Das Blut der Besiegten

Daß in Italien die vergangenheitspolitischen Uhren etwas anders ticken als in Deutschland, weiß jeder Urlauber, ...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

… der schon ein­mal einen “Mus­so­li­ni-Wein” aus Predap­pio oder vom Gar­da-See mit­ge­bracht hat. In vie­len Städ­ten sind noch faschis­ti­sche Denk­mä­ler und Sym­bo­le erhal­ten, und wer­den gewöhn­lich sogar von der Bil­der­stür­me­rei der immer noch sehr prä­sen­ten radi­ka­len Lin­ken verschont.

Den­noch gilt natür­lich der Mythos von der Resis­ten­za und der Geburt der Repu­blik aus anti­fa­schis­ti­schem Geist als grund­le­gend und ver­bind­lich. An die­sem Mythos wird inzwi­schen jedoch seit eini­gen Jah­ren von His­to­ri­ker­sei­te nach­hal­tig gekratzt, und der (erneu­te) Rechts­ruck durch Ber­lus­co­ni & Co beför­dert die­se Ent­wick­lung auch auf gesell­schaft­li­cher Ebe­ne. Dirk Schü­mer schrieb dazu bereits letz­tes Jahr in der FAZ:

Der roten Limo­na­de des Kom­mu­nis­mus sind die Ita­lie­ner gründ­lich über­drüs­sig; die Genos­sen schaff­ten es bei den Wah­len nicht ein­mal ins Par­la­ment. Die his­to­ri­sche Alli­anz der Resis­ten­za, die von den Katho­li­ken bis zu den Sta­li­nis­ten reich­te, ist damit erst­mals obso­let, weil die Lin­ke zwar als Ver­lie­rer der Wah­len, aber ohne tota­li­tä­ren Anhang dasteht.

Ein Sym­ptom für die­sen Trend ist der gro­ße Erfolg der Bücher des Jour­na­lis­ten Giam­pao­lo Pan­sa, vor allem sei­nes Best­sel­lers “Il san­gue dei vin­ti” (Das Blut der Besieg­ten), einer roman­haft dra­ma­ti­sier­ten, aber fak­ten­ge­sät­tig­ten Stu­die über die Opfer der bis­her stark ver­nach­läs­sig­ten Ver­lie­rer­sei­te des ita­lie­ni­schen Bür­ger­kriegs von 1943–45.  Pan­sa selbst ist weder ein “Rech­ter” noch ein gelern­ter His­to­ri­ker; er ver­sucht jedoch aus einer Außen­sei­ter­po­si­ti­on her­aus eine ähn­li­che Vor­rei­ter­rol­le wie der spa­ni­sche Autor Pio Moa ein­zu­neh­men, des­sen Stu­di­en über die Mit­schuld der Repu­bli­ka­ner am Aus­bruch und den Exzes­sen des Spa­ni­schen Bür­ger­kriegs unter ande­rem von dem renom­mier­ten Stan­ley Pay­ne geprie­sen wurden.

Pan­sa hat jeden­falls offen­bar einen Publi­kums­nerv getrof­fen, und nun wur­de sein Buch auf­wen­dig ver­filmt. In einer Haupt­rol­le ist Alt­star Miche­le Pla­ci­do zu sehen, Regie führ­te inter­es­san­ter­wei­se ein lang­jäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter des Kult­re­gis­seurs Dario Argen­to, Miche­le Soavi, der sich bis­her mit Hor­ror­fil­men einen Namen gemacht hat, und des­sen Werk laut ita­lie­ni­scher Wiki­pe­dia von  Quen­tin Taran­ti­no geprie­sen wur­de. Zur Zeit läuft der Film in Ita­li­en im Kino, und wur­de, wie vor­aus­zu­se­hen, “kon­tro­vers” auf­ge­nom­men und von den Lin­ken mit dem übli­chen Hohn über­häuft. Ob er jemals in Deutsch­land zu sehen sein wird, ist frag­lich. Den Trai­ler kann man sich auf you­tube ansehen:

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=3dpJMGcDHiw]

Pro­du­ziert wur­de “Il san­gue dei vin­ti” vom staat­li­chen Fern­se­hen, das bereits 2005 den Zwei­tei­ler “Il cuo­re nel poz­zo” (Das Herz in der Höh­le) über die soge­nann­ten Foi­be-Mas­sa­ker aus­strahl­te. Die­ser Film fiel aller­dings ziem­lich ein­sei­tig und platt aus (im Gegen­satz zu deut­schen Pro­duk­tio­nen hat­ten die Macher kei­ner­lei Hem­mun­gen, die Täter so fins­ter und die Opfer so unschul­dig wie mög­lich zu zeichnen.)

Ein wei­te­res Ärger­nis für die Anhän­ger der Legen­de von der San­ta Resis­ten­za war die US-Pro­duk­ti­on “The  Mira­cle of San­t’An­na” des afro­ame­ri­ka­ni­schen Regis­seurs Spike Lee. Einem Bericht der SZ von letz­tem Okto­ber kann man zwi­schen den Zei­len ent­neh­men,  was für nai­ve Geschichts­bil­der da von der ita­lie­ni­schen Lin­ken ver­bis­sen ver­tei­digt werden.

Der Film spielt im Som­mer 1944, als im tos­ka­ni­schen Berg­dorf San­t’An­na di Stazze­ma bei einer soge­nann­ten Säu­be­rungs­ak­ti­on der 16. SS-Pan­zer­gre­na­dier-Divi­si­on “Reichs­füh­rer SS” 560 Frau­en, Kin­der und Grei­se auf grau­en­haf­te Wei­se umge­bracht und teil­wei­se ver­brannt wurden. (…)

Nun stellt der Film das Mas­sa­ker als Ver­gel­tungs­ak­ti­on der Deut­schen bei der Suche nach einer Wider­stands­grup­pe dar. Der Vete­ra­nen­ver­band der Par­ti­sa­nen (ANPI) sprach von “his­to­ri­scher Fäl­schung”. So sei der Angriff auf San­t’An­na im Film durch den Ver­rat eines Par­ti­sa­nen ermög­licht worden.

Miss­ver­ständ­li­che Aus­sa­gen von Spike Lee, dass die Wider­stands­kämp­fer von den Ita­lie­nern nicht geliebt wor­den sei­en, heiz­ten die Debat­te zusätz­lich an. Spre­cher des ANPI zeig­ten sich in einem Arti­kel im Cor­rie­re del­la Sera “ent­rüs­tet”.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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