damals – ähnlich wie ich – aufmerksam mitlasen oder sogar eine Annährung wagten. Ich habe damals zwei, drei Leuten aus dem Umfeld einer Zeitung, die mit dem Freigeist aus meinem Roman verwechselt werden könnte, Gespräche geführt. Damit war es nach 1996, 97 wieder vorbei. Daß das jetzt wiederkommt, daß Publizisten und Intellektuelle klammheimlich lesen, was von rechts kommt, habe ich Ihnen in unserem ersten Gespräch erzählt. Mein Roman ist Ausdruck dieser erneuten Hinwendung.

SEZESSION: Wo und auf welche Weise kann so etwas Früchte tragen?

THALHEIM: Also bitte! Ein Roman ist eine Frucht, aber wohl eine andere als die, von der Sie träumen. Kein Autor, kein Publizist, kein Filmemacher und kein Intendant wird Ihr politisches Geschäft betreiben. Bleiben Sie interessant. Das ist das einzige, was Sie tun können. Insofern ist mein Roman ein Bärendienst. Er zeigt, daß Ihr Milieu eine ziemlich banale Angelegenheit ist. Überraschung: Diese Leute sollen gefährlich sein?

(Hirnhunde von Raoul Thalheim hier bestellen.)

 


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (24)

Rumpelstilzchen
16. Juni 2014 16:27

Lieber Herr Thalheim,

Jetzt enttäuschen Sie mich aber doch !
" Bleiben Sie interessant ! "
Was soll dieser dumme Rat ? Die Menschen in "unserem Milieu" wollen nicht nur interessant sein, mehr noch wollen sie geliebt werden !
"Nur das Widerständige bleibt interessant" ( Norbert Bolz) .
Das ist wohl wahr. Doch...
Welch ' keuche Jungfrau will ewig widerstehen ? Irgendwann läßt da jedes männliche Interesse nach. Auch Sie vermeiden in Ihrem Roman sozusagen die erfüllende Annäherung . und lassen den liebenswerten Protagonisten über die Wupper gehen...

"Ich schluchze auf der Schwelle:
laues Geblühe, fremde Feuchtigkeiten"

Gottfried Benn
Das war noch nicht mal ein laues Geblühe, Marcel stand in voller Blüte !

Und dann so ein unromantisches Ende ! ja, da kann wirklich nur noch ein
Gott uns retten !
Lassen Sie die Annäherungen, wenn Sie Angst haben, sich zu verlieben !

Ihr Buch ist großartig. unterhaltend, amüsant und ganz ohne Sexakrobatik.
Wo es bei Charlotte Roche " unter ihren Kleidern lebt" ( Benn), lebt es in den Hirnhunden, wenn es denn lebt, in den Seelen.
Dieses zarte Pflänzchen könnte man kultivieren.
Trotz 50 Rezensionen und dem verpixelten Foto, auf dem ich Sie nicht mal erkenne, wenn ich das Bild vor den Spiegel halte, möchte ich gar nicht wissen, wer Sie sind.
Ich kann mir das Buch auch sehr gut als Film vorstellen.
Schade. Wird wohl nichts.

Konservativer
16. Juni 2014 17:29

Heiliger Jesus.
Die einen finden uns interessant (wenn auch aus sicherer Deckung heraus), die anderen fordern dauerhafte Strukturen im Kampf gegen Rechts (als ob es die noch nicht geben würde), d.h. im Klartext mehr Geld für Projekte, die sich dem dauerhaften Kampf gegen Rechtsextremismus/-populismus widmen.

https://www.badische-zeitung.de/dpa-news/ministerin-fuer-dauerhafte-strukturen-im-kampf-gegen-rechtsextremismus--86268960.html

Wenn wir dagegen berechtigterweise einwenden, wir seien doch keine Rechtsextremisten, hilft das einerseits eher wenig, wenn uns das Etikett "Rechtsextrem" einmal aufgeklebt worden ist. Und andererseits ist "Rechtspopulismus" ein überaus schwammiger Begriff, den kann man doch auf jeden Menschen anwenden, der sich vermeintlich "intolerant" äußert, etwa indem er bestimmte Zustände, Vorgänge oder Sachverhalte aus einer dezidiert rechten Perspektive heraus kritisiert.

Nils Wegner
16. Juni 2014 17:43

Wer "geliebt werden" will, der schreibe für die taz oder geriere sich als "Aussteiger". Ist ja nun wirklich nicht so, daß die Zivilgesellschaft für Ver-Querdenker und reuige Sünder nicht ganz viel Liebe übrighätte.

Schmähungen und die "szene"internen Stutenbissigkeiten sind die eine Sache, aber aus all dem nun ein fishing for compliments-Schaulaufen machen zu wollen, geht doch etwas weit.

Peter
16. Juni 2014 19:13

Tatsächlich sind die Konservativen harmlos und kaum mobilisierbar.

Herr Thalheim sollte sich aber fragen, warum er selbst nichts gegen die schleichende Auflösung unseres Volkes und seinen absehbaren Untergang tut. Deutsche Schriftsteller haben dann nämlich auch keine Zukunft.

Trotzdem: Danke für dieses Buch!

Hesperiolus
16. Juni 2014 20:34

Kein "Besuch beim Propheten" oder Gladius Dei Typen, keine "irrationalen" Grenzgänger aus James Webbschen Sphären, auch reaktionäre Ästheten wie immerhin in den schönen Romanen der Anna Katharina Fröhlich bevölkern dieses Buch - leider - nicht, statt dessen ein "banales Milieu", wie es doch (wohl kaum von UT) nicht besser auf den Punkt enttäuschter Erwartung gebracht wird. Keineswegs im Nebelschen Sinn "entheutigte", sondern flache, blasse Zeitgenossen, keine vom gegenglücklichen Pathos infizierten "Rechtsintellektuellen" - eine schreckliche Vorstellung, wäre das ein roman à clef aus Innensicht!Immerhin ist das Buch ordentlich geschrieben und in einem Zug lesbar, meidet creative writing-Schnörkel weitgehend, von wie ein "Bahngleis, das zwischen wogenden Feldern entlangführt" einschneidenden BH-Trägern oder "süßlich nach überreifen Blumen" strömendem Dekolleté abgesehen. Für die Nebenbei-Lektüre eine ganz "okaye" Prose; horrible Vorstellung allerdings, daß ein Redakteur der à clef gemeinten JF mit Trägerinnen "leuchtend hellblauer Fußnägel" dinieren könnte!

Inselbauer
16. Juni 2014 21:00

Ein koketter Feigling, dieser Thalheim!
Fast noch dringender als im Fall der verkleideten feschen Damen aus Schellroda wäre hier ein Foto fällig, das umgehend zu posten wäre.
Und auch hier kommt wieder Kubitschek dazwischen!

isidor
16. Juni 2014 21:35

@Inselbauer
Warum soll der Autor ein koketter Feigling sein?
Nebenbei: Bin zwar noch nicht ganz durch, find den Roman aber ganz nett. Freut mich, dass das Projekt eines rechten Literaturverlags fahrt aufnimmt.

D
16. Juni 2014 21:43

Herr Thalheim, gelungene Werbeaktion heute im Fernsehen:

https://i62.tinypic.com/2v9df2g.jpg

Peter Niemann
17. Juni 2014 04:49

Und wir schwatzen und schwatzen, lesen und lesen, diskutieren und diskutieren, waehrend die Goten sich durchs roemische Tor eingelassen hatten und schon marodierten. Ach, Thalheim, oh Thalheim, Du bist so feige wie die meisten von uns. Aber niemand kann es Dir verdenken.

Rumpelstilchen
17. Juni 2014 07:48

@ Nils Wegner

Was haben Sie gegen die taz ?
Die wird immer rechtsextremer. Nach dem Motto:
Lieber ein Sauhund als ein Hirnhund !!!
Und die in rechten Kreisen immer wieder gestellte Kleiderfrage ist hier doch auch zufriedenstellend gelöst .

https://www.taz.de/Deutschland-gegen-Portugal-Gruppe-G/!140508/

Martin
17. Juni 2014 08:31

freuen Sie sich an den Verkaufszahlen

Wie viele Bücher wurden denn bislang verkauft?

antwort kubitschek:
gestern übersprangen wir die 900.

Carsten
17. Juni 2014 08:58

"horrible Vorstellung allerdings, daß ein Redakteur der à clef gemeinten JF mit Trägerinnen „leuchtend hellblauer Fußnägel“ dinieren könnte!"

Hab' ich im Konservativen Minimum die Fatwa gegen lackierte Damenzehen überlesen?

rautenklause
17. Juni 2014 09:02

Ich sehe nicht, daß "interessantes Milieu" und "nichts Gefährliches" deklassierend daherkommt - es ist schlechterdings einfach wahr. Und nie war es einfacher, dies auch literarisch festzumachen - an zwei fast gleichzeitig erschienenen Büchern in ein und demselben Verlag: vergleichen Sie doch bitte die "Szene" in den "Hirnhunden" um das fiktive (?!?) Blatt "Freigeist" mit in realiter existierenden deutschen Gemengelagen und deren ausgemachtem Endziel, es beim "Presseclub" im Ersten zumindest den Sprung an den Katzentisch zu schaffen und stellen dem "Wer gegen uns" gegenüber: ein Buch, das mich von Duktus und Inhalt immer wieder an "Die Geächteten" erinnert hat. Und die Schilderung des jeweiligen Menschentypus ist doch sehr treffend. Also: Hohenzollerndamm oder Via Napoleone III ?

hubschrauberpilot
17. Juni 2014 10:21

rautenklause: So isses. Der Hirnhund ist ein sauber geschriebener Roman, kein pseudoliterarisches Szenegestammel. Die buntesdeutschen Konserven, soweit sie mir bekannt sind, werden doch recht gut charakterisiert. Die Romangestalten hat der Raoul dabei tatsächlich so gemischt angelegt, daß man die einzelnen Figuren eben nicht als Verkörperung einzelner Personen lesen kann. Mich hat das Ding jedenfalls ziemlich erheitert. Andererseits: die Via Napoleone. Der Text ist doch streckenweise arg pubertätsromantisch, da läuft's allenfalls Leuten, die noch nie auf die Fresse bekommen und noch nie ausgeteilt haben, warm die Schenkel runter. Italiener halt. Mit den salomonischen Geächteten ist das nicht zu vergleichen, auch vom literarischen Florena her nicht. Ceterum censeo: Prima Reihe, Nordost, hoffentlich: Nächstens mehr ...

Nils Wegner
17. Juni 2014 11:26

@ Carsten: Vielen Dank, der Analogieschluß hätte mir mal bei dieser unsäglichen Klamotten-Monologreihe einfallen sollen.

Vermutlich hat so mancher tatsächlich eines von den Ajatollahs gelernt; das klang schon bei einigen Reaktionen auf die "Sieben Reiter" durch. So ungefähr: Es gibt keinen Humor, keine Verspieltheit, keine Alltagslockerheit und natürlich auch keinen Sex im wahren Islam Konservatismus (oder wie auch immer der je einzelne seine persönliche reine Lehre verbrämen mag).

Schon fetzig, daß die Frage "What's right?" seit den sechziger Jahren offensteht und irgendwie doch jeder die Wahrheit für sich gepachtet zu haben scheint. Hauptsache, man kann mit großem Tamtam letztlich nichts aussagen und sich als irgendwie besser als xy darstellen – les extrêmes se touchent.

Reichsvogt
17. Juni 2014 13:08

Es ist schon seltsam und bezeichnend, daß bisher nichts in der JF über dieses Buch geschrieben stand. Außerdem ist es im JF-Buchdienst nicht beziehbar. Es geht ja schließlich nicht um einen "1:1-JF-Roman". Hinweise auf persönlich-banale Gedanken/Verhaltensweisen könnte man auch mit Humor nehmen. Ist halt niemand die perfekte Verkörperung des Rechtsseins (auch wenn mancher das von sich meint). Auch Nietzsche hatte seine Probleme, Schmitt war geschieden, Jünger hatte Liebschaften usw.. So ist es halt. Nicht jeder unserer Gedanken ist tiefschürfend und intellektuell. Nicht jedes alltägliche Verhalten schneidig und souverän. Linke sind schließlich auch nicht immer locker, tolerant, bunt und phantasievoll (so die selbstzugeschriebenen Attribute). Realismus ist rechts!

Bootsmann
17. Juni 2014 14:31

Realismus ist rechts!

Nö. »Wir wollen keine Wahrheit mehr. Gebt uns den Traum!« (G. D’Annunzio) Das ist rechts!

Karl
17. Juni 2014 20:07

"Dieses Milieu" sei eine banale Angelegenheit (mag schon sein, zum Teil), aber was ist dann alles andere? Zum Roman: er ist feinsinnig und mit Humor geschrieben und mit solchem sollte man ihn auch aufnehmen.

Reichsvogt
17. Juni 2014 22:27

@bootsmann: Utopie sind links. Lesen Sie öfter die Sezession und sie werden es verstehen...

Reichsvogt
17. Juni 2014 22:29

D'Annunzio war Faschist. Die Wurzel des Faschismus sind links.

Nils Wegner
18. Juni 2014 08:37

Wenn D'Annunzio Faschist war, dann waren Jünger und George auch Nationalsozialisten. Wie war das noch mit der notorischen Besserwisserei..?

Rumpelstilzchen
18. Juni 2014 09:17

jDie Rechte, das ist definitiv männlicher Stil. Ordnungsgedanke, Dezisionismus, Etatismus, Kulturpessimismus, Ästhetizismus, Analyse. Das ist ein Männerprogramm, durch und durch. Mann-männliches Programm gewissermaßen, Männerbundsachen. Die paar Frauen, Gott, ja. Die sind entweder über den Hormonwechsel längst hinaus, oder an ihrer Gechlechtlichkeit ist irgendein Haken, hehe. Unter normalen Voraussetzungen sind rechts die Männer unter sich. Und dadurch ist doch eigentlich klar, daß...

Allein für diesen Satz liebe ich das Buch, auch wenn die rechten Frauen darin schlecht wegkommen. Die arme Nora kommt recht spröde rüber.

Aber Thalheim hat ins Schwarze getroffen !
Ihr Hirnhunde, Ihr Käferstarrer, Ihr Erbsenzähler.
@Inselbauer
Kubitschek hat längst ein Foto eingestellt. Ich warte auf die Analyse !

Und wie zärtlich diese Agnes :
die einen fehlfarbigen Findelmops Ernst nennt.

Keine Intellektuelle.

Ich ! Stählerne Argumente ! Schwer zu entkräften! Diese Frau bereitet mir einen Thron ! Den ich nie erklimmen kann !

Allein dieser Gedanke Marcels - göttlich...

Bootsmann
18. Juni 2014 10:36

Ha ha, einfache Addition, Herr Reichsvogt – ja, so einfach kann das alles sein.

Götz Kubitschek
18. Juni 2014 15:41

so, männer, zapfenstreich.
gruß! kubitschek

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