Flannery O’Connor – Glaube, Gnade und Literatur (Fundstücke 21)

Obwohl es in diesem Beitrag nicht primär um ihn gehen soll, zunächst dies: Freunde von Jean Raspail dürfen sich freuen - zur Zeit ist ein von Benedikt Kaiser und mir besorgter Kaplaken-Band mit Interviews und kleineren Aufsätzen in Vorbereitung, der amüsante und inspirierende Einblicke in die Werkstatt des französischen Schriftstellers gewährt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Der 1925 gebo­re­ne Autor von “Das Heer­la­ger der Hei­li­gen”, “Sire” und “Sie­ben Rei­ter ver­lie­ßen die Stadt”, der Anfang des Monats 89 Jah­re alt wur­de, ist eine schil­lern­de Figur, “Roman­cier, Aben­teu­rer, Katho­lik, Mon­ar­chist, Visio­när – und vie­les ande­re mehr”, wie Joa­chim Volk­mann in einem Autoren­por­trait für die Sezes­si­on schrieb.

Obwohl Ras­pail Wert dar­auf legt, in ers­ter Linie ein Erzäh­ler zu sein, sind sei­ne Roma­ne deut­lich von einer Hal­tung durch­drun­gen, die natür­lich auch poli­ti­sche Kon­se­quen­zen und Affi­ni­tä­ten in sich birgt. Er ver­steht, es bei­ßen­de Sati­ren mit roman­ti­schen Träu­men zu ver­bin­den, deren Ver­geb­lich­keit in einer zer­fal­len­den Welt aller­dings stets eine gewich­ti­ge Rol­le spielt. Mehr noch als ande­re Roman­au­toren, die ich ken­ne, ver­kör­pert er gera­de­zu pro­to­ty­pisch das Bild einer “idea­len” und ideel­len Rech­ten – so ist auch der “Roya­lis­mus” für ihn eher ein geis­ti­ges Prin­zip als eine rea­le poli­ti­sche Option.

Wie die Leser die­ses Blogs wis­sen, ist die Pfle­ge der Bel­le­tris­tik ein wich­ti­ges Anlie­gen der Sezes­si­on. Umso erfreu­li­cher ist es, in die­ser Hin­sicht auch Jean Ras­pail auf unse­rer Sei­te zu wis­sen. In einem Inter­view sag­te er:

Die fran­zö­si­sche Zivi­li­sa­ti­on muß durch die Lite­ra­tur ver­mit­telt wer­den. Die Mas­sen­me­di­en kön­nen das nicht leis­ten. Ich glau­be in die­ser Hin­sicht an die Bedeu­tung des Romans. Abhand­lun­gen zu allen mög­li­chen The­men wer­den andau­ernd geschrie­ben. Kein Poli­ti­ker, der nicht Tin­te pin­kelt. Die roman­haf­te Form aber ist eine Wei­se, die Din­ge weni­ger didak­tisch, dafür umso frei­er zur Spra­che zu brin­gen. Die Gat­tung des Romans ist auch zum Zweck der Selbst­bil­dung und der Unter­hal­tung geschaf­fen wor­den. Sie hilft einem auch, über die Din­ge zu spre­chen, wenn man ent­mu­tigt ist.

Die Kunst des Erzäh­lers besteht dar­in, eine Stück Wirk­lich­keit und eine Hal­tung gegen­über die­ser Wirk­lich­keit zum Aus­druck zu brin­gen, ohne “didak­tisch” zu sein. Ob in der Lite­ra­tur, im Film oder der Male­rei: nichts ver­stimmt so sehr, als wenn die “Absich­ten” des Autors all­zu deut­lich sicht­bar wer­den; nichts macht mehr Freu­de, als wenn er durch die Kraft sei­ner Dar­stel­lung zu über­zeu­gen weiß, wenn er den Leser sehen oder auch füh­len läßt, was er sieht und fühlt, auf sei­ne eige­ne und unver­wech­sel­ba­re Wei­se. Dabei zählt gewiß vor allem der “ästhe­ti­sche Tref­fer”, wie Micha­el Klo­n­ovs­ky zu sagen pflegt, und nicht die “Gesin­nung” des Autors, obwohl die­se zwei­fel­los immer eine gewis­se Rol­le bei der Ent­ste­hung wie der indi­vi­du­el­len Rezep­ti­on eines Wer­kes spielt.

Ent­schei­dend ist jedoch, daß der Künst­ler aus tie­fe­ren Quel­len als sei­nen bewuß­ten Über­zeu­gun­gen, Gesin­nun­gen, Absich­ten schöpft. In einem ande­ren Inter­view beton­te Ras­pail, daß es nicht sei­ne Art sei, über sei­ne Kunst und sei­ne Moti­ve all­zu­viel nachzudenken:

Es ist sehr schwer für mich, die­se Fra­gen zu beant­wor­ten, weil sie mich zwin­gen, etwas zu sys­te­ma­ti­sie­ren, das dafür nicht geschaf­fen ist, weil es aus dem Bereich des Trau­mes und der inne­ren Ein­ge­bun­gen stammt, oder, um ein gro­ßes Wort zu her­an­zu­zie­hen: aus dem Bereich der See­le. Ich bin über­zeugt, daß man als mensch­li­ches Wesen durch sei­ne See­le Anteil am Gött­li­chen hat. Mei­ne Bücher dre­hen sich oft dar­um, aber wenn man mich dar­um bit­tet, dies näher zu erläu­tern, ver­schlie­ße ich mich unbe­wußt, und ich ver­lie­re den Klar­blick, begin­ne unscharf zu sehen.

Damit kom­me ich zum eigent­li­chen The­ma die­ses Blog­ein­trags. Die lite­ra­ri­sche Ent­de­ckung die­ses Jah­res war für mich die im glei­chen Jahr wie Jean Ras­pail gebo­re­ne, aber früh ver­stor­be­ne ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­le­rin Flan­ne­ry O’Con­nor (1925–1964). Im “bible belt” des evan­ge­li­ka­len Südens der USA lebend, war sie als gläu­bi­ge Katho­li­kin ein Uni­kum, ein In- und Out­si­der zugleich. Wie sehr ihr Glau­be ihre bei­den Roma­ne und etwa 30 Kurz­ge­schich­ten beein­fluß­te, zeig­te sich der Öffent­lich­keit erst mit der pos­tu­men Ver­öf­fent­li­chung ihrer Brie­fe unter dem Titel “The Habit of Being” (Die Gewohn­heit des Daseins, 1979).

In ihnen begeg­net man einer zähen, hand- und stand­fes­ten Per­sön­lich­keit mit aus­ge­präg­ter Nei­gung zum schwar­zen Humor, die eine schwe­re, väter­li­cher­seits geerb­te Krank­heit hero­isch ertrug, zeit­le­bens unver­hei­ra­tet und kin­der­los blieb und sich neben ihrer lite­ra­ri­schen Arbeit der Pfau­en­zucht widmete.

Eine mei­ner Lieb­lings­an­ek­do­ten über sie han­delt von einer Dis­kus­si­on über die Bedeu­tung der Eucha­ris­tie wäh­rend eines Abend­essens in klei­ner Run­de. Als ihre eher säku­lar aus­ge­rich­te­ten Tisch­ge­nos­sen kon­ze­dier­ten, zumin­dest die Sym­bo­lik der Brot- und Wein­wand­lung zu respek­tie­ren, sag­te O’Con­nor mit einer weg­wi­schen­den Geste:

If it’s a sym­bol, to Hell with it.

Wer nun in ihren Erzäh­lun­gen nach Erbau­ung sucht, wird nicht nur ent­täuscht, son­dern womög­lich gar abge­sto­ßen wer­den, und eher das Gefühl haben, anstel­le von Trost einen gewal­ti­gen Knüp­pel auf den Kopf zu bekom­men. Ihre short sto­ries vol­ler Gewalt und Grau­sam­keit sind zum Teil von einer scho­ckie­ren­den Här­te, die einem Cor­mac McCar­thy (auch er ein her­aus­ra­gen­der Ver­tre­ter des “Sou­thern Gothic”-Sub­gen­res)  kaum nach­steht. Nach der Lek­tü­re ihrer wohl berüch­tigs­ten Geschich­te “A Good Man Is Hard To Find” (dt. “Ein guter Mensch ist schwer zu fin­den”) saß ich nur mehr mit ungläu­big her­un­ter­hän­gen­der Kinn­la­de da, halb aus mei­nen Stuhl gekippt.

Als O’Con­nor in den Fünf­zi­ger Jah­ren erfuhr, daß eini­ge ihrer Geschich­ten nicht in eine deut­sche Aus­ga­be auf­ge­nom­men wur­den, aus Sor­ge, die hie­si­gen Sen­si­bi­li­tä­ten zu ver­let­zen, schrieb sie amü­siert (natür­lich mit dem eher nega­ti­ven Deutschland-“Image” der USA im Hinterkopf):

I did­n’t think I was that vicious.

O’Con­nors Pan­ora­ma aus Wan­der­pre­di­gern, Far­mern, Land­strei­chern, Krüp­peln, Tage­löh­nern, Betrü­gern, Mör­dern, Huren, Schwar­zen, deklas­sier­ten Wei­ßen und ande­rem Süd­staa­ten-Per­so­nal ist unge­heu­er plas­tisch und lebens­echt. Ihre Erzäh­lun­gen sind dicht und kon­zen­triert, ihr Blick auf die Men­schen ist uner­bitt­lich und scharf, ihr Humor bei­ßend und mit­un­ter ziem­lich maka­ber. Sie ist emp­find­sam, aber nicht “emp­find­lich”, mit­füh­lend, aber nicht sen­ti­men­tal. Ihr ent­geht kei­ne Ges­te, kein Ton­fall, kein Blick. Nach “idea­len” Figu­ren wird man ver­geb­lich suchen; alle­samt ent­stam­men sie einer Grau­zo­ne zwi­schen Gut und Böse, meis­tens aber mit einer Nei­gung zum Bösen.

Vie­le ihrer Geschich­ten steu­ern auf einen Moment zu, in dem die Figu­ren gewalt­sam aus einer Illu­si­on, Lebens­lü­ge oder ander­wei­ti­gen Ver­blen­dung geris­sen wer­den, wo sie plötz­lich Aug’ in Auge mit dem Wesent­li­chen ihres Daseins, in “Furcht und Zit­tern” vor Heil oder Unheil ste­hen. O’Con­nor beschrieb die­se Momen­te als Ein­bruch der “Gna­de”, die den Men­schen aus der Bahn wirft wie den nach Damas­kus rei­ten­den Sau­lus vom Pferd. Ihre gro­ße Kunst besteht dar­in, daß sie es dem Leser über­läßt, die­ses Wir­ken der “Gna­de” wahr­zu­neh­men und zu begrei­fen; sie ist nie­mals didak­tisch, mora­li­sie­rend oder “pre­di­gend”.

Vor Jah­ren stol­per­te ich über eine For­mu­lie­rung des angli­ka­ni­schen Kon­ver­ti­ten T. S. Eli­ot (auch er ein Süd­staat­ler), der den Katho­li­zis­mus eine “Phi­lo­so­phie der Des­il­lu­sio­nie­rung” nann­te. Ich weiß, daß ich mich hier womög­lich all­zu­weit in den Bereich des Unge­fäh­ren bege­be, aber die­se spe­zi­fi­sche Art der Sen­si­bi­li­ät glau­be ich bei gewis­sen katho­li­schen oder katho­lisch gepräg­ten Künst­lern wie­der­zu­fin­den, so sehr sich auch von ein­an­der unter­schei­den mögen: bei Geor­ges Bernanos und Robert Bres­son, bei Luis Buñu­el und Ulrich Seidl.

Es han­delt sich ver­ein­facht gesagt um die Ein­sicht in die Unvoll­kom­men­heit, Tra­gik, Gebro­chen­heit, Ver­wir­rung und Blind­heit der mensch­li­chen Exis­tenz, reli­gi­ös gespro­chen um ihr Lei­den unter der “Erb­sün­de”, wenn man so will, um ein “pes­si­mis­ti­sches”, min­des­tens skep­ti­sches Men­schen- und Welt­bild, das dem Inkom­men­sura­blen, Uner­klär­li­chen und Uner­kenn­ba­ren wei­ten Raum läßt, und das, wenn es ins rech­te Lot gebracht wird, die Grund­la­ge für ein rei­fes, abge­klär­tes Chris­ten­tum bil­den kann, wie es einem auch im Werk von Nicolás Gómez Dávi­la exem­pla­risch begegnet.

Ein Chris­ten­tum, das unsen­ti­men­tal und rauh, ja auf den ers­ten Blick zynisch wir­ken kann, des­sen inhä­ren­te Güte aber auf den zwei­ten Blick umso inni­ger erstrahlt.  Obwohl das Urteil über die Welt und die Men­schen streng und unbe­stech­lich bleibt, zeich­net die­se Art von Chris­ten eine gewis­se Gelas­sen­heit und Aus­dau­er aus, ja ein Amü­se­ment über eine Welt, die als ver­gäng­lich und sub spe­cie aeter­ni­ta­tis neben­säch­lich erkannt wird. Ich sehe hier­in eine ganz grund­sätz­li­che “kon­ser­va­ti­ve” Hal­tung, die es dem Men­schen erlaubt, die Wirk­lich­keit zu sehen, wie sie ist, ohne zu ver­zwei­feln. Sie macht auch immun gegen­über Uto­pien aller Art.

Auch Flan­ne­ry O’Con­nor gehör­te zu die­ser Sor­te von “des­il­lu­sio­nier­ten” Katho­li­ken. Im fol­gen­den also eini­ge – wie ich mei­ne: fas­zi­nie­ren­de – Betrach­tun­gen O’Con­nors über Glau­ben und Kunst und das Schick­sal, ein unzeit­ge­mä­ßer Beob­ach­ter einer Welt zu sein, die im Sumpf ihrer eige­nen Ver­dor­ben­heit zugrun­de­geht, ohne es bemerken.

Flan­ne­ry O’Con­nor: Über Glau­be, Gna­de und Literatur

Der christ­li­che Glau­be schärft das Auge für das Gro­tes­ke, das Per­ver­se, das Unakzeptable

In den größ­ten Wer­ken der Lite­ra­tur ver­bin­det sich das mora­li­sche Emp­fin­den des Autors mit sei­nem Sinn für das Dra­ma­ti­sche. Das kann nur gelin­gen, wenn sein mora­li­sches Urteil zum ent­schei­den­den Bestand­teil sei­ner Wahr­neh­mung wird, und er sich sei­ner frei bedie­nen kann. Man­che behaup­ten, daß der Glau­be an das christ­li­che Dog­ma ein Hin­der­nis für den Schrift­stel­ler sei, aber soweit es mich betrifft, könn­te nichts weni­ger wahr sein. In Wirk­lich­keit erlaubt der Glau­be dem Geschich­ten­er­zäh­ler, genau hin­zu­se­hen. Er ist kein Regel­werk, das ihm vor­schreibt, was er in der Welt sehen soll. Wenn er sein Werk beein­flußt, dann vor allem inso­fern, als er stets sei­nen Respekt vor dem Geheim­nis bewahrt…

Mein Ein­druck ist, daß Schrift­stel­ler, die die Din­ge im Lich­te des christ­li­chen Glau­bens sehen, heut­zu­ta­ge das schärfs­te Auge für das Gro­tes­ke, das Per­ver­se und das Unak­zep­ta­ble haben. Zuwei­len mögen die­se Autoren von einem unbe­wuß­ten Manichäis­mus infi­ziert sein und unter der viel­dis­ku­ier­ten Unter­schei­dung zwi­schen Ver­nunft und Glau­ben lei­den, aber ich den­ke, daß der Haupt­grund ihrer erhöh­ten Auf­merk­sam­keit für das Per­ver­se eher die Dis­kre­panz zwi­schen ihrem Glau­ben und dem Glau­ben ihres Publi­kums ist.  Die Fra­ge nach dem See­len­heil ist irrele­vant, wenn es für das Leben, das wir füh­ren, kei­nen Grund gibt – und in den letz­ten Jahr­hun­der­ten war der säku­la­re Glau­be vor­herr­schend, daß einen sol­chen Grund nicht gibt.

Der Roman­cier mit christ­li­chem Hin­ter­grund wird im moder­nen Leben vie­le Din­ge fin­den, die ihn absto­ßen, und sein Pro­blem besteht dar­in, das Absto­ßen­de einem Publi­kum zu ver­mit­teln, das die­se Din­ge für natür­lich und nor­mal hält. Dabei muß er mit­un­ter zu äußerst dras­ti­schen Mit­teln grei­fen, um sei­ne Sicht gegen allen Wider­stand durchzusetzen.

Wenn man davon aus­ge­hen kann, daß das Publi­kum die glei­chen Ansich­ten hat wie man selbst, dann kann man sich ein wenig ent­span­nen und in einem kon­ven­tio­nel­le­ren Ton­fall spre­chen. Wenn das aber nicht so ist, dann muß man sei­ne Sicht der Din­ge mit­hil­fe eines Schocks ver­deut­li­chen – man muß schrei­en für die Schwer­hö­ri­gen und gro­ße und auf­rüt­teln­de Bil­der für die bei­nah Blin­den zeichnen.

Der Hl. Kyrill vom Jeru­sa­lem schrieb: “Der Dra­che sitzt am Stra­ßen­rand und beob­ach­tet die Vor­über­ge­hen­den. Paßt auf, daß er euch nicht ver­schlingt. Wir sind unter­wegs zum Vater der See­len, aber wir müs­sen an dem Dra­chen vor­bei­ge­hen”.  Egal,welche Form die­ser Dra­che annimmt: jede Geschich­te, die in die Tie­fe geht, wird von die­sem geheim­nis­vol­len Weg an ihm vor­bei oder in sei­nen Rachen erzäh­len. Daher erfor­dert es erheb­li­chen Mut, in jedem Land und zu jeder Zeit, die Ohren nicht vor dem Geschich­ten­er­zäh­ler zu verschließen.

Zwei Teu­fel

Es gibt einen Unter­schied zwi­schen unse­ren bei­den Teu­feln. Mein Teu­fel hat einen Namen, eine Geschich­te und einen genau­en Plan. Sein Name ist Luzi­fer, und sein Ziel ist die Zer­stö­rung des gött­li­chen Pla­nes. Mir scheint, daß Ihr Teu­fel Gott eben­bür­tig und nicht sein Geschöpf ist, daß der Stolz ihm Tugend und nicht Sün­de bedeu­tet; und daß sein Ziel nicht die Zer­stö­rung des gött­li­chen Pla­nes ist, weil es die­sen sei­ner Mei­nung nach gar nicht gibt. Mein Teu­fel ist objek­tiv, Ihrer ist sub­jek­tiv. Sie behaup­ten, daß man “böse” genannt wird, wenn man die Her­de ver­läßt. Ich sage, daß das ganz und gar davon abhängt, was die Her­de tut.

Wenn die Her­de im Recht ist, tut der­je­ni­ge, der sie ver­läßt, Böses. Wenn die Her­de im Unrecht ist, dann tut der­je­ni­ge, der sie ver­läßt, das Rich­ti­ge. Wenn ich recht ver­ste­he, dann haben Sie das Wort “böse” in Anfüh­rungs­stri­che gesetzt, weil sie glau­ben, daß es ein rela­ti­ver Begriff ist. Das bedeu­tet aber, daß Sie mit den Augen der Her­de urteilen.

Der Süden gegen den Liberalismus

Die Vor­stel­lung,  man kön­ne den Men­schen ver­voll­komm­nen, geht auf die Auf­klä­rung des 18. Jahr­hun­derts zurück. Genau die­sem Gedan­ken hat sich der Süden (der USA) immer ent­ge­gen­ge­stellt. “Wie tief wir gefal­len sind” meint den Fall Adams, den Ver­lust der Unschuld, der hei­li­gen­den Gna­de. Im Süden glaubt man immer noch, daß der Mensch ein gefal­le­nes Geschöpf ist und nur Got­tes Gna­de ihn ver­voll­komm­nen kann, nicht aber sei­ne eige­ne, allei­ni­ge Anstren­gung. Der Libe­ra­le glaubt, daß der Mensch nie­mals gefal­len, nie­mals schul­dig gewor­den ist, und daß er sich selbst aus eige­ner Kraft ver­voll­komm­nen kann. Dar­um ist das Böse nur eine Fra­ge eines bes­se­ren Woh­nungs- und Gesund­heits­we­sens, der Hygie­ne usw. Es gibt kei­ne Geheim­nis­se mehr. Der Mensch kann nicht ver­ur­teilt wer­den, weil er ja kei­ne Ver­ant­wor­tung trägt. Natür­lich gibt es hier ver­schie­de­ne Gra­de, mit denen die­se Auf­fas­sung ver­tre­ten wird, aber im Kern ist das die Marsch­rich­tung der Modernen…

Die Erfas­sung der Wirklichkeit

Der Hl. Augus­ti­nus schrieb, daß Gott die Din­ge auf zwei­fa­che Wei­se in die Welt gelan­gen läßt: geis­tig in das Bewußt­sein der Engel und phy­sisch in die mate­ri­el­le Welt. Wer dar­an glaubt – wie es in der west­li­chen Welt noch vor ein paar Jahr­hun­der­ten üblich war -, glaubt auch, daß die phy­si­sche, sinn­li­che Welt gut ist, weil sie aus einer gött­li­chen Quel­le stammt. Der Künst­ler weiß das instink­tiv; sei­ne Sin­ne, die auf das Kon­kre­te gerich­tet sind, sagen es ihm. Wenn Joseph Con­rad sagt, daß es sein Ziel als Künst­ler sei, dem sicht­ba­ren Uni­ver­sum die größt­mög­li­che Gerech­tig­keit wider­fah­ren zu las­sen, dann spricht er mit dem tiefs­ten Instinkt des Roman­schrift­stel­lers. Der Künst­ler durch­dringt die kon­kre­te Welt, um in ihrer Tie­fe das Bild ihrer Quel­le zu fin­den, das Bild der ulti­ma­ti­ven Wirk­lich­keit. Das ver­ne­belt kei­nes­wegs sei­nen Blick für das Böse, son­dern schärft ihn viel­mehr, denn nur dann, wenn man die natür­li­che Welt als gut erkennt, wird das Böse als zer­stö­re­ri­sche Macht und als not­wen­di­ge Fol­ge unse­rer Frei­heit erkennbar.

In den letz­ten Jahr­hun­der­ten haben wir in einer Welt gelebt, die zuneh­mend davon über­zeugt war, daß die Erfas­sung der Wirk­lich­keit nahe an ihrer Ober­flä­che ihr Ende fin­det, daß es kei­ne letzt­gül­ti­ge gött­li­che Quel­le gibt, daß die Din­ge der Welt nicht in zwie­fa­cher Wei­se von Gott oder sonst­wo­her stam­men. Seit etwa zwei Jahr­hun­der­ten hat sich jede Genera­ti­on mehr und mehr der Ansicht genä­hert, daß die mensch­li­che Ver­nunft die Geheim­nis­se des Lebens erklä­ren kann. Vie­le moder­ne Schrift­stel­ler haben sich eher für sub­jek­ti­ve Bewußt­s­eins­pro­zes­se als für die objek­ti­ve Welt außer­halb ihres Geis­tes inter­es­siert. In der Bel­le­tris­tik des 20. Jahr­hun­derts kol­li­diert zuneh­mends eine sinn­lo­se, absur­de Welt mit dem gehei­lig­ten Bewußt­sein eines Autors oder einer sei­ner Figu­ren; die Autoren oder ihre Figu­ren sind sel­ten dar­an inter­es­siert, eine Welt zu ergrün­den, in der sich das Hei­li­ge spiegelt.

Die maxi­ma­le Ernst­haf­tig­keit ist die Bedin­gung für die maxi­ma­le Komik

Jedes Dra­ma basiert auf der Erb­sün­de, egal ob der Autor in theo­lo­gi­schen Begrif­fen denkt oder nicht. Jede Figur in einem ernst­zu­neh­men­den Roman hat eine Bedeu­tung, die über sie hin­aus­weist. Der Roman­schrift­stel­ler schreibt nicht über Men­schen in einem Vaku­um; er schreibt über Men­schen, die in einer Welt leben, in der offen­sicht­lich etwas fehlt, die uns das all­ge­mei­ne Geheim­nis der Unvoll­kom­men­heit wie auch die beson­de­re Tra­gö­die unse­rer Zeit auf­zeigt. Der Roman­schrift­stel­ler ver­sucht, uns in Form eines Buches eine tota­le Erfah­rung der mensch­li­chen Natur zu ver­mit­teln, wie sie zu allen Zei­ten gül­tig ist.

Aus die­sem Grund dre­hen sich die größ­ten Dra­men natür­li­cher­wei­se um das Heil oder um den Ver­lust der See­le. Wo es kei­nen Glau­ben an die See­le gibt, dort gibt es auch nur wenig Dra­ma. Der christ­li­che Roman­cier unter­schei­det sich von sei­nen heid­ni­schen Kol­le­gen dadurch, daß er an die Wirk­lich­keit der Sün­de glaubt. Gemäß der Über­lie­fe­rung, der er anhängt, hält er sie nicht für eine Krank­heit oder ein Zufalls­pro­dukt der Umstän­de, son­dern für eine bewuß­te Ent­schei­dung gegen Gott, die sei­ne Zukunft in der Ewig­keit beein­flußt. Man nimmt das Heil der See­le ent­we­der ernst oder nicht.

Man soll­te auch begrei­fen, wie sehr die maxi­ma­le Ernst­haf­tig­keit Bedin­gung für die maxi­ma­le Komik ist. Nur dann, wenn wir fest in  unse­ren Über­zeu­gun­gen ver­wur­zelt sind, kön­nen wir auch die komi­sche Sei­te des Uni­ver­sums sehen. Ein Grund für die Humor­lo­sig­keit unse­rer zeit­ge­nös­si­schen Bel­le­tris­tik liegt dar­in, daß ihre Autoren Rela­ti­vis­ten sind, und daher stän­dig die Taten ihrer Figu­ren ent­lang einer stän­dig wech­seln­den Wer­te­ska­la recht­fer­ti­gen müssen.

Gro­ße reli­giö­se Belletristik

Ich glau­be nicht, daß es gro­ße reli­giö­se Bel­le­tris­tik geben kann, ehe wir nicht wie­der zu der glück­li­chen Sym­bio­se eines gläu­bi­gen Künst­lers mit einer gläu­bi­gen Gesell­schaft zurück­fin­den. Bis dahin bleibt dem Roman­schrift­stel­ler nichts ande­res übrig, als mit der Welt zu rin­gen, so gut er kann. Am Ende wird er zwar nicht das Bild im Her­zen der Din­ge dar­ge­stellt haben, aber unse­ren gebro­che­nen Zustand, und dadurch das Gesicht des Teu­fels, der von uns Besitz ergrif­fen hat. Das ist zwar eine ver­gleichs­wei­se beschei­de­ne Leis­tung, aber viel­leicht eine notwendige.

Wäre ich nicht Katholikin

Wäre ich nicht Katho­li­kin, ich hät­te kei­nen Grund zu schrei­ben, kei­nen Grund, zu sehen, kei­nen Grund, ent­setzt zu sein, ja nicht ein­mal, mich an etwas zu erfreuen.

Gna­de

Aus katho­li­scher Sicht kann sich die Gna­de des Unvoll­kom­me­nen, rein Mensch­li­chen und sogar Heuch­le­ri­schen bedie­nen, um zu wir­ken. Sich von der Gna­de abzu­schnei­den, setzt eine ent­schie­de­ne Wahl vor­aus, einen Akt des Wil­lens, der die See­le in ihrem tiefs­ten Grund berührt… Die Gleich­set­zung der Gna­de mit Hei­lung unter­schlägt die Tat­sa­che, daß sie ver­wun­det, bevor sie heilt, mit jenem Schwert, das Chris­tus zu brin­gen ankündigte.

War­um ich soviel Gewalt verwende

Unser Zeit­al­ter hat ein schwa­ches Auge für die fei­nen, kaum wahr­nehm­ba­ren Wir­kun­gen der Gna­de, es hat kei­nen Sinn mehr für die Natur der Gewalt­sam­kei­ten, die ihnen vor­aus­ge­hen und ihnen fol­gen. Bau­de­lai­re sag­te, daß der größ­te Trick des Teu­fels dar­in besteht, uns glau­ben zu machen, daß es ihn nicht gibt.

Es gibt je nach Autor gewiß unter­schied­li­che Grün­de für das Aus­maß der Dar­stel­lung von Gewalt in der moder­nen Bel­le­tris­tik, aber soweit es mei­ne eige­nen Erzäh­lun­gen betrifft, so schien mir die Gewalt immer als ein Mit­tel, das auf eigen­tüm­li­che Wei­se imstan­de ist, mei­ne Cha­rak­te­re in die Wirk­lich­keit zurück­zu­ho­len und sie für die Gna­de emp­fäng­lich zu machen. Ihre Köp­fe sind der­art ver­här­tet, daß nichts ande­res mehr fruch­tet. Die Vor­stel­lung, daß unse­re Rück­kehr in die Wirk­lich­keit einen hohen Preis erfor­dert, wird von dem gewöhn­li­chen Leser kaum begrif­fen, aber sie grün­det in der christ­li­chen Sicht auf die Welt.

Die Welt der moder­nen Belletristik

Kenn­zeich­nend für die Welt, die in der moder­nen Bel­le­tris­tik dar­ge­stellt wird, ist die fast völ­li­ge Ver­nei­nung der Rea­li­tät eines Glau­bens an Chris­tus… Die schö­ne Lite­ra­tur mag impli­zit den Glau­ben behan­deln, aber expli­zit han­delt sie nur vom Glau­ben einer oder meh­re­rer Per­so­nen.  Was ein­deu­tig zum Aus­druck kom­men muß, ist die impli­zi­te Hal­tung des Autors, und daher ist es die Auf­ga­be des (christ­li­chen) Schrift­stel­lers, die Gött­lich­keit Chris­ti mit der Struk­tur der Wirk­lich­keit in Ein­klang zu brin­gen. Das muß impli­zit spür­bar sein, trotz einer Welt, die das nicht fühlt, trotz der Cha­rak­te­re, die dies nicht erken­nen können.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (15)

Martin

19. Juli 2014 12:24

Wenn man sich die Preise für die wenigen deutschen Ausgaben der Autorin anschaut, die es auch nur noch antiquarisch zu geben scheint, dann sieht man schnell, dass sie wohl nach wie vor gefragt ist, denn die Preise sind hoch ...

Trost für alle, die des Englischen mächtig genug sind, auch einmal einen englischsprachigen Roman lesen zu können ist, dass die englischen Ausgaben leichter und preiswerter erhältlich sind (OMG - Amazon!). Ich werde die Autorin auf meine Lektüreliste setzen und bedanke mich sehr für die Vorstellung dieser Autorin hier, die mir bislang unbekannt war. Mein Interesse ist geweckt und ich werde mir einen Band mit Erzählungen organisieren.

Ein Fremder aus Elea

19. Juli 2014 20:34

Alle Menschen reifen, selbst die Katholiken.

Ein Fremder aus Elea

19. Juli 2014 20:41

Ob auch nur irgendjemand wirklich versucht, den göttlichen Plan zu durchkreuzen? Also irgendjemand mit einer menschenähnlichen Psyche, sonst kann man ja nichts sagen.

Ich halte das nämlich für recht paradox. Einerseits müßte so jemand der Ansicht sein, daß es ein allmächtiges, allwissendes Wesen gibt, welches alles, und insbesondere auch ihn selbst, erschaffen hat, und zwar zu einem bestimmten Zweck in seinem Plan, und andererseits müßte so jemand der Ansicht sein, daß es ihm unter diesen Voraussetzungen gelingen kann, diesen Plan zu durchkreuzen.

Je irrer die Bösewichter sind, desto besser, nicht wahr? Macht es schwieriger, sich mit ihnen zu identifizieren, gibt einem die Gewißheit, sie zu besiegen und läßt im direkten Vergleich jede Tat, welche man selbst verübt, sinnvoll und gut erscheinen.

Ich schätze, die häufigste Quelle der Bosheit ist die innere Notwendigkeit, etwas, das schlecht ist, aber gegen das man nichts tun kann oder will, nachträglich durch die eigenen Taten akzeptabel erscheinen zu lassen.

Ein Fremder aus Elea

19. Juli 2014 20:46

Alles, was man für diese Art der Bosheit braucht, ist a) die Angewohnheit des Menschen, Fehler zu begehen, und b) die Angewohnheit des Menschen, auf kurze Sicht zu navigieren.

Das kann man sogar mathematisch ausdrücken.
a) der rechte Weg ist nicht stabil und der Mensch wählt seine Schritte "gestört".
b) der Mensch sucht (oftmals) lokale Optima.

Es ist also ganz das Gegenteil der vorsätzlichen Durchkreuzung von Gottes Plan. Einen allwissenden Gott vorausgesetzt, sieht es so aus, als ob es zu seinem Plan gehört, möglichst viele Menschen auf Berggraden durch Böen in den Abgrund zu stürzen. Aber wär auch schlecht, wenn's anders wäre, nicht? Viel zu langweilig.

Das ist natürlich die Wahrheit. Wir können unser Fundament nicht verleugnen, und das ist die Lust, und der Lust geht es darum, das Unmögliche zu erreichen. Dies einzusehen hat durchaus auch eine gütige Seite neben der desillusionierten. Aber so sieht es der Katholik natürlich nicht. Ich meine, der katholische Priester darf es vielleicht so sehen, aber nicht der Laie. Für den katholischen Laien muß alles Übel der Ungehorsamkeit entspringen.

Inselbauer

20. Juli 2014 00:50

Sehr schöner Beitrag!
Und der Roman als nicht-didaktische Angelegenheit
was für eine grausame Lebenslüge

Rumpelstilzchen

20. Juli 2014 11:23

Warum predigen eigentlich die Pfarrer,
und warum sprechen sie nicht ?

Ernst Meister ( 1911-1979)

Lichtmesz' Beiträge ersetzen zwar keinen Gottesdient, eine Predigt aber allemal. Danke.

Die Entfaltung des Religiösen und Numinosen in Belletristik und Poesie läuft in der Theologie auch unter "narrativer Ethik."
Ich zähle die Hirnhunde" übrigens in diesem Sinne auch zu narrativer Ethik. Ich empfehle das Buch von Paul Konrad Kurz "Gott in der modernen Literatur". Ist zwar schon etwas älter und könnte um einige neuere Werke ergänzt werden.

Was die religiöse Symbolik betrifft (If it' s a symbol, to Hell with it) geht der Agnostiker und Semiotiker Umberto Eco wohl eher den umgekehrten Weg.

Die Begriffe von Gut und Böse bezieht er zwar immer noch aus seiner religiösen, katholischen Erziehung, "verengt" sie aber auf eine "poetische Kraft", die ein christliches Modell universaler Liebe erzählt.
In dem Buch "Woran glaubt, wer nicht glaubt" heißt es nach Eco sinngemäß:
Selbst wenn die Tatsache, dass ein Gott Mensch wurde nur die Erzählung einer gefiederten, zweibeinigen Spezies wäre, würde dies der religiösen Sache keinen Abbruch tun...
Ob das so stimmt? Dies zu klären ist m.E. die größte Herausforderung der christlichen Theologie des 21. Jahrhunderts.

rosenzweig

21. Juli 2014 17:27

Ich bin im letzten Jahr auf Flannery o Connor gestoßen und habe alle ihre mir greifbaren Bücher verschlungen. Aufmerksam wurde ich auf sie durch eine Bemerkung vom Bischof Williamson, die ich hier nicht vorenthalten möchte.
(Ich bin kein Anhänger des Bischofs und auch nicht bei den Pius Brüdern, aber er ist ohne Zweifel ein hoch intelligenter Mensch, dem man in manchen Fragen durchaus zustimmen kann, in anderen eher nicht)

"Bei einem kürzlichen Langstreckenflug führte das im Sitzplatz eingebaute Unterhaltungssystem unter der Rubrik „Klassiker“ einen Film, welchen ich vor ungefähr 50 Jahren zum ersten Mal gesehen hatte. Es ist die im Jahre 1960 gedrehte Verfilmung der Novelle Elmer Gantry des US-amerikanischen Schriftstellers Sinclair Lewis. Zwei Bemerkungen aus Dialogen dieses Films blieben in meinem Gedächtnis haften, weswegen ich mich gut an ihn erinnerte. Die erste Bemerkung stammt von einem alten Mann, welcher eine religiöse Bekehrung mit Betrunkenwerden vergleicht. Die zweite Bemerkung kommt von einer jungen Frau, die darum bettelt, angelogen zu werden. Nun sah ich mir den Film erneut an...

Elmer Gantry ist ein Schwindler aus den 1920er Jahren in den USA, welcher eines Tages dem Charme der Predigerin und „Schwester“ Sarah Falconer verfällt, welche für die protestantische Erweckungsbewegung eine landesweite Zeltmission durchführt. Der Film ist etwas wirr, weil ihm das Gespür für wahre Religion fehlt. Dennoch zeigt er sowohl das wahre Bedürfnis der Menschen nach Religion, als auch die Falschheit der fundamentalistischen protestantischen „Religion“ gut. Dieses wahrhaftige Bedürfnis und seine unechte Befriedigung kommen gemeinsam gut zum Ausdruck, wenn Elmer einem alten Mann, der gerade im Missionszelt putzt, einige Fragen stellt. „Mein Herr“, erwidert er, auf seinen Besen gestützt, „ich wurde schon fünf Mal bekehrt. Von Billy Sunday, von Reverend Biederwolf, von Gypsy Smith und zweimal von Schwester Falconer. Erst werde ich fürchterlich betrunken, und dann werde ich echt gerettet . Beides hat mir jeweils sehr gutgetan – sowohl betrunken als auch gerettet zu werden.“

Diese Bemerkung besitzt gewiß ihre komische Seite. Aber dennoch ist sie angesichts der vielen Seelen tragisch, welche es inzwischen für normal halten, religiöse Bekehrung mit Betrunkenwerden auf dieselbe Stufe zu stellen. Dann übertrifft sozusagen die Überlebenskunst die Erweckungsbewegung, und wir sind weit auf dem Weg zur Lächerlichmachung der Religion überhaupt. Wievielen Seelen muß der Heilige Name „Jesus“ für immer vergällt worden sein durch die Gefühlsduselei solcher fundamentalistischer Erweckungsprediger. Lesen Sie die Novelle „Wise Blood“ und andere Geschichten von Flannery O’Connor (1925-1964), einer katholischen Schriftstellerin in den USA, die mit ihren Schriften zwar schockiert, aber gewiß nicht wirr ist. Sie schildert, wie sehr der Protestantismus des tiefen Südens der USA den religiösen Instinkt des Menschen zu entstellen vermag. Gott kann Rosen zwar aus der Kanalisation wachsen lassen – aber dennoch richtet die Häresie einen gewaltigen Schaden an."

Waldgänger aus Schwaben

22. Juli 2014 07:58

Vielen Dank für diesen Artikel. Fast hätte er in mir die Lust geweckt mal wieder ein Buch von hinten bis vorne zu lesen. Aber nur fast.
Ich bin nämlich vom Glauben abgefallen. Nicht vom katholischen, aber vom Glauben, dass Lesen oder Schreiben hier und jetzt etwas verändern könnte.
Wer hier nun einen Widerspruch zu finden glaubt, darf ihn behalten.

M.L.: Warum lesen Sie nicht einfach Bücher um der Bücher willen?

@Rumpelstilzchen

Aufgabe der Theologie ist es heute im Getöse der Zeit m.E vorallem Räume der Stille zu schaffen in denen die Stimme Gottes zu hören ist. Nicht zu verstummen und doch nicht mit zu heulen, zu schreien, zu klappern im Lärm.

Wie dies praktisch gelingen soll, weiß ich auch nicht.
Im Hochgebet während der Wandlung fühle ich am ehsten noch diese Stille.

Thomas Wawerka

22. Juli 2014 10:15

Beeindruckend, Herr Lichtmesz. Der unbedingte Realismus der christlichen Anthropologie ist eigentlich offensichtlich ... warum SIEHT das bloß keiner? (oder doch nur so wenige ...) - Ich versuche das immer wieder in "kleine Münze" zu wechseln ...
Mir ist nur nicht ganz klar geworden, wo das lichtmeszsche "Ich" aufhört und das o'connorsche "Ich" anfängt.

M.L.: Ab Seite 3 spricht nur mehr Flannery O'Connor...

Rumpelstilzchen

22. Juli 2014 10:47

Lieber Waldgänger,

Ich sprach von der Theologie ( der katholischen) als einem wissenschaftlichen Studium. Mit den klassischen Disziplinen wie etwa Dogmatik, Altes und Neues Testament und eben auch Ethik. Und in Ethik befasst man sich u.a. mit normativer Ethik, narrativer Ethik usw.
D.h. Von der Botschaft Jesu auch in moderner Literatur , in der Sprache der Welt zu sprechen. Und nicht nur im Predigerton. Da gibt es eben wunderbare Fundstücke. Und Gott in der modernen Literatur zu finden. Das ist doch wunderbar.
Sie können natürlich auch ganz einfach die Bibel lesen. Gerade auch im alten Testament sind alle Literaturgattungen enthalten:
die Poesie, Weisheitsliteratur, "Abenteuergeschichten " usw.

Da kann man doch nicht so einfach sagen, was "die" Aufgabe der Theologie sein soll. ???

Was die Stille betrifft, die findet man heute außer im Wald etwa auch in einem Schweigekloster. Das ist eine wichtige Erfahrung.
Klösterliche Stille vertreibt die Angst. Im Wald: da sind vielleicht die Räuber.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Die_gro%C3%9Fe_Stille

Waldgänger aus Schwaben

22. Juli 2014 20:28

Liebe(s) Rumpelstilzchen
den Film "Die große Stille" gibt es auch gelegentlich auf youtube in voller Länge. Ich wollte ihn sogar verlinken - ehrlich, aber zur Zeit ist er nicht dort. Der alte, blinde Mönch ziemlich am Ende - schon recht beieindruckend.

"Stille" meinte ich natürlich konkret und metaphorisch.

Im Wald ist es meistens nicht still, Irgendwo hört man immer eine Straße. Ausser vielleicht nachts um drei.

Damit kann man übrigens leicht zum Mittelpunkt des Interesses werden, auf Parties und so - einfach von den nächtlichen Spaziergängen im Wald erzählen und was man da so alles erlebt.
Einmal kam mir nachts um zwei, bei leichtem Regen und bewölktem Himmel, einer entgegen auf einem einsamen Waldweg. Der Himmel riss auf und wir sahen uns in 20 Meter Entfernung im Mondlicht. Wir bleiben beide stehen, drehten um und gingen zurück. Ich und vermutlich er auch lauschte immer wieder ob ich Schritte hinter mir hörte.
Dann das Auto mit laufendem Motor - aber ohne Schlauch am Auspuff. Ich ging diskret weiter...

Zur Aufgabe der Theologie. Sie schrieben von der Herausforderung - ich machte in Gedanken "die Aufgabe" daraus- sinnetnnehmendes Lesen und so - Entschuldigung.
Ja die Bibel habe ich einmal von vorne und hinten durchgelesen.

Waldgänger aus Schwaben

23. Juli 2014 07:22

Nachtrag:
hier ist "Die große Stille"

Rainer Gebhardt

23. Juli 2014 16:02

Kleiner Nachtrag vom notorischen Zu-Spät-Kommer:

1966 bekam ich von meiner Westtante ein Manesse-Bändchen geschenkt: „Amerikanische Erzähler : Von F. Scott Fitzgerald bis William Goyen.“ Dort auch die erste Lektüre von F. O’Connor: Der Fluß. Mich hatte das damals schwer beeindruckt. Fast alle Erzählungen in diesem Band haben eine religiöse Grundierung. Sogar Hemingways kurze Geschichte „Ein sauberes, gut beleuchtetes Cafe“ – die auf den ersten Blick so belanglos erscheint, und die ich damals zum ersten Mal las, hat einen religiösen Bezug.
Hemingway erfüllte, wie O’Connor sagen würde, das Kriterium des ernsthaften Schriftstellers: es geht ihm immer um das Heil, immer um die Rettung oder den Verlust der Seele. Immer um das Ganze.
Mich faszinierte diese Art, zu erzählen, der Stil, die Direktheit mit der viele amerikanische Autoren ihre Themen angingen. Was mich für Jahre der deutschen Gegenwartsliteratur entfremdete, auch der ostdeutschen. Zu Unrecht, würde ich heute sagen, weil es in der humorlosen, klugscheißerischen und engagierten deutschen Literatur von den 60er Jahren bis heute Ausnahmen gibt. Diese Literatur meinte es so bitter ernst mit den Vätern und Großvätern, weil sie in ihnen die Figuren sahen, die sie widerstandslos abwatschen konnten, an denen sie ihr eigenes beschissenes, kleines Ego aufrichten konnten. Sie meinten es ernst, ja, das schon, aber ernsthaft, das waren die wenigsten von denen, die im Krebsgang an der moralischen Feuerlinie entlang humpelten. Böll? Ja gut, einverstanden, moralsich integer war er; aber irgendwann hatte er ja dann auch diesen neudeutschen Mea-Culpa-Traller, und was Literatur werden sollte, wurde Moral. Grass, die Danziger Trilogie, die war schon gut, aber er als dann ums Verrecken zu den Guten zählen wollte, zu den „besseren Deutschen“, da fing dieses Geseire an, dieses Geschleime im Aufarbeitungsformat.

Ernsthaftigkeit, und da sind wir wieder bei der F. O’Connor, heißt: das Unerbittliche sehen, das, wofür kein Mensch einem Gnade gewähren, wovon kein Mensch Erlösung verheißen kann, heißt, im Falle des Autors über Menschen schreiben, „die in einer Welt leben, in der offensichtlich etwas fehlt“, heißt „das allgemeine Geheimnis der Unvollkommenheit wie auch die besondere Tragödie unserer Zeit“ aufzeigen. Und die Tragödie besteht nicht in den Nazi-Großvätern, sondern in Enkeln, die deren Knochen ausgraben für ihren antideutschen Voodokult. Sie besteht auch nicht sinkenden Reallöhnen oder getürkten CO-2-Zertifakten; auch nicht in unerfüllten Frauenquoten oder abstürzenden Börsenkursen. Sie besteht darin, daß wir glauben frei zu sein - nur weil wir ein paar Prothesen erfunden haben, mit denen wir höher und schneller fliegen können als ein Vogel.

Das Katholische...das kriegt keiner aus einem raus, der im rechten Moment damit in Berührung kam. Zufall – oder weil Gottes Wege unerforschlich sind – eines Tages brachte mir ein Freund die auf Tonband (Marke Tesla) überspielte LP „RELEASE OF ANOTHER OATH“ mit, von den Electric Pruns, einer der bis dahin härtesten amerikanischen Bands. Mit so wunderbaren Songs wie „Holy Are You“, „General Confessional“, „Closing Hymn“, „Our Father, our King“. Insgesamt ein psychodelischer Mix aus christlicher und jüdischer Liturgie, dem Kol Nidre. Ich weiß nicht, warum mir diese Musik so gefiel, sie berührte mich irgendwie, und vielleicht war es diese Musik, die ein Reset jener Erziehung bewirkte, die mir als Kind meine sehr frommen und sehr, sehr katholischen Großeltern in den Sommerferien immer so unermüdlich angedeihen ließen. Zum Ärger meines Vater, der sich nach vielen Irrungen und Wirrungen für die kommunistische und damit säkulare Variante der Erlösung entschieden hatte. „Der Bengel kann doch nüscht vor sein Vater“, sagte mein Großvater immer. Was soviel hieß wie: Der Bengel konnte und mußte gerettet werden. Und wenn’s denn eine Rettung war, dann geschah sie weniger durch Worte, mehr durch das Licht, das durch die Fenster der Kirche des Hl. Damian fiel, mehr durch den Klang der Orgel und mehr durch den Anblick des Gesichts meiner Großmutter, wenn sie betete. Tja, so war das damals, und mit „RELEASE OF ANOTHER OATH“ war ich dann nur noch eine Synapse entfernt von Schuberts DEUTSCH MESSE...

rosenzweig

23. Juli 2014 20:31

Kleiner Tip. TRUE DETECTIVE. Eine Serie. 1. Staffel lief schon irgendwo im deutschen Fernsehen. Ist als DVD demnächst im Handel. Spielt im Süden der USA und fängt diesen Mix aus Glaubensfanatismus, Gewalt und Wahnsinn ein, den Flannery O‘Connor in Worte packte. Bloß mit filmischen Mitteln und noch ein Stückchen weiter die Straße der Zeit runter.

Leo

24. Juli 2014 22:26

Es lohnt sich offenbar, Monat für Monat auf das seit über einem Jahr angekündigte neue Lichtmesz-Buch zu warten... Auch diese Facette ist Teil des Projekts, n'est-ce pas?

Seit Studienzeiten hängt ein Bild von O'Connor nebst Pfau an meiner (jährlich zu füllenden) Lektüreliste. Mit 39 ist sie gestorben - und wusste davon, seit sie schrieb.
Flannery O'Connor ist für Fans der American Short Story des 20. Jahrhunderts keine Unbekannte - aber wer studiert schon Amerikanistik und liest neben Hemingway dann O'Connor?

Mich hat vor zwanzig Jahren beeindruckt, dass es da diese Autorin gab, die inmitten des Bible Belt im Süden der USA ihre BOTSCHAFT so radikal vermittelte. Katholisch im protestantischen DIXIE DOWN - Minderheit unter Verlorenen...

Ich empfand O'Connor als verstörend und gegen den Strich bürstend. Was kann man von Literatur mehr erwarten?!?

Kann nur ein Gott uns retten?
O'Connors Antwort kann man nachlesen.
(Highly recommended!)

M.L.: Vielen Dank für diesen Kommentar. Ich freue mich sehr, daß Flannery O'Connor unter unseren Lesern keine Unbekannte ist...

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