Sezession
19. Juli 2014

Flannery O’Connor – Glaube, Gnade und Literatur (Fundstücke 21)

Martin Lichtmesz / 15 Kommentare

Obwohl es in diesem Beitrag nicht primär um ihn gehen soll, zunächst dies: Freunde von Jean Raspail dürfen sich freuen - zur Zeit ist ein von Benedikt Kaiser und mir besorgter Kaplaken-Band mit Interviews und kleineren Aufsätzen in Vorbereitung, der amüsante und inspirierende Einblicke in die Werkstatt des französischen Schriftstellers gewährt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Der 1925 geborene Autor von "Das Heerlager der Heiligen", "Sire" und "Sieben Reiter verließen die Stadt", der Anfang des Monats 89 Jahre alt wurde, ist eine schillernde Figur, "Romancier, Abenteurer, Katholik, Monarchist, Visionär – und vieles andere mehr", wie Joachim Volkmann in einem Autorenportrait für die Sezession schrieb.

Obwohl Raspail Wert darauf legt, in erster Linie ein Erzähler zu sein, sind seine Romane deutlich von einer Haltung durchdrungen, die natürlich auch politische Konsequenzen und Affinitäten in sich birgt. Er versteht, es beißende Satiren mit romantischen Träumen zu verbinden, deren Vergeblichkeit in einer zerfallenden Welt allerdings stets eine gewichtige Rolle spielt. Mehr noch als andere Romanautoren, die ich kenne, verkörpert er geradezu prototypisch das Bild einer "idealen" und ideellen Rechten - so ist auch der "Royalismus" für ihn eher ein geistiges Prinzip als eine reale politische Option.

Wie die Leser dieses Blogs wissen, ist die Pflege der Belletristik ein wichtiges Anliegen der Sezession. Umso erfreulicher ist es, in dieser Hinsicht auch Jean Raspail auf unserer Seite zu wissen. In einem Interview sagte er:

Die französische Zivilisation muß durch die Literatur vermittelt werden. Die Massenmedien können das nicht leisten. Ich glaube in dieser Hinsicht an die Bedeutung des Romans. Abhandlungen zu allen möglichen Themen werden andauernd geschrieben. Kein Politiker, der nicht Tinte pinkelt. Die romanhafte Form aber ist eine Weise, die Dinge weniger didaktisch, dafür umso freier zur Sprache zu bringen. Die Gattung des Romans ist auch zum Zweck der Selbstbildung und der Unterhaltung geschaffen worden. Sie hilft einem auch, über die Dinge zu sprechen, wenn man entmutigt ist.

Die Kunst des Erzählers besteht darin, eine Stück Wirklichkeit und eine Haltung gegenüber dieser Wirklichkeit zum Ausdruck zu bringen, ohne "didaktisch" zu sein. Ob in der Literatur, im Film oder der Malerei: nichts verstimmt so sehr, als wenn die "Absichten" des Autors allzu deutlich sichtbar werden; nichts macht mehr Freude, als wenn er durch die Kraft seiner Darstellung zu überzeugen weiß, wenn er den Leser sehen oder auch fühlen läßt, was er sieht und fühlt, auf seine eigene und unverwechselbare Weise. Dabei zählt gewiß vor allem der "ästhetische Treffer", wie Michael Klonovsky zu sagen pflegt, und nicht die "Gesinnung" des Autors, obwohl diese zweifellos immer eine gewisse Rolle bei der Entstehung wie der individuellen Rezeption eines Werkes spielt.

Entscheidend ist jedoch, daß der Künstler aus tieferen Quellen als seinen bewußten Überzeugungen, Gesinnungen, Absichten schöpft. In einem anderen Interview betonte Raspail, daß es nicht seine Art sei, über seine Kunst und seine Motive allzuviel nachzudenken:

Es ist sehr schwer für mich, diese Fragen zu beantworten, weil sie mich zwingen, etwas zu systematisieren, das dafür nicht geschaffen ist, weil es aus dem Bereich des Traumes und der inneren Eingebungen stammt, oder, um ein großes Wort zu heranzuziehen: aus dem Bereich der Seele. Ich bin überzeugt, daß man als menschliches Wesen durch seine Seele Anteil am Göttlichen hat. Meine Bücher drehen sich oft darum, aber wenn man mich darum bittet, dies näher zu erläutern, verschließe ich mich unbewußt, und ich verliere den Klarblick, beginne unscharf zu sehen.

Damit komme ich zum eigentlichen Thema dieses Blogeintrags. Die literarische Entdeckung dieses Jahres war für mich die im gleichen Jahr wie Jean Raspail geborene, aber früh verstorbene amerikanische Schriftstellerin Flannery O'Connor (1925-1964). Im "bible belt" des evangelikalen Südens der USA lebend, war sie als gläubige Katholikin ein Unikum, ein In- und Outsider zugleich. Wie sehr ihr Glaube ihre beiden Romane und etwa 30 Kurzgeschichten beeinflußte, zeigte sich der Öffentlichkeit erst mit der postumen Veröffentlichung ihrer Briefe unter dem Titel "The Habit of Being" (Die Gewohnheit des Daseins, 1979).

In ihnen begegnet man einer zähen, hand- und standfesten Persönlichkeit mit ausgeprägter Neigung zum schwarzen Humor, die eine schwere, väterlicherseits geerbte Krankheit heroisch ertrug, zeitlebens unverheiratet und kinderlos blieb und sich neben ihrer literarischen Arbeit der Pfauenzucht widmete.

Eine meiner Lieblingsanekdoten über sie handelt von einer Diskussion über die Bedeutung der Eucharistie während eines Abendessens in kleiner Runde. Als ihre eher säkular ausgerichteten Tischgenossen konzedierten, zumindest die Symbolik der Brot- und Weinwandlung zu respektieren, sagte O'Connor mit einer wegwischenden Geste:

If it's a symbol, to Hell with it.

Wer nun in ihren Erzählungen nach Erbauung sucht, wird nicht nur enttäuscht, sondern womöglich gar abgestoßen werden, und eher das Gefühl haben, anstelle von Trost einen gewaltigen Knüppel auf den Kopf zu bekommen. Ihre short stories voller Gewalt und Grausamkeit sind zum Teil von einer schockierenden Härte, die einem Cormac McCarthy (auch er ein herausragender Vertreter des "Southern Gothic"-Subgenres)  kaum nachsteht. Nach der Lektüre ihrer wohl berüchtigsten Geschichte "A Good Man Is Hard To Find" (dt. "Ein guter Mensch ist schwer zu finden") saß ich nur mehr mit ungläubig herunterhängender Kinnlade da, halb aus meinen Stuhl gekippt.

Als O'Connor in den Fünfziger Jahren erfuhr, daß einige ihrer Geschichten nicht in eine deutsche Ausgabe aufgenommen wurden, aus Sorge, die hiesigen Sensibilitäten zu verletzen, schrieb sie amüsiert (natürlich mit dem eher negativen Deutschland-"Image" der USA im Hinterkopf):

I didn't think I was that vicious.

O'Connors Panorama aus Wanderpredigern, Farmern, Landstreichern, Krüppeln, Tagelöhnern, Betrügern, Mördern, Huren, Schwarzen, deklassierten Weißen und anderem Südstaaten-Personal ist ungeheuer plastisch und lebensecht. Ihre Erzählungen sind dicht und konzentriert, ihr Blick auf die Menschen ist unerbittlich und scharf, ihr Humor beißend und mitunter ziemlich makaber. Sie ist empfindsam, aber nicht "empfindlich", mitfühlend, aber nicht sentimental. Ihr entgeht keine Geste, kein Tonfall, kein Blick. Nach "idealen" Figuren wird man vergeblich suchen; allesamt entstammen sie einer Grauzone zwischen Gut und Böse, meistens aber mit einer Neigung zum Bösen.

Viele ihrer Geschichten steuern auf einen Moment zu, in dem die Figuren gewaltsam aus einer Illusion, Lebenslüge oder anderweitigen Verblendung gerissen werden, wo sie plötzlich Aug' in Auge mit dem Wesentlichen ihres Daseins, in "Furcht und Zittern" vor Heil oder Unheil stehen. O'Connor beschrieb diese Momente als Einbruch der "Gnade", die den Menschen aus der Bahn wirft wie den nach Damaskus reitenden Saulus vom Pferd. Ihre große Kunst besteht darin, daß sie es dem Leser überläßt, dieses Wirken der "Gnade" wahrzunehmen und zu begreifen; sie ist niemals didaktisch, moralisierend oder "predigend".

Vor Jahren stolperte ich über eine Formulierung des anglikanischen Konvertiten T. S. Eliot (auch er ein Südstaatler), der den Katholizismus eine "Philosophie der Desillusionierung" nannte. Ich weiß, daß ich mich hier womöglich allzuweit in den Bereich des Ungefähren begebe, aber diese spezifische Art der Sensibiliät glaube ich bei gewissen katholischen oder katholisch geprägten Künstlern wiederzufinden, so sehr sich auch von einander unterscheiden mögen: bei Georges Bernanos und Robert Bresson, bei Luis Buñuel und Ulrich Seidl.

Es handelt sich vereinfacht gesagt um die Einsicht in die Unvollkommenheit, Tragik, Gebrochenheit, Verwirrung und Blindheit der menschlichen Existenz, religiös gesprochen um ihr Leiden unter der "Erbsünde", wenn man so will, um ein "pessimistisches", mindestens skeptisches Menschen- und Weltbild, das dem Inkommensurablen, Unerklärlichen und Unerkennbaren weiten Raum läßt, und das, wenn es ins rechte Lot gebracht wird, die Grundlage für ein reifes, abgeklärtes Christentum bilden kann, wie es einem auch im Werk von Nicolás Gómez Dávila exemplarisch begegnet.

Ein Christentum, das unsentimental und rauh, ja auf den ersten Blick zynisch wirken kann, dessen inhärente Güte aber auf den zweiten Blick umso inniger erstrahlt.  Obwohl das Urteil über die Welt und die Menschen streng und unbestechlich bleibt, zeichnet diese Art von Christen eine gewisse Gelassenheit und Ausdauer aus, ja ein Amüsement über eine Welt, die als vergänglich und sub specie aeternitatis nebensächlich erkannt wird. Ich sehe hierin eine ganz grundsätzliche "konservative" Haltung, die es dem Menschen erlaubt, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist, ohne zu verzweifeln. Sie macht auch immun gegenüber Utopien aller Art.

Auch Flannery O'Connor gehörte zu dieser Sorte von "desillusionierten" Katholiken. Im folgenden also einige - wie ich meine: faszinierende - Betrachtungen O'Connors über Glauben und Kunst und das Schicksal, ein unzeitgemäßer Beobachter einer Welt zu sein, die im Sumpf ihrer eigenen Verdorbenheit zugrundegeht, ohne es bemerken.

catholics

Flannery O'Connor: Über Glaube, Gnade und Literatur

Der christliche Glaube schärft das Auge für das Groteske, das Perverse, das Unakzeptable

In den größten Werken der Literatur verbindet sich das moralische Empfinden des Autors mit seinem Sinn für das Dramatische. Das kann nur gelingen, wenn sein moralisches Urteil zum entscheidenden Bestandteil seiner Wahrnehmung wird, und er sich seiner frei bedienen kann. Manche behaupten, daß der Glaube an das christliche Dogma ein Hindernis für den Schriftsteller sei, aber soweit es mich betrifft, könnte nichts weniger wahr sein. In Wirklichkeit erlaubt der Glaube dem Geschichtenerzähler, genau hinzusehen. Er ist kein Regelwerk, das ihm vorschreibt, was er in der Welt sehen soll. Wenn er sein Werk beeinflußt, dann vor allem insofern, als er stets seinen Respekt vor dem Geheimnis bewahrt...

Mein Eindruck ist, daß Schriftsteller, die die Dinge im Lichte des christlichen Glaubens sehen, heutzutage das schärfste Auge für das Groteske, das Perverse und das Unakzeptable haben. Zuweilen mögen diese Autoren von einem unbewußten Manichäismus infiziert sein und unter der vieldiskuierten Unterscheidung zwischen Vernunft und Glauben leiden, aber ich denke, daß der Hauptgrund ihrer erhöhten Aufmerksamkeit für das Perverse eher die Diskrepanz zwischen ihrem Glauben und dem Glauben ihres Publikums ist.  Die Frage nach dem Seelenheil ist irrelevant, wenn es für das Leben, das wir führen, keinen Grund gibt - und in den letzten Jahrhunderten war der säkulare Glaube vorherrschend, daß einen solchen Grund nicht gibt.

Der Romancier mit christlichem Hintergrund wird im modernen Leben viele Dinge finden, die ihn abstoßen, und sein Problem besteht darin, das Abstoßende einem Publikum zu vermitteln, das diese Dinge für natürlich und normal hält. Dabei muß er mitunter zu äußerst drastischen Mitteln greifen, um seine Sicht gegen allen Widerstand durchzusetzen.

Wenn man davon ausgehen kann, daß das Publikum die gleichen Ansichten hat wie man selbst, dann kann man sich ein wenig entspannen und in einem konventionelleren Tonfall sprechen. Wenn das aber nicht so ist, dann muß man seine Sicht der Dinge mithilfe eines Schocks verdeutlichen - man muß schreien für die Schwerhörigen und große und aufrüttelnde Bilder für die beinah Blinden zeichnen.

Der Hl. Kyrill vom Jerusalem schrieb: "Der Drache sitzt am Straßenrand und beobachtet die Vorübergehenden. Paßt auf, daß er euch nicht verschlingt. Wir sind unterwegs zum Vater der Seelen, aber wir müssen an dem Drachen vorbeigehen".  Egal,welche Form dieser Drache annimmt: jede Geschichte, die in die Tiefe geht, wird von diesem geheimnisvollen Weg an ihm vorbei oder in seinen Rachen erzählen. Daher erfordert es erheblichen Mut, in jedem Land und zu jeder Zeit, die Ohren nicht vor dem Geschichtenerzähler zu verschließen.

Zwei Teufel

Es gibt einen Unterschied zwischen unseren beiden Teufeln. Mein Teufel hat einen Namen, eine Geschichte und einen genauen Plan. Sein Name ist Luzifer, und sein Ziel ist die Zerstörung des göttlichen Planes. Mir scheint, daß Ihr Teufel Gott ebenbürtig und nicht sein Geschöpf ist, daß der Stolz ihm Tugend und nicht Sünde bedeutet; und daß sein Ziel nicht die Zerstörung des göttlichen Planes ist, weil es diesen seiner Meinung nach gar nicht gibt. Mein Teufel ist objektiv, Ihrer ist subjektiv. Sie behaupten, daß man "böse" genannt wird, wenn man die Herde verläßt. Ich sage, daß das ganz und gar davon abhängt, was die Herde tut.

Wenn die Herde im Recht ist, tut derjenige, der sie verläßt, Böses. Wenn die Herde im Unrecht ist, dann tut derjenige, der sie verläßt, das Richtige. Wenn ich recht verstehe, dann haben Sie das Wort "böse" in Anführungsstriche gesetzt, weil sie glauben, daß es ein relativer Begriff ist. Das bedeutet aber, daß Sie mit den Augen der Herde urteilen.

Der Süden gegen den Liberalismus

Die Vorstellung,  man könne den Menschen vervollkommnen, geht auf die Aufklärung des 18. Jahrhunderts zurück. Genau diesem Gedanken hat sich der Süden (der USA) immer entgegengestellt. "Wie tief wir gefallen sind" meint den Fall Adams, den Verlust der Unschuld, der heiligenden Gnade. Im Süden glaubt man immer noch, daß der Mensch ein gefallenes Geschöpf ist und nur Gottes Gnade ihn vervollkommnen kann, nicht aber seine eigene, alleinige Anstrengung. Der Liberale glaubt, daß der Mensch niemals gefallen, niemals schuldig geworden ist, und daß er sich selbst aus eigener Kraft vervollkommnen kann. Darum ist das Böse nur eine Frage eines besseren Wohnungs- und Gesundheitswesens, der Hygiene usw. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Der Mensch kann nicht verurteilt werden, weil er ja keine Verantwortung trägt. Natürlich gibt es hier verschiedene Grade, mit denen diese Auffassung vertreten wird, aber im Kern ist das die Marschrichtung der Modernen...

Die Erfassung der Wirklichkeit

Der Hl. Augustinus schrieb, daß Gott die Dinge auf zweifache Weise in die Welt gelangen läßt: geistig in das Bewußtsein der Engel und physisch in die materielle Welt. Wer daran glaubt - wie es in der westlichen Welt noch vor ein paar Jahrhunderten üblich war -, glaubt auch, daß die physische, sinnliche Welt gut ist, weil sie aus einer göttlichen Quelle stammt. Der Künstler weiß das instinktiv; seine Sinne, die auf das Konkrete gerichtet sind, sagen es ihm. Wenn Joseph Conrad sagt, daß es sein Ziel als Künstler sei, dem sichtbaren Universum die größtmögliche Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, dann spricht er mit dem tiefsten Instinkt des Romanschriftstellers. Der Künstler durchdringt die konkrete Welt, um in ihrer Tiefe das Bild ihrer Quelle zu finden, das Bild der ultimativen Wirklichkeit. Das vernebelt keineswegs seinen Blick für das Böse, sondern schärft ihn vielmehr, denn nur dann, wenn man die natürliche Welt als gut erkennt, wird das Böse als zerstörerische Macht und als notwendige Folge unserer Freiheit erkennbar.

In den letzten Jahrhunderten haben wir in einer Welt gelebt, die zunehmend davon überzeugt war, daß die Erfassung der Wirklichkeit nahe an ihrer Oberfläche ihr Ende findet, daß es keine letztgültige göttliche Quelle gibt, daß die Dinge der Welt nicht in zwiefacher Weise von Gott oder sonstwoher stammen. Seit etwa zwei Jahrhunderten hat sich jede Generation mehr und mehr der Ansicht genähert, daß die menschliche Vernunft die Geheimnisse des Lebens erklären kann. Viele moderne Schriftsteller haben sich eher für subjektive Bewußtseinsprozesse als für die objektive Welt außerhalb ihres Geistes interessiert. In der Belletristik des 20. Jahrhunderts kollidiert zunehmends eine sinnlose, absurde Welt mit dem geheiligten Bewußtsein eines Autors oder einer seiner Figuren; die Autoren oder ihre Figuren sind selten daran interessiert, eine Welt zu ergründen, in der sich das Heilige spiegelt.

Die maximale Ernsthaftigkeit ist die Bedingung für die maximale Komik

Jedes Drama basiert auf der Erbsünde, egal ob der Autor in theologischen Begriffen denkt oder nicht. Jede Figur in einem ernstzunehmenden Roman hat eine Bedeutung, die über sie hinausweist. Der Romanschriftsteller schreibt nicht über Menschen in einem Vakuum; er schreibt über Menschen, die in einer Welt leben, in der offensichtlich etwas fehlt, die uns das allgemeine Geheimnis der Unvollkommenheit wie auch die besondere Tragödie unserer Zeit aufzeigt. Der Romanschriftsteller versucht, uns in Form eines Buches eine totale Erfahrung der menschlichen Natur zu vermitteln, wie sie zu allen Zeiten gültig ist.

Aus diesem Grund drehen sich die größten Dramen natürlicherweise um das Heil oder um den Verlust der Seele. Wo es keinen Glauben an die Seele gibt, dort gibt es auch nur wenig Drama. Der christliche Romancier unterscheidet sich von seinen heidnischen Kollegen dadurch, daß er an die Wirklichkeit der Sünde glaubt. Gemäß der Überlieferung, der er anhängt, hält er sie nicht für eine Krankheit oder ein Zufallsprodukt der Umstände, sondern für eine bewußte Entscheidung gegen Gott, die seine Zukunft in der Ewigkeit beeinflußt. Man nimmt das Heil der Seele entweder ernst oder nicht.

Man sollte auch begreifen, wie sehr die maximale Ernsthaftigkeit Bedingung für die maximale Komik ist. Nur dann, wenn wir fest in  unseren Überzeugungen verwurzelt sind, können wir auch die komische Seite des Universums sehen. Ein Grund für die Humorlosigkeit unserer zeitgenössischen Belletristik liegt darin, daß ihre Autoren Relativisten sind, und daher ständig die Taten ihrer Figuren entlang einer ständig wechselnden Werteskala rechtfertigen müssen.

Große religiöse Belletristik

Ich glaube nicht, daß es große religiöse Belletristik geben kann, ehe wir nicht wieder zu der glücklichen Symbiose eines gläubigen Künstlers mit einer gläubigen Gesellschaft zurückfinden. Bis dahin bleibt dem Romanschriftsteller nichts anderes übrig, als mit der Welt zu ringen, so gut er kann. Am Ende wird er zwar nicht das Bild im Herzen der Dinge dargestellt haben, aber unseren gebrochenen Zustand, und dadurch das Gesicht des Teufels, der von uns Besitz ergriffen hat. Das ist zwar eine vergleichsweise bescheidene Leistung, aber vielleicht eine notwendige.

Wäre ich nicht Katholikin

Wäre ich nicht Katholikin, ich hätte keinen Grund zu schreiben, keinen Grund, zu sehen, keinen Grund, entsetzt zu sein, ja nicht einmal, mich an etwas zu erfreuen.

Gnade

Aus katholischer Sicht kann sich die Gnade des Unvollkommenen, rein Menschlichen und sogar Heuchlerischen bedienen, um zu wirken. Sich von der Gnade abzuschneiden, setzt eine entschiedene Wahl voraus, einen Akt des Willens, der die Seele in ihrem tiefsten Grund berührt... Die Gleichsetzung der Gnade mit Heilung unterschlägt die Tatsache, daß sie verwundet, bevor sie heilt, mit jenem Schwert, das Christus zu bringen ankündigte.

Warum ich soviel Gewalt verwende

Unser Zeitalter hat ein schwaches Auge für die feinen, kaum wahrnehmbaren Wirkungen der Gnade, es hat keinen Sinn mehr für die Natur der Gewaltsamkeiten, die ihnen vorausgehen und ihnen folgen. Baudelaire sagte, daß der größte Trick des Teufels darin besteht, uns glauben zu machen, daß es ihn nicht gibt.

Es gibt je nach Autor gewiß unterschiedliche Gründe für das Ausmaß der Darstellung von Gewalt in der modernen Belletristik, aber soweit es meine eigenen Erzählungen betrifft, so schien mir die Gewalt immer als ein Mittel, das auf eigentümliche Weise imstande ist, meine Charaktere in die Wirklichkeit zurückzuholen und sie für die Gnade empfänglich zu machen. Ihre Köpfe sind derart verhärtet, daß nichts anderes mehr fruchtet. Die Vorstellung, daß unsere Rückkehr in die Wirklichkeit einen hohen Preis erfordert, wird von dem gewöhnlichen Leser kaum begriffen, aber sie gründet in der christlichen Sicht auf die Welt.

Die Welt der modernen Belletristik

Kennzeichnend für die Welt, die in der modernen Belletristik dargestellt wird, ist die fast völlige Verneinung der Realität eines Glaubens an Christus... Die schöne Literatur mag implizit den Glauben behandeln, aber explizit handelt sie nur vom Glauben einer oder mehrerer Personen.  Was eindeutig zum Ausdruck kommen muß, ist die implizite Haltung des Autors, und daher ist es die Aufgabe des (christlichen) Schriftstellers, die Göttlichkeit Christi mit der Struktur der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Das muß implizit spürbar sein, trotz einer Welt, die das nicht fühlt, trotz der Charaktere, die dies nicht erkennen können.

Books

Quelle: payattentiontothesky.com


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (15)

Martin
19. Juli 2014 12:24

Wenn man sich die Preise für die wenigen deutschen Ausgaben der Autorin anschaut, die es auch nur noch antiquarisch zu geben scheint, dann sieht man schnell, dass sie wohl nach wie vor gefragt ist, denn die Preise sind hoch ...

Trost für alle, die des Englischen mächtig genug sind, auch einmal einen englischsprachigen Roman lesen zu können ist, dass die englischen Ausgaben leichter und preiswerter erhältlich sind (OMG - Amazon!). Ich werde die Autorin auf meine Lektüreliste setzen und bedanke mich sehr für die Vorstellung dieser Autorin hier, die mir bislang unbekannt war. Mein Interesse ist geweckt und ich werde mir einen Band mit Erzählungen organisieren.

Ein Fremder aus Elea
19. Juli 2014 20:34

Alle Menschen reifen, selbst die Katholiken.

Ein Fremder aus Elea
19. Juli 2014 20:41

Ob auch nur irgendjemand wirklich versucht, den göttlichen Plan zu durchkreuzen? Also irgendjemand mit einer menschenähnlichen Psyche, sonst kann man ja nichts sagen.

Ich halte das nämlich für recht paradox. Einerseits müßte so jemand der Ansicht sein, daß es ein allmächtiges, allwissendes Wesen gibt, welches alles, und insbesondere auch ihn selbst, erschaffen hat, und zwar zu einem bestimmten Zweck in seinem Plan, und andererseits müßte so jemand der Ansicht sein, daß es ihm unter diesen Voraussetzungen gelingen kann, diesen Plan zu durchkreuzen.

Je irrer die Bösewichter sind, desto besser, nicht wahr? Macht es schwieriger, sich mit ihnen zu identifizieren, gibt einem die Gewißheit, sie zu besiegen und läßt im direkten Vergleich jede Tat, welche man selbst verübt, sinnvoll und gut erscheinen.

Ich schätze, die häufigste Quelle der Bosheit ist die innere Notwendigkeit, etwas, das schlecht ist, aber gegen das man nichts tun kann oder will, nachträglich durch die eigenen Taten akzeptabel erscheinen zu lassen.

Ein Fremder aus Elea
19. Juli 2014 20:46

Alles, was man für diese Art der Bosheit braucht, ist a) die Angewohnheit des Menschen, Fehler zu begehen, und b) die Angewohnheit des Menschen, auf kurze Sicht zu navigieren.

Das kann man sogar mathematisch ausdrücken.
a) der rechte Weg ist nicht stabil und der Mensch wählt seine Schritte "gestört".
b) der Mensch sucht (oftmals) lokale Optima.

Es ist also ganz das Gegenteil der vorsätzlichen Durchkreuzung von Gottes Plan. Einen allwissenden Gott vorausgesetzt, sieht es so aus, als ob es zu seinem Plan gehört, möglichst viele Menschen auf Berggraden durch Böen in den Abgrund zu stürzen. Aber wär auch schlecht, wenn's anders wäre, nicht? Viel zu langweilig.

Das ist natürlich die Wahrheit. Wir können unser Fundament nicht verleugnen, und das ist die Lust, und der Lust geht es darum, das Unmögliche zu erreichen. Dies einzusehen hat durchaus auch eine gütige Seite neben der desillusionierten. Aber so sieht es der Katholik natürlich nicht. Ich meine, der katholische Priester darf es vielleicht so sehen, aber nicht der Laie. Für den katholischen Laien muß alles Übel der Ungehorsamkeit entspringen.

Inselbauer
20. Juli 2014 00:50

Sehr schöner Beitrag!
Und der Roman als nicht-didaktische Angelegenheit
was für eine grausame Lebenslüge

Rumpelstilzchen
20. Juli 2014 11:23

Warum predigen eigentlich die Pfarrer,
und warum sprechen sie nicht ?

Ernst Meister ( 1911-1979)

Lichtmesz' Beiträge ersetzen zwar keinen Gottesdient, eine Predigt aber allemal. Danke.

Die Entfaltung des Religiösen und Numinosen in Belletristik und Poesie läuft in der Theologie auch unter "narrativer Ethik."
Ich zähle die Hirnhunde" übrigens in diesem Sinne auch zu narrativer Ethik. Ich empfehle das Buch von Paul Konrad Kurz "Gott in der modernen Literatur". Ist zwar schon etwas älter und könnte um einige neuere Werke ergänzt werden.

Was die religiöse Symbolik betrifft (If it' s a symbol, to Hell with it) geht der Agnostiker und Semiotiker Umberto Eco wohl eher den umgekehrten Weg.

Die Begriffe von Gut und Böse bezieht er zwar immer noch aus seiner religiösen, katholischen Erziehung, "verengt" sie aber auf eine "poetische Kraft", die ein christliches Modell universaler Liebe erzählt.
In dem Buch "Woran glaubt, wer nicht glaubt" heißt es nach Eco sinngemäß:
Selbst wenn die Tatsache, dass ein Gott Mensch wurde nur die Erzählung einer gefiederten, zweibeinigen Spezies wäre, würde dies der religiösen Sache keinen Abbruch tun...
Ob das so stimmt? Dies zu klären ist m.E. die größte Herausforderung der christlichen Theologie des 21. Jahrhunderts.

rosenzweig
21. Juli 2014 17:27

Ich bin im letzten Jahr auf Flannery o Connor gestoßen und habe alle ihre mir greifbaren Bücher verschlungen. Aufmerksam wurde ich auf sie durch eine Bemerkung vom Bischof Williamson, die ich hier nicht vorenthalten möchte.
(Ich bin kein Anhänger des Bischofs und auch nicht bei den Pius Brüdern, aber er ist ohne Zweifel ein hoch intelligenter Mensch, dem man in manchen Fragen durchaus zustimmen kann, in anderen eher nicht)

"Bei einem kürzlichen Langstreckenflug führte das im Sitzplatz eingebaute Unterhaltungssystem unter der Rubrik „Klassiker“ einen Film, welchen ich vor ungefähr 50 Jahren zum ersten Mal gesehen hatte. Es ist die im Jahre 1960 gedrehte Verfilmung der Novelle Elmer Gantry des US-amerikanischen Schriftstellers Sinclair Lewis. Zwei Bemerkungen aus Dialogen dieses Films blieben in meinem Gedächtnis haften, weswegen ich mich gut an ihn erinnerte. Die erste Bemerkung stammt von einem alten Mann, welcher eine religiöse Bekehrung mit Betrunkenwerden vergleicht. Die zweite Bemerkung kommt von einer jungen Frau, die darum bettelt, angelogen zu werden. Nun sah ich mir den Film erneut an...

Elmer Gantry ist ein Schwindler aus den 1920er Jahren in den USA, welcher eines Tages dem Charme der Predigerin und „Schwester“ Sarah Falconer verfällt, welche für die protestantische Erweckungsbewegung eine landesweite Zeltmission durchführt. Der Film ist etwas wirr, weil ihm das Gespür für wahre Religion fehlt. Dennoch zeigt er sowohl das wahre Bedürfnis der Menschen nach Religion, als auch die Falschheit der fundamentalistischen protestantischen „Religion“ gut. Dieses wahrhaftige Bedürfnis und seine unechte Befriedigung kommen gemeinsam gut zum Ausdruck, wenn Elmer einem alten Mann, der gerade im Missionszelt putzt, einige Fragen stellt. „Mein Herr“, erwidert er, auf seinen Besen gestützt, „ich wurde schon fünf Mal bekehrt. Von Billy Sunday, von Reverend Biederwolf, von Gypsy Smith und zweimal von Schwester Falconer. Erst werde ich fürchterlich betrunken, und dann werde ich echt gerettet . Beides hat mir jeweils sehr gutgetan – sowohl betrunken als auch gerettet zu werden.“

Diese Bemerkung besitzt gewiß ihre komische Seite. Aber dennoch ist sie angesichts der vielen Seelen tragisch, welche es inzwischen für normal halten, religiöse Bekehrung mit Betrunkenwerden auf dieselbe Stufe zu stellen. Dann übertrifft sozusagen die Überlebenskunst die Erweckungsbewegung, und wir sind weit auf dem Weg zur Lächerlichmachung der Religion überhaupt. Wievielen Seelen muß der Heilige Name „Jesus“ für immer vergällt worden sein durch die Gefühlsduselei solcher fundamentalistischer Erweckungsprediger. Lesen Sie die Novelle „Wise Blood“ und andere Geschichten von Flannery O’Connor (1925-1964), einer katholischen Schriftstellerin in den USA, die mit ihren Schriften zwar schockiert, aber gewiß nicht wirr ist. Sie schildert, wie sehr der Protestantismus des tiefen Südens der USA den religiösen Instinkt des Menschen zu entstellen vermag. Gott kann Rosen zwar aus der Kanalisation wachsen lassen – aber dennoch richtet die Häresie einen gewaltigen Schaden an."

Waldgänger aus Schwaben
22. Juli 2014 07:58

Vielen Dank für diesen Artikel. Fast hätte er in mir die Lust geweckt mal wieder ein Buch von hinten bis vorne zu lesen. Aber nur fast.
Ich bin nämlich vom Glauben abgefallen. Nicht vom katholischen, aber vom Glauben, dass Lesen oder Schreiben hier und jetzt etwas verändern könnte.
Wer hier nun einen Widerspruch zu finden glaubt, darf ihn behalten.

M.L.: Warum lesen Sie nicht einfach Bücher um der Bücher willen?

@Rumpelstilzchen

Aufgabe der Theologie ist es heute im Getöse der Zeit m.E vorallem Räume der Stille zu schaffen in denen die Stimme Gottes zu hören ist. Nicht zu verstummen und doch nicht mit zu heulen, zu schreien, zu klappern im Lärm.

Wie dies praktisch gelingen soll, weiß ich auch nicht.
Im Hochgebet während der Wandlung fühle ich am ehsten noch diese Stille.

Thomas Wawerka
22. Juli 2014 10:15

Beeindruckend, Herr Lichtmesz. Der unbedingte Realismus der christlichen Anthropologie ist eigentlich offensichtlich ... warum SIEHT das bloß keiner? (oder doch nur so wenige ...) - Ich versuche das immer wieder in "kleine Münze" zu wechseln ...
Mir ist nur nicht ganz klar geworden, wo das lichtmeszsche "Ich" aufhört und das o'connorsche "Ich" anfängt.

M.L.: Ab Seite 3 spricht nur mehr Flannery O'Connor...

Rumpelstilzchen
22. Juli 2014 10:47

Lieber Waldgänger,

Ich sprach von der Theologie ( der katholischen) als einem wissenschaftlichen Studium. Mit den klassischen Disziplinen wie etwa Dogmatik, Altes und Neues Testament und eben auch Ethik. Und in Ethik befasst man sich u.a. mit normativer Ethik, narrativer Ethik usw.
D.h. Von der Botschaft Jesu auch in moderner Literatur , in der Sprache der Welt zu sprechen. Und nicht nur im Predigerton. Da gibt es eben wunderbare Fundstücke. Und Gott in der modernen Literatur zu finden. Das ist doch wunderbar.
Sie können natürlich auch ganz einfach die Bibel lesen. Gerade auch im alten Testament sind alle Literaturgattungen enthalten:
die Poesie, Weisheitsliteratur, "Abenteuergeschichten " usw.

Da kann man doch nicht so einfach sagen, was "die" Aufgabe der Theologie sein soll. ???

Was die Stille betrifft, die findet man heute außer im Wald etwa auch in einem Schweigekloster. Das ist eine wichtige Erfahrung.
Klösterliche Stille vertreibt die Angst. Im Wald: da sind vielleicht die Räuber.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Die_gro%C3%9Fe_Stille

Waldgänger aus Schwaben
22. Juli 2014 20:28

Liebe(s) Rumpelstilzchen
den Film "Die große Stille" gibt es auch gelegentlich auf youtube in voller Länge. Ich wollte ihn sogar verlinken - ehrlich, aber zur Zeit ist er nicht dort. Der alte, blinde Mönch ziemlich am Ende - schon recht beieindruckend.

"Stille" meinte ich natürlich konkret und metaphorisch.

Im Wald ist es meistens nicht still, Irgendwo hört man immer eine Straße. Ausser vielleicht nachts um drei.

Damit kann man übrigens leicht zum Mittelpunkt des Interesses werden, auf Parties und so - einfach von den nächtlichen Spaziergängen im Wald erzählen und was man da so alles erlebt.
Einmal kam mir nachts um zwei, bei leichtem Regen und bewölktem Himmel, einer entgegen auf einem einsamen Waldweg. Der Himmel riss auf und wir sahen uns in 20 Meter Entfernung im Mondlicht. Wir bleiben beide stehen, drehten um und gingen zurück. Ich und vermutlich er auch lauschte immer wieder ob ich Schritte hinter mir hörte.
Dann das Auto mit laufendem Motor - aber ohne Schlauch am Auspuff. Ich ging diskret weiter...

Zur Aufgabe der Theologie. Sie schrieben von der Herausforderung - ich machte in Gedanken "die Aufgabe" daraus- sinnetnnehmendes Lesen und so - Entschuldigung.
Ja die Bibel habe ich einmal von vorne und hinten durchgelesen.

Waldgänger aus Schwaben
23. Juli 2014 07:22

Nachtrag:
hier ist "Die große Stille"

Rainer Gebhardt
23. Juli 2014 16:02

Kleiner Nachtrag vom notorischen Zu-Spät-Kommer:

1966 bekam ich von meiner Westtante ein Manesse-Bändchen geschenkt: „Amerikanische Erzähler : Von F. Scott Fitzgerald bis William Goyen.“ Dort auch die erste Lektüre von F. O’Connor: Der Fluß. Mich hatte das damals schwer beeindruckt. Fast alle Erzählungen in diesem Band haben eine religiöse Grundierung. Sogar Hemingways kurze Geschichte „Ein sauberes, gut beleuchtetes Cafe“ – die auf den ersten Blick so belanglos erscheint, und die ich damals zum ersten Mal las, hat einen religiösen Bezug.
Hemingway erfüllte, wie O’Connor sagen würde, das Kriterium des ernsthaften Schriftstellers: es geht ihm immer um das Heil, immer um die Rettung oder den Verlust der Seele. Immer um das Ganze.
Mich faszinierte diese Art, zu erzählen, der Stil, die Direktheit mit der viele amerikanische Autoren ihre Themen angingen. Was mich für Jahre der deutschen Gegenwartsliteratur entfremdete, auch der ostdeutschen. Zu Unrecht, würde ich heute sagen, weil es in der humorlosen, klugscheißerischen und engagierten deutschen Literatur von den 60er Jahren bis heute Ausnahmen gibt. Diese Literatur meinte es so bitter ernst mit den Vätern und Großvätern, weil sie in ihnen die Figuren sahen, die sie widerstandslos abwatschen konnten, an denen sie ihr eigenes beschissenes, kleines Ego aufrichten konnten. Sie meinten es ernst, ja, das schon, aber ernsthaft, das waren die wenigsten von denen, die im Krebsgang an der moralischen Feuerlinie entlang humpelten. Böll? Ja gut, einverstanden, moralsich integer war er; aber irgendwann hatte er ja dann auch diesen neudeutschen Mea-Culpa-Traller, und was Literatur werden sollte, wurde Moral. Grass, die Danziger Trilogie, die war schon gut, aber er als dann ums Verrecken zu den Guten zählen wollte, zu den „besseren Deutschen“, da fing dieses Geseire an, dieses Geschleime im Aufarbeitungsformat.

Ernsthaftigkeit, und da sind wir wieder bei der F. O’Connor, heißt: das Unerbittliche sehen, das, wofür kein Mensch einem Gnade gewähren, wovon kein Mensch Erlösung verheißen kann, heißt, im Falle des Autors über Menschen schreiben, „die in einer Welt leben, in der offensichtlich etwas fehlt“, heißt „das allgemeine Geheimnis der Unvollkommenheit wie auch die besondere Tragödie unserer Zeit“ aufzeigen. Und die Tragödie besteht nicht in den Nazi-Großvätern, sondern in Enkeln, die deren Knochen ausgraben für ihren antideutschen Voodokult. Sie besteht auch nicht sinkenden Reallöhnen oder getürkten CO-2-Zertifakten; auch nicht in unerfüllten Frauenquoten oder abstürzenden Börsenkursen. Sie besteht darin, daß wir glauben frei zu sein - nur weil wir ein paar Prothesen erfunden haben, mit denen wir höher und schneller fliegen können als ein Vogel.

Das Katholische...das kriegt keiner aus einem raus, der im rechten Moment damit in Berührung kam. Zufall – oder weil Gottes Wege unerforschlich sind – eines Tages brachte mir ein Freund die auf Tonband (Marke Tesla) überspielte LP „RELEASE OF ANOTHER OATH“ mit, von den Electric Pruns, einer der bis dahin härtesten amerikanischen Bands. Mit so wunderbaren Songs wie „Holy Are You“, „General Confessional“, „Closing Hymn“, „Our Father, our King“. Insgesamt ein psychodelischer Mix aus christlicher und jüdischer Liturgie, dem Kol Nidre. Ich weiß nicht, warum mir diese Musik so gefiel, sie berührte mich irgendwie, und vielleicht war es diese Musik, die ein Reset jener Erziehung bewirkte, die mir als Kind meine sehr frommen und sehr, sehr katholischen Großeltern in den Sommerferien immer so unermüdlich angedeihen ließen. Zum Ärger meines Vater, der sich nach vielen Irrungen und Wirrungen für die kommunistische und damit säkulare Variante der Erlösung entschieden hatte. „Der Bengel kann doch nüscht vor sein Vater“, sagte mein Großvater immer. Was soviel hieß wie: Der Bengel konnte und mußte gerettet werden. Und wenn’s denn eine Rettung war, dann geschah sie weniger durch Worte, mehr durch das Licht, das durch die Fenster der Kirche des Hl. Damian fiel, mehr durch den Klang der Orgel und mehr durch den Anblick des Gesichts meiner Großmutter, wenn sie betete. Tja, so war das damals, und mit „RELEASE OF ANOTHER OATH“ war ich dann nur noch eine Synapse entfernt von Schuberts DEUTSCH MESSE...

rosenzweig
23. Juli 2014 20:31

Kleiner Tip. TRUE DETECTIVE. Eine Serie. 1. Staffel lief schon irgendwo im deutschen Fernsehen. Ist als DVD demnächst im Handel. Spielt im Süden der USA und fängt diesen Mix aus Glaubensfanatismus, Gewalt und Wahnsinn ein, den Flannery O‘Connor in Worte packte. Bloß mit filmischen Mitteln und noch ein Stückchen weiter die Straße der Zeit runter.

Leo
24. Juli 2014 22:26

Es lohnt sich offenbar, Monat für Monat auf das seit über einem Jahr angekündigte neue Lichtmesz-Buch zu warten... Auch diese Facette ist Teil des Projekts, n'est-ce pas?

Seit Studienzeiten hängt ein Bild von O'Connor nebst Pfau an meiner (jährlich zu füllenden) Lektüreliste. Mit 39 ist sie gestorben - und wusste davon, seit sie schrieb.
Flannery O'Connor ist für Fans der American Short Story des 20. Jahrhunderts keine Unbekannte - aber wer studiert schon Amerikanistik und liest neben Hemingway dann O'Connor?

Mich hat vor zwanzig Jahren beeindruckt, dass es da diese Autorin gab, die inmitten des Bible Belt im Süden der USA ihre BOTSCHAFT so radikal vermittelte. Katholisch im protestantischen DIXIE DOWN - Minderheit unter Verlorenen...

Ich empfand O'Connor als verstörend und gegen den Strich bürstend. Was kann man von Literatur mehr erwarten?!?

Kann nur ein Gott uns retten?
O'Connors Antwort kann man nachlesen.
(Highly recommended!)

M.L.: Vielen Dank für diesen Kommentar. Ich freue mich sehr, daß Flannery O'Connor unter unseren Lesern keine Unbekannte ist...

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