25. Juni 2014

Wie dick ist Bertha wirklich?

Gastbeitrag / 17 Kommentare

Seltsam: Passend, wenige Wochen vor der Europa-Wahl, mehrten sich die Jubelmeldungen, und nun – nach der Europa-Wahl – herrscht scheinbar Panik, und EZB und Co. zünden die nächste Stufe des geldpolitischen Experiments namens Euro.

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So haben Irland und Portugal den Euro-Rettungsschirm verlassen, und als naiver Nachrichtenkonsument hätte man nun vermuten können, diese Länder hätten ihre Schulden an die übrigen Euro-Länder zurückgezahlt. Doch weit gefehlt. Gemeint ist nämlich, daß die weitere Verschuldung wieder ganz normal am internationalen Kapitalmarkt erfolgen soll.

Dort ist aber schon lange nichts mehr normal, denn praktisch alle große Notenbanken haben massiv am Kapitalmarkt eingegriffen, um die Zinsen zu senken.

Bevor sie ihre monatlichen Käufe zu reduzieren begann, kaufte die US-amerikanische Notenbank „Fed“ für monatlich 85 Mrd. US-Dollar vornehmlich amerikanische Staatsanleihen, also über 1000 Mrd. Dollar p.a. im Rahmen des sogenannten quantitative easing-Programms. Die europäische Zentralbank EZB ging subtiler vor und versuchte mittels Kreditvergabe an Geschäftsbanken zu Minizinsen einen vergleichbaren Effekt zu erzielen, ohne aber offen gegen das Verbot der Staatsfinanzierung zu verstoßen. „Super Mario“ Draghi prägte dafür den Begriff der „dicken Bertha“, um Willen und Fähigkeit der EZB zu illustrieren, mit der amerikanischen „Bazooka“ gleichzuziehen.

Der Schlüssel zum Verständnis dieser Operation ist das Nullgewichtungsprivileg für Staatsanleihen der Euro-Länder. Das bedeutet, daß Geschäftsbanken für Euro-Staatsanleihen keinerlei Risikopuffer in Form von Eigenkapital vorhalten müssen. Ja, Sie haben richtig gelesen: Griechische Staatsanleihen gelten bankenregulierungstechnisch als risikofrei!?

Im Ergebnis führen beide Vorgehensweisen zum gleichen Ergebnis, denn diese zusätzliche Nachfrage treibt die Anleihekurse und senkt dadurch die Zinsen, sodaß sich die Staaten immer günstiger verschulden können.

Die Motive sind vielfältig, aber wesentlich sind die erhofften Auswirkungen auf Staatshaushalte und Bankbilanzen. Da die europäische Finanzkrise mittlerweile als eine Staatsschuldenkrise wahrgenommen wird, mildern die sinkenden Zinsen den Druck auf die Staatshaushalte. Das hatten wir vor fünfzehn Jahren aber schon einmal, als vor der Euro-Einführung die Zinsen der „Südkurve“ massiv sanken. Daß das gesparte Geld diesmal sinnvoller eingesetzt wird, darf man bezweifeln.

Zinsen-1996-14

Quelle: Cesifo-Gruppe

Im übrigen zeigt die Grafik auch, daß die Finanzmärkte die No-Bail-Out-Klausel damals nicht ernstnahmen, denn daß von Griechenland bis Deutschland alle Euro-Länder gleich hohe Zinsen bezahlen, ist natürlich nur erklärlich, wenn in allen Fällen letztlich der gleiche Schuldner dahintersteht. Erst im Zuge der Krise brach zeitweise Realismus aus.

Der zweite wesentliche Aspekt der EZB-Politik ist, daß die Banken durch diese Konstellation die Zinsdifferenz zwischen Staatsanleihen und EZB-Refinanzierung einstreichen. Selbst wenige Prozent, multipliziert mit den Hunderten von Milliarden Euro Staatsanleihen in Bankenhand ergeben einen hübschen Ertrag, der das Eigenkapital der Banken stärken soll.

Es zeigt sich also die alte Symbiose von Politik und Finanzkapital und die Geiselnahme europäischer Staatshaushalte durch Großbanken hat sich dadurch sogar verschlimmert. Wenn es nämlich zu einem nennenswerten Schuldenschnitt bei Staatsanleihen käme oder durch Wegfall der Bürgschaften und Kreditgarantien die Anleihekurse sänken, wäre das Eigenkapital der Banken schlagartig aufgezehrt und sie somit pleite.

Wie die Kapitalerhöhungen, beispielsweise der Deutschen Bank, jedoch zeigen, sind selbst diese hochprofitablen Geschäfte keinesfalls hinreichend, um die kommenden Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen. Banken sind also vor Wahl zwischen (weiteren) vor allem bei ihren Aktionären sehr unpopulären Kapitalerhöhungen und reduzierter Kreditvergabe gestellt, denn Kredite an Personen und Unternehmen sind sehr wohl mit risikoangemessenen Eigenkapitalpuffern zu versehen.

Da es Politiker und Bankenregulierer sind, die von Banken eine verantwortungsvolle Kreditvergabe verlangen, um weitere Finanzkrisen zu verhindern, darf man sich schon wundern, wenn die gleichen Politiker nun die fehlende Kreditvergabe an den Privatsektor bemängeln. Aber so sind sie halt, unsere Politiker. Hauptsache sie selbst tragen keine Verantwortung und haben einen passenden Sündenbock zur Hand. Die Mär von der Zähmung der Finanzmärkte durch die Politik ist kaum mehr als Theaterdonner.

Aber erst beim dritten Aspekt dieses geldpolitischen Experiments der Notenbanken kommt das ins Spiel, was die meisten von uns vorrangig interessieren dürfte, die reale Wirtschaft nämlich. Die Zinsen langfristiger Staatsanleihen haben als Gradmesser für private Investitionsentscheidungen erhebliche Bedeutung, da sie den risikofreien Ertrag abbilden, sogenannte Opportunitätskosten. Jede andere Investition ist demgegenüber risikobehaftet, sodaß sie höher rentieren muß, um wirtschaftlich sinnvoll zu sein.

Sinken also Zinsen, und damit die Opportunitätskosten, werden Investitionen interessant, die zuvor aus ökonomischer Ratio nicht getätigt wurden. Die sinkende Rentabilitätsschwelle sollte daher zu höherem Investitionsvolumen, Wirtschaftswachstum und steigender Beschäftigung führen.

Transmissionsriemen defekt: fehlende private Kreditaufnahme

Wie das sehr überschaubare Wachstum in den Krisenländern zeigt, funktioniert das aber nicht. Die Zinsen alleine sind es offenbar nicht, es fehlt ein Glied in der Kette und das ist die Kreditvergabe an Haushalte und Unternehmen.

Folgende Grafik zeigt die jährliche Veränderung in Prozent der Kreditmenge im Euro-Raum, aufgeschlüsselt nach Haushalten (rot), Unternehmen (grün) und gesamtem Privatsektor (blau).

kreditmengen euroraum 2000-2014
Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis, FRED-Datenbank

Wir sehen zwei ausgesprochene zyklische Höhepunkte, nämlich unmittelbar nach Einführung des Euros als Buchgeld 1999 und in den Boom-Jahren unmittelbar vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise stark mit teils über 10% p.a. Danach brach das Wachstum jedoch ein und ist seit Ende 2012 negativ.

Und genau hier sollen die negativen Einlagezinsen für Bankguthaben bei der EZB ansetzen, indem sie für Banken einen Anreiz setzen, „ihr Geld“ lieber zu verleihen als es bei der EZB zu parken. An andere Banken wollen sie ohnehin nicht verleihen, da das Mißtrauen weiterhin hoch ist.

Dabei gibt es jedoch zwei entscheidende Probleme. Erstens ist der Zins der Bankenrefinanzierung, der soeben von 0,25% auf 0,15% gesenkt wurde, wenig relevant für Kreditentscheidung an Unternehmen und Privatpersonen, deren Verzinsung in jedem Fall mehrere Prozent beträgt. Es zählt vielmehr die Bonität des Kreditnehmers. Zweitens setzt jede erfolgreiche Stimulierung der Kreditvergabe eine entsprechende Nachfrage solventer Kreditnehmer voraus.

Salopp formuliert: Diejenigen, die Kredit wollen, bekommen keinen und diejenigen, die Kredit bekommen würden, wollen keinen.

Wo bleibt die große Inflation?

Die oben beschriebene implizite (EZB) oder explizite (FED) Finanzierung der Staatsschulden durch Notenbanken hat in der Vergangenheit stets zu Inflation geführt. Daher warnen viele bereits seit Jahren vor der unweigerlich aufziehenden Inflation, aber bisher hat sie sich nicht gezeigt. Warum nicht?

Inflation und Deflation sind eng verknüpft mit dem Mengenverhältnis von Geld zu Gütern. Steigt die Geldmenge stärker als die Gütermenge, bewirkt das langfristig tendenziell steigende Preise. Umgekehrt führt eine relativ sinkende Geldmenge auch zu sinkenden Preis, weil Geld im Vergleich zu Gütern knapper, also wertvoller wird. Um ein allgemein steigendes Preisniveau zu erreichen, bedarf es also zwingend des Geldmengenwachstums.

In unserer Finanzordnung erfolgt Geldschöpfung durch Kreditvergabe der Banken. Diese Kredite werden den Konten der Kreditnehmer gutgeschrieben und werden als Sichteinlage (=kurzfristig verfügbar) definitionsgemäß Geld, während die Banken langfristige Forderungen dagegen buchen.

Grundsätzlich können auch Notenbanken Geld schöpfen und das tut die FED massiv, indem sie direkt Staatsanleihen kauft. Die EZB hat in der Vergangenheit jedoch stets auf die „Sterilisierung“ ihrer Kredite an Banken geachtet, sodaß diese nicht unmittelbar die Geldmenge erhöhten.

Das zeigt sich in der zuletzt gegensätzlichen Entwicklung der Bilanzsummen der Notenbanken.

zentralbank bilanzsummen
Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis, FRED-Datenbank

Daher finden sich die geringen bzw. negativen Wachstumsraten der Kreditvergabe im Euro-Raum auch in der Geldmengenentwicklung wieder. Untenstehende Grafik zeigt die absolute Geldmenge M3 des Euro-Raums (blaue Linie) und die jährlichen Wachstumsraten (graue Säulen).

geldmenge 99-14Quelle: Bundesbank

Alleine dieses überschaubare Wachstum der Geldmenge begrenzt das Inflationspotential.

Niemand nimmt einen Kredit auf, um das Geld nicht auszugeben. Soll heißen, daß private Kreditaufnahme praktisch immer als Nachfrage in realen Gütermärkten wirksam wird, sei es investiv oder konsumtiv. Verbleibt die Geldschöpfung der Zentralbanken aber im Bankensystem oder den Finanzmärkten, bleibt diese reale Nachfrage aus. Und aus diesem Grund erleben wir derzeit noch keine Inflation an den Gütermärkten. Auf den Finanzmärkten der (Sach-)Vermögenswerte haben sich fast alle Anlageklassen in den letzten Jahren sehr gut entwickelt, wir haben es also mit einer Vermögenswertinflation zu tun.

Solange die reale Nachfrage niedrig bleibt, wird der geringe Preisdruck anhalten, denn für nachhaltige Inflation ist die Preis-Lohn-Spirale wesentlich, das heißt, eine Aufwärtsspirale steigender Preise, die steigende Löhne nach sich zieht usw.

Wer hat Angst vor Deflation?

Derzeit grassiert die Angst vor Deflation und die unkonventionellen Maßnahmen der EZB wurden wesentlich dahingehend interpretiert, denn offiziell sieht die EZB Deflation als unwahrscheinlich an. Woher stammt die Angst vor Deflation?

Im Grunde müßte eine milde Deflation der Normalzustand einer Wirtschaft sein, weil die Produktivität durch ständige Verbesserungen steigen sollte und bei Abwesenheit externer Preiseffekte diese Effizienzsteigerung zu sinkenden Preisen führen sollte. Zwar ist grundsätzlich richtig, daß sinkende Preise einen Anreiz zu temporärem Konsumverzicht schaffen, aber wenn dieser Anreiz alleine stünde, würde kein Notebook oder Mobiltelephon je verkauft werden.

In einer Deflation gibt es jedoch zwei ganz große Verlierer, nämlich den Staat und die Banken als die größten Schuldner und Profiteure der Inflation. Auf Euro-Wahrheit.de sind die Zusammenhänge vertiefend dargestellt.

In einer Deflation, also bei sinkenden Preisen, werden Schulden real immer höher, da sie aus nominal sinkenden Einkommen bedient werden müssen. Für alle Personen und Institutionen, die sich durch den inflationären Normalzustand in übermäßige Verschuldung locken ließen, kann das verheerend sein.

Aber diejenigen, die nicht oder maßvoll verschuldet sind, können durchaus profitieren, schließlich steigt die Kaufkraft ihrer Einkommen und Geldvermögen. Und gerade die kleinen Sparer haben ihr Erspartes oftmals in Geldvermögen oder vergleichbaren Anlagen, wie etwa Lebensversicherungen angelegt. In der aktuellen „finanziellen Repression“ werden diese real entwertet, in einer Deflation würden die Sparsamen automatisch belohnt. Auch die Umverteilungseffekte von unten nach oben, die durch den Cantillon-Effekt beschrieben werden, enden in einer Deflation, sodaß die „kleinen Leute“ relativ gesehen profitieren können. In einem inflationären Umfeld sind nämlich Staat und Banken deutlich privilegiert, da sie mit neuem Geld (Steuern auf nominal steigende Preise und Einkommen aus Geldschöpfung) zu alten Preisen einkaufen können, während die meisten von uns mit altem Geld (Einkommen, die der Preisentwicklung nur verzögert folgen) schon die neuen, inflationierten Preise bezahlen müssen.

Dennoch gibt es einen ultimativen Grund zur Abwehr einer Deflation, denn in unserem heutigen Geldsystem sind wir alle de facto verschuldet. Unser Geld an sich sind Schulden und ist daher zu verzinsen – siehe oben. Wenn Geldmenge X im Jahre 0 zinstragend ist, muß im Jahre 1 X+Zins bezahlt werden. Würde die Geldmenge nicht wachsen, würde daher ein gnadenloser Verteilungskampf beginnen, bei dem zwingend etliche auf der Strecke blieben. Eine über Wachstum und Zins hinaus steigende Geldmenge, also eine tendenziell stets inflationäre Entwicklung, mildert den Leidensdruck, ohne jedoch die zugrundeliegenden Probleme zu adressieren.

Es haben sich daher ganze Gesellschaften mit permanent erhöhter Inflation arrangiert und entsprechend dramatisch sind die Auswirkungen, wenn das auf einmal nicht mehr funktioniert. Und wie brutal eine Deflation mit innerer Abwertung, also nominal sinkenden Löhnen und Preisen dann zuschlagen kann, ist den Ländern der Südkurve und insbesondere Griechenland zu besichtigen.

Wie weiter?

Auch wenn es sich in Deutschland aufgrund einer gewissen Sonderkonjunktur und vor allem der für unsere Verhältnisse zu niedrigen Zinsen anders anfühlen mag, haben wir es in Europa und tendenziell der gesamten entwickelten Welt mit einer realen Wachstumskrise zu tun. Vor allem die exorbitante Arbeitslosigkeit in den europäischen Südländern zeigt das.

Solange die reale Nachfrage niedrig bleibt, wird sich das durch Finanzalchemie alleine nicht kurieren lassen. Gleichzeitig sind den Staatshaushalten enge Grenzen gesetzt, sodaß für die meisten Länder Konjunkturprogramme unbezahlbar sind, weil sie die Verschuldung weiter erhöhen würden.

Wahrscheinlich bedarf es eines externen oder orchestrierten Schocks, um diese Zurückhaltung zu beenden. Gerade Ukraine-Krise und Aufziehen eines neuen, hoffentlich nur kalten Krieges bieten dazu eine hervorragende Gelegenheit. Rüstungsprogramme und andere Staatsausgaben in diesem Bereich haben nämlich den großen Charme, daß sie die private Nachfrage nicht verzerren (z.B. Vorzieheffekte beim Autokauf durch die Abwrackprämie) und auch nicht als Überkapazitäten auf die Märkte zurückkommen können.

Seien wir also gespannt, welche Ausreden die Politik erfindet, um das vermeintliche Austeritätsdiktat abzulegen oder weiter an der Steuerschraube drehen zu können. Im Zeitalter rekordhoher und weiter steigender Steuereinnahmen ist ein „Schlagloch-Soli“ eine Zumutung. Es wird nicht die letzte sein.


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Kommentare (17)

Oppermann, Ralf
25. Juni 2014 12:31

Im Ganzen erscheint mir der Artikel gut verständlich und einleuchtend. Allein einen Satz [auf der dritten Seite] begreife ich nicht : „Die EZB hat in der Vergangenheit jedoch stets auf die ,Sterilisierung‘ ihrer Kredite an Banken geachtet, sodaß diese nicht unmittelbar die Geldmenge erhöhten.“ Will die EZB denn nicht gerade mit Hilfe der Ausgabe von – in den Geld – Ware – Geld – Kreislauf hineingeleiteten - Krediten die Geldmenge vergrößern, um die Inflationsrate zu erhöhen bzw. der Deflation entgegenzuwirken? So heißt es im Artikel [auf der vierten Seite]: „Derzeit grassiert die Angst vor Deflation und die unkonventionellen Maßnahmen der EZB wurden wesentlich dahingehend interpretiert...“ Sie erreichten ihr Ziel jedoch nicht, denn [s. die dritte Seite]: „Es zählt...die Bonität des Kreditnehmers. ...jede erfolgreiche Stimulierung der Kreditvergabe [setzt] eine entsprechende Nachfrage solventer Kreditnehmer voraus. Salopp formuliert: Diejenigen, die Kredit wollen, bekommen keinen und diejenigen, die Kredit bekommen würden, wollen keinen.“ – Den Text dieser Zitate verstehe ich so, daß entgegen der Absicht der EZB die Geldmengenvergrößerung mit darauf erfolgender Erhöhung der Inflationsrate (auf 2%) nicht gelungen ist. Inwiefern handelt es sich dann aber um eine gewollte „Sterilisierung“, „sodaß diese (sc. die EZB-Kredite) nicht unmittelbar die Geldmenge erhöhten“?

Inselbauer
25. Juni 2014 13:06

Hervorragender Artikel. Toll, dass es so was hier gibt.

Stephan
25. Juni 2014 14:00

Es gibt kaum noch einen Artikel auf der Sezession, den ich nicht lese. Sie sind durchweg hervorragend.

Ein Fremder aus Elea
25. Juni 2014 14:10

Herr Oppermann,

unter'm Strich bedeutet das alles einfach, daß weltweit nur die FED Geld schöpfen darf. Andere Währungen, wie der Euro, müssen durch Dollar abgesichert werden.

Der Rest betrifft die Frage, wie die amerikanische Geldschöpfung global verteilt wird.

Langer
25. Juni 2014 18:08

Ich will niemanden entmutigen, aber: Wenn man die Finanz-Verhaeltnisse nicht ein ganzes Stueck deutlicher (d.h.: grundlegender) darstellt, werden hier wohl einige nicht viel verstehen.

Schon die Frage: Was ist denn die Grundeinheit in diesem Spiel? Mir erscheint Marktwirtschaft wie ein Pyramidenschema: Irgendwann kommt der Punkt, an dem nicht "mehr rauszuholen" ist.

Martin
25. Juni 2014 21:28

@Oppermann und Fremder aus Elea:
Sterilisierung bedeutet, dass die EZB vor dem Ankauf der Anleihen von betroffenen Staaten bspw. verlangt, einen Antrag beim ESM zu stellen. Sie müssen sich darin zu bestimmten wirtschafts- und finanzpolitischen Reformmaßnahmen verpflichten. Das ist jedoch keine Sterilisierung i. e. S.
Sterilisierung i. e. S. meint, dass die Notenbank nicht nur Wertpapiere kauft, wodurch sich die Liquidität der Märkte erhöht. Sie führt gleichzeitig an anderer Stelle des Marktes umgekehrte Transaktionen durch. Das heißt, sie verkauft Papiere, um dadurch die ursprünglich geschaffene Liquidität wieder "aufzusaugen". Dadurch, dass die EZB zur gleichen Zeit kauft und verkauft, bleibt ihre Bilanzsumme unverändert.
Mehr dazu hier.

@Langer: Lassen Sie Herrn Lichert doch noch ein wenig Futter für kommende Beiträge. Er wird uns bestimmt noch Alternativen zum herrschenden Geldsystem aufzeigen.

Pohler
25. Juni 2014 23:43

@Langer: Zielführender wäre es wirklich, eine Erklärung von Wirtschaft mit einer anderen "Grundeinheit" zu beginnen. Wie wäre es mit der Arbeit? Das ist klassische Nationalökonomie und kein marxistisches Hirngespinst, um den Klassenkampf zu rechtfertigen. Geld und seine Einrichtung folgen in einer nachgelagerten Ebene. Im Verein für Staatspolitik sollte man eigentlich wissen, dass die "Staatswissenschaft" in ihrer disziplinären Mehrdimensionalität Geld nicht an die erste Stelle einer Analyse der (ja, immer noch!) Güterwirtschaft stellen kann.

Michael Schlenger
26. Juni 2014 00:18

Sehr solide Betrachtung, Herr Lichert!

Für Fachleute in der Sache korrekt und durchaus nicht neu, aber hier vielleicht etwas herausfordernd im Sinne von: „Das nötige Verständnis muss ich mir erst erarbeiten“. Schadet aber einem sich sonst gern überlegen dünkenden Geist keineswegs.

Letztlich ist die Botschaft: Das Problem der dauerhaft nicht tragbaren Staatsschulden ist nicht gelöst, sondern nur in die Zukunft verschoben. Die EZB kauft den hochverschuldeten Ländern im Süden des Euroraums mit ihren Niedrigzinsen Zeit. Spanien etwa kann sich dank der Zinspolitik der EZB und den Stützungsversprechen des Herrn Draghi Geld zu historischen Niedrigzinsen leihen. Frankreich und Italien auch.

Nutzen müssen die Länder diese Atempause selbst doch davon ist bislang wenig zu sehen. Figuren wie Hollande, der lieber nachts zu seiner angeblichen Maitresse ausschwärmt, und der xte jugendliche Hoffnungsträger in Rom namens Renzi (vormals immerhin Bürgermeister) werden das Ruder jedenfalls nicht herumreißen. Denn das hieße, sich mit der starken Lobby der Staatsprofiteure anzulegen, die auf Kosten der am Markt tätigen Mittelschicht ihr parasitäres Dasein genießen.

Das "starke" Deutschland spielt dabei nur eine Rolle, nämlich die des Kreditgebers der letzten Instanz. Nur so ist der Euro-Rettungs-Bluff von Herrn Drahgi einigermaßen glaubwürdig: Egal, was passiert, Deutschland wird jedes Programm zur „Rettung“ des Euro-Währungssystems abnicken, auch wenn es gegen Gesetze und heilige Prinzipien der Ordnungspolitik verstößt . Deutsche Interessen gibt es dabei nicht, allenfalls dasjenige, im Reigen der globalen Bankrotteure und Rechtsbeuger nicht negativ aufzufallen.

Weder ist das Zinsniveau der EZB angemessen für die rundlaufende deutsche Wirtschaft, noch entspricht die großzügige Interpretation des EZB-Mandats deutschem Rechtsempfinden. In der Bundesbank jedenfalls dürften die meisten Fachleute mit der geballten Faust in der Tasche herumlaufen. Demnächst wird Deutschland sogar im maßgeblichen EZB-Rat turnusmäßig nicht vertreten sein, denn das Rotationsprinzip will es so.

Langer Rede kurzer Sinn: An diesem Geschehen ist klar abzulesen, wie autonom Deutschland tatsächlich ist – als Staat jedenfalls gar nicht. Es bleibt aber jedem überlassen, sein heimliches Deutschland zu pflegen und es damit durch die Zeiten zu retten. Alles andere halte ich für utopisch.

Michael Schlenger

Thomas Wawerka
26. Juni 2014 11:10

"Das ist klassische Nationalökonomie und kein marxistisches Hirngespinst, um den Klassenkampf zu rechtfertigen."

Vielleicht wärs Zeit für eine "rechte Relektüre" Marxens, anstatt ihn einfach den Marxisten zu überlassen.

Heinrich Brück
26. Juni 2014 12:42

Wieso müssen Staaten Zinsen zahlen? Staatsbanken gründen. Dem
Steuerzahler nicht auch noch Zinsen aufbürden. Solche Politiker
braucht kein Mensch.

Stevanovic
26. Juni 2014 16:12

Draghis Bertha ist eine Waffe aus der Zeit der Nationalwährungen. Wurden Drachmen gedruckt, blieben die in Griechenland, ebenso frische Lira in Italien. Frische Euros dagegen können dank der Freiheit des Kapitalverkehrs in jedes Land der Eurozone transferiert und investiert werden. Wenn also tatsächlich frische Euros von griechischen Banken vergeben werden, warum sollte ein Investor in ein unsicheres Geschäft in Griechenland investieren (wenn es sicher wäre, hätte er den Kredit ja schon bekommen), das eine überschaubare Rendite bei hohen Zinsen abwirft (Risikoaufschlag der Bank, denn das Geld wird ja nicht per Kelle verteilt)? Dh letztlich werden die Kröten nach Norden wandern und zB in Deutschland am Immobilienmarkt zur Blasenbildung (die bis jetzt halbwegs vermieden wurde) beitragen. Es ist wichtig zu verstehen, dass zu keinem Zeitpunkt wirklich mehr Geld im südländischen Kreislauf sein wird. Die Vorstellung, Deutschland würde Südländer alimentieren, ist falsch. Richtig ist, dass der deutsche Steuerzahler Spekulationsblasen in Deutschland alimentiert, für deren Platzen er auch noch bezahlen wird. Wegen des heterogenen Euroraumes hat das Anwerfen der Geldpresse ganz andere Ergebnisse, als zu Zeiten der Nationalbanken. Für Deutschland hat die Dicke Bertha einen zu hohen Rückstoß, für die Südländer ist sie eine Wasserpistole.
Selbst Eurobonds wären sinnvoller (da transparenter) gewesen. Da sie aber das Ende der Strukturreformen bedeutet hätten, Strukturreformen ohne Investitionen nicht möglich sind und wir eben kein Mittel mehr haben, Geld gezielt einzusetzen, drehen wir uns bei der Hilfe für die Südländer (die ich für Richtig halte) permanent im Kreis. Die Griechen werden den Hilfs-Euro niemals sehen, aber das wird der Euro sein, den wir beim Hauskauf überbieten müssen. Hm, klingt nicht clever.

Pohler
26. Juni 2014 23:44

Leider scheint hier kaum jemand (außer etwa T. Wawerka, wobei Marx zwar Wichtiges geleistet hat, aber nicht zu überschätzen ist) über das Spiel am Black-Jack-Tisch hinauszukommen, wenn es um Volkswirtschaft geht. Ich fordere ein Eingreifen der Staatswissenschaft (!), nicht eine Vereinnahmung durch das Unternehmertum! Hat der Verein für Staatspolitik eigentlich eine ökonomische Leitmaxime? Und wenn ja: reicht sie über eine nationale Denkweise hinaus? Traut sie sich etwa zu, eine (mitteleuropäisch-)internationale zu sein? Oder wäre das wieder zu marxistisch? Ersetzen Sie das "international" mit "imperial", gefällt es Ihnen dann besser?

Waldgänger aus Schwaben
27. Juni 2014 07:56

Ein hervorragender Artikel.
Die politischen Aspekte kommen vielleicht etwas zu kurz.

Hat die EZB erst einmal Staatsanleihen eines Staates in nennenswertem Umfang gekauft ist dieser Staat erpressbar. Die EZB kann diese Anleihen verkaufen oder auch nur damit drohen keine weitere Anleihen eines Staates zu kaufen, damit steigen dann die Zinsen, die dieser Staat für neue Anleihen zahlen muss. Staaten, die in einer grenzwertigen ökonomischen Lage sind, können so unter dem ESM Schirm gezwungen werden.

Natürlich darf die EZB keinen Einfluss auf Staaten nehmen und ihnen wirtschaftliche oder politische Massnahmen vorschreiben, aber wenn sie die Macht dazu hat, wird sie es tun. Alles andere zu glauben, wäre lebensfremd.

So wächst der EZB die Rolle eines Machtzentrums zu, welches nicht demokratisch legitimiert ist. Die EZB als Politbüro des Zentralkomitees der EU.

Die EZB hat übrigens auch angedeutet, Unternehmensanleihen zu kaufen:

Quantitative Lockerung kann nicht nur Staatsanleihen beinhalten, sondern auch Kredite aus dem Privatsektor. Wir werden darüber reden, wenn die Zeit dafür reif ist.

Damit kann die EZB neben Staaten auch Unternehmen und damit dern Heimatstataten steuern.

Ein Fremder aus Elea
27. Juni 2014 10:18

Pohler,

der Stolz der Exporteure übersetzt sich nur in ihrer Phantasie in imperiale Macht. Letzten Endes entscheidet das Militär.

Die Vereinigten Staaten halten die Ozeane offen und dafür lassen sie sich via Welthandelsorganisation bezahlen.

China beweist, daß sich ein Industrieland in einer Generation machen läßt.

Das alles ist natürlich schrecklich unübersichtlich, wenn man imperial denkt. Aber alles, was das heißt ist, daß letztlich keine imperialen Absichten verfolgt werden, sondern ganz was anderes.

Karl
28. Juni 2014 14:22

@ Pohler

", wobei Marx zwar Wichtiges geleistet hat, aber nicht zu überschätzen ist)

Was bitte hatte Marx "Wichtiges " geleistet? Mir fallen zwar noch einige Scharlatane seiner Abstammung entsprechend ein, er aber hat wohl den grössten Schaden angerichtet. Also, was haben wir ihm positives zu verdanken?

Harald de Azania
28. Juni 2014 19:56

Mon cher amis,

1. Der Artikel ist erstklassig und nuechtern, vor allem kein Geweiere!

2. Wer verkompliziert, will tarnen (und taeuschen) >> la obscurite tue!! ( siehe CS!!)

3. Niedrig- und Niedrigstzinsen sind das grosse Gift, ob bei Staaten oder bei Privaten.

4. Nur realistische d.h. von politischen Entscheidungen unabhaengige Zinssaetze ermoeglichen serioeses wirtschaften >> wer billig Geld bekommt, setzt seine Konsum- oder Investitionsentscheidungen nicht richtig!.

5. "Quantitative easing" oder sonstige dunkle Tricks der Dunkelmaenner helfen nur rein bilanzmaessig das System aufrecht zu erhalten, dieses "Geld" ist rein scheinbar; daher keine Inflationsgefahr so paradox das klingt.

6. Der "Subventionsstaat-Banken"-Komplex betreibt seit Jahren phantasievollen aber dennoch irrealen Raubbau in der Scheinwelt der Bilanzen und Budgets. Das schaedigt nur wenn wir > die Buerger der realen Welt - es zulassen.

7. Nicht mitspielen und total verweigern ist die beste Opposition.

8. Der "absaugende " Staat muss auf "Nulldiaet" gesetzt werden. "Ka Geld, ka Musi".

9. Ehrliche Insolvenzen,so schockierend auf den ersten Blick, sind Faessern ohne Boden vorzuziehen.

10. Daher: Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende!

11. Industrie kommt von industria,ae = Fleiss. Die heutige traege Gesellschaft muss wieder eine fleissige Gesellschaft werden.

12. Niedrigste Steuern (nicht mehr als 5 % Umsatzsteuer und 10% Einkommens- bzw Koerperschaftsteuer>> bitte: Steuersatz sollte bei nicht mehr als 1 % anfangen!), kompletter Abbau aller, ja aller Subventionen und Sozialleistungen fuehren zu >> ja einem grimmigen ersten Jahr aber dann koennte es losgehen >>siehe Hong Kong seit Jahrzehnten.

13. Schaffung von dauernden Wohlstand funktioniert nur nach dem Motto: marschieren oder krepieren! Alles andere ist wirtschaftspolitische Romantik!

14. Moeglichkeit der Realisisierung dieser Vorschlaege: ziemlich gleich "Null", ohne einen Sulla geht es nicht, aber wo ist dieser?

HdA

Frankstein
30. Juni 2014 07:24

Harald de Azania, zu kurz gedacht. Alleine der Vergleich mit der Dicken Berta zeigt doch eine Phantom-Diskussion. Die Dicke wurde gegen belgische und französische Sperrforts entwickelt, das ist doch nicht ernsthaft die Strategie der EZB? Zumal es die Sperrforts nicht mehr gibt. Im Gegenteil ist Belgien und Frankreich offen für alles und nicht mehr ganz dicht. Einzig der erneute Einsatz gegen Sewastopol ist denkbar. Der Vergleich ist nur stimmig, wenn er das Primat des Militärs unterstellt. Wie auch hier schon mehrfach betont, ist die Finanzwirtschaft der Wegbereiter der Militärherrschaft. Wer diesen Zusammenhang verleugnet - wie Deutschland heute -, wird weder bei der globalen Landverteilung, noch bei der Ressourcensicherung noch beim Handel ernstgenommen. Insoweit ist auch Staatsverschuldung nur eine Binnen-Chimäre. Sie gibt es nur dann, wenn Binnenwerte den ausufernden Binnen- und Butenverpflichtungen gegengerechnet werden. Das Geldsystem war von Anbeginn auf Raub und Eroberung ausgelegt. Nichts anders ist die Gold- und Silberbindung. Die reichsten Staaten der Vergangenheit waren die mit den geringsten Edelmetallvorkommen. Wenn Gold und Silber, Land und Patente nicht mehr geraubt werden dürfen, hat das System seinen Sinn verloren. Das ist die wahre Finanzkrise. Aller andere ist Mäkelei am Leichnam. Es ist real völlig egal, ob Deutschland 5 Billionen oder 50 Billionen Dollar Schulden hat, sie sind eh' nicht begleichbar. Die Weltschulden sollen sich auf 800 Billionen beziffern, sie könnten auch 800 Trillionen betragen. Kein Staat der Welt wird sie begleichen. Ist man erst völlig ruiniert, dann lebt's sich völlig ungeniert. Die Verschuldungsdebatte ist auch nur im unbegrenzten Außenverhältnis möglich, im Binnenverhältnis könnte sie gar nicht entstehen. Hier sorgt die Gemeinschaft für den notwendigen Ausgleich. Die Debatte vertuscht die wahren Ursachen, zu enge europäische und internationale Verflechtungen, ein Netzwerk von Freunden, Auflösung der Gemeinschaft, Austausch der Bevölkerung, Entfall von Staatsgrenzen und Alimentierung der kranken Regionen. Der "absaugende" Staat ist im Gegenteil zu stärken, dazu dienen u.a. niedrige Zinsen. Da die Staatsquote mittlerweile über 50 % und die gesamte Abgabenquote nahe 75% beträgt, muss der Bürger sich weiter verschulden. Niedrige Zinsen sind dabei hilfreich.
Entweder machen wir so weiter, bis die Schulden galaktische Dimensionen erreichen, oder wir kehren zurück zum ursprünglichen System oder wir erfinden ein ganz neues System. Diese Schuldendiskussion erinnert mich immer an den üblichen Leichenschmaus, wo die Vorzüge des Toten noch einmal Erwähnung finden.

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