Sezession
18. Juli 2014

„Keine Experimente“ – ein Roman von Markus Feldenkirchen

Ellen Kositza / 13 Kommentare

feldencoverFrederik Kallenberg ist verschwunden. Das ist schon deshalb der Rede wert, weil Kallenberg so gar kein Mann für Sperenzchen ist. Zur Schlagzeile wird seine beinahe spurlose Abwesenheit deshalb, weil er MdB ist, Mitglied des Bundestags. „Keine Experimente“ (so der Titel dieses neuen Romans von Markus Feldenkirchen) ist Kallenbergs Motto, und auf seinen Wahlplakaten stehen Slogans wie „Werte wählen“, „Anstand hat einen Namen“ oder, umständlich, wie er ist: „Andere spotten über die heile Welt – ich kämpfe für sie“.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kallenberg ist durch und durch konservativ. Er ist eine ehrliche Haut. Seine Heimat ist die sauerländische Provinz. Als Junge hatte er schwer unter der mütterlichen Untreue, dem väterlichen Phlegma und Suff gelitten. Er entwickelte Zwangsneurosen und fand dauerhaften Trost und Zuspruch in der katholischen Kirche. Und in Julia, die er seit der Schulzeit liebt. Die beiden haben zwei Kinder und telephonieren zu festgelegten Zeiten, wenn Frederik unter der Woche in Berlin sein muß.

Frederik ist das gute Gewissen seiner Partei, er gilt als „letzter Joker des deutschen Konservatismus“. Manche nennen ihn einen „konservativen Revolutionär“, andere schimpfen den durchaus attraktiven und nachdenklichen Mann einen „reaktionären Sack“. Im Netz kursieren Haßseiten wie kallenbergswirrewelt.de und stoppt-kallenberg.de.

Den ernsthaft bemühten Politiker tangiert das nur am Rande. Aus grundsätzlichen Erwägungen begibt Kallenberg sich selten in virtuelle Welten, selbst sein Mobiltelephon weiß er nur rudimentär zu bedienen. Heute: das ist nicht seine Welt. Diese Welt erscheint ihm als laut, verlogen, mit albernen Anglizismen durchsetzt, als durch-und-durch dekadent. Mit Schrecken und Ekel merkt er, daß selbst seine weltanschaulich nähesten Kollegen des „Konservativen Kreises“ längst angefressen sind von den Übeln der Zeit, daß sie Zoten reißen und Stripbars besuchen.

Kallenberg hat sich einen Namen gemacht als Verfechter eines Müttergeldes. Schlagende Argumente für die häusliche Betreuung des Nachwuchses hat er stets parat, er kennt Studien, Statistiken, Fälle. Nur Dagmar Keppler, jene doppelgesichtige Grande Dame des bundesrepublikanischen (Alt-) Feminismus haut ihn in die Pfanne, ausgerechnet in der meistgesehenen Talkshow. Frau Keppler (kaum verborgen und treffend gezeichnet ein Alter Ego Alice Schwarzers) redet den gutmütigen Fontane-Liebhaber Kallenberg in Grund und Boden: „Stopstopstop! Jetzt lassen sie mich mal ausreden!“ Die Frauenrechtlerin beginnt jede ihre publikumswirksamen Einlagen mit einer fauchenden Drohung: Die Sendung wird zur glatten Niederlage Kallenbergs. So sehr, daß sich selbst die Kanzlerin per Handy bei ihrem Parteikollegen meldet. Frau Bundeskanzler fragt süffisant, ob er, Kallenberg, etwa ein Problem mit einer Frau als Chefin habe?


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (13)

Rumpelstilzchen
18. Juli 2014 09:39

Ich werde diese Buch nicht kaufen !

1. - da ich Experimente mag

2. - da laut Wikipedia auch "dieser Roman von Feldenkirchen positiv aufgenommen wurde"

3. - da laut Wikipedia "das Wertegerüst des Protagonisten durch eine unabhängige junge Frau ins Wanken gerät"
a ) Wertegerüst klingt so sexy wie fleischfarbenes Korsett,
b) Männer, die durch " sexualtechnische Kniffe" ( Kositza) zu erschüttern sind, sind langweilig. Da lob ich mir den Marcel aus den Hirnhunden !
Der hat weder ein Wertegerüst noch steht er auf Sexualtechniken.

4. da Markus Feldenkirchen so langweilig aussieht wie Frederik Kallenberg, d.h. wie ein JU-Ortsvorsitzender der 70er Jahre und Jurastudent,

5. da sich Frederik Kallenberg im Folgeband " Noch mehr Experimente" sicher als schwul outet und dieses Buch dann noch positiver aufgenommen wird.
Um es kurz zu machen:
Wäre das Buch von Philipp Meyer " Der erste Sohn" nicht eher eine Besprechung wert ?

Thomas Wawerka
18. Juli 2014 19:54

Rumpelstilzchen ... tss! Jeder Mann mit einem halbwegs intakten Hormonhaushalt ist durch die "sexualtechnischen Kniffe" einer halbwegs attraktiven Frau zu erschüttern ... oder zumindest zu bewegen. (Obwohl mir das ein bisschen zu technisch klingt ...) Würden Sie wirklich einem Mann trauen, dem eine Frau gefällt und der sie dennoch nicht intuitiv als potenzielle "Beute" anschaut? Ich nicht ...
... was aber nicht heißen soll, das nur triebgesteuerte Schürzenjäger wahre Männer sind: dafür hat man ja seine Vernunft und sein Wertegerüst.
Aber den Männern ihre Triebe vorwerfen: Das ist langweilig!!

Kositza: Insofern hat Rumpelstilzchen (auch mit verweigertem Blick in das besprochene Buch) recht: Der Roman ist (wenn auch gut unterhaltsam) keine 1a-Lektüre, auch deshalb nicht, weil man einem gestandenen Mann mit "stabilem Wertegerüst" natürlich nicht seine Triebe vorwerfen mag, wohl aber den Hang, sich ihnen wehrlos auszuliefern. (Mir war die "Sexszene" in dem Roman ziemlich peinlich.)
Siehe/höre vierte Strophe des schönen Werner Helwig-Lieds "Wo tausend Krieger fielen".

Heinrich Brück
18. Juli 2014 22:57

In diesem Land sind nicht die Linken das Problem, in diesem Land
sind die Konservativen das Problem.
Auch wenn die Natur ihre Macht beweist, aus der liberalistischen
Menschenrechtsglocke kann niemand so richtig entfliehen.
Umerziehung in jeder Generation. Und die Deutschen werden weniger.
Ein Volk ist ein organisch Gewachsenes, im tiefsten Inneren für Fremde
und Außenstehende ein Geheimnis, das Unerklärbare. Dafür gibt es
in der Welt keinen Maßstab.
Unser Dasein ist vergiftet durch diesen Hauch von Pseudofreiheit,
einer Lüge wie sie größer nicht sein könnte. Hier hat der Teufel
absolut gewonnen.
Den Teufel zu bekämpfen ist aber ein Problem, denn dieser Kampf
schafft dem Teufel Raum, findet er doch in der Arena des Teufels
statt. Für Gott zu kämpfen gelingt irgendwie nicht. Warum?
Dagegen ist aber nicht dafür. Eine komplette Falle.
Also bleibt jede Theorie falsch, nur ein Volksdogma in einer
wahrheitsgemäßen Form, hergeleitet aus der Perspektive der Ewigkeit,
ungerechtfertigt durch leere Worte, gerechtfertigt durch unser bloßes
Dasein, könnte den Ausweg bilden, - für den Anfang. Ein Ausweg aus
der Umerziehungsfalle liberalistischer Prägung. Dann wäre aber erst
die Souveränität erreicht, der Liberalismus aber noch nicht besiegt.
Man muß weder den Liberalismus noch den Teufel besiegen, es
reicht schon dafür zu sein, und nicht mehr dagegen. Dagegen ist
der Teufel.
Der Teufel kann nicht herrschen. Die Ideologie des Teufels ist
der Tod.
Das Liberalistische läßt dem Eigentlichen keine Freiheit; die Tragödie
des Teufels, er ist unfrei. Seine Existenz nährt sich vom Tod.
Ein solches Volk wie uns gibt es nur einmal in der Weltgeschichte. Wir
teilen unsere Besonderheit mit niemandem! Diese besondere Seele
konnte durch die Jahrtausende fortgepflanzt werden; keine
Rechtfertigung für unser Dasein.
Dafür zu sein, es hat seine Bedeutung, nämlich die Wundmale
des HERRN anzuerkennen, sie seelisch-geistig zu küssen. Eine leichtere
Entfliehungsmethode aus der Todeszone gibt es unter Umständen
auch, fällt mir nur leider nicht ein.
Durch die Rache der Kinderlosigkeit ist der Liberalismus gescheitert.
Und wer seine Frau betrügt, den Anfangsgrund der Ehe leugnet,
ist ein Schwein.

apollinaris
19. Juli 2014 01:31

Ich sehe es kommen, dass sich nach dem nämlichen Erfolg des von Rumpelstilzchen postulierten Fortsetzungsromans Ziff. 5. "Noch mehr Experimente" Feldenkirchen dazu aufschwingt, den Stoff zur Trilogie abzurunden und einen dritten Teil "Das finale Experiment" anschließt, in dem sich Kallenberg zur Frau umoperieren lässt und so auch seine leichte seelische Behinderung und seine fatale Fontane-Schwärmerei als Symptom einer unterdrückten Geschlechtlichkeit umdeuten lassen.

Ich verstehe ja, dass sich allmählich auch Journalisten des Spiegel angesichts des Niedergangs der Printmedien nach einem ertragreichen Zubrot umsehen, aber müssen wir uns entsprechende Lektüre wirklich antun? Gleichwohl ist der qualifizierte Hinweis auf das literarische Wirken von Spiegel-Hauptstadtbüromitarbeitern durchaus von Interesse.

Thomas Wawerka
19. Juli 2014 13:46

Sie kennen die Geschichte mit der Ehebrecherin und dem ersten Stein?

Rumpelstilzchen
19. Juli 2014 15:07

Ein armer Hirnhund, schwer mit Gott behangen,
Ich bin der Stirn so satt. Oh, ein Gerüste
Von Blütenkolben löste sanft sie ab
und schwellte mit und schauerte und triefte.

Ja, da ist sie , die leidige Wertefrage. Ich sollte mich dem Buch nicht verweigern. Im Vergleich der Protagonisten Frederik Kallenberg und Marcel Martin lässt sich vermutlich der Wert der Treue und Keuschheit wunderbar darstellen.

Gibt es nur die Alternative Wertegerüst ( normative Vorgaben als Last/behangen mit Gott) versus Gerüst von Blütenkolben ( Gesetz des Triebes) ?
Nein.
Die jesuanische Ethik ist keine Sollensethik ( Du sollst nicht ehebrechen) .
Jesus hebt die Gebote zwar nicht auf, aber er erfüllt sie .

Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur ansieht, ihrer zu begehren, der hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.

Mt 5, 27

Es geht hier nicht um Lustfeindlichkeit und krampfhafte Triebunterdrückung, sondern um ein reines Herz. Welches die Frau/den Mann nicht als Objekt
ansieht. Dessen Liebe man glaubt mit Sexualtechniken zu gewinnen, besser zu zerstören.
Marcel Martin in "Hirnhunde" hat ein reines Herz, d.h. Er braucht kein Wertegerüst.
Er ist nicht schwer mit Gott behangen.
Jesus spricht:
" Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht. " Mt 11
Er sagt: Kommt zu mir, die ihr schwere Lasten zu tragen habt.
Und Wertegerüste sind sehr schwere Lasten.
Frederic Kallenberg ist gerade dann auch ein Hirnhund,
wenn sein Hirn ob sexualtechnischer Kniffe aussetzt.
Das ist trist, traurig, peinlich....

Gast
19. Juli 2014 15:21

Einen Mann den die “ sexualtechnische Kniffe“ einer attraktiven Frau nicht ins Wanken bringen, dem würde ich keinen Meter weit trauen. Asket oder Alien, daß eine ist mir so unsympathisch wie das andere.

jokn
19. Juli 2014 23:07

Feldkirchen? Dieser Spiegel-Typ propagiert in Talkshows allen Ernstes den Weg in die sozialistische Steinzeit! Der möchte das Land unter einer Betonplatte aus Gleichschaltung und Totalitarismus begraben und bezeichnet das als Modernität.
Ich spekuliere jetzt mal: sein Protagonist wird sanft von einem antiken konservativen und freiheitlichen Irrweg (eh alles lächerlich und bigott) hinfortbegleitet - hinüber zur erlösenden (u. angenehm sedierenden) grünsozialistischen Gesinnung.
Das ganze mittels einer gar nicht so plumpen sondern subtilen und fast schmerzfreien Lobotomie für Held und Leser.

Thomas Wawerka
21. Juli 2014 15:04

Mir war die „Sexszene“ in dem Roman ziemlich peinlich.

Ich frage mich zuweilen, ob dieser "unbedingte Wille zum Blick unter die Bettdecke" nicht auch ein Resultat der Aufklärung ist. Resultat eines Wissenwollens, das nichts als verdeckt, verschleiert, verschlossen gelten lassen kann ... vielmehr muss in jedes Geheimnis eingedrungen werden, alles dem Licht der Öffentlichkeit ausgesetzt werden. - Wenn dieser Zusammenhang stimmt, wäre bereits die Aufklärung eine große Gleichmacherin.
Interessant, wenn auch naheliegend und nicht unbedingt von tieferer Bedeutung, die begriffliche Übereinstimmung zwischen der Aufklärung und dem "Aufklären" des Kindes über die Sexualität.
Ist das "peinliche Berührtsein" angesichts der literarischen oder filmischen Darstellung von Sexualität ein Zeichen für gesunde Intuitionen oder ein Zeichen für Verklemmtheit? - Mir geht das ja durchaus ähnlich (aber ich wurde auch immer für verklemmt gehalten) ... Kindern aber, denen man halbwegs gesunde Intuition unterstellen dürfte, geht es meist ebenso.

Rumpelstilzchen
22. Juli 2014 11:28

Rumpelstilzchen … tss! Jeder Mann mit einem halbwegs intakten Hormonhaushalt ist durch die „sexualtechnischen Kniffe“ einer halbwegs attraktiven Frau zu erschüttern … oder zumindest zu bewegen. (Obwohl mir das ein bisschen zu technisch klingt …) Würden Sie wirklich einem Mann trauen, dem eine Frau gefällt und der sie dennoch nicht intuitiv als potenzielle „Beute“ anschaut? Ich nicht …

Lieber Herr Wawerka,

Wir reden hier doch nicht von unserem etwas schmierigen Lieblingsitaliener.
Sorgen bereiten mir vor allem Bundespräsidenten, die ihr feingeripptes Wertegerüst ablegen und in den "Jargon der Weltoffenheit" ( "der Islam gehört zu Deutschland") verfallen.
Solchen Männern traue ich nicht !!!

Thomas Wawerka
24. Juli 2014 20:41

Liebes Rumpelstilzchen,

ich habe ja auch nicht von irgendeinem "schmierigen Italiener" geredet, sondern im Grunde von mir ... - Aber zurück zur Literatur: Ein anderer Roman, Martels "Schiffbruch mit Tiger", scheint mir der perfekte Globalisierungs-Multikulti-interreligiöse Spiritualitäts-und auch noch überraschendes Ende-Roman zu sein - ein perfektes Spiegelbild, wie sich unsere Zeit gern sehen würde (nicht wie sie ist).

Tobias
2. August 2014 12:24

a) Ich traue dem Spiegel (er begann zusammen mit aktiven Nazis als Reportern) nie.
Beisp.: Mein sozialistischer Geschichtslehrer und Spiegelabonnent hatte einmal selbst unter ihm zu leiden mit dem Vorwurf, er und die anderen Lehrer würden die Noten der reichen Söhne schönen, und habe damit einen Zuschuß des damals rechten Bundeslandes ergaunert. (BW) Ich glaub, er hat damals das Abo gekündigt. Die Revolution frißt ihre eigenen Kinder.

b) Uns hat ein Exeget gezeigt, daß der hl. Isaias (oder war es der hl. Mann Jeremias?) ein Lied aus der Gosse in seinem Text verwendet - und natürlich umdeutet. Es war irgendwie eine Werbung für die Prostituierten. Er "kannte" also dieses Lied. (?!) Gemäß Paulus: Das Gute nehmt, das Schlechte verwerft.

c) Gott wird immer gewinnen, und wir mit, wenn wir unter seiner Fahne kämpfen. Maria hat es vorgemacht.
Es passiert nix ohne sein Wissen und sein Geradebiegen. Bei ihm gibt es kein "Oh mein Gott", "So ein Pech" o.ä. Das muß unser Fundament sein, sonst vergehen wir im Gejammer, Alk o.ä. Er schreibt auf krummen Linien gerade. Mit diesem Wissen können wir einiges lesen, uns schützen vor schmutzigen Gedanken, Lügen ...
Achja, Tapferkeit ist laut dem hl.Thomas v.Aquin und der Weisheit der Antike nicht der gewaltstrotzende Titan (Stalin und Hitlers, beides Sozialisten), sondern der Geduldige, die andere Backe hinhaltende Franziskus, Engelbert Dollfuß, Solchenizyn, Gandhi, Aaron Russo, Daniele Ganser.

Tobias
2. August 2014 12:28

Achja, hat ich vergessen: Der soz. Lehrer wies nach, daß das Gehalt dieser Lehrer seit vielen Jahren nicht erhöht wurde, im Gegensatz zu allen anderen Schulen von BW. Und daß, wäre die Schule pleite gegangen, der Staat ein Ersatz hätte erbauen müssen, was wesentlich teurer gewesen wäre.
Und daß die Reichen keine besseren Noten bekamen, weiß ich aus eigener Anschauung, da sie auch in meiner Klasse waren.

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