Sezession
27. Juli 2014

100 Jahre Julikrise (20.–27.VII.)

Gastbeitrag

Berlin, den 26. Juli 1914 [Telegramm, vermutlich am Folgetag eingegangen] – Der Reichskanzler Bethmann Hollweg an den Botschafter in Petersburg

Nachdem Graf Berchtold Rußland erklärt hat, daß Österreich keinen territorialen Gewinn in Serbien beabsichtige, sondern nur Ruhe schaffen wolle, hängt Erhaltung europäischen Friedens allein von Rußland ab. Wir vertrauen auf Friedensliebe Rußlands und unsere altbewährten guten Beziehungen, daß es keinen Schritt unternimmt, welcher den europäischen Frieden ernstlich gefährden würde.

[Ähnlich lautende Telegramme dahingehend, man hoffe auf mäßigende Einwirkung in Richtung Petersburg, wurden nach Paris und London zur Übermittlung an die dortigen Regierungen geschickt; Anm. d. Red.]

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[Entwurf eines nicht abgesandten Telegramms des Kaisers an den Zaren, Übersetzung aus dem Englischen]

Du wirst sicher mit mir darin übereinstimmen, daß der österreichisch-serbische Konflikt nur Österreich und Serbien angeht, und da0 man es beiden Ländern überlassen sollte, diese Angelegenheit unter sich zu regeln. Die in Serbien seit Jahren betriebene gewissenlose Agitation hat zu dem abscheulichen Verbrechen geführt, dem Franz Ferdinand zum Opfer gefallen ist. Es ist mein und Dein und überhaupt aller Monarchen gemeinsames Interesse, daß dieses Verbrechen und alle Personen, die moralisch dafür verantwortlich sind, die verdiente Strafe erhalten. Österreich muß freie Hand gewährt werden, das Übel bei der Wurzel zu fassen und die revolutionäre Bewegung in Serbien zu ersticken, die auf andere Länder übergreifen und eines Tages Deinen wie meinen Thron gefährden kann. Der Geist, der die Serben ihren eigenen König und seine Gemahlin morden ließ, herrscht immer noch im Lande. Es wäre unsererseits Torheit und Selbstmord, ihnen irgendwie die verwirkte Strafe zu ersparen.

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London, den 27. Juli 1914 [Telegramm, im Auswärtigen Amt selben Tag eingegangen] – Der Botschafter in London Lichnowsky an das Auswärtige Amt

Sir E. Grey ließ mich soeben kommen und bat mich, Ew. Exzellenz nachstehendes zu übermitteln.

Der serbische Geschäftsträger habe ihm soeben den Wortlaut der serbischen Antwort auf die österreichische Note übermittelt. Aus derselben gehe hervor, daß Serbien den österreichischen Forderungen in einem Umfange entgegengekommen sei, wie er es niemals für möglich gehalten habe; bis auf einen Punkt, der Teilnahme österreichischer Beamter an den gerichtlichen Untersuchungen, habe Serbien tatsächlich in alles eingewilligt, was von ihm verlangt worden sei. (...)

Begnüge sich Österreich nicht mit dieser Antwort, bzw. werde diese Antwort in Wien nicht als Grundlage für friedliche Unterhandlungen betrachtet, (...) so sei es vollkommen klar, daß Österreich nur nach einem Vorwand suche, um Serbien zu erdrücken. In Serbien solle aber alsdann Rußland getroffen werden und der russische Einfluß auf dem Balkan. Es sei klar, daß Rußland dem nicht gleichgültig zusehen könne und es als eine direkte Herausforderung auffassen müsse. Daraus würde der fürchterlichste Krieg entstehen, den Europa jemals gesehen habe, und niemand wisse, wohin ein solcher Krieg führen könnte.

(Literatur zur Vorgeschichte des I. Weltkriegs und zur Kriegsschuldfrage finden Sie im Bücherschrank I. Weltkrieg.)



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