Sezession
5. Juli 2014

100 Jahre Julikrise (30.VI.–5.VII.)

Gastbeitrag

Handschreiben, eingegangen am 5. Juli 1914 – Kaiser Franz Joseph an Kaiser Wilhelm II.

"(...) Du hast mir durch Dein warmes, mitfühlendes Beileid wieder bewiesen, daß ich in Dir einen treuen verläßlichen Freund besitze und daß ich in jeder ernsten Stunde auf Dich rechnen kann. (...) Das gegen meinen armen Neffen verübte Attentat ist die direkte Folge der von den russischen und serbischen Panslawisten betriebenen Agitation, deren einziges Ziel die Schwächung des Dreibundes und die Zertrümmerung meines Reiches ist.

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(...)

Auch Du wirst nach dem jüngsten furchtbaren Geschehnisse in Bosnien die Überzeugung haben, daß an eine Versöhnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist, und daß die erhaltende Friedenspolitik aller europäischen Monarchen bedroht sein wird, solang dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt."

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Wien, den 4. Juli 1914 [im Auswärtigen Amt am 5. Juli eingegangen] – Der Botschafter in Wien Tschirschky an den Reichskanzler Bethmann Hollweg

"Obgleich sich das hiesige Ministerium des Äußern ernstlich bemüht, auf die Presse beruhigend einzuwirken und sie von allzu scharfen Artikeln abzuhalten, kommt die Erregung (...) immer mehr zum Durchbruch.

(...) ist [die Stimmung in Wien], wie auch aus den allabendlichen Demonstrationen, die sich gegen Serbien und Rußland richten, hervorgeht, zu sehr in Wallung versetzt. Meines gehorsamsten Dafürhaltens sollte unsere Presse sich möglichst zurückhalten und es vermeiden, durch unerbetene Ratschläge in diesem Augenblicke hier zu froissieren."

 

(Literatur zur Vorgeschichte des I. Weltkriegs und zur Kriegsschuldfrage finden Sie im Bücherschrank I. Weltkrieg.)

 


 

Wien, den 2. Juli 1914 [im Auswärtigen Amt am 4. Juli eingegangen] – Der Botschafter in Wien Tschirschky an den Reichkanzler Bethmann Hollweg

[Wiedergabe eines Gesprächs mit Kaiser Franz Joseph] "Die Belgrader Intrigen seien unerträglich. (...) Er hoffe, daß mein Kaiser und die Kaiserliche Regierung die Gefahren ermäßen, die für die Monarchie in der serbischen Nachbarschaft lägen. (...) Ich benutzte diese Bemerkung des Kaisers, um auch Sr. M. gegenüber (...) nochmals darauf hinzuweisen, daß S. M. sicher darauf bauen könne, Deutschland geschlossen hinter der Monarchie zu finden, sobald es sich um die Verteidigung eines ihrer Lebensinteressen handele. Die Entscheidung darüber, wann und wo ein solches Lebensinteresse vorliege, müsse Österreich selbst überlassen bleiben. Aus Stimmungen und Wünschen heraus, wenn sie auch noch so verständlich seien, könne verantwortliche Politik nicht gemacht werden. Es müsse vor jedem Schritt sehr genau erwogen werden, wie weit man gehen wolle und müsse und mit welchen Mitteln das ins Auge gefaßte Ziel zu erreichen sei. In erster Linie müsse bei jedem folgenschweren Schritte die allgemeine politische Lage erwogen und die voraussichtliche Haltung der anderen Mächte und Staaten in Rücksicht gezogen und das Terrain sorgfältig vorbereitet werden. Ich konnte nur wiederholen, daß mein Kaiser hinter jedem festen Entschlusse Österreich-Ungarns stehen werde.

(...)

Während ich diesen Bericht – zwischen 12 und 1 Uhr nachts – niederschreibe, höre ich das Johlen und Pfeifen einer großen Menschenmenge, die eine Demonstration vor der nahe gelegenen russischen Botschaft veranstalten. Zahlreichen Schutzmannschaften ist es soeben gelungen, die Demonstranten von der russischen Botschaft abzudrängen, und nach einer Ansprache, die von jemanden an die Menge gerichtet wurde, die ich aber nicht verstehen konnte, zieht die Menge soeben ab unter Absingung des 'Gott erhalte' und der 'Wacht am Rhein'."

 


 

Wien, den 2. Juli 1914 [im Auswärtigen Amt am 3. Juli eingegangen] – Kaiser Franz Joseph im Gespräch mit dem Deutschen Botschafter von Tschirschky, wiedergegeben durch Telegramm nach Berlin

"(...) ich sehe sehr schwarz in die Zukunft und die Zustände da unten werden mit jedem Tage beunruhigender. Ich weiß nicht, ob wir noch länger werden ruhig zusehen können und ich hoffe, daß auch Ihr Kaiser die Gefahr ermißt, die für die Monarchie in der serbischen Nachbarschaft liegt. Was mich ganz besonders beunruhigt, das ist die russische Probemobilisierung, die für den Herbst geplant ist, als gerade in einer Zeit, wo wir hier Rekrutenwechsel haben. (...)"

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Belgrad, den 30. Juni 1914 [im Auswärtigen Amt am 3. Juli eingegangen] – Der Deutsche Gesandte in Belgrad, von Griesinger, an den Reichskanzler Bethmann Hollweg

"Das grauenhafte Attentat in Sarajevo, das hier erst in den Abendstunden des 15./28. Juni [in Serbien galt 1914 noch der julianische Kalender; Anm. d. Red.] offiziös bekanntgegeben wurde, wahrscheinlich, um der an diesem Tage – dem sogenannten Widowdan (...) – abgehaltenen Volksfeier kein allzu frühes Ende zu bereiten, hat einen tiefen Eindruck in Serbien gemacht. Nicht etwa in dem Sinne, daß die Nachricht in den breiten Schichten der Bevölkerung das Gefühl besonderer, aus dem Herzen kommender Trauer ausgelöst hätte. In dieser Hinsicht kann man höchstens sagen, daß verletzende und unziemliche Kundgebungen in der Öffentlichkeit unterblieben sind. Sondern weil man hier sofort instinktiv fühlte, daß für die von Serben begangene Bluttat nicht bloß die Brüder in Bosnien, sondern das ganze Serbentum die Verantwortung treffe [Kursivierungen = Unterstreichungen durch Kaiser, Randnotiz "ja"; Anm. d. Red.]. Zwar bemüht man sich (...) [indem man] immer wieder betont, wie ungerecht es sei, eine ganze Nation für die Untaten einzelner Überspannter verantwortlich zu machen. Aber es wird schwer sein zu bestreiten, daß das Königreich Serbien und speziell Belgrad mit seiner ungezügelten Presse, seinen fanatischen Omladina-Vereinen [illegale Nachfolgeorganisationen der 1871 verbotenen "Vereinigten Serbischen Jugend" (Vjedinjena Omladina Srpska), einem radikalen Unabhängigkeitsbund aus dem Umfeld des Panslawismus; Anm. d. Red.] und seiner wüsten großserbischen Agitation, einen unvergleichlichen Nährboden für solche exaltierten Gemüter abgibt.
In dieser peinlichen Situation hat die Regierung es für angebracht gehalten, vor allem in möglichst geräuschvoller und ostentativer Form ihre Verurteilung der Tat und ihr Beileid zum Ausdruck zu bringen. (...)

Im Publikum, das durch offizielle Rücksichten nicht gebunden ist, hört man freilich auch andere Stimmen. Ganz abgesehen von geschmacklosen Vergleichen, wie mit der Tat Tells und der des Serben Milosch Obilitsch, der den Sultan Bajasid auf dem Amselfeld ermordete und heute noch als Nationalheld gefeiert wird, wird darauf hingewiesen, wie unbedacht es war, in dem fanatisierten Bosnien Manöver abzuhalten und vollends zu einem Zeitpunkt, wo der Widowdan empfängliche Gemüter immer von neuem mit patriotischer Erregung erfülle.* (...)

Die nicht abzuleugnende moralische Mitschuld Serbiens an dem Attentat bedeutet eine schwere Schädigung des durch die beiden letzten Kriege [Balkankriege 1912/13; Anm. d. Red.] kaum erst wieder gehobenen Ansehen des Landes. Dies empfinden auch seine wärmsten Freunde und Gönner. So soll mein russischer Kollege auf die erste Nachricht von der Katastrophe ausgerufen haben: "Esperons que ce ne sera pas un Serbe" ["Hoffen wir, daß es kein Serbe war"; vom Kaiser unterstrichen mit dem Zusatz "er mußte es ja doch wissen!"; Anm. d. Red.]."

[* zur serbischen Nationalmythologie (Vidovdan, Milos Obilic usw.) und deren politischen Implikationen vgl. Slavko Leban, "Politische Brisanz der Mythen", Neue Ordnung 1/2011, S. 33, 39–41.]

 


 

Wien, den 30. Juni 1914 [im Auswärtigen Amt am 2. Juli eingegangen] – Der Botschafter von Tschirschky in Wien an den Reichskanzler Bethmann Hollweg

"Graf Berchtold [k u. k. Außenminister; Anm, d. Red.] sagte mir heute, alles deute darauf hin, daß die Fäden der Verschwörung, der der Erzherzog zum Opfer gefallen sei, in Belgrad zusammenliefen. (…)

Hier höre ich, auch bei ernsten Leuten, vielfach den Wunsch, es müsse einmal gründlich mit den Serben abgerechnet werden*. Man müsse den Serben zunächst eine Reihe von Forderungen stellen und falls sie diese nicht akzeptieren, energisch vorgehen. Ich benutze jeden solchen Anlaß, um ruhig, aber sehr nachdrücklich und ernst vor übereilten Schritten zu warnen**. Vor allem müsse man sich klar darüber werden, was man wolle, denn ich hörte bisher nur ganz unklare Gefühlsäußerungen. Dann sollte man die Chancen irgendeiner Aktion sorgfältig erwägen und sich vor Augen halten, daß Österreich-Ungarn nicht allein in der Welt stehe, daß es Pflicht sei, neben der Rücksicht auf seine Bundesgenossen die europäische Gesamtlage in Rechnung zu ziehen (…).

*Anmerkung von Kaiser Wilhelm II. dazu: „jetzt oder nie“
** Anmerkung des Kaisers: „wer hat ihn dazu ermächtigt? das ist sehr dumm! geht ihn gar nichts an, da es lediglich Österreichs Sache ist, was es hierauf zu tun gedenkt. Nachher heißt es dann, wenns schief geht, Deutschland hat nicht gewollt! (…) Mit den Serben muß aufgeräumt werden, und zwar bald.“

 


 

Sarajevo, den 1. Juli 1914

Der Generalkonsul des Deutschen Reiches, Dr. Eiswaldt, an das Auswärtige Amt

"Heute Nacht ist von Semlin als Tatsache hierher berichtet worden, daß 10 bis 12 Verschwörer aus Belgrad unabhängig einer vom anderen entsendet worden sind. (…) Mein Vertrauensmann (…) erklärte mir (…), daß er die Reise Sr. M. des Kaisers nach Wien auf Grund seiner Kenntnis der Wiener Verhältnisse und des Systems der russisch-serbischen Gewalttäter auf das allerentschiedenste widerraten müsse."

 


 

In den nächsten vier Wochen wird Sezession anhand ausgewählter Auszüge aus Aktenstücken aus dem Juli 1914 die unmittelbare Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs nachvollziehen. Dies soll kein Ersatz für die Fachliteratur sein, sondern eine Möglichkeit, von Tag zu Tag nachzuvollziehen, wie die Verhältnisse in jenem schicksalhaften Monat ins Wanken kamen.

Entscheidend für das Datum der Veröffentlichung hier wird nicht das jeweilige Absendedatum der Schriftstücke, sondern deren Ankunft beim Empfänger sein, weil sie erst dann ihre Wirksamkeit entfalteten.

Die Texte entnehmen wir dem Werk Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch, Charlottenburg 1919.

 


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