Demjanjuk

Das Nachdenken tanzt auf Messers Schneide, wenn derjenige, über den man nachdenkt, seinen Wachdienst in...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern abge­leis­tet hat. Aber den­noch muß man dar­über nach­den­ken: Und wenn der Autor nach dem Tan­ze dann rechts und links der Klin­ge her­un­ter­rutscht wie der Tür­ke in Uhlands Gedicht, dann triff­ts ein aben­teu­er­li­ches Herz.

Also: Der Ukrai­ner John Dem­jan­juk wur­de von den deut­schen Besat­zern aus einem Gefan­ge­nen­la­ger her­aus rekru­tiert und als Wär­ter in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Sobi­bor und – wohl – Flos­sen­bürg ein­ge­setzt. Er wur­de nach dem Krieg in Polen frei­ge­spro­chen, emi­grier­te in die USA, wur­de ein­ge­bür­gert, wie­der aus­ge­bür­gert, an Isra­el über­stellt, dort zunächst mit einem Wär­ter namens “Iwan, der Schreck­li­che” ver­wech­selt, zum Tode ver­ur­teilt und nach Archiv­fun­den in Mos­kau wie­der frei­ge­spro­chen. Er kehr­te in die USA zurück, wie­der­um ein­ge­bür­gert, ver­lor aber 2002 sei­ne Staats­an­ge­hö­rig­keit erneut und kämpf­te seit­her gegen sei­ne Auslieferung.

Nun hat die Staats­an­walt­schaft in Mün­chen Ankla­ge wegen Bei­hil­fe zum Mord in 29000 Fäl­len erho­ben: Das ist die ermit­tel­te Zahl derer, die in Sobi­bor ihr Leben lie­ßen, wäh­rend Dem­jan­juk dort sei­nen Dienst ver­sah – neben vie­len ande­ren, aber er ist nun ein­mal auf­grund der vor­ma­li­gen Ver­wechs­lung so bekannt, ist greif­bar. Dem­jan­juk sitzt seit ein paar Tagen in Mün­chen in Unter­su­chungs­haft. Der hol­län­di­sche Straf­rechts­leh­rer Chris­tia­an van Rüter nennt ihn “den kleins­ten der klei­nen Fische”, der Pro­zeß gegen die­sen 89-jäh­ri­gen Hilfs­wil­li­gen (“Traw­ni­ki” nann­te man sie) ist also ein Griff nach dem unters­ten Ende der Befehlskette.

Wem machen wir den Pro­zeß, wenn wir Dem­jan­juk ankla­gen? Wir ver­han­deln über eine Mög­lich­keit in uns selbst. Das ist kein neu­er Gedan­ke, aber es ist einer, der in Ver­ges­sen­heit gerät, wenn Gut und Böse so klar geschie­den schei­nen wie in sol­chen Fäl­len – oder aber, wenn wir uns mit einem Hecht­sprung auf die Sei­te der Guten ret­ten können.

Aber wir müs­sen uns doch fra­gen, ob wir den Stroh­halm des Ent­kom­mens aus dem deut­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger nicht auch ergrif­fen hät­ten – für den Preis des Diens­tes in der deut­schen Armee, die immer­hin zunächst als der Befrei­er vom Bol­sche­wis­mus wahr­ge­nom­men wur­de. Wir müs­sen uns auch fra­gen, ob wir es für aus­ge­schlos­sen hal­ten, daß wir die Türe eines Vieh­wag­gons geöff­net oder die zu einem Kel­ler­raum wie­der ver­rie­gelt hät­ten, wenn es uns befoh­len wor­den wäre. Und wer hät­te das Gewehr sin­ken las­sen und sich selbst an die Gru­be gestellt?

Wir müs­sen Dem­jan­juk (die­sen kleins­ten der klei­nen Fische) auch ver­glei­chen mit den im Irak fol­tern­den US-ame­ri­ka­ni­schen Offi­zie­ren, von denen Oba­ma sagt, daß er sie nicht preis­ge­ben oder ankla­gen wer­de: Denn sie täten nur ihre Pflicht, führ­ten nur Befeh­le aus. Ist die ein­ge­hen­de Beschäf­ti­gung mit den Fin­gern, Gelen­ken, Hoden eines ein­zel­nen Gefan­ge­nen und die zuvor gründ­li­che Aus­bil­dung des Ver­hö­rers über­haupt ver­gleich­bar mit den Hilfs­diens­ten eines ukrai­ni­schen Kerls, der durch­kom­men woll­te? Hät­te sich der ame­ri­ka­ni­sche Offi­zier auf die Fol­ter­bank geschnallt gese­hen, wenn er sich dem Befehl ver­wei­gert hätte?

Der Tanz auf des Mes­sers Schnei­de ist zuen­de. Laßt die unte­ren zehn Meter der Befehls­ket­te in Ruhe, sie hat das alles mit sich sel­ber aus­zu­ma­chen – ges­tern wie heute.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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