Annotationen zur Seuchenlage

Da unsere liebe Medienlandschaft dieser Tage mal wieder "Ein Kessel Buntes" spielt und vor lauter Ukraine, Rußland und Israel gar nicht weiß,...

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

wo ihr der Kopf steht (und dann auch noch die­se gan­zen Gedenk­ta­ge… da soll noch­mal einer mit­kom­men!), lohnt es sich, ein­mal jen­seits all der (Geo)Politik ein nur schein­bar fer­nes Pro­blem zu fokus­sie­ren, näm­lich den sich inzwi­schen zu einer statt­li­chen Pan­de­mie aus­wach­sen­den Ebo­la-Aus­bruch in Westafrika.

Kon­kre­ter Anlaß ist die Bericht­erstat­tung bei SpOn, wo man sogar so put­zig ist, den arg­lo­sen Lesern aus Wohl­fühl­deutsch­land kurz noch­mal zu erklä­ren, was das eigent­lich bedeu­tet, “den Not­stand aus­zu­ru­fen”. Ansons­ten ist der Arti­kel an sich nichts beson­de­res und – wie die meis­ten aktu­el­len zum The­ma – erwar­tungs­ge­mäß nicht viel mehr als eine Para­phra­se der nicht zu mikro­bio­lo­gisch-fach­li­chen Tei­le des Wiki­pe­dia-Ein­trags zum Ebo­la­vi­rus. Behal­ten wir aber, um ange­sichts der fou­droyan­ten Ent­wick­lung jen­seits des Mit­tel­meers nicht das wesent­li­che aus den Augen zu ver­lie­ren, eines im Sinn: Bei den Fil­o­vi­ren, das sind die Ebo­la-Arten und ihr “Cou­sin” Mar­burg­vi­rus, han­delt es sich eigent­lich um Krank­heits­er­re­ger, die Wild­tie­re als Wir­te bevor­zu­gen. An den mensch­li­chen Meta­bo­lis­mus sind sie (noch) nicht angepaßt, was sich am kata­stro­pha­len Ver­lauf der Infek­ti­on able­sen läßt – und sei­en wir ehr­lich: Wür­de man an Ebo­la nicht der­art elen­dig ster­ben, wäre trotz der enor­men Sterb­lich­keits­ra­te das öffent­li­che Inter­es­se dar­an wohl weit­aus geringer.

Gleich­zei­tig soll­te man sich nicht wün­schen, daß die Anpas­sung des Virus an den mensch­li­chen Wirt schnel­ler von­stat­ten gehen möge. Ande­re hämor­rha­gi­sche Fie­ber, ins­be­son­de­re das Gelb­fie­ber, haben schon in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten gezeigt, daß die Pro­gno­sen trotz eines weni­ger furcht­ba­ren Krank­heits­ver­laufs noch deut­lich düs­te­rer aus­fal­len kön­nen, wenn ein­ge­schlepp­te Tro­pen­vi­ren erst ein­mal Tie­re (ins­be­son­de­re Insek­ten) als Vek­to­ren benut­zen und einen befal­le­nen Men­schen nicht mehr bin­nen weni­ger Tage oder Wochen ums Leben brin­gen. Ins­be­son­de­re ist dies auf eine sich wesent­lich ver­grö­ßern­de Anste­ckungs­ge­fahr zurück­zu­füh­ren, die wir aber auch jetzt schon bei Ebo­la sehen, nach­dem der Erre­ger – wahr­schein­lich – durch den Ver­zehr von Flug­hun­den qua­si “ver­se­hent­lich” auf Men­schen über­ge­gan­gen ist und auf­grund loka­ler Gewohn­hei­ten rasant quer durch die länd­li­chen Gebie­te West­afri­kas wei­ter­ge­ge­ben wird.

Dem wer­fen sich nun inter­na­tio­na­le Ärz­te­ab­ord­nun­gen und selbst die Welt­bank mit einer gro­ßen Finanz­sprit­ze ent­ge­gen. Frag­lich ist aller­dings, was genau dort nun gesche­hen soll, da es gegen die Fil­o­vi­ren bis­lang weder Heil­mit­tel, noch Impf­stoff gibt. Auch im Hin­blick auf einen jüngst gemel­de­ten Durch­bruch ver­mit­tels eines expe­ri­men­tel­len Serums kann und soll­te man eher skep­tisch sein, auch wenn der Bou­le­vard schon wie­der Zeter und Mor­dio schreit wie wei­land ange­sichts der Vogelgrippe.

Fest steht: Da Viren im stren­gen bio­lo­gi­schen Sin­ne eigent­lich nicht leben (da ihnen Stoff­wech­sel und Repro­duk­ti­ons­mög­lich­kei­ten feh­len), kann man sie auch eigent­lich nicht töten. Das läßt für den Kampf gegen das Virus in West­afri­ka nur die Mög­lich­keit der Iso­la­ti­on infi­zier­ter Men­schen zu, was wie­der­um die Ärz­te und Hilfs­kräf­te einem – ange­sichts der Gesamt­la­ge – unver­ant­wort­li­chen Infek­ti­ons­ri­si­ko aus­setzt. Ers­te Anste­ckungs­fäl­le hat es bereits gege­ben, und das nach der­zei­ti­ger Kennt­nis­la­ge trotz der berüch­tig­ten Bio­schutz­an­zü­ge, wie man sie aus Kata­stro­phen­fil­men kennt.

Daß infi­zier­te aus­län­di­sche Hel­fer in ihre Hei­mat­län­der (und nach Deutsch­land) aus­ge­flo­gen wer­den bzw. wer­den sol­len, läßt etwa bei Face­book vie­le Leser unru­hig wer­den. Das ist jedoch an sich kein Pro­blem, da die meis­ten Län­der der “Ers­ten Welt” mitt­ler­wei­le in ein­zel­nen Kran­ken­häu­sern spe­zi­el­le Iso­lier­sta­tio­nen für Seu­chen­pa­ti­en­ten vor­hal­ten; ver­ein­zel­te Krank­heits­aus­brü­che der letz­ten hun­dert Jah­re, in der BRD ins­be­son­de­re der Mar­burg-Fall 1967, haben da immer­hin für ver­ein­zel­te Sicher­heits­vor­keh­run­gen gesorgt.

Das Kern­pro­blem liegt aber woan­ders, näm­lich – oh Wun­der – in der Glo­ba­li­sie­rung und ihren Begleit­erschei­nun­gen. Wie oben ange­merkt, ist Ebo­la samt Ver­wandt­schaft nicht dar­auf aus­ge­rich­tet, den Men­schen zu befal­len. Das Auf­kom­men inner­halb der mensch­li­chen Popu­la­ti­on erklärt sich ins­be­son­de­re durch das mas­si­ve Bevöl­ke­rungs­wachs­tum in Afri­ka, die damit ver­bun­de­ne Durch­sie­de­lung des Urwal­des und die dar­aus erfol­gen­de Ver­schlep­pung der Zoo­no­se in Bal­lungs­räu­me. Viel eher als die Rück­ver­le­gung erkrank­ter Ein­zel­per­so­nen in ihre Hei­mat­län­der könn­te sich denn auch die Mög­lich­keit einer glo­ba­len Aus­brei­tung inner­halb weni­ger Tage zur Bedro­hung ent­wi­ckeln, und dem lie­ße sich nur durch kom­plet­te Abschot­tung eines gan­zen befal­le­nen Lan­des ent­ge­gen­steu­ern, was in der heu­ti­gen Welt recht uto­pisch erscheint.

Die wei­te­re Ent­wick­lung ver­dient Auf­merk­sam­keit und – vor allem – eine deut­lich sach­li­che­re (das heißt auch: weni­ger emo­tio­na­le) Bericht­erstat­tung. Nicht zuletzt auch vor dem Hin­ter­grund, daß Bio­ge­fah­ren ganz ande­rer Art bereits vor der Türe war­ten könn­ten, just die­ser Tage etwa die Vek­to­ren der eben­falls ver­dammt unschö­nen Leish­ma­nio­se. Ob eine Über­tra­gungs­ge­fahr hier­zu­lan­de besteht, bedarf noch der Über­prü­fung; irgend­wo wäre es aber fast eine Art Iro­nie, denn zu den Ver­brei­tungs­ge­bie­ten der krank­heits­er­re­gen­den Para­si­ten gehört ins­be­son­de­re auch Afgha­ni­stan. Womit wir wie­der bei der Glo­ba­li­sie­rung und ihren Begleit­erschei­nun­gen wären.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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