100 Jahre Julikrise (7.–12.VII.)

Athen, den 6. Juli 1914 [im Auswärtigen Amt eingegangen am 12. Juli] – Der Gesandte in Athen, Quadt, an den Reichkanzler

Mein italienischer Kollege teilte mir streng vertraulich mit, der italienische Botschafter in Petersburg habe einen sehr alarmierenden Bericht nach Rom gerichtet über kriegerische Vorbereitungen Rußlands.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Der Bericht sei sehr ein­ge­hend und gehe ins Detail. Erwähnt sei­en auch unge­heu­re Geld­for­de­run­gen der rus­si­schen Regie­rung, die in einer gehei­men Sit­zung der Duma oder einer Kom­mis­si­on zu Kriegs­rüs­tun­gen bewil­ligt wor­den seien.

[Anmer­kung des Staats­se­kre­tärs des Aus­wär­ti­gen Jagow: „Wenn die Nach­richt von Peters­burg nach Rom und von dort nach Athen gegan­gen ist, muß sie jeden­falls schon etwas älte­ren Datums sein.“]

 

(Lite­ra­tur zur Vor­ge­schich­te des I. Welt­kriegs und zur Kriegs­schuld­fra­ge fin­den Sie im Bücher­schrank I. Weltkrieg.)

 


 

 

Wien, den 10. Juli 1914 [im Aus­wär­ti­gen Amt ein­ge­gan­gen am 11. Juli] – Der Bot­schaf­ter in Wien Tschirsch­ky an das Aus­wär­ti­ge Amt

[Wie­der­ga­be eines Gesprä­ches des k.u.k. Außen­mi­nis­ters Gra­fen Berch­told mit Kai­ser Franz Joseph. Der Kai­ser habe] geäu­ßert, er sei ganz unse­rer Ansicht, daß man jetzt zu einem Ent­schluß* kom­men müs­se, um den unleid­li­chen Zustän­den Ser­bi­en gegen­über ein Ende zu machen. Über die Trag­wei­te eines sol­chen Ent­schlus­ses, füg­te Graf Berch­told hin­zu, sei sich S. M. völ­lig klar.

Der Minis­ter hat hier­auf dem Kai­ser Kennt­nis gege­ben von den zwei Moda­li­tä­ten, die in bezug auf das nächs­te Vor­ge­hen gegen Ser­bi­en hier in Fra­ge stün­den. S. M. hät­ten gemeint, es lie­ße sich viel­leicht die­ser Gegen­satz über­brü­cken. Im gan­zen hät­ten aber S.M. eher der Ansicht zuge­neigt, daß kon­kre­te For­de­run­gen an Ser­bi­en zu stel­len sein** wür­den. Er, der Minis­ter, wol­le auch die Vor­tei­le eines sol­chen Vor­ge­hens nicht ver­ken­nen. Es wür­de damit das Odi­um der Über­rum­pe­lung Ser­bi­ens, das auf die Mon­ar­chie fal­len wür­de, ver­mie­den und Ser­bi­en ins Unrecht gesetzt wer­den. Auch wür­de die­ses Vor­ge­hen sowohl Rumä­ni­en als auch Eng­land eine wenigs­tens neu­tra­le Hal­tung wesent­lich erleich­tern. Die For­mu­lie­rung geeig­ne­ter For­de­run­gen gegen­über Ser­bi­en bil­det gegen­wär­tig hier die Haupt­sor­ge***, und Graf Berch­told sag­te, er wür­de gern wis­sen, wie man in Ber­lin dar­über den­ke. Er mein­te, man kön­ne u.a. ver­lan­gen, daß in Bel­grad ein Organ der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Regie­rung ein­ge­setzt wer­de, even­tu­ell auch die Auf­lö­sung von Ver­ei­nen und Ent­las­sung eini­ger kom­pro­mit­tier­ter Offi­zie­re. (…) Soll­ten die Ser­ben alle gestell­ten For­de­run­gen anneh­men, so wäre das eine Lösung, die ihm „sehr unsym­pa­thisch“ wäre, und er sin­ne noch dar­über nach, wel­che For­de­run­gen man stel­len kön­ne, die Ser­bi­en eine Annah­me völ­lig unmög­lich**** machen würden.

Der Minis­ter klag­te schließ­lich wie­der über die Hal­tung des Gra­fen Tis­za, die ihm ein ener­gi­sches Vor­ge­hen gegen Ser­bi­en erschwe­re. Graf Tis­za behaup­te, man müs­se „gen­tle­man like“ vor­ge­hen, das sei aber, wenn es sich um so wich­ti­ge Staats­in­ter­es­sen han­de­le und beson­ders einem Geg­ner wie Ser­bi­en gegen­über schwer­lich angebracht.*****

(…)

Der Kriegs­mi­nis­ter wird mor­gen auf Urlaub gehen, auch Frei­herr Con­rad von Höt­zen­dorf Wien zeit­wei­lig ver­las­sen. Es geschieht dies, wie Graf Berch­told mir sag­te, absicht­lich, um jeder Beun­ru­hi­gung vorzubeugen.******

[Rand­be­mer­kun­gen von Hand Kai­ser Wil­helms II.:

* „da S. M. pro Memo­ria etwa 14 Tage alt ist, so dau­ert das sehr lang! Das ist doch eigent­lich zur Begrün­dung des Ent­schlus­ses selbst entworfen!

** „aber sehr! und unzweideutig!“

*** „dazu haben sie genug Zeit gehabt“

**** „den Sand­schack [Sand­schak Novi Pazar, damals von Ser­bi­en besetz­te ehe­ma­li­ge osma­ni­sche Lan­schaft im heu­ti­gen Grenz­ge­biet zwi­schen Ser­bi­en, Bos­ni­en, Mon­te­ne­gro und dem Koso­vo; Anm. d. Red.] räu­men! dann ist der Kra­kehl sofort da! den muß Öster­reich unbe­dingt sofort wie­der­ha­ben, um die Eini­gung Ser­bi­ens und Mon­te­ne­gros und das Errei­chen des Mee­res sei­tens der Ser­ben zu verhindern!“

***** „Mör­dern gegen­über nach dem, was vor­ge­fal­len ist! Blödsinn!“

****** „kin­disch!“

Unter dem Text ver­merkt der Kai­ser: „unge­fähr wie zur Zeit der Schle­si­schen Krie­ge! ‚Ich bin gegen die Kriegs­räthe und Berat­hun­gen, sin­te­ma­len die tim­ide­re Par­they alle­mal die Ober­hand hat’ Frd. d. Gr.“]

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Lon­don, den 9. Juli 1914 [im Aus­wär­ti­gen Amt ein­ge­gan­gen am 11. Juli] – Der Bot­schaf­ter in Lon­don Lich­now­sky an den Reichskanzler

[Sir Edward Grey] sag­te, er habe sei­nen dama­li­gen Wor­ten auch heu­te nichts hin­zu­zu­fü­gen und kön­ne nur wie­der­ho­len, daß gehei­me Abma­chun­gen zwi­schen Groß­bri­tan­ni­en einer­seits und Frank­reich und Ruß­land ande­rer­seits, wel­che Groß­bri­tan­ni­en im Fal­le eines euro­päi­schen Krie­ges Ver­pflich­tun­gen auf­er­leg­ten, nicht bestün­den. (…) Die Regie­rung habe gewis­ser­ma­ßen dem Par­la­ment gegen­über die Ver­pflich­tung über­nom­men, sich in kei­ne gehei­men Ver­bind­lich­kei­ten ein­zu­las­sen. Auf kei­nen Fall wer­de bei fest­län­di­schen Ver­wi­cke­lun­gen die bri­ti­sche Regie­rung auf sei­ten des Angrei­fen­den zu fin­den sein.

Da er mich aber nicht habe irre­füh­ren wol­len (…) habe er gleich hin­zu­ge­fügt, daß nichts­des­to­we­ni­ger sei­ne Bezie­hun­gen zu den genann­ten Mäch­ten nichts von ihrer frü­he­ren Innig­keit ver­lo­ren hät­ten. Wenn auch also kei­ne Abma­chun­gen bestün­den, die irgend­wel­che Ver­pflich­tun­gen auf­er­leg­ten, so wol­le er doch nicht in Abre­de stel­len, daß von Zeit zu Zeit Unter­hal­tun­gen (…) zwi­schen den bei­der­sei­ti­gen Mari­ne- oder Mili­tär­be­hör­den statt­ge­fun­den hät­ten, und zwar die ers­te schon im Jah­re 1906, dann wäh­rend der Marok­ko­k­ri­sis, als man hier geglaubt habe, wie er lachend hin­zu­füg­te, daß wir die Fran­zo­sen angrei­fen woll­ten. Aber auch die­se Unter­hal­tun­gen, von denen er meist nichts Nähe­res gewußt habe, hät­ten durch­aus kei­ne aggres­si­ve Spit­ze, da die eng­li­sche Poli­tik nach wie vor auf Erhal­tung des Frie­dens gerich­tet sei und in eine sehr pein­li­che Lage käme, wenn ein euro­päi­scher Krieg ausbräche.

Ich wie­der­hol­te dem Minis­ter unge­fähr das­sel­be, was ich ihm schon neu­lich gesagt hat­te, und gab ihm dann zu ver­ste­hen, daß es wün­schens­wert wäre, daß sol­che mili­tä­ri­schen Kon­ver­sa­tio­nen auf ein Min­dest­maß beschränkt blie­ben, da sie sonst leicht zu uner­wünsch­ten Fol­gen füh­ren könnten.

Seit unse­rer letz­ten Unter­hal­tung, füg­te Sir Edward hin­zu, habe er sich über die Stim­mung, die in Ruß­land uns gegen­über bestehe, ein­ge­hend erkun­digt und kei­nen Grund zu einer beun­ru­hi­gen­den Auf­fas­sung gefun­den; er schien auch bereit zu sein, falls wir es wünsch­ten, in irgend­ei­ner Form auf die Hal­tung Ruß­lands einzuwirken. (…)

Im all­ge­mei­nen war der Minis­ter in durch­aus zuver­sicht­li­cher Stim­mung und erklär­te in hei­te­rem Tone, kei­nen Grund zu haben zu einer pes­si­mis­ti­schen Auf­fas­sung der Lage.

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Ber­lin, den 11. Juli 1914 – Der Staats­e­kre­tär des Aus­wär­ti­gen, Jagow, an den Bot­schaf­ter in Wien, Tschirsch­ky [Tele­gramm]

Zur For­mu­lie­rung der For­de­run­gen an Ser­bi­en kön­nen wir kei­ner­lei Stel­lung neh­men, da dies Öster­reichs Sache ist. Uns erscheint es nur erwünscht, daß Wien genü­gend Mate­ri­al sam­melt, um zu bewei­sen, daß in Ser­bi­en eine groß­ser­bi­sche Agi­ta­ti­on besteht, wel­che Mon­ar­chie gefähr­det, damit öffent­li­che Mei­nung Euro­pas soweit als mög­lich vom guten Recht Öster­reichs über­zeugt wird. Dies Mate­ri­al wäre am bes­ten – nicht getrennt, son­dern ein­heit­lich – kurz vor Stel­lung der For­de­run­gen bzw. des Ulti­ma­tums an Ser­bi­en zu publizieren.

 


 

 

Wien, den 8. Juli 1914 [im Aus­wär­ti­gen Amt am 10. Juli ein­ge­gan­gen] - Der Bot­schaf­ter in Wien v. Tschirsch­ky an den Reichskanzler

[Wie­der­ga­be eines Gesprächs mit einem Zei­tungs­kor­re­spon­den­ten] (…) Er sei tele­pho­nisch auf die [rus­si­sche; Anm. d. Red.] Bot­schaft zitiert wor­den (…) [Es] sei noch bemerkt wor­den, daß Ruß­land einer Beein­träch­ti­gung der poli­ti­schen Selb­stän­dig­keit Ser­bi­ens nicht ruhig wer­de zuse­hen kön­nen. Auf die Fra­ge des Kor­re­spon­den­ten, ob [sei­ne Zei­tung] auch die­se Bemer­kung brin­gen sol­le, sei ihm ver­nei­nend geant­wor­tet wor­den. [Rand­no­tiz von Kai­ser Wil­helm II.: “aha!”]

Wie mir der Kor­re­spon­dent wei­ter sag­te, habe er (…) sei­nen Ein­fluß dahin gel­tend gemacht, damit die [Zei­tung] nicht in das wäh­rend der Bal­kan­kri­se belieb­te Gejam­me­re über etwai­ge rus­si­sche Angriffs­plä­ne ver­fal­le. Der heu­ti­ge Mor­gen­ar­ti­kel des Blat­tes war gemä­ßigt gehalten. (…)

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[Der im vor­ste­hen­den Text erwähn­te Zei­tungs­ar­ti­kel lau­te­te:] “Wie uns von beson­de­rer Sei­te mit­ge­teilt wird, sind in Ruß­land alle Krei­se einig in der Ver­ur­tei­lung des Atten­tats von Sara­je­vo. Die viel­fach in der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Pres­se ver­öf­fent­lich­te Anschau­ung, als ob Ruß­land dage­gen pro­tes­tie­ren wür­de, wenn Öster­reich-Ungarn von Ser­bi­en eine Unter­su­chung in Bel­grad ver­lang­te, ent­behrt jeg­li­cher Begrün­dung. Das mon­ar­chi­sche Prin­zip hat im Zaren­rei­che so star­ke Gel­tung, daß es ganz natür­lich erscheint, daß Ruß­land einen sol­chen Schritt Öster­reich-Ungarns nie miß­bil­li­gen würde.”

 

 

Bel­grad, den 6. Juli 1914 [im Aus­wär­ti­gen Amt am 9. Juli ein­ge­gan­gen] – Der Gesand­te in Bel­grad v. Grie­sin­ger an den Reichskanzler

Die schick­sals­vol­len Ereig­nis­se der ver­gan­ge­nen Wochen haben die all­ge­mei­ne Auf­merk­sam­keit in so hohem Maße auf die Wirk­sam­keit der soge­nann­ten „Narod­na Odbra­na“ (wört­lich über­setzt Volks­wehr) hin­ge­lenkt, daß eine zusam­men­fas­sen­de Über­sicht ihrer Ent­ste­hung, Orga­ni­sa­ti­on, Zie­le und Mit­tel im gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt von beson­de­rem Inter­es­se sein dürfte.

Das Jahr 1908, wo Ser­bi­en sich gegen die Anne­xi­on Bos­ni­ens und der Her­ze­go­wi­na durch die Nach­bar­mon­ar­chie wild auf­bäum­te, aber dann, von Ruß­land im Stich gelas­sen, sich mit der Ein­ver­lei­bung die­ser „echt ser­bi­schen Län­der“ in Öster­reich-Ungarn abfin­den uns sogar vor aller Welt erklä­ren muß­te, hier­durch „nicht belei­digt zu sein“, hat­te der ser­bi­schen Volks­see­le eine nicht ver­nar­ben­de Wun­de geschla­gen. (…) Die Poli­ti­ker aller Par­tei­en sahen die Zukunft des Lan­des auf das Äußers­te gefähr­det; sie waren über­zeugt, daß Ser­bi­en sich nur mit Ein­satz aller Kräf­te der Umklam­me­rung durch den über­mäch­ti­gen Geg­ner erweh­ren kön­ne. Damals began­nen die radi­ka­len Regie­run­gen in Ser­bi­en sich ernst­lich für einen Ent­schei­dungs­kampf vor­zu­be­rei­ten und eine Rüs­tungs­an­lei­he nach der ande­ren auf­zu­neh­men. Im Zusam­men­hang damit trat die Idee der Narod­na Odbra­na in die Erscheinung.

Sie war gedacht als ein patrio­tisch-natio­na­lis­ti­scher Geheim­bund, der nicht bloß das König­reich Ser­bi­en, son­dern sämt­li­che Län­der mit ser­bi­schen Bevöl­ke­rungs­ele­men­ten umfas­sen soll­te und bestimmt, das Gefühl der Zusam­men­ge­hö­rig­keit und Stam­mes­ein­heit zu ent­wi­ckeln und zu kräf­ti­gen und auf dem so vor­be­rei­te­ten Boden an der rea­len Durch­füh­rung die­ser Ver­ei­ni­gung mit allen Mit­teln zu arbeiten. (…)

So begann die Narod­na Odbra­na mit der sys­te­ma­ti­schen Ver­het­zung und Fana­ti­sie­rung der Jugend, nament­lich der Schul­ju­gend. (…) [G]roßserbische Blät­ter gibt es in Sara­je­vo, Fiume, Agram die Fülle.

Ihren Zie­len ent­spre­chend wen­de­te die Narod­na Odbra­na fer­ner dem Ban­den­we­sen in der Tür­kei ihre beson­de­re Auf­merk­sam­keit zu. (…) Auf ihre Bear­bei­tung der Jugend ist es mit zurück­zu­füh­ren, wenn fast täg­lich Schü­ler aus den Gym­na­si­en und Stu­den­ten von der Uni­ver­si­tät ver­schwan­den, um als Frei­schär­ler in Maze­do­ni­en auf­zu­tau­chen, oder wenn jun­ge Offi­zie­re aus der Armee aus­tra­ten und, mit fal­schen Päs­sen ver­se­hen, nach Alt­ser­bi­en [gemeint sein dürf­ten Meto­chi­en und das Koso­vo; Anm. d. Red.] gin­gen. Frägt man, was aus die­sen (…) jetzt, nach been­de­tem Krieg und erober­tem Maze­do­ni­en gewor­den ist, so ist die Ant­wort: ein Teil ist vom Staat bei den ver­schie­dens­ten Betrie­ben (…) unter­ge­bracht, wo sie meis­tens klei­ne Sine­ku­ren inne haben; ein ande­rer Teil strolcht arbeits­scheu, und wahr­schein­lich von der Narod­na Odbra­na unter­stützt, umher, auf eine Gele­gen­heit lau­ernd, wie­der sei­ne wil­den Instink­te zu betätigen. (…)

(…) Der Staat selbst, wenn er gleich, um Ver­ant­wort­lich­kei­ten zu ver­mei­den, dar­auf hal­ten muß, daß die Narod­na Odbra­na ihren pri­va­ten Cha­rak­ter bewah­re, beschränkt sich indes kei­nes­wegs auf die Rol­le eines pas­si­ven Zuschau­ers. Unter harm­lo­sen Titeln sind in das Staats­bud­get gewis­se Posi­tio­nen auf­ge­nom­men, die der Narod­na Odbra­na zugu­te kom­men. Bezüg­lich der Anschaf­fung von Flin­ten für Schü­ler, von Revol­vern für Frei­schär­ler ist es noto­risch, daß der Staat sie gelie­fert hat. Cha­rak­te­ris­tisch ist, daß als Zen­tral­stel­le für die Ver­aus­ga­bung von Staats­mit­teln für sol­che Zwe­cke und die Abrech­nung weder das Minis­te­ri­um des Äußern, noch das Kriegs­mi­nis­te­ri­um, son­dern das­je­ni­ge für Kul­tus und Unter­richt mitwirkt.

Mag daher die ser­bi­sche Regie­rung noch so sehr ihren Abscheu und ihre Ent­rüs­tung über die in Sara­je­vo began­ge­ne Blut­tat kund­ge­ben, mag sie noch so sehr ihre Unschuld beteu­ern (…), eines kann sie nicht ableug­nen. Sie hat die Atmo­sphä­re geschaf­fen, in der sol­che Explo­sio­nen des blin­den Fana­tis­mus allein mög­lich sind. In ihrem Lan­de und unter den Augen ihrer Behör­den sind die Ele­men­te groß gezo­gen wor­den, die Ser­bi­en vor der gan­zen gesit­te­ten Welt bloß­ge­stellt und auf eine Stu­fe wie­der her­ab­ge­drückt haben, wie der ver­ab­scheu­ungs­wür­di­ge Königs­mord des Jah­res 1903.

[Zusatz des Kai­sers unter dem Text: “sehr gut”, kur­siv = Her­vor­he­bun­gen durch Kai­ser Wil­helm II., fett = im Ori­gi­nal unter­stri­chen; Anm. d. Red.]

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Lon­don, den 6. Juli 1914 [im Aus­wär­ti­gen Amt am 9. Juli ein­ge­gan­gen] – Der Bot­schaf­ter in Lon­don Lich­now­sky an den Reichskanzler

Geheim!

Ich besuch­te heu­te nach­mit­tag Sir Edward Grey und nahm dabei Gele­gen­heit, die gesam­te euro­päi­sche Lage mit ihm in ver­trau­li­chem Tone zu besprechen.

(…) ich glaub­te, daß es sich schon jetzt emp­feh­len wür­de, die Mög­lich­keit einer Ver­schär­fung der Bezie­hun­gen zwi­schen Wien und Bel­grad ins Auge zu fas­sen, damit er, Sir Edward, recht­zei­tig in der Lage sei, sei­nen Ein­fluß in Peters­burg dahin gel­ten zu machen, daß von dort auf Ser­bi­en im Sin­ne der Nach­gie­big­keit gegen­über den öster­rei­chi­schen For­de­run­gen gewirkt werde.

(…) Er ver­sprach mir, auch über die­se Fra­ge mit uns in Füh­lung zu blei­ben, ent­hielt sich aber vor­läu­fig einer bestimm­ten Meinungsäußerung.

Sodann erwähn­te ich unter Bezug­nah­me auf unse­re letz­te Unter­hal­tung, daß die gewal­ti­gen Rüs­tun­gen Ruß­lands und gewis­se ande­re Anzei­chen, wie der Bau stra­te­gi­scher Bah­nen, nach mei­nen letz­ten per­sön­li­chen Ein­drü­cken in Ber­lin nicht ver­fehlt hät­ten, dort ein gewis­ses Unbe­ha­gen her­vor­zu­ru­fen. (…) Da wir aber über­zeugt wären, daß wir uns mit der bri­ti­schen Poli­tik in dem Wun­sche begeg­ne­ten, den Frie­den zu erhal­ten und die Grup­pen ein­an­der zu nähern, so glaub­te ich, durch eine Aus­spra­che mit ihm den bei­der­sei­ti­gen Zwe­cken zu dienen.

Sir Edward wie­der­hol­te mir unge­fähr das­sel­be, was er mir erst kürz­lich gesagt hat­te, näm­lich, daß ihm kei­ner Anzei­chen einer deutsch­feind­li­chen Stim­mung in St. Peters­burg bekannt sei­en. Noch weni­ger glau­be er an krie­ge­ri­sche Absich­ten Ruß­lands, er wol­le aber der Fra­ge erneut sei­ne Auf­merk­sam­keit zuwen­den und mit mir gele­gent­lich dar­auf zurück kom­men, da auch er den Wunsch hege, über alle Fra­gen der aus­wär­ti­gen Poli­tik mit uns in Füh­lung zu bleiben.

Zum Schlus­se sag­te ich, er müs­se mir gestat­ten, (…) ein etwas heik­les The­ma in ver­trau­li­cher Wei­se zu berüh­ren. Wir wüß­ten aus sei­nen Erklä­run­gen, daß gehei­me Abma­chun­gen poli­ti­scher Natur zwi­schen Eng­land und Ruß­land nicht bestün­den. Wir hät­ten selbst­ver­ständ­lich nicht den gerings­ten Anlaß, an der Rich­tig­keit sei­ner Wor­te zu zwei­feln, bedau­er­ten aber um so mehr, daß immer wie­der Gerüch­te auf­tauch­ten, wel­che von einer Flot­ten­ver­stän­di­gung zu berich­ten wüß­ten, die ein bei­der­sei­ti­ges Zusam­men­wir­ken gegen uns im Kriegs­fal­le bezwecke. (…)

Sir Edward ent­geg­ne­te, ohne auf die von mir berühr­te Fra­ge eines Flot­ten­über­ein­kom­mens näher ein­zu­ge­hen, daß er mir bereits vor kur­zem gesagt habe, daß kein neu­es oder gehei­mes Über­ein­kom­men bestün­de, daß aber die Bezie­hun­gen zu den Ver­bands­ge­nos­sen nichts­des­to­we­ni­ger eine sehr inti­men Cha­rak­ter trü­gen. Aus sei­ner Zurück­hal­tung und der Bemer­kung, daß er mit mir noch ein­mal auf die Ange­le­gen­heit zurück­kom­men wol­le, konn­te ich ent­neh­men, daß er sich die gan­ze Fra­ge reif­lich über­le­gen will, ehe er mir gegen­über zu mei­ner Anre­gung Stel­lung nimmt. Auf jeden Fall hat er eine Füh­lung­nah­me der bei­den Mari­nen für den Fall eines gemein­sa­men Krie­ges nicht direkt in Abre­de gestellt.

 


 

Wien, den 8. Juli 1914 [am sel­ben Tag in Ber­lin ein­ge­trof­fen] – Der Bot­schaf­ter in Wien an das Aus­wär­ti­ge Amt

Geheim!

(…) Es haben sich (…) in bezug auf das Vor­ge­hen gegen Ser­bi­en zwei Strö­mun­gen gel­tend gemacht. Die eine, die­je­ni­ge des Gra­fen Berch­told und des Aus­wär­ti­gen Minis­te­ri­ums, will den Anlaß des Vor­ge­hens direkt aus der durch die gesam­te ser­bi­sche Poli­tik und deren in dem letz­ten Atten­tat gip­feln­den Wüh­le­rei­en gegen­über der Mon­ar­chie geschaf­fe­nen Lage her­lei­ten, wäh­rend die ande­re (…) es für erfor­der­lich hält, zunächst kon­kre­te For­de­run­gen an Ser­bi­en zu stel­len. (…) Graf Berch­told mein­te, er wür­de sei­nem Kai­ser, falls sich die­ser der Ansicht anschlie­ßen soll­te, daß zunächst For­de­run­gen an Ser­bi­en zu stel­len sei­en, jeden­falls raten, die For­de­run­gen so ein­zu­rich­ten, daß deren Annah­me aus­ge­schlos­sen erscheint.

Graf Berch­told ber­merk­te noch ganz geheim, daß nach Frhr. Con­rad von Höt­zen­dorf [Gene­ral­stabs­chef; maß­geb­li­cher Stra­te­ge der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Armee im Welt­krieg; Anm. d. Red.] 16 Tage für die Mobil­ma­chung gerech­net wer­den müßten. (…)

 

 

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