Sezession
12. Juli 2014

100 Jahre Julikrise (7.–12.VII.)

Gastbeitrag

 

Athen, den 6. Juli 1914 [im Auswärtigen Amt eingegangen am 12. Juli] – Der Gesandte in Athen, Quadt, an den Reichkanzler

Mein italienischer Kollege teilte mir streng vertraulich mit, der italienische Botschafter in Petersburg habe einen sehr alarmierenden Bericht nach Rom gerichtet über kriegerische Vorbereitungen Rußlands. Der Bericht sei sehr eingehend und gehe ins Detail. Erwähnt seien auch ungeheure Geldforderungen der russischen Regierung, die in einer geheimen Sitzung der Duma oder einer Kommission zu Kriegsrüstungen bewilligt worden seien.

[Anmerkung des Staatssekretärs des Auswärtigen Jagow: „Wenn die Nachricht von Petersburg nach Rom und von dort nach Athen gegangen ist, muß sie jedenfalls schon etwas älteren Datums sein.“]

 

(Literatur zur Vorgeschichte des I. Weltkriegs und zur Kriegsschuldfrage finden Sie im Bücherschrank I. Weltkrieg.)

 


 

 

Wien, den 10. Juli 1914 [im Auswärtigen Amt eingegangen am 11. Juli] – Der Botschafter in Wien Tschirschky an das Auswärtige Amt

[Wiedergabe eines Gespräches des k.u.k. Außenministers Grafen Berchtold mit Kaiser Franz Joseph. Der Kaiser habe] geäußert, er sei ganz unserer Ansicht, daß man jetzt zu einem Entschluß* kommen müsse, um den unleidlichen Zuständen Serbien gegenüber ein Ende zu machen. Über die Tragweite eines solchen Entschlusses, fügte Graf Berchtold hinzu, sei sich S. M. völlig klar.

Der Minister hat hierauf dem Kaiser Kenntnis gegeben von den zwei Modalitäten, die in bezug auf das nächste Vorgehen gegen Serbien hier in Frage stünden. S. M. hätten gemeint, es ließe sich vielleicht dieser Gegensatz überbrücken. Im ganzen hätten aber S.M. eher der Ansicht zugeneigt, daß konkrete Forderungen an Serbien zu stellen sein** würden. Er, der Minister, wolle auch die Vorteile eines solchen Vorgehens nicht verkennen. Es würde damit das Odium der Überrumpelung Serbiens, das auf die Monarchie fallen würde, vermieden und Serbien ins Unrecht gesetzt werden. Auch würde dieses Vorgehen sowohl Rumänien als auch England eine wenigstens neutrale Haltung wesentlich erleichtern. Die Formulierung geeigneter Forderungen gegenüber Serbien bildet gegenwärtig hier die Hauptsorge***, und Graf Berchtold sagte, er würde gern wissen, wie man in Berlin darüber denke. Er meinte, man könne u.a. verlangen, daß in Belgrad ein Organ der österreichisch-ungarischen Regierung eingesetzt werde, eventuell auch die Auflösung von Vereinen und Entlassung einiger kompromittierter Offiziere. (...) Sollten die Serben alle gestellten Forderungen annehmen, so wäre das eine Lösung, die ihm „sehr unsympathisch“ wäre, und er sinne noch darüber nach, welche Forderungen man stellen könne, die Serbien eine Annahme völlig unmöglich**** machen würden.

Der Minister klagte schließlich wieder über die Haltung des Grafen Tisza, die ihm ein energisches Vorgehen gegen Serbien erschwere. Graf Tisza behaupte, man müsse „gentleman like“ vorgehen, das sei aber, wenn es sich um so wichtige Staatsinteressen handele und besonders einem Gegner wie Serbien gegenüber schwerlich angebracht.*****

(...)

Der Kriegsminister wird morgen auf Urlaub gehen, auch Freiherr Conrad von Hötzendorf Wien zeitweilig verlassen. Es geschieht dies, wie Graf Berchtold mir sagte, absichtlich, um jeder Beunruhigung vorzubeugen.******

[Randbemerkungen von Hand Kaiser Wilhelms II.:

* „da S. M. pro Memoria etwa 14 Tage alt ist, so dauert das sehr lang! Das ist doch eigentlich zur Begründung des Entschlusses selbst entworfen!

** „aber sehr! und unzweideutig!“

*** „dazu haben sie genug Zeit gehabt“

**** „den Sandschack [Sandschak Novi Pazar, damals von Serbien besetzte ehemalige osmanische Lanschaft im heutigen Grenzgebiet zwischen Serbien, Bosnien, Montenegro und dem Kosovo; Anm. d. Red.] räumen! dann ist der Krakehl sofort da! den muß Österreich unbedingt sofort wiederhaben, um die Einigung Serbiens und Montenegros und das Erreichen des Meeres seitens der Serben zu verhindern!“

***** „Mördern gegenüber nach dem, was vorgefallen ist! Blödsinn!“

****** „kindisch!“

Unter dem Text vermerkt der Kaiser: „ungefähr wie zur Zeit der Schlesischen Kriege! ‚Ich bin gegen die Kriegsräthe und Berathungen, sintemalen die timidere Parthey allemal die Oberhand hat’ Frd. d. Gr.“]

--------------------------------

London, den 9. Juli 1914 [im Auswärtigen Amt eingegangen am 11. Juli] – Der Botschafter in London Lichnowsky an den Reichskanzler

[Sir Edward Grey] sagte, er habe seinen damaligen Worten auch heute nichts hinzuzufügen und könne nur wiederholen, daß geheime Abmachungen zwischen Großbritannien einerseits und Frankreich und Rußland andererseits, welche Großbritannien im Falle eines europäischen Krieges Verpflichtungen auferlegten, nicht bestünden. (...) Die Regierung habe gewissermaßen dem Parlament gegenüber die Verpflichtung übernommen, sich in keine geheimen Verbindlichkeiten einzulassen. Auf keinen Fall werde bei festländischen Verwickelungen die britische Regierung auf seiten des Angreifenden zu finden sein.

Da er mich aber nicht habe irreführen wollen (...) habe er gleich hinzugefügt, daß nichtsdestoweniger seine Beziehungen zu den genannten Mächten nichts von ihrer früheren Innigkeit verloren hätten. Wenn auch also keine Abmachungen bestünden, die irgendwelche Verpflichtungen auferlegten, so wolle er doch nicht in Abrede stellen, daß von Zeit zu Zeit Unterhaltungen (...) zwischen den beiderseitigen Marine- oder Militärbehörden stattgefunden hätten, und zwar die erste schon im Jahre 1906, dann während der Marokkokrisis, als man hier geglaubt habe, wie er lachend hinzufügte, daß wir die Franzosen angreifen wollten. Aber auch diese Unterhaltungen, von denen er meist nichts Näheres gewußt habe, hätten durchaus keine aggressive Spitze, da die englische Politik nach wie vor auf Erhaltung des Friedens gerichtet sei und in eine sehr peinliche Lage käme, wenn ein europäischer Krieg ausbräche.

Ich wiederholte dem Minister ungefähr dasselbe, was ich ihm schon neulich gesagt hatte, und gab ihm dann zu verstehen, daß es wünschenswert wäre, daß solche militärischen Konversationen auf ein Mindestmaß beschränkt blieben, da sie sonst leicht zu unerwünschten Folgen führen könnten.

Seit unserer letzten Unterhaltung, fügte Sir Edward hinzu, habe er sich über die Stimmung, die in Rußland uns gegenüber bestehe, eingehend erkundigt und keinen Grund zu einer beunruhigenden Auffassung gefunden; er schien auch bereit zu sein, falls wir es wünschten, in irgendeiner Form auf die Haltung Rußlands einzuwirken. (...)

Im allgemeinen war der Minister in durchaus zuversichtlicher Stimmung und erklärte in heiterem Tone, keinen Grund zu haben zu einer pessimistischen Auffassung der Lage.

------------------------

Berlin, den 11. Juli 1914 – Der Staatsekretär des Auswärtigen, Jagow, an den Botschafter in Wien, Tschirschky [Telegramm]

Zur Formulierung der Forderungen an Serbien können wir keinerlei Stellung nehmen, da dies Österreichs Sache ist. Uns erscheint es nur erwünscht, daß Wien genügend Material sammelt, um zu beweisen, daß in Serbien eine großserbische Agitation besteht, welche Monarchie gefährdet, damit öffentliche Meinung Europas soweit als möglich vom guten Recht Österreichs überzeugt wird. Dies Material wäre am besten – nicht getrennt, sondern einheitlich – kurz vor Stellung der Forderungen bzw. des Ultimatums an Serbien zu publizieren.

 


 

 

Wien, den 8. Juli 1914 [im Auswärtigen Amt am 10. Juli eingegangen] - Der Botschafter in Wien v. Tschirschky an den Reichskanzler

[Wiedergabe eines Gesprächs mit einem Zeitungskorrespondenten] (...) Er sei telephonisch auf die [russische; Anm. d. Red.] Botschaft zitiert worden (...) [Es] sei noch bemerkt worden, daß Rußland einer Beeinträchtigung der politischen Selbständigkeit Serbiens nicht ruhig werde zusehen können. Auf die Frage des Korrespondenten, ob [seine Zeitung] auch diese Bemerkung bringen solle, sei ihm verneinend geantwortet worden. [Randnotiz von Kaiser Wilhelm II.: "aha!"]

Wie mir der Korrespondent weiter sagte, habe er (...) seinen Einfluß dahin geltend gemacht, damit die [Zeitung] nicht in das während der Balkankrise beliebte Gejammere über etwaige russische Angriffspläne verfalle. Der heutige Morgenartikel des Blattes war gemäßigt gehalten. (...)

----------------------

[Der im vorstehenden Text erwähnte Zeitungsartikel lautete:] "Wie uns von besonderer Seite mitgeteilt wird, sind in Rußland alle Kreise einig in der Verurteilung des Attentats von Sarajevo. Die vielfach in der österreichisch-ungarischen Presse veröffentlichte Anschauung, als ob Rußland dagegen protestieren würde, wenn Österreich-Ungarn von Serbien eine Untersuchung in Belgrad verlangte, entbehrt jeglicher Begründung. Das monarchische Prinzip hat im Zarenreiche so starke Geltung, daß es ganz natürlich erscheint, daß Rußland einen solchen Schritt Österreich-Ungarns nie mißbilligen würde."

 


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.