Sezession
8. August 2014

Annotationen zur Seuchenlage

Nils Wegner

Da unsere liebe Medienlandschaft dieser Tage mal wieder "Ein Kessel Buntes" spielt und vor lauter Ukraine, Rußland und Israel gar nicht weiß, wo ihr der Kopf steht (und dann auch noch diese ganzen Gedenktage... da soll nochmal einer mitkommen!), lohnt es sich, einmal jenseits all der (Geo)Politik ein nur scheinbar fernes Problem zu fokussieren, nämlich den sich inzwischen zu einer stattlichen Pandemie auswachsenden Ebola-Ausbruch in Westafrika.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Konkreter Anlaß ist die Berichterstattung bei SpOn, wo man sogar so putzig ist, den arglosen Lesern aus Wohlfühldeutschland kurz nochmal zu erklären, was das eigentlich bedeutet, "den Notstand auszurufen". Ansonsten ist der Artikel an sich nichts besonderes und – wie die meisten aktuellen zum Thema – erwartungsgemäß nicht viel mehr als eine Paraphrase der nicht zu mikrobiologisch-fachlichen Teile des Wikipedia-Eintrags zum Ebolavirus. Behalten wir aber, um angesichts der foudroyanten Entwicklung jenseits des Mittelmeers nicht das wesentliche aus den Augen zu verlieren, eines im Sinn: Bei den Filoviren, das sind die Ebola-Arten und ihr "Cousin" Marburgvirus, handelt es sich eigentlich um Krankheitserreger, die Wildtiere als Wirte bevorzugen. An den menschlichen Metabolismus sind sie (noch) nicht angepaßt, was sich am katastrophalen Verlauf der Infektion ablesen läßt – und seien wir ehrlich: Würde man an Ebola nicht derart elendig sterben, wäre trotz der enormen Sterblichkeitsrate das öffentliche Interesse daran wohl weitaus geringer.

Gleichzeitig sollte man sich nicht wünschen, daß die Anpassung des Virus an den menschlichen Wirt schneller vonstatten gehen möge. Andere hämorrhagische Fieber, insbesondere das Gelbfieber, haben schon in den vergangenen Jahrhunderten gezeigt, daß die Prognosen trotz eines weniger furchtbaren Krankheitsverlaufs noch deutlich düsterer ausfallen können, wenn eingeschleppte Tropenviren erst einmal Tiere (insbesondere Insekten) als Vektoren benutzen und einen befallenen Menschen nicht mehr binnen weniger Tage oder Wochen ums Leben bringen. Insbesondere ist dies auf eine sich wesentlich vergrößernde Ansteckungsgefahr zurückzuführen, die wir aber auch jetzt schon bei Ebola sehen, nachdem der Erreger – wahrscheinlich – durch den Verzehr von Flughunden quasi "versehentlich" auf Menschen übergegangen ist und aufgrund lokaler Gewohnheiten rasant quer durch die ländlichen Gebiete Westafrikas weitergegeben wird.

Dem werfen sich nun internationale Ärzteabordnungen und selbst die Weltbank mit einer großen Finanzspritze entgegen. Fraglich ist allerdings, was genau dort nun geschehen soll, da es gegen die Filoviren bislang weder Heilmittel, noch Impfstoff gibt. Auch im Hinblick auf einen jüngst gemeldeten Durchbruch vermittels eines experimentellen Serums kann und sollte man eher skeptisch sein, auch wenn der Boulevard schon wieder Zeter und Mordio schreit wie weiland angesichts der Vogelgrippe.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.