Sezession
14. Juli 2014

Seenahme im Cyberspace – Wolfgang Schivelbusch liest Carl Schmitt

Götz Kubitschek / 14 Kommentare

Der Kulturhistoriker und Mentalitätssoziologe Wolfgang Schivelbusch hat mit seiner Dankesrede zur Verleihung des Lessing-Preises 2014 der Freien und Hansestadt Hamburg die Tradition der fruchtbaren Auseinandersetzung linker Theoretiker mit dem Werk Carl Schmitts fortgesetzt.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Erinnert sei an Joachim Schickel, der Schmitts Theorie des Partisanen für die Revolutionsrechtfertigung der sich radikalisierenden Linken nach 1968 entdeckte (zusammengestellt in: Gespräche mit Carl Schmitt, Berlin 1993) oder an Jacob Taubes, der sich für Schmitts Politische Theologie interessierte: Wir verdanken ihm den Hinweis darauf, daß in die israelische Verfassung von 1949 Überlegungen aus Schmitts Verfassungslehre von 1928 eingeflossen seien (Beleg: Ad Carl Schmitt, Berlin 1987). Und dann ist da noch der „Dutschke von Wien“, Günter Maschke, der sich nicht zuletzt aufgrund einer intensiven Auseinandersetzung mit Schmitts Werk zu einem wirkmächtigen Reaktionär mauserte.

Schivelbusch nun bezog sich in seiner Rede vom 9. Februar dieses Jahres auf ein Kapitel aus Schmitts Der Nomos der Erde. Sie ist in verschriftlichter Form in der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Mittelweg 36, erschienen (Heft April/Mai 2014) und spielt schon in ihrem Titel auf Schmitt an: „’Perfides Albion’ oder Eine Seenahme im Cyberspace“. Jeder, der den Nomos der Erde oder die schmalere und eingängigere Schrift Land und Meer je las und dabei den Unterschied zwischen den Landtretern kontinentalen und den Seeschäumern maritimen Geistes kennenlernte, wird den Begriff „Seenhame“ als Hinweis darauf lesen, daß hier wieder einmal an Carl Schmitt nicht vorbeigedacht werden könne.

Schivelbuschs weist in seinem Text auf die unterschiedlichen Reaktionen hin, die die Enthüllungen rund um den NSA-Abhör- und Ausspähskandal diesseits und jenseits des Atlantiks hervorgerufen hätten, wobei er mit „jenseits“ nicht nur die USA, sondern auch Großbritannien meint. Unaufgeregt hätten nicht nur die Regierungen dieser beiden Staaten reagiert, sondern auch die Medien, und die dahinterstehende Mentalität lasse sich „in etwa durch die beiden rhetorischen Fragen charakterisieren: Was regen sich die Europäer denn so auf? Und: Nehmen die am Ende die demokratischen Prinzipien wirklich ernst?“


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (14)

Rainer Gebhardt
14. Juli 2014 21:22

Danke für den sehr interessanten Beitrag.

Langer
14. Juli 2014 21:24

"Was regen sich die Europäer denn so auf? Und: Nehmen die am Ende die demokratischen Prinzipien wirklich ernst?“

In der Tat: Dank Fernsehpropaganda muss man heute jeden als naiv bezeichnen, der nicht von Vornherein davon ausgeht, dass all sein Treiben im Internet beobachtet wird. "Haue nichts in die Tastatur, von dem Du nicht bereit bist, es am naechsten Tag in einer Boulevardzeitung zu lesen."

Nils Wegner
14. Juli 2014 23:46

Nun, ich kann mir schon vorstellen, daß wir bei sovielen aus dem militärischen Bereich erwachsenen technologischen Errungenschaften auch hier die ganz überwiegende zivile Meinung davon ausging, jene, die sie schließlich der Allgemeinheit zur Verfügung stellten, hätten aus reiner Selbstlosigkeit so gehandelt. Ich kenne es nicht aus eigener Erfahrung, aber ich stelle mir das gelegentliche böse Erwachen mit der Einsicht, daß vielleicht doch nicht die ganze Welt an einem Strang zieht in dem Bestreben, hier das Himmelreich auf Erden zu errichten, sehr unangenehm vor – und demgemäß einhergehend mit einer angemessenen Verweigerungshaltung.

Abgesehen davon muß man natürlich auch anheimstellen, daß man hierzulande längst aus der Übung ist, Machtinteressen zu vertreten, die über das eigene Fortkommen im institutionellen Hamsterrad hinausgehen. Umso mehr auf nationaler Ebene. Die daraus resultierende Hilflosigkeit springt einem aus allen Medien und der politischen Kaste entgegen. Auch unbeholfene Akte wie die Ausweisung des amerikanischen Chefresidenten sind allerhöchstens ein Muskelspiel nach innen hin, um vor dem Stimmvieh nicht ganz das Gesicht zu verlieren.

Martin
15. Juli 2014 07:21

„Haue nichts in die Tastatur, von dem Du nicht bereit bist, es am naechsten Tag in einer Boulevardzeitung zu lesen.“

Kann mir nicht passieren - ich war ja noch nicht mal ne Viertelstunde Weltberühmt, wie es uns der selige Warhol versprochen hatte. Kleine Lichter lässt man einfach ausbrennen - da lohnt die Mühe des Auspustens nicht.

Zum Artikel:

"Der Nomos der Erde" war für mich das erste Werk von C. S., welches ich komplett gelesen habe, meine Einstiegsdroge quasi - und jetzt, wo ich diesen Artikel gelesen habe, erscheint es mir nur logisch, Begrifflichkeiten der "Raumordung" auch auf virtuelle Räume zu übertragen. Die Machtfülle innerhalb des virtuellen Raums erscheint mir aber - mir fällt gerade kein passender Superlativ als Steigerungsfaktor ein - immens größer zu sein, als im realen Raum, der doch immer wieder Nischen und Schlupflöcher geboten hat, selbst in totalitären Systemen.

Carsten
15. Juli 2014 09:49

"Um derlei perfide Strategien in die Tat umzusetzen, bedarf es einer ortlosen Mentalität"

Ein Mensch ohne Verortung ist aber nicht "frei", sondern verloren, weil er seine kulturellen und geschichtlichen Wurzeln verliert.

Diese Absicht steckt in Wahrheit hinter der Scheißhausparole von "Buntheit und Vielfalt" und diese Ideologie ist wahrhaft "menschenverachtend"!

Gold Eagle
15. Juli 2014 18:32

"Um derlei perfide Strategien in die Tat umzusetzen, bedarf es einer ortlosen Mentalität."

Also besonders perfide, finde ich das nicht. Eher ziemlich banal. Wenn man sich ein Dutzend Geheimdienste mit hundertausenden von Mitarbeitern hält, und unter diesen hunderttausenden von Mitarbeitern käme kein einziger auf die Idee, dass man so eine Datenquelle für die geheimdienstliche Tätigkeit nutzen kann, dann müsste man sich schon fragen, wie man es geschafft hat, beim Bewerbungsgespräch wirklich nur komplette Pfeifen einzustellen. Denn dazu braucht man keine "ortlose Mentalität", 10 Minuten nachdenken reichen dazu völlig.

Dass eine Inselnation darauf kommt, eine Flotte zu bauen und die Meere ringsherum zu regieren, ist, wenn man mal so einige Minuten darüber nachdenkt, auch nicht sooooo wahnsinnig originell, sondern liegt wohl auch für jeden Staatsmann, der kein kompletter Vollidiot ist, ziemlich auf der Hand. Dass Nationen ihre offensichtlichen Machtinteressen dann nicht noch extra in ihrer Presseerklärung besonders hervorheben, sondern sich auf allgemeine moralische Prinzipien beziehen, auch das ist so banal. Man müsste sich umgekehrt fragen: wie blöd müsste man eigentlich sein, um es nicht zu tun?

Ernst Wald
15. Juli 2014 20:18

Dass etwa die Macht des Suchmaschinen-Giganten Google sehr groß ist, kann gewiss niemand ernsthaft bestreiten. Denn tatsächlich hat Google einen Marktanteil von über neunzig Prozent und dadurch ein Quasi-Monopol.

Doch es lässt sich auch feststellen, dass die Verantwortlichen bei Google die machtvolle Stellung ihres Konzerns nicht leugnen. So bemerkt etwa Eric Schmidt, der langjährige CEO und derzeitige Chairman von Google:

Wir sind überzeugt, dass Portale wie Google, Facebook, Amazon und Apple weitaus mächtiger sind, als die meisten Menschen ahnen. Ihre Macht beruht auf der Fähigkeit, exponentiell zu wachsen. Mit Ausnahme von biologischen Viren gibt es nichts, was sich mit derartiger Geschwindigkeit, Effizienz und Aggressivität ausbreitet wie diese Technologieplattformen, und dies verleiht auch ihren Machern, Eigentümern und Nutzern neue Macht.

Schmidt räumt also öffentlich ein, dass der Einfluss von Google sehr groß ist. Er weist aber auch daraufhin, dass die Google-User nicht als bloße Untertanen der Suchmaschine fungieren, sondern selbst über eine gewisse Macht verfügen.

Die weltweite Präsenz der Suchmaschine lässt sich nämlich von Privatpersonen, Unternehmen und Organisationen prima im Kampf um die Vermehrung von Kapital, Aufmerksamkeit und Einfluss nutzen.

Um die Macht der Suchmaschine Google zu verstehen, muß man aber wissen, wie sie funktioniert und sich immer wieder etwaigen Veränderungen anpassen. Die SEO-Bewegung ist sicherlich ein Ausdruck solcher Bestrebungen.

Nils Wegner
15. Juli 2014 22:45

Es mag ja sein, daß im letzten Jahr meiner Arbeit in der Branche etwas an mir vorbeigegangen ist, aber wo bitte stellt der simple Marketingmechanismus der Suchmaschinenoptimierung denn bitteschön eine "Bewegung" dar? Es geht um ein simples Ranking, das anhand vorgefertigter Algorithmen funktioniert, sodaß sich Texte nicht mehr an Regeln der Schriftsprache, sondern an mathematischen Erwägungen orientieren – wenn das eine Bewegung ist, dann allenfalls eine nach rückwärts.

Baudrillard lag schon ganz richtig damit, daß über kurz oder lang alles, aber auch alles auf seinen reinen Waren- und Marktwert reduziert würde. Selbst die Sprache.

Ernst Wald
16. Juli 2014 09:25

Sehr geehrter Herr Wegner,

Ihre kulturmarxistische Kritik geht leider an der Realität vorbei. Die „SEO-Bewegung“ ist sicherlich keine Emanzipationsbewegung linker Prägung, die von der progressiven Überwindung der Macht- und Herrschaftsverhältnisse träumt. SEO ist vielmehr ein Schachzug im strategischen Spiel der Macht, um die eigenen Interessen mittels Google durchzusetzen.

Außerdem betrachtet Google seine Nutzer nicht nur unter kommerziellen Aspekten, wie kritische Zungen behaupten. Denn mit der Einführung neuer Algorithmen, die mit dem sogenannten Panda-Update im Februar 2011 begann, startete der Suchmaschinen-Konzern regelrecht eine Qualitätsoffensive. Und in dieser Qualitätsoffensive, steht eindeutig das Wohl der User im Mittelpunkt. In einer Anleitung für SEO, die als Download im Netz zu finden ist, richtet Google einen Appell an die Inhaber von Webseiten:

Obwohl der Titel dieser Einführung das Wort `Suchmaschine´ enthält, möchten wir euch darauf hinweisen, dass Entscheidungen bezüglich der Optimierung zuallererst darauf ausgerichtet sein sollten, was für die menschlichen Besucher eurer Website am besten ist. Schließlich sind sie die wahren Konsumenten eures Contents und benutzen Suchmaschinen nur, um euer Werk ausfindig zu machen. Wenn man sich zu stark darauf konzentriert, in den Ergebnissen der organischen Suche vorne dabei zu sein, bringt das eventuell nicht das gewünschte Resultat. Bei Suchmaschinenoptimierung geht es darum, die Website von der besten Seite zu präsentieren, was die Sichtbarkeit in Suchmaschinen anbelangt, aber euer übergeordnetes Ziel ist es, Nutzer für eure Website zu gewinnen und nicht Suchmaschinen.

Google will offenbar Webseitenbetreiber dazu auffordern, qualitativ hochwertigen Content zu produzieren. Insofern reagiert der Suchmaschinen-Konzern auf Fehlentwicklungen der letzten Jahre.

Irrlicht
16. Juli 2014 10:59

Es ist ein bizarrer Anblick, wenn im Kommentarbereich eines metapolitischen Blogs die Eigenauskunft eines eng mit der NSA zusammenarbeitenden US-Konzerns, Teil des US-Netzwerkimperiums, Ihr Handeln sei dem Wohl der Menschheit (Firmenmotto: "Don't be evil") verpflichtet, für bare Münze genommen wird.

Ernst Wald
16. Juli 2014 12:28

@Irrlicht

Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht Ihr Feindbild nehmen, aber auch ein „metapolitischer Block“ sollte sich manchmal in die Niederungen der Realität begeben.

Erstens: Die Verantwortlichen bei Google leugnen die immense Macht ihres Konzerns nicht. In dem Buch „The New Digital Age – Reshaping the Future of People, Nations and Business“ von Eric Schmidt – derzeitiger Chairman von Google – wird dies deutlich.

Zweitens: Ob Google seine Hinweise zu den Algorithmus-Updates mit einer humanitären Ideologie verbindet oder nicht, Fakt ist letztlich: Die Ranking-Faktoren wurden tatsächlich massiv verändert. Billige Methoden der Suchmaschinenoptimierung wie beispielsweise „keyword-stuffing“ werden nun abgestraft usw.

Und außerdem ist eine sich empörende Machtkritik eher typisch für ein anderes politisches Lager.

Nils Wegner
16. Juli 2014 13:28

@ Ernst Wald: Es ist nett, daß Sie nochmal in unnötiger Länge bestätigen, was ich geschrieben habe. Gleichwohl hätte das nicht sein müssen; ich weiß auch so, daß ich Recht habe.

Langer
16. Juli 2014 14:29

Es ist ein bizarrer Anblick, wenn im Kommentarbereich eines metapolitischen Blogs die Eigenauskunft eines eng mit der NSA zusammenarbeitenden US-Konzerns, Teil des US-Netzwerkimperiums, Ihr Handeln sei dem Wohl der Menschheit (Firmenmotto: „Don’t be evil“) verpflichtet, für bare Münze genommen wird.

Ich glaube sogar, dass einst eine hehre Absicht bestand, solange man noch der Aussenseiter war und vom grossen Erfolg nur traeumte. Aber auf dem Weg an die Spitze und dann besonders dort oben aendert sich wohl einiges. Vielleicht kommt die Angst dazu, alles wieder verlieren zu koennen. Das ist doch in der Politik nicht anders, all die Traeumer und irgendwann werden sie von der Maschine zerfleischt.

Gold Eagle
17. Juli 2014 11:31

Was bitte schön tun denn Google oder Amazon, was jede x-beliebige andere Firmen an ihrer Stelle nicht tun würden?

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