Sezession
14. Juli 2014

60 Jahre nach Bern: Deutschland ist wieder Weltmeister!

Erik Lehnert

CoverDa unsere Fußballnationalmannschaft gestern so bravourös gekämpft und uns mit dem vierten Stern beschenkt hat, wollen wir heute die "Juli-Krise" mal etwas in den Hintergrund treten lassen. Für alle, die hier mitlesen, wird vermutlich der Titel von 1990 der wichtigste bleiben. Ob der gestrige Titel das Zeug zur Mythenbildung hat, wird sich zeigen. Er gibt uns aber Anlaß, mit dem entsprechenden Beitrag aus dem 4. Band des Staatspolitischen Handbuchs, Deutsche Orte (die übermorgen aus der Druckerei kommt!), an das "Wunder von Bern" zu erinnern:

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Deutsche Orte - Bern - verfaßt von Martin Grundweg

Auschwitz mag der negative „Gründungsmythos“ (Joschka Fischer) der Bundesrepublik Deutschland sein; es gibt aber auch einen positiven, nämlich das „Wunder von Bern“: Aus den Trümmern des Zusammenbruchs von 1945 erstanden neun Jahre später stellvertretend für die deutsche Nation elf Mann unter der Führung von Trainer Sepp Herberger, um in der Schweiz der Welt vom Fußballplatz aus zu beweisen, daß Deutschland seinen Lebenswillen nicht aufgegeben hatte. Als krasser Außenseiter im Endspiel gegen Ungarn gelang der deutschen Mannschaft ein Sieg, der in der ganzen Nation Begeisterung auslöste und neue Zukunftshoffnung verbreitete – man „war wieder wer“. Mit der Mannschaft von Bern hatte die junge Bundesrepublik ihre ersten Helden.

Der Ort des Triumphes, das Stadion Wankdorf, existiert heute allerdings nicht mehr. 2001 wurde es abgerissen und vier Jahre später durch das Stade de Suisse ersetzt, das den Anforderungen der UEFA an ein „Elitestadion“ als Austragungsort der Fußball-Europameisterschaft 2008 genügen mußte. Der Abriß erfolgte damit zwei Jahre vor dem Kinostart von Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“, der die Ereignisse um die Weltmeistermannschaft mit dem Schicksal einer Essener Bergarbeiterfamilie geschickt miteinander verknüpft und so dem Gründungsmythos einen filmischen Ausdruck verleiht. Kriegsheimkehrerschaft, schwierige Wirtschaftslage, Generationenkonflikt, sogar die Teilung der Nation werden thematisiert; mit dem deutschen Sieg in Bern treten die Probleme aber in den Hintergrund und die kollektive Begeisterung über den Erfolg der Nation tritt hervor. Das alles ist möglich, weil sich der Fußball als klassenübergreifender Volkssport durchgesetzt hat.

Dabei ist Fußball erst relativ spät in Deutschland populär geworden. Wenn es im 19. Jahrhundert einen deutschen Volkssport gab, dann war dies das Turnen, dessen auch politisch-militärischer Nutzen seit den Befreiungskriegen außer Frage stand. Im heraufziehenden Massenzeitalter allerdings lagen die Vorteile des Fußballs auf der Hand, der nicht nur dem menschlichen Bedürfnis nach Wettstreit besser entsprach als das Turnen, sondern der auch als Mannschaftssport einen besseren Ausgleich zwischen individueller Leistung und Einfügung in die Gemeinschaft gewährleistete. Die relative Einfachheit der Regeln und die Erlaubnis auch härteren Körpereinsatzes brachten dem Fußballsport in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland allerdings zunächst den Ruf einer eher „proletarischen“ Angelegenheit ein. Das war andererseits aber auch wieder von Vorteil, weil es sich beim Fußball eindeutig um einen männlichen Sport handelte, im Gegensatz zu Tennis oder Golf, deren Beliebtheit in der Zwischenkriegszeit vielfach als Symptom für die Feminisierung der Gesellschaft angesehen wurde. Bezeichnenderweise gewann Fußball bereits vor 1914 unter jungen Offizieren einige Beliebtheit.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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